Tag-Archiv für 'literatur'

Die fünf Leben des B. Traven

Der Roman „Das Totenschiff“ von B. Traven wäre nicht ausreichend als Abenteuer- oder Seefahrerroman charakterisiert. Auch wenn er Abenteuerliches erzählt, enthält er eine Zeitdiagnose: Wie Staatszugehörigkeit und nationale Identität im Zuge des 1. Weltkriegs auf neue Weise an Bedeutung gewinnen. Dabei geht es zentral um die Position der Staatenlosigkeit. Der Staatenlose befindet sich in einem Zustand der Rechtslosigkeit, wird von Behörde zu Behörde weiter gereicht und bleibt als Nicht-Person in einem rastlosen Zwischenzustand gefangen. Der Roman beschreibt zudem den Zustand und Alltag des Arbeitslagers, dessen Insassen sich jenseits von Leben und Tod befinden – ein Arbeitslager, das in diesem Fall als Schiff die Meere befährt.

Lange Zeit rankten sich zahlreiche Mythen und Vermutungen um den Romanautoren B. Traven, bis vor Kurzem wurde noch die Vermutung angestellt, dass sich hinter diesem Namen mehrere Autoren verbergen. Bei Edition Tiamat ist jüngst ein Buch erschienen, das verspricht, den Lebensweg und die Identität B. Travens weitestgehend aufzuklären: „Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven“ von Jan-Christoph Hauschild. Ich habe ein Interview mit Hauschild geführt, in dem wir einige Lebensstationen B. Travens besprochen haben. Ich habe ihn zunächst danach gefragt, was für ihn Ausgangspunkt und Motivation der Publikation gewesen ist.

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Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand

Später erst habe ich begriffen, daß in einer Gesellschaft, die den Frauen gleichen Lohn für gleiche Arbeit zahlt (darüber gibt es nichts zu reden), daß bei uns noch andere ungeschriebene Gesetze walten, die in einer von Männern beherrschten Welt gemacht worden sind, – die werden mitgeschleppt, zäh und dumm und als ein Joch, unter das man unseren Nacken beugt, nicht anders als das verfluchte Man-tut-das-nicht meiner Eltern …

Soll das heißen: sie stellt die Prinzipien des sozialistischen Städtebaus in Frage? Die Dogmen – ja, sagte sie. Schafheutlin stemmte die Fersen gegen den Boden. Die Komplexe zum Beispiel? – Ein Haufen Angerdörfer. – Aber die ökonomisch günstigste Lösung. – Aber Mord an der Stadt. – Für sie spielt Ökonomie natürlich keine Rolle. – Und Sie denken nur in Wohnungseinheiten …

Mit diesen Zitaten sind zwei zentrale Stränge des Romans „Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann hervorgekehrt: Die Emanzipation der Frau und die Frage des Städtebaus in der DDR. Was „Franziska Linkerhand“ – ebenso wie die Literaturverfilmung „Unser kurzes Leben“ von Lothar Warneke – gegenüber den meisten heutigen Literaturerzeugnissen auszeichnet, ist, dass das Alltags- und Berufsleben und die damit verbundenen Konflikte zum Sujet erhoben werden, ohne dass der Inhalt dadurch banal würde. Ich habe den Roman gemeinsam mit meiner Kollegin Christina im Morgenmagazin von Radio Corax vorgestellt:

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