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Mein Beitrag zur Thüringer Landtagswahl

Eine Erinnerung an Zeiten, in denen Teile des Proletariats einmal kämpferischer unterwegs waren:

Du sollst nicht wählen ...

Dafür gibt es heutzutage zumindest vereinzelte Meldungen, die auf sympathische Zeitgenossen schließen lassen:

Gesichter nicht ertragen – Alkoholisierter 27-Jähriger reißt Wahlplakate herunter

Leipzig. Ein stark alkoholisierter 27-Jähriger hat am Sonntagmorgen auf dem Connewitzer Teil der Karl-Liebknecht-Straße 38 Wahlplakate abgerissen und dabei stark beschädigt. Wie die Polizei mitteilte, zog er sich eine blutende Wunde an einem Finger zu. Gegenüber den Beamten sagte er, er habe die Gesichter der Kandidaten nicht ertragen können.

„Sie schauen, als wäre die Welt in Ordnung“, soll er der Polizei erklärt haben. Ein Atemalkoholtest zeigte, dass der 27-Jährige mindestens 1,72 Promille im Blut hatte. Bei seiner Attacke auf die Wahlwerbung habe der Mann laut Polizei keine bestimmte Partei bevorzugt, sondern gleichermaßen Plakate aller Kandidaten beschädigt.

LVZ-Online, 11.08.2014, 18:12 Uhr

Diese Notiz, als eine leichte Korrektur des mittleren Absatzes dieses Artikels gedacht, habe ich im September letztes Jahr mal aufgeschrieben:

Für wen ist die Funktion der Wahlen selbst ein Gegenstand der Kritik? Für alle diejenigen, die erkannt haben, dass in der bürgerlichen Gesellschaft die Beziehungen zwischen den Menschen durch die Beziehung der Waren wesentlich bestimmt werden; für alle diejenigen, die es satt haben, im Überleben abhängig davon zu sein, für den Gewinn Anderer arbeiten zu müssen und dadurch nicht über das eigene Leben bestimmen zu können; für alle diejenigen, die erkannt haben dass die Warenförmigkeit der Bildung mit der Ausdifferenzierung des Wissenssektors in den kapitalistischen Zentren zusammenhängt, der wiederum als Verwaltungsabteilung einer globalen Ordnung unersetzbar ist, in der die Menschen in der Peripherie notwendig weder eine gute Bildung noch ausreichend zu Essen genießen können; für alle diejenigen, die es für keine gute Alternative halten, dass die gesellschaftliche Reproduktion entweder durch ein scheußliches Geschlechterverhältnis oder durch den Staat reguliert wird; für alle diejenigen, die es für absurd halten, „dem Rechtsstaat“ zu vertrauen, was selbst einem liberalen Bürger als widersinnig erscheinen müsste; für alle diejenigen, die wissen, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nur bedingt von tagespolitischen Entscheidungen abhängen, sondern sehr eng verbunden sind, mit dem was konsensual nicht angezweifelt wird: Volk, Staat und Nation – und die wissen, dass es Flucht und Migration in einer globalen, sich in Norden und Süden gliedernden kapitalistischen Wirtschaftsordnung immer geben wird und die wissen, dass es Elend, Ausschluss und Unfreiheit solange geben wird, solange eine Herrschaft besteht, die es nötig hat, sich durch Grenzen abzusichern; für alle diejenigen, die nicht nur ihre Miete nicht bezahlen können, sondern es darüber hinaus für unmenschlich halten, dass man für ein Grundbedürfnis wie das Wohnen bezahlen muss und auch dadurch in Arbeitsverhältnisse gezwungen wird, über die man selbst nicht bestimmen kann. Für all diejenigen, die wissen, dass alle oben beschriebenen Probleme nicht zur Wahl stehen und denen es zu blöd ist, der Herrschaft über sich auch noch mit einem Wahlkreuz bekenntnismäßig zuzustimmen. Und dann schließlich für all jene, für die die „Ich möchte lieber oder lieber nicht“-Debatte einfach nur scheußlich moralisch ist, die mit der Logik des kleineren Übels Schluss machen wollen und endlich wieder eine andere Perspektive als mögliche und realistische Option ins Gespräch bringen wollen: die revolutionäre Aneignung der Produtkionsmittel durch die Produzenten selbst.

Zur Kritik an den Wahlen sei außerdem dieser Text empfohlen: Association Antiallemande Berlin – Frieden, Freiheit und Bürgerrechte wählen! – Für eine Politik die dem Volk nützt.

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Apropos KAPD – am Donnerstag den 18.09.2014 findet ab 20:00 Uhr im „Laden“ (Trierer Straße 5, Weimar) eine Lesung aus der Autobiografie des KAPD-Mitbegründers Franz Jung statt: Link.

Der Pädophile als Menschentyp

An den Diskussionen über die Ermittlungen gegen den Ex-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy lässt sich vor allem lernen, dass Sexualität in der bürgerlichen Gesellschaft nach wie vor ein Schnittpunkt der Herrschaft ist. Wenn die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen und Hausdurchsuchungen damit begründet, dass Edathy zwar kein illegales Material besessen habe, dass der Besitz von Bildern mit nackten Jungs jedoch erfahrungsgemäß darauf schließen lässt, dass er auch illegales Material besessen haben dürfte1, dann bedeutet dies auf einer allgemeineren Ebene: Wenn jemand Lust an der Darstellung von nackten Jungs findet, dann ist dies keine Eigenschaft von vielen, die man verwerflich finden kann oder nicht, mit der man einen Umgang finden kann oder nicht – sondern eine Eigenschaft, die einen Menschentypen ganz und gar ausmacht. Der Pädophile als Charakter gilt den Ermittlungsbehörden als grundlegend verdächtig, allein das Wissen über seine Vorliebe ersetzt einen hinreichenden Tatverdacht und ist Grund für Ermittlungen und Hausdurchsuchungen.

Warum das so ist? Vielleicht, weil auch Heterosexualität und heterosexualisierte Homosexualität nicht einfach Vorlieben sind, die mit bestimmten Sex-Praxen verbunden sein können (oder nicht), sondern Identitäten und Lebensmodelle – Konzepte von Gesundheit, Normalität, Erfolg und Funktionieren werden an ihnen mitverhandelt. Die gesunde, normale, erfolgreiche und funktionierende Sexualität als Identität braucht jedoch immer eine Grenze, die markiert werden kannn, einen Gegenpol, ein „ganz Anderes“. Nachdem die Homosexualität der Heterosexualität rechtlich einigermaßen gleichgestellt worden ist, nimmt diese Funktion heute oft nicht mehr der Schwule Mann, sondern häufig der Pädophile als Projektionsfläche ein. Früher noch im Ressentiment von der Homosexualität enthalten, tritt die Pädophilie so als Minuspol der gesunden Sexualität gesondert hervor.

Auffällig an der Berichterstattung über Edathy: Obwohl sich Edathy nach Bekanntwerden der gegen ihn gerichteten Vorwürfe nicht vor Kameras gezeigt hat, ist die Berichterstattung begleitet von Fotos, auf denen Edathy mit betroffenem, besorgtem und ertapptem Gesichtsausdruck zu sehen ist. Auch bildlich erweist sich so die Schuld nicht in der Erkenntnis über einen Straftatbestand, sondern im Wissen über die pädophile Neigung.

■ eine rechtliche Bewertung der Ermittlungen gegen Edathy gibt Monika Frommel im Interview

■ [edit; 17.02.2014] eine Einschätzung, die ich größtenteils teile, gibt der Blog „Exportabel“

  1. Heribert Prantl in der SZ: „Man hat keine festen Anhaltspunkte für eine Straftat, durchsucht aber, um feste Anhaltspunkte zu finden – und dann damit die vorherige Durchsuchung zu begründen.“ [zurück]

Gegen Stirner

Eben habe ich den Text »Stirner und der Materialismus« von Jörg Finkenberger gelesen, der mir sehr lesenswert erscheint und auf leidenschaftliche Weise ein redliches Anliegen vorträgt, den ich aber in seinem Kernpunkt verkehrt finde und der mich daher zum unmittelbaren Widersprechen anregt. Wenn ich hier kurz und knapp etwas zu Stirner schreibe, muss ich vorausschicken, dass meine Stirner-Lektüre einige Jahre zurück liegt und ich daher nicht alle Thesen textsicher belegen kann. »Der Einzige und sein Eigentum« steht jedoch erneut auf meinem Lektüreplan – daher ist Folgendes vielleicht als Ankündigung zu lesen; ich werde mich sicher nochmal ausführlicher zu Stirner & co äußern.

Jörg Finkenberger behauptet, dass Stirner, im Gegensatz zu Marx, der den Widerspruch zwischen idealistischem und materialistischem Flügel des Junghegelianismus harmonisch (geradezu diktatorisch) aufgehoben habe, einen entscheidenden Punkt markiert habe: das auf keinen Begriff reduzierbare, einzelne, leibliche Individuum. In Finkenbergers Worten:

Dieser Punkt besteht aber traurigerweise genau darin, dass sowohl Bauers Begriff des Selbstbewusstseins, als auch Feuerbachs Begriff des Menschen daran scheitern, dass die Menschen, die darunter verstanden werden sollen, notwendig einzelne, notwendig leibliche, notwendig auf Begriffe nicht reduzible sind; sie gehen sowenig im Begriff auf die alle anderen Naturdinge, die Machinationen der philosophischen Kritik werden daran zuschanden.

Aus diesem Grund habe Stirner den Begriff der Menschheit, als eine Abstraktion, selbst der Religionskritik überführt, dagegen den Einzelnen stark gemacht und von dieser Warte aus, käme der Staat, der Marx notwendig entgangen sei, in das Blickfeld der Kritik.

Die Annahme, Stirner wäre es um das konkrete, leibliche Individuum gegangen, ist jedoch verkehrt. Der Fluchtpunkt von Stirners Kampf gegen Begriffe (anstatt gegen wirkliche Verhältnisse), die er als Namen nimmt, der sich im letzten Satz seines Buches – »Ich hab mein Sach auf nichts gestellt.« – konzentriert, ist nämlich eine Befreiung des Einzelnen von jeglicher Bestimmtheit. Auf diese Weise verkehrt sich das Gefecht gegen Allgemeinheiten und Abstraktionen und wird am Ende ein Kampf gegen Bestimmtheit und Bestimmungen überhaupt. Der Einzelne ist auf nichts gestellt – er ist vollkommen voraussetzungslos, unbestimmt, unbedingt – er ist ein Nichts. Somit hat aber Stirners Individualismus mit konkreter Leiblichkeit und Individualität nichts zu tun, vielmehr zielt sie auf die Vernichtung dieser. Der Einzige ist ein Mann ohne Eigenschaften – er ist daher nicht das Nichtidentische, das sich dem Begriff entzieht, sondern reine und daher leere Identität. Und so nimmt Stirner auch keine Vermittlung zwischen Idealismus (dem die menschliche Selbsttätigkeit der Geist ist) und mechanischem Materialismus vor – in seinen Worten: der Einzelne muss als Dritter das Ideale und das Reale gleichermaßen zerstören, um endlich Mensch (nicht mehr Menschheit) zu sein.

Es ist sicher kein Zufall, dass Stirnerianer und Individualanarchisten außerhalb und gegen die moderne Arbeiterbewegung standen, gegen soziale Revolution und Generalstreik das individuelle, nomadische Sich-Entziehen stellten und das Privateigentum verteidigten – so etwa John Henry Mackay, neben dem jungen Rudolph Steiner einer der wenigen deutschsprachigen Individualanarchisten, der Stirner überhaupt erst in den Anarchismus eingeführt hat, der dort vorher zurecht keine Rolle spielte. Denn Stirner markiert nicht das Unabgegoltene, das in der historischen Trennung zwischen Anarchisten und Kommunisten in der IAA liegt. Die Kritik an einigen Ausprägungen des Anarchismus, die Joachim Bruhn in seinen lesenswerten »Thesen über das Verhältnis von anarchistischer und marxistischer Staatskritik« formuliert, die Finkenberger heranzieht, trifft m.E. genau Stirner, mit dem Finkenberger jenes Unabgegoltene identifiziert: Stirner will lediglich den Bourgeois vom Citoyen befreien und entfesselt damit dessen unmenschliche Gestalt. Mit dem Citoyen wird auch der Begriff der Menschheit und damit jede gattungsmäßige Solidarität getötet und der Bourgeois wird zum Raubmörder, dem nur noch das Recht des Stärkeren gilt. Dies bringt Ahlrich Meyer in seinem lesenswerten Nachwort in der Reclam-Ausgabe des »Einzigen« mit Moses Hess auf den Punkt:

„Moses Heß, der Stirner auf den Standpunkt der bürgerlichen Gesellschaft bringt, bemerkt, daß hier an der freien Konkurrenz allein kritisiert wird, daß sie »kein unmittelbarer Raubmord ist«: »Die ›Konsequenz‹ des ›Einzigen‹, rationell ausgedrückt, ist der kategorische Imperativ: Werdet Tiere!«“ (S.449)

Für eine Staatskritik ist damit m.E. wenig gewonnen. Im Gegenteil – mir scheint Stirners Individualismus eher mit einem soldatischen Individualismus ala Ernst Jünger einherzugehen, der ideengeschichtlich die Voraussetzung für den nationalsozialistischen Volksstaat war: Das Individuum muss erst zum isolierten, voraussetzungslosen, eigenschaftslosen Einzelnen werden, bevor es widerspruchslos in der Volksgemeinschaft aufgehen kann.

Wie gesagt – die hier vorgestellten Thesen sind noch mit Textbelegen zu versehen. Ich werde sie in der nächsten Zeit bringen.

Bis dahin noch zwei Empfehlungen, beide mit Einschränkungen versehen:

■ Peter Bierl zu den aktuellen Ausprägungen des Individualanarchismus, in seinem Text „Der Geheimbund der Revolutionäre“ – der Text ist insgesamt lesenswert, hat aber wie viele Texte Bierls das Problem, dass er sich an einem gewissen Punkt in der kriminalistischen Frage verliert, wer hier mal mit wem rumgehangen hat und wer wo publizieren darf obwohl er sich in einer Fußnote mal auf den und den bezogen hat (sich also mit Problemen der Verwandtschaftsschuld herumschlägt).

■ Das Buch „Die Ideologie der anonymen Gesellschaft“ untersucht die untergründige Wirkungsgeschichte Max Stirners. Ich kann es nur leider nicht kompetenter Weise empfehlen, weil ich es noch nicht gelesen habe. Klappentext und erste Seiten lassen es mir aber als eine lohnende Lektüre erscheinen, die eine Debatte über Stirner sicher anregen kann.

Handgranaten in der Nationalversammlung

Eine weitere empfehlenswerte Autobiografie heißt »Ein Prolet erzählt. Lebensschilderung eines deutschen Arbeiters« von Ludwig Turek. Das Buch erschien erstmals 1929 und enthält damit eher die Jugendschilderungen eines deutschen Arbeiters. Turek, dessen Eltern im Norden Deutschlands auf der Suche nach Arbeit von Ort zu Ort zogen, war früh in der SAJ organisiert, wo er aufmüpfig gegenüber den Jugendleitern und im Widerspruch gegenüber den Führern der Sozialdemokratie war. Im ersten Weltkrieg als Artillerist eingezogen, entzog er sich größenteils den ihm zugedachten Aufgaben und beschloss, nachdem ihn die Kriegsrealität eingeholt hatte und er durch einen Granatsplitter am Bein verletzt worden war, nie wieder an die Front zu gehen – verkleidet als polnischer Landstreicher versuchte er unentdeckt zu bleiben, was einige Zeit gut ging, bis er beim Versuch, über die holländische Grenze zu gelangen, als Deserteur entdeckt wurde und so die Festung Spandau von innen kennen lernen durfte. Durch die Novemberrevolution kam er frei, wurde im Zuge der Kämpfe zu einem Sympatisant des Spartakusbundes, kämpfte in verschiedenen roten Einheiten und trat später der KPD bei. Im Zuge des Kapp-Putsches schloss er sich der Roten Ruhr-Armee an und entkam knapp den Gemetzeln, die im Zuge deren Entwaffnung stattfanden. Als kurz darauf Sowjetrussland von Polen angegriffen wurde, wollte er sich den Bolschewisten als Soldat anschließen, wurde jedoch auf dem Weg festgenommen und musste so eine Tour durch die litauischen Gefängnisse machen.

Tureks Lebensgeschichte ist eine einzige Wanderung – er muss tausende von Kilometern zu Fuß zurückgelegt haben. Stendal scheint der einzige Fixpunkt seines Lebens gewesen zu sein, wo er immer mal wieder zu seiner Mutter zurückkehrte. Die Erzählung ist von Bitterkeit und Zynismus geprägt, von Hass auf das Soldaten- und Proletendasein, auf das Geplacke und den Hunger; darüber verliert Turek aber nicht seinen spöttischen und beißenden Witz, der das Buch durchaus auch unterhaltsam macht.

Eine Passage, die in Weimar spielt, ließ mich daran denken, dass man sich einmal eine Geschichtsschreibung derjenigen historischen Ereignisse vornehmen müsste, die nur knapp nicht geschehen sind. Turek erzählt von einem solchen nur zufällig verhinderten Ereignis, als Ebert die Nationalversammlung gegen die Arbeiter- und Soldatenräte durchgesetzt hatte und Noske zur Sicherung der Nationalversammlung in Weimar Einheiten hatte zusammenstellen lassen, die sich Größtenteils aus Freiwilligen rekrutierten. So kamen auch einige Spartakisten zu der ehrenvollen Aufgabe, das Weimarer Nationaltheater zu sichern, während darin die Weimarer Republik aus der Taufe gehoben werden sollte:

Die Sozialdemokraten propagierten die Nationalversammlung.
Noske organisierte Zeitfreiwilligenformationen und ließ Freikorps vom Stapel. Mit den Freikorps ging’s fix wie das Brezelbacken. Man nehme eine Zeitung, gleichgültig ob aus Berlin oder Hinterpommern, aus der noskitischen Glanzzeit und lese im Inseratenteil nach: jeder Generalesel wurde ermächtigt zur Bildung eines Freikorps und suchte auf dem Inseratenwege Freiwillige.
Die Nationalversammlung musste beschützt werden. Diesen Dienst versah das Freikorps Maerker. Auch ich fühlte mich verpflichtet, die Nationalversammlung zu „beschützen“. Ich ließ mich bei Maerker anwerben. Eine ganze Anzahl anderer Genossen kam auf dieselbe gute Idee. In Erfurt hatte am 19. Februar die Unabhängige Sozialdemokratische Partei bei der Wahl zur Nationalversammlung etwa 15 000 Stimmen erhalten. Das schien den Leuten in Weimar gefährlich. Alle Dörfer um Weimar, wo man im Neuen Theater die Versammlung eröffnet hatte, wurden von den Maerkertruppen besetzt. Auf dem Bahnhof in Weimar herrschte strengste Kontrolle. Kein Mensch durfte den Bahnhof verlassen, ohne sich ausweisen zu können. Verhaftungen „verdächtiger“ Elemente waren an der Tagesordnung. Noch mehr und noch vorsichtiger gesiebt wurde die Zuhörerschaft der Tribüne in der Nationalversammlung. Und da saßen nun wir, ein Dutzend Spartakisten, sechs Handgranaten am Koppel und noch mehr Eierhandgranaten in der Tasche, und warteten auf ein Signal. Das silberne Eichenblatt als Abzeichen des Freikorps Maerker und v. Lüttwitz am Kragen. Wir trugen es zu Recht, denn wir waren laut Militärpass Freiwillige des Korps.
Hättet ihr da unten auf der Bühne — Erzberger, Ebert, Scheidemann, Noske und ihr anderen alle —, hättet ihr gewusst, dass hoch über euch im dritten Rang einige Dutzend Handgranaten abzugsbereit warteten, wie wäre euch da zumute gewesen! Als Signal zum Losdonnern sollte, so war mit dem Verbindungsmann zu den USP-Leuten verabredet, gelten, dass die Unabhängigen bei einer Abstimmung den Saal verließen und dann hatte ein Elektriker den Hauptlichtschalter abzudrehen. Wir saßen wie auf Kohlen, aber die Unabhängigen gingen nicht raus und das Licht ging nicht aus. Nichts ereignete sich. Die Sache verlief im Sande; enttäuscht verließen wir das Theater. Ob die Unabhängigen nicht alle unterrichtet waren oder Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen hatten, weiß ich nicht. Wo stände die Revolution heute, wenn damals das Licht ausgedreht worden wäre?

Den letzten Satz hat Turek in einer der späteren Auflagen hinzugefügt. Wer Bücher am Bildschirm lesen kann, findet Tureks Lebenserinnerungen hier.

Adorno, Marx und Habermas…

via [danke an S. Rubaschow für den Hinweis]

Heute halten es die Studenten eher mit Sauberkeit.

Geheimnis & Gewalt

»Geheimnis und Gewalt« ist der Titel der sehr lesenswerten Autobiografie von Georg K. Glaser. Glaser, 1919 in Guntersblum im Rhein-Main-Gebiet geboren, litt in seiner Kindheit unter den Misshandlungen seines sadistischen Vaters, vor dem er bald auf die Straße floh. So wurde Glaser noch als Kind ein Landstreicher und Vagabund. In verschiedenen Heimen, in denen Glaser immer wieder Aufstände anstachelte, geriet er in Kontakt mit den Organisationen der Arbeiterjugendbewegung, zu deren anarchistischem und kommunistischem Flügel er sich besonders hingezogen fühlte. So wurde Glaser ein umtriebiger Revolutionär und Kämpfer, der sich (auch innerhalb der KPD, für die er später organisatorisch und literarisch tätig wurde) stets den eigensinnigen Geist des Vagabunden bewahrte. Infolgedessen lernte er nicht nur Jugendheime und Nachtasyle, sondern auch die Knäste der Weimarer Republik von innen kennen.

In der Verwegenheit des Charakters, aber auch in ihrem Zynismus, ist Glasers Autobiografie durchaus mit den Lebensberichten von Franz Jung und Victor Serge verwandt. Mit beiden hat Glaser einiges gemein – leider auch eine bestimmte Haltung zu Frauen. Dies deutet sich bereits am Anfang des Buches an, als Glaser eine strotzend-symbolisch aufgeladene Situation beschreibt, in der sich in einem Zoo ein verwelktes Fräulein, das »längst jenseits der Hoffnung war, eine vollständige Frau zu werden« und ein riesiger Stier gegenüberstehen. Die Frau ist vom Anblick des Stieres gebannt, der einen Samenerguss auf die Fliesen seines Käfigs verliert und dieses Bild braut sich für Glaser zusammen, »zu einem einzigen, gewaltigen, einmaligen, wie zu Fels gewordenen Schrei, einer urgrundtiefen Auflehnung gegen die Schöpfung.« Seine Haltung gegenüber Frauen wird deutlich, wenn er zahlreiche seiner Beziehungen und zuletzt seine Ehe schildert – die Frauen, denen er begegnet ist, sind im Buch charakterlose, kaum beschriebene Figuren, deren Funktion lediglich darin besteht, Glaser aus einer seiner Krisen herauszuhelfen oder ihm Beistand zu leisten. Im Gegensatz zu seinen männlichen Gefährten bleiben sie blass im Hintergrund.

Das Buch ist dennoch empfehlenswert, insbesondere die Beschreibungen der kommunistischen Bewegung und des antifaschistischen Widerstands sind spannend und lehrreich. Glaser bringt hier Einsicht in ein Milieu – es ist ein heimatloses, subproletarisches und desillusioniertes Milieu –, das entschlossen war, den Nazis mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. In der Weimarer Republik war Glaser an der Organisierung roter Garden beteiligt, schlug sich mit SA-Leuten und reiste im Auftrag der KPD in verschiedene Städte, um dort eine Vormachtstellung der Nazis auf der Straße zu verhindern. Mit der Machtübernahme der Nazis ging er in den Untergrund, verteilte illegal antifaschistische und kommunistische Flugschriften und floh, nachdem er einen SS-Mann erschossen hatte, der ihn beim Flugblattverteilen gestellt hatte, erst ins Saargebiet und dann nach Frankreich. Durch Heirat zum französischen Staatsbürger geworden, zog er dann unter französischer Flagge gegen die Deutschen in den Krieg und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft, wo er sich als Franzose ausgab. Noch im Arbeitslager organisierte Glaser Widerstand und konnte gegen Ende des Krieges fliehen. Die Autobiografie bricht nach dem Kriegsende ab.

Kaum etwas ist in Glasers historischen Schilderungen deutlicher, als seine Enttäuschung von der Arbeiterbewegung und der KPD angesichts deren Versagen vor dem Aufstieg des Faschismus – und diese Reflexionen sind es, die »Geheimnis und Gewalt« vor allem lesenswert machen. (mehr…)

Antifa Info Ostberlin – Weimar, ein Kapitel für sich

Die Homepage „Nazis in der DDR und antifaschistischer Widerstand“ sammelt und dokumentiert umfangreiches Material über neonazistische Organisierung und Subkultur in der DDR. Zu finden sind dort u.a. Scans der insgesamt drei Ausgaben des Antifa Infoblatts Ostberlin, dessen Redaktion nach dem Scheitern des Projekts zum Teil zum heute noch existierenden Antifa Infoblatt übergegangen ist. Über das AIBO ist zu erfahren:

Im Zeitraum Juli 1989 bis Juli 1990 brachte die Ostberliner unabhängige „Antifa in der Kirche von Unten“ (ab Sommer 1990 Autonome Antifa Ostberlin) drei Ausgaben der Zeitschrift „Antifa Infoblatt Ostberlin“ heraus. Auf Grund des Staatlichen Medien- und Druckmonopols in der DDR, konnten die ersten beiden Ausgaben nur halblegal und auf altertümlichen Druckmaschinen im Wachsmatritzendruckverfahren herausgebracht werden. Das Drucken war eine ziemliche Sauerei, und die Kostbare Druckerfarbe musste aus dem Westen ins land geschmuggelt werden. Die Qualität war katastrophal und teilweise waren die Texte nur schwer lesbar. Fotos konnten gar nicht verwendet werden. Die Hefte wurden von Hand gelegt und geheftet. Die Auflage bestand aus jeweils 1500 bzw. 2000 Exemplaren. Die Ausgabe kostete 1 DDR-Mark. Das Heft war schnell vergriffen. [via]

Ein Freund hat mich auf die zweite Ausgabe des AIBO hingewiesen, da dort ein Artikel über Nazi-Umtriebe in Weimar 1989 zu finden ist. Beschrieben wird nicht nur eine rassistische Pogromstimmung, die phasenweise offensichtlich weit über das Nazi-Skin-Milieu hinausschwappte, sondern auch die Situation von kubanischen und mosambiquanischen Gastarbeitern. Diese wurden von staatlicher Seite bewusst isoliert von den ostdeutschen Arbeitern in einem Heim im Kirschbachtal gehalten. … Ich habe den Artikel, der in der Scan-Version eher unleserlich ist, untenstehend abgetippt.

Interessant und bemerkenswert scheint mir, dass schon 1989 auch in Ostdeutschland in antifaschistischen Kreisen über antisemitische und national-sozialistische Tendenzen in der historischen Arbeiterbewegung diskutiert und gestritten wurde – sehr amüsant in diesem Zusammenhang auch die Anmerkungen der Redaktion im Text des „Autonomen Forums Weimar“ (s.u.).

Heute haben sich akute Probleme mit Neonazis eher auf das Weimarer Land verlagert. Es gibt bekanntlich keine Gastarbeiterheime mehr, aber das Flüchtlingsheim ist ebenfalls außerhalb der Stadt angesiedelt. Heute muss man in Weimar als Punk vielleicht eher Angst vor der Polizei, als vor Neonazis haben.

Weimar – Ein Kapitel für sich

ERLEBNISBERICHT ÜBER AUSLÄNDERFEINDLICHE KRAWALLE BEI FDJ-WEIMARTAGEN

Am Freitag, den 11.7.89 betrat ich gegen 23:30 Uhr den Weimarhallenpark. Aus Anlass der Studententage der FDJ fand dort eine Freiluftveranstaltung mit Diskothek etc. statt. Unter den dort Anwesenden beobachtete ich auch vereinzelt Personen mit einem faschistischen bzw. nazistischen Aussehen (Haarschnitt, Stiefel, Bomberjacke, usw.), Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 [?].

Gegen 23.45 Uhr wurde die Veranstaltung beendet. Plötzlich bildete sich eine Menschenansammlung von ca. 100 Personen, die zu einem nicht geringen Teil aus Skinheads und anderen Neonazis bestand. Aber auch viele völlig normal bekleidete Jugendliche und Erwachsene befanden sich darunter. Flaschen, Gläser und Steine flogen durch die Luft. Anfangs konnte ich nicht feststellen was da vor sich ging, bald aber erkannte ich, daß es sich um eine gewalttätige Auseinandersetzung mit Afrikanern oder dunkelfarbigen Kubanern handelte. Soweit ich erkennen konnte, waren dies fünf bis sechs Personen. Sprechchöre, wie „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus“ usw. erklangen aus der Masse der Neonazis. Die Ausländer flüchteten in Richtung Bertuchstraße/Tankstelle. Da ihnen die große Masse jedoch nicht sofort folgten, konnten sie vermutlich einem Lynchen gerade noch so entkommen. Die Zusammengerotteten verließen nun auch den Weimarhallenpark und postierten sich jetzt an der Kreuzung bei der Fachschule für Staatswissenschaften.

In der Zwischenzeit waren ca. zehn Polizeibeamte eingetroffen. Sie taten jedoch weiter nichts, als das Geschehen zu beobachten. Ein paar Personen diskutierten auch kurzzeitig mit den Beamten. Auch als erneut Sprechchöre mit rassistischen und faschistischen Inhalten rumgegrölt wurden (man sang u.a. die faschistische Nationalhymne) passierte zu meiner Verwunderung nichts. Vier bis fünf Beamte verließen dann sogar den Ort des Geschehens auf Nimmerwiedersehen. Anstatt die Zusammenrottung aufzulösen, wurden lediglich andere Ausländer, die sich auf dem Heimweg befanden, vorsichtshalber „umgeleitet“. (mehr…)

Zwischenbericht

Um das Aergernis-Blog ist es in der letzten Zeit ruhig geworden. Mir fehlten die Zeit und der Antrieb, das Blog mit sinnvollen Beiträgen zu bestücken und wenn ich doch schreiberisch tätig war, habe ich dies lieber in kleinen Postillen, Fanzines und Zeitschriften getan, deren Form mir verbindlicher erschien und eine angenehmere Debattenkultur ermöglicht als es in den Blogspalten oftmals der Fall ist. Ich wollte das Blog trotzdem nicht löschen, da es (wenn für niemanden sonst, so doch wenigstens für mich) ein teils interessantes, teils amüsantes Archiv und Abbild früherer Ansichten und Phasen meiner Begriffsbildung ist. Die meisten Posts betrachte ich inzwischen mit Distanz.

Gerade bekomme ich wieder Lust, hier hin und wieder kleinere Kommentare und Hinweise zu platzieren. Wie kontinuierlich ich dem nachgehen kann, wird sich herausstellen. Wahrscheinlich werde ich wenig Zeit haben, die Disussion in den Kommentarspalten zu pflegen – aber wir werden sehen. Ich beginne mit ein paar kleineren Hinweisen.

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In Leipzig hat kurz vor dem Jahreswechsel mit der „Translib“ ein „communistisches Labor“ eröffnet – eine Bibliothek, die ein sehr umfangreiches Sortiment an (zum Teil sehr exklusiver und hochkarätig interessanter) Literatur aufweisen kann. Berichten zufolge wird es noch eine Weile dauern, bis ein Katalog erstellt und das wissenschaftliche Arbeiten in der Translib möglich ist. Trotzdem gibt es bereits ein interessantes Veranstaltungsprogramm. Außerdem hat das Bibliothekskollektiv einen lesenswerten Selbstverständnistext veröffentlicht, der thesenartig ein Kritikprogramm vorstellt. Der Text kann hier gelesen und hier gehört werden:

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Im letzten Jahr ist in Erfurt eine linke Zeitschrift mit dem Titel „Lirabelle“ entstanden, für die ich den Schriftzug entworfen habe (das oben abgebildete Logo fand leider keine Verwendung). In den bisher ersten drei Ausgaben stellt sich eine bunte Mischung dar: Typisch Links (im guten wie im schlechten Sinne), Schülerzeitung, zeckiges Fanzine, Linkskommunistisch, Antideutsch, Thüringisch, Bildungsarbeit, Wütend – das wären Attribute, mit denen ich das Projekt beschreiben würde. Ich selbst habe meinen Senf in einer Theorie-Praxis-Debatte dazu gegeben, die sich durch die ersten drei Hefte zieht. Ich bilde hier den Verlauf der Debatte ab, in der (auch bezüglich meines eigenen Versuchs) noch einige Widersprüche und Unklarheiten vorhanden sind, die sich vielleicht im weiteren Verlauf der Debatte aufklären können:

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Zufällig ist mir die aktuelle Ausgabe der „Mittelungen des Archivs der Arbeiterjugendbewegung“ in die Hände gefallen. In dem darin enthaltenen sehr lesenswerten Text „Antifaschistischer Widerstand von Arbeiterjugendlichen mit der bündischen Jugend, der Sportjugend und dem ›politisierenden Katholizismus‹ in Bremen“ von Jörg Wollenberg bin ich auf ein Zitat gestoßen, das eine These des Textes „Wer nicht wütend ist, kann nicht denken“ bestätigt: Dass eine wissenschaftliche Analyse der Verhältnisse einerseits notwendig ist, da sie die Bedingungen des eigenen Handelns bewusst macht, theoretische Bildung allein aber andererseits kein Garant dafür ist, in der jeweiligen Situation (und insbesondere angesichts des Faschismus oder von Faschisierungstendenzen) das richtige tun zu können. Wollenberg zitiert Nico Rost aus dessen Tagebuch vom 31.08.1944:

Es ist eine Tragödie, die viele von uns nicht sehen und begreifen, dass diese Zehntausende deutscher Sozialdemokraten […] trotz ihres guten Willens und obwohl sie viel belesener und entwickelter waren als die meisten Arbeiter in den anderen Ländern Europas, doch beinahe nichts getan haben, um den nazis den Weg zur Macht zu versperren. Sie hatten ein so großes Wissen, doch in der Praxis – in der revolutionären Praxis wussten sie damit nichts anzufangen. Ich neige oft zu der Annahme, dass den Duetschen, also auch den deutschen Arbeitern, jede politische Intuition fehlt, jedes politische ›Feeling‹.

Die Seminarraumsterilität, die heute der Praxiswut der Linken entgegengestellt wird, wird keine Subjekte hervorbringen, die dazu fähig sind, in der entscheidenden Situation das Richtige tun. Classless Kulla beschreibt das heutige Szenario in seinem Neujahrsgruß m.E. treffend:

Die absolute Demokratie am Ende der Geschichte sorgt sich um die gewählte Königin und ihren Hofstaat. In den Großstädten verdichten sich die nationalistische, gesunde und saubere Bourgeoisie und ihr Anhang. Die Ordnungsmacht bekämpft Widerstand, bevor er entsteht. Und die kritischen Häuflein haben Angst, daß es sie auch erwischt; wundern sich, daß niemand was macht, wenn sie nichts machen; regen sich auf, daß niemand weiß, was sie niemandem sagen; und organisieren sich als rivalisierende Seminare, die über das Hausrecht in nicht mehr vorhandenen Häusern streiten. [via]

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Damit schließe ich für heute erstmal.

Die Gewalt und ihre Grenzen

Ein Bericht über einige Vorfälle in Weimar (erschienen im Heft „Stadt der Vielfalt? – Rassismus, soziale Ausgrenzung und Nazigewalt in Erfurt

Gewalt, Sadismus, Bandenwesen und Willkür der Stärkeren sind nicht das ganz Andere zum Rechtsstaat, gegen das Recht und Gesetz einfach regulativ in Stellung zu bringen sind. Dass dies so scheinen kann, liegt daran, dass diese Phänomene an Orten stattfinden, die oftmals kaum sichtbar sind. Jede Rechtsstaatlichkeit und die dazugehörige Zurichtung der Individuen zu Rechtssubjekten basiert auf Gewalt1 – eine Banalität, die nicht ausgesprochen werden müsste, wenn es nicht so große Unterschiede in der Art und Weise geben würde, wie Menschen aufgrund unterschiedlicher Stellungen in der Gesellschaft von dieser Gewalt betroffen sind. Denn die Tatsache, dass die Zurücknahme unmittelbarer Gewalt in die Vermittlung der Institutionen nicht ohne eine gewisse alltägliche Konformität zu haben ist, macht die andere Tatsache unsichtbar, dass es keine Gewaltpotenz geben kann, ohne dass diese immer wieder umschlägt in ihren tatsächlichen Vollzug. So wie die Gewalt unsichtbar wird, wenn eine Institution auf ihrer bloßen Möglichkeit basiert (im Bezug auf den Staatssouverän ist dies nach Carl Schmitt die Fähigkeit, über den Ausnahmezustand entscheiden zu können), so muss sie doch an irgend einer Stelle des Institutionengefüges wieder ausbrechen und kann in der Vermittlung nicht ganz verschwinden. Es ist nur eine Ebene dieses Problems angesprochen, wenn man darauf verweist, dass beispielsweise die Polizei auf Subjekte angewiesen ist, welche die Fähigkeit zur Gewaltanwendung erlernen müssen – Subjekte, für die der Vollzug von Gewalt und ihre Einübung sowie Routinierung zu ihrem Berufsalltag gehören und die nicht funktionieren können, ohne eine gewisse Abhärtung und einer programmatischen Empathielosigkeit gegenüber den Objekten dieser Gewalt. Das Polizeiwesen setzt eine Charakterdisposition voraus, der Mitgefühl und das Bewusstsein für die Grenzen des Gegenübers tendenziell verloren gehen müssen. Der Möglichkeit der eingeübten Gewaltanwendung sind nun freilich institutionelle Grenzen gesetzt – ihre Systematik wäre nicht möglich, ohne ein genau definiertes Regelwerk, das festlegt in welchem Maß und in welchen Fällen Gewalt angewendet werden muss. Wäre die institutionalisierte Gewalt nicht in solche Grenzen gebannt, würde sie die Rechtsstaatlichkeit, die auf dieser Gewalt beruht, selbst gefährden und sich auflösen in miteinander konkurrierende Rackets. Doch eine solche Begrenzung der Gewalt ist nie ganz möglich – schon aus dem Grund, dass Gewalt per se eine Grenzüberschreitung ist. Sie würde ihre regulative Funktion nicht erfüllen können, wenn sie ihrem Objekt nicht real mit dem Grenzverlust drohen würde. So wie es keine Gewalt ohne Grenzüberschreitung gibt, so ist die institutionell organisierte Potenz von Gewalt nicht zu haben ohne einen Graubereich, in dem die Gewalt das Regelsystem verlässt und von der geregelten Potenz in den entregelten Vollzug übergeht – und dies nicht erst im Ausnahmezustand. Gewalt ist nie gänzlich zu kontrollieren. Dies bekommen vor allem Menschen zu spüren, die aus unterschiedlichen Gründen kaum in der Lage sind, ihre gesetzlich verbrieften Rechte, welche jene Begrenzung der Gewalt garantieren, geltend zu machen. Wenden wir unseren Blick von der weltoffenen Landeshauptstadt auf die nachbarlich gelegene Kulturstadt Weimar. Die folgende Geschichte aus Weimar handelt von einer solchen Grauzone, in der die eingeübte Gewalt der Polizei sich ungehemmt ausleben konnte. (mehr…)

Polizei-Brutalität in Weimar

Offensichtlich muss man sich in Weimar als Punk oder obdachloser Jugendlicher nicht nur vor Nazi-Übergriffen fürchten (eine Tatsache, die leicht am studentischen oder kulturbürgerlichen Alltag vorbei geht), sondern ebenso vor Übergriffen von der Polizei. Folgender Bericht ist schon seit dem 2. Mai auf links.unten-Indymedia zu lesen und betrifft Ereignisse vom 20. April 2012 – in Weimar hat das trotz der Ungeheuerlichkeit der Vorfälle kaum für Schlagzeilen gesorgt, was u.a. auch daran liegt, dass das Umfeld der Betroffenen kaum organisiert ist.

Schwerer polizeilicher Übergriff

Verfasst von: Solidarität mit den Betroffenen. Verfasst am: 02.05.2012 – 20:40. Geschehen am: Freitag, 20. April 2012.

In der Nacht vom 19.04. zum 20.04. gegen 1.00 Uhr wurde eine vierköpfige Personengruppe (zwei männliche und zwei weibliche) von insgesamt einem Streifenwagen, einem Sixpack und einer Zivikarre angehalten und auf aggresive Art und Weise in Gewahrsam genommen. Im Folgenden ereigneten sich Vorfälle, die nicht nur die zur Norm gewordenen repressiven Vorgehensweisen der Bullen wieder einmal offenlegt, sondern die genau diesen Repressalien eine neue, brutale Qualität verleihen.

Trotz ungeklärten Tatvorwurfs wurden die vier Personen zur Polizeiinspektion Weimar gefahren und dort jeweils in einer Einzelzelle festgehalten. Ungewöhnlich war, dass alle Einzelzellen und die Sammelzelle mit Personen gefüllt waren und somit alle Kapazitäten, nach Aussage der Bullen zum ersten Mal, erreicht waren. Bis auf die vier Menschen waren die restlichen Gefangenen nicht dem linken Spektrum zuzuordnen.

Schon kurz nach der Ankunft wurden eine männliche und eine weibliche Person genötigt, sich vollkommen auszuziehen. Da sich die weibliche Person verwehrte wurden ihr die Klamotten und Körperschmuck durch die Beamt_innen abgenommen.

Während des gesamten Aufenthalts in den Zellen sahen sich die Betroffenen mit etlichen Diskriminierungen auf sämtlichen Ebenen konfrontiert. So wurden Personen von den Beamt_innen bespuckt, geschlagen und an den Haaren gezerrt. Begleitet wurde dies von permanenten rassistischen und sexistischen Aussagen, Witzen und Beleidigungen, wie z.B.: „Dir gehts als Ausländer in Deutschland viel zu gut, wir zeigen dir mal, was man mit dir in deinem Land machen würde.“, bis hin zum Immitieren der Bewegung beim Onanieren.

Zum wiederholten Male vergnügten sich die Bullen über den Tod zweier linkspolitischer Menschen, die sich im April 2010 in Weimar das Leben nahmen.

All die Diskriminierungen spitzten sich zum Nachteil einer der weiblichen Personen in der Zelle zu. Abgesehen vom ewigen, regelmäßigen Erscheinen in der Zelle ohne ersichtlichen Grund und das ebenfalls ewig andauernde An- und wieder Ablegen der Handschellen, das insgesamt 10-Stündige Verwehren von Wasser und den daraus resultierenden Schlafentzug, kam es zu weiteren Schlägen in das Gesicht der Betroffenen.

Anschließend wurden der Person die Oberarme auf den Rücken gefesselt und sie wurde an den Handschellen von einem Bullen minutenlang durch die Zelle gezerrt. Dann wurde von mehreren Beamt_innen auf die am Boden liegende Person eingetreten. Durch diese Handlungen von Seiten der Bullen kam es zu mehreren inneren und äußeren Verletzungen.

Gegen 10.00 Uhr am Morgen wurden alle vier Betroffenen der Gruppe verhört. Ihnen wurden sämtliche Vorfälle der vergangen Nacht vorgewurfen. So z.B. diverse Sachbeschädigungen, schwerer Eingriff in den Straßenverkehr, ein entstandenes Graffito u.a. …

Alle Personen verweigerten die Aussage. Anschließend durften sie die PI verlassen.

Über das Ausmaß physischer und psysischer Gewalt von Seiten der Bullen hier in Weimar sind wir nicht verwundert, vielmehr ist es ein Vorfall, der wieder einmal unverschöhnt darstellt, dass das machtideologische Vorgehen der Cops und damit des Staates vor nichts Halt macht. Genau aus diesem Grund ist es nunmehr notwendig der Staatsmacht die scheinbare Allmächtigkeit abzusprechen, bzw. deren Strukturen geziehlt und geplant anzugreifen.

Wir rufen auf sich mit den Betroffenen hier in Weimar und auf der ganzen Welt zu solidarisieren, organisiert Widerstand!

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Die Schmach noch schmachvoller machen indem man sie publiziert

*** Auf der Piazza haben ‚Tine und Lena‘ einen Text zur Plakataktion (siehe unten) gepostet, den ich an dieser Stelle dokumentieren möchte. ***

Dass Bauhaus-StudentInnen ihre gestalterische Expertise für politische Agitation an den Mann bringen, ist nicht neu: So entwarfen beispielsweise Dessauer Bauhaus-StudentInnen der kommunistischen Zellen – ein der KPD-nahestehender Studentenverband – kommunistische Wahlplakate in den 30er Jahren.

Der OB-Kandidat der Grünen, Carsten Meyer, wirbt derzeit mit sieben großformatigen Plakaten, die von der Künstlergruppe »Land in Sicht« (StudentInnen der Bauhaus-Universität, betreut von Prof. Joachim Preiss) gestaltet wurden. Eines dieser Plakate zeigt sechs verschiedenfarbige Mülltonnen, im Vordergrund einer abstrahierten Plattenbaulandschaft. Dazwischen ein zwei Tüten tragender Mann, den laut TA »viele Weimarer als Flaschensammler kennen dürften« (TA vom 11. April 2012). Das Plakat trägt den Slogan »Mehr Farben. Mehr Freude«. Der Flaschensammler als stereotype Sozial-Karikatur, der zunehmend polarisierten deutschen Klassengesellschaft, steht hier womöglich nicht nur für „Multikulti“ sonderN insbesondere für sozio-kulturelle Biodiversität. Das Flaschensammlen eine Freude sei, entspringt vermutlich ebenjener spießbürgerlichen Euphorie angesichts jedweder Differenz (ob horizontal oder vertikal). Das ist nicht nur zynisch und geschmacklos, könnte man meinen sondern spricht aus, was den gesellschaftlichen Diskurs seit ein paar Jahren prägt: Unverhohlen aggressiver Klassismus der abstiegsbedrohten Mittelschicht. Damit gesellt sich der Slogan sowohl neben »die spätrömische Dekadenz« eines Westerwelle als auch neben den Unterschichtenrassismus eines Sarrazin. Scheinbar Naiv wird hier mit den Insignien städtischer Armut opperiert und das in einer farbenfroh-infantilen Weise, die an eine romantisiert-heitere Vorstellung sozialer Ungleichheit anknüpft.

Die Situationistische Internationale hatte 1966 in ihrer Schrift »Über das Elend im Studenten-Milieu« die herkunftsspezifische Borniertheit der StudentInnen attackiert: »Wie ein stoischer Sklave glaubt der Student sich um so freier, je mehr alle Ketten der Autorität ihn fesseln. Genau wie seine neue Familie, die Universität, hält er sich für das gesellschaftliche Wesen mit der größten Autonomie, (…) .«1 Scheinbar fühlen sich unsere StudentInnen so frei, dem Kandidaten mittels ihres kreativen Potentials mit peppigen Design unter die Arme zu greifen. Diese Gestaltung bleibt keine Formsache. Armut dient hier als Werbegag und artikuliert daneben im beste Sinne »wohlgemeinten Bürgerrat«. Der Arme ist in der modernen Gesellschaft nicht bloß Manövriermasse sozialpolitischer Verwaltung sondern zieht stets das erzieherische Engagement besser gestellter BürgerInnen auf sich. Er kann nicht nur beraten, begleitet, therapiert, weggesperrt oder geduzt werden – er kann auch ungefragt als großformatige Werbefigur eine Stadt und deren Lokalpolitik präsentieren, die ihm nur in den Arsch tritt.

Die Diagnose Hannes Meyers, seines Zeichens Nachfolger von Gropius am Bauhaus Dessau, dass das Bauhaus von seiner Idee, »für das Volk«, also für die ärmeren Kreise zu gestalten, abgekommen sei, sieht sich aktuell erneut bestätigt. Ärmere Schichten sind schon lange kein Anlass oder gar Trägergruppe sozialen Engagements, sondern dienen vielmehr als Kontrastfolie aufstiegsorientierter Bevölkerungsgruppen.

Das wahrscheinlich nicht zufällig in unmittelbarer Nähe zum Polizeirevier platzierte Plakat wurde mittlerweile solide durch einen durchschlagenden Fusstritt angemessen verziert. Im Namen derer, die mit politischer Plakatkunst den Kampf um ein gutes Leben jenseits von Klassengesellschaften statt der naiv-verklärenden Darstellung hiesigen Elend verbinden: Vielen Dank an Unbekannt!

Von Tine und Lena

(via via)

  1. Situationsistische Internationale: Über das Elend im Studentenmilieu, Straßburg, 1966. [zurück]

Mehr Farben – Mehr Freude?

[via]

Wenn man mich fragen würde, was ich an Weimar verachte, dann würde mir – home is where my hate is – sicherlich eine Menge einfallen. Besonders sichtbar wird der unselige Geist einer solchen Stadt, wenn wieder mal eine Oberbürgermeisterwahl ansteht und manch spießbürgerlicher, weltabgewandter, dumpf heimatverliebter und kleinkarierter OB-Kandidat seinen Charakter auch offen zur Schau stellt, um seine Wähler – die genauso sind – ehrlich erreichen zu können; so etwa Carsten Meyer von den Grünen, dem es nicht peinlich ist, mit dem Spruch »Lass du die große Welt nur sausen, Wir wollen hier im stillen hausen« für seine Wahl zu werben und dies auch noch als Goethe-Zitat auszugeben. Eben jener Carsten Meyer ist sich aber nicht nur darüber bewusst, dass Goethe und Schiller aus Weimar kamen, sondern natürlich weiß er auch vom avantgardistischen Flair, der stets von der Bauhaus-Universität ausging. So hat er (oder einer seiner Wahlhelfer) sich eine »Originelle Plakataktion« [via] ausgedacht: Die Künstlergruppe »Land in Sicht« an der Bauhaus-Uni (betreut vom Kunst-Prof Joachim Preiß) hat sich dafür hergegeben und hat Herrn Meyer mit der Gestaltung von sieben großformatigen Wahlkampfplakaten unterstützt. Neben einigen mehr oder weniger langweiligen Entwürfen, die allesamt von denen manche an den Stil der Leipziger Schule erinnern, wurde am vergangenen Dienstag ein ganz besonders aussagekräftiges Plakat von den Künstlern und Wahlkämpfern enthüllt: Im Vordergrund sieht man eine Reihe von sechs je verschiedenfarbigen Mülltonnen, während sich im Hintergrund die blass-trübe Landschaft einer Plattenbau-Gegend vor den blauen Himmel schiebt. Im Mittelpunkt des Bildes sieht man eine langhaarige, etwas verlotterte Gestalt mit einem Plastik-Beutel in der Hand, die sich unentschlossen den farbigen Mülltonnen nähert – neben dieser Figur prangt der Slogan: »Mehr Farben. Mehr Freude.« Die TA, die wohlwollend über die gelungene Plakataktion schreibt, weiß zu berichten, dass es sich bei dieser Figur um einen Mann handelt, »den viele Weimarer als Flaschensammler kennen dürften«. Und tatsächlich – wer sich öfter in der Weimarer Innenstadt bewegt, erkennt auf dem Bild eindeutig einen Mann, der sich jeden Tag ein paar Cent damit verdient, Papierkörbe und Mülltonnen nach Pfandflaschen zu durchsuchen. Nun, was ist davon zu halten?

Politische Kunst ist meistens peinlich – sich als »Künstlergruppe« an eine etablierte politische Partei anzuschmeißen spricht dagegen nicht nur für einen wirklich schlechten Geschmack, sondern ist zudem gleichzeitig ein doppelter Verrat – an der Autonomie der Kunst, die sich einst von den staatlichen Institutionen emanzipierte, sowie am avantgardistischen Aufhebungsversuch der Kunst (dies gerade an einem Ort, wie dem Bauhaus, das vormals von den Weimarer Spießbürgern vertrieben worden war). Aber sei’s drum. Wie viel schamlose Arroganz gehört dazu, aus einer materiell nicht gerade schlecht gestellten Position (als Kunst-Prof, Student und Stadtrat), einen Menschen, der aus welchen Gründen auch immer (sicher weder aus Zufall, noch selbstgewählt, noch aus Vorliebe für farbige Mülltonnen), vom Müll der anderen leben muss, derart bloßzustellen? Sich so unverhohlen über das Elend, das man sich selbst ganz bestimmt nicht wünscht, lustig zu machen? Es ist die widerliche Klassenarroganz und Distinktion der gut gestellten Mittelschicht, die im Bioladen einkaufen kann, sich im Eigenheim am Rand einer Kulturstadt zur Ruhe gesetzt hat, oder hier verweilt, um das von den Eltern bezahlte Studium zu absolvieren. Hier spricht so ungeschminkt eine – zur Rede gestellt ganz bestimmt überhaupt nicht bös‘ gemeinte – Verachtung für diejenigen, die vom Wohlstand dieser Gesellschaft ausgeschlossen sind und denen man – wenn nicht mit den Polizeiknüppeln der Ordnungsmacht, so doch symbolisch, mit Bildern – noch hinterhertreten muss.

Sicherlich mit Bewusstsein darüber, dass dieser Klassenkampf von oben, von denen, die damit gemeint sind, nicht gerade mit Gegenliebe beantwortet werden wird, haben die Künstler – und das passt ganz zum zwielichtigen Habitus eines Neo Rauch – das Plakat direkt neben der Polizeiwache am Kirschberg aufgestellt. Weil es zu gefährlich wäre, kann man nun kaum dazu aufrufen, dieses Plakat seinerseits künstlerisch umzugestalten – so muss man aufs Ganze gehen und sollte es mit Raoul Hausmann halten:

Wir werden Weimar in die Luft sprengen!

Edit (11:55 Uhr):

Ich habe eben erfahren, dass jemand beherzt genug gewesen ist und schon gestern Nacht (also bevor ich meinen Artikel geschrieben habe) die Nähe zur Polizei nicht gescheut hat. Falls es zu irgendwelchen Repressalien kommt, jetzt schon mal: Aufruf zur Solidarität mit den Betroffenen!

Danke, Wind

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Die Kunst ist…

ok: besser

… 666 …


via

Das große Thier

Die bereits jetzt schon gerüchte-umwobene, neue Zeitschrift »Das große Thier« wird in Kürze in einigen Städten als Printprodukt vorliegen und findet dann auch hier eine Web-Präsentation. Bis dahin kann man hören, was uns erwarten wird:

Es gibt kein gesundes Leben im Kranken #3

Klar, wer „Kunde“ beim „Jobcenter“ ist, der muss sich fit halten, um das vielfältige Vermittlungsangebot wahrnehmen zu können. Deshalb wird man in der Arge Weimar am Aufzug darauf hingewiesen, dass Treppen laufen effektiver wäre. Wobei? Die engagierte Bürokratie kennt das Gleichheitsgebot und Gesundheit ist natürlich nicht nur im Interesse von HartzIV-Empfängern eine anstrebenswerte Sache, sondern im Interesse der Allgemeinheit – als betriebsinterne Aktion und der Grafik zufolge, ist der Aufruf an die MitarbeiterInnen adressiert:

Im Studentenkiez gentrifiziert man nicht ohne Stolz

Uni Jena, Semsterbeginn – Zeit für die Wohnungssuche. Wie gut, dass die extra aufgelegte Broschüre des Stura Jena darauf hinweist, wie wohnlich doch das studentische Leben im Plattenbau ist. Diese sind mit positiven Standortbezug dank der Elite von morgen nämlich schon gereinigt von „Bettlern, Landstreichern, Obdachlosen, Prostituierten, Zuhältern, Fürsorgeempfängern, Suchtkranken (z. B. Alkoholikern), Homosexuellen, Zigeunern und andere Unangepassten“ (so der Inhalt bis heute des Begriffes der Asozialen (wikipedia)).

[via kinky / bubizitrone]

KSR – aktuelle Veranstaltungen

Ich verweise hier auf das Interview, das ich der Sendung Reibungspunkt über Kunstautonomie und Avantgarde, sowie über die gegenwärtigen Veranstaltungen der Reihe „Kunst, Spektakel und Revolution“ gegeben habe. Im Interview habe ich unzulässigerweise Kunst der Neuzeit und Moderne viel zu wenig voneinander differenziert – man möge es mir verzeihen, es war halt ein Interview:


[via]

Und damit verweise ich auf die nächsten KSR-Veranstaltungen:
23.10.2011 – Tagesseminar mit Martin Dornis zur materialistischen Theorie der Musik
27.10.2011 – Vortrag von Christopher Zwi über Sehen und Bildlichkeit in der Gesellschaft des Spektakels

Über Positivität in Religion und Philosophie

Anlässlich einiger Diskussionen über Religion und Religionskritik, die ich im Rahmen der Mobilisierung gegen den Papst-Besuch in Erfurt geführt habe, will ich hier einen kurzen, etwas älteren Text von mir zur Verfügung stellen, der vermutlich etwas formal geschrieben ist, aber hoffentlich deutlich macht: dass es sinnvoll ist, sich Hegel zuzuwenden. Der Text kann als Einleitung, Einführung gelesen werden – ansonsten empfehle ich sehr die Lektüre des besprochenen Textes „Glauben und Wissen“ von Hegel selbst.

Über Positvität in Religion und Philosophie

Hegels Kritik an der verkehrten Trennung von Vernunft und Religion in seinem Aufsatz „Glauben und Wissen“

Ob Hegel eine frühe „theologische Phase“ durchlaufen habe oder ob er in seinen Frühschriften als vehementer Religionskritiker auftritt ist bis heute eine mitunter heftig umstrittene Frage in der Hegelrezeption. Im Gegensatz dazu möchte ich hier anhand der Einleitung seines Textes von 1802 „Glauben und Wissen oder die Reflexionsphilosophie der Subjektivität in der Vollständigkeit ihrer Formen als Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie“ herausarbeiten wie Hegel zwar das bloße Sehnen des Glaubens nach Unendlichkeit als Unzulänglichkeit und letztlich als eine Verhaftung im Endlichen kritisiert, jedoch den bisherigen Aufklärern vorwirft in ihrer bloßen Entgegensetzung zur Religion den selben Fehler zu machen. Wenn der Philosophie des frühen Hegels ein religionskritisches Motiv zugrunde liegt, dann nur in der Weise, dass er den geschichtlichen Schritt, der sich in ihr äußert, zu würdigen weiß und anstatt sie einfach wegzuschaffen – ebenso wie die Philosophie – über sich hinaus treiben will und in diesem Sinne ihren Impetus zur Unendlichkeit ausdrücklich würdigt.

Am Beginn des Textes konstatiert Hegel, dass der Kampf zwischen Vernunft und Glauben inzwischen zu Gunsten der Vernunft entschieden gilt, sodass die Philosophie den Gegenstand der Religion nicht mehr ernst nimmt und sich über ihn erhaben dünkt. Er zieht jedoch in Zweifel, ob dieser Sieg der Vernunft tatsächlich gewonnen ist: „Es ist aber die Frage, ob die Siegerin Vernunft nicht eben das Schicksal erfuhr, welches die siegende Stärke barbarischer Nationen gegen die unterliegende Schwäche gebildeter zu haben pflegt, der äußeren Herrschaft nach die Oberhand zu behalten, dem Geiste nach aber dem Überwundenen zu erliegen.“ [S.287f]1 Schon in der Charakterisierung der Religion als zwar unterlegen, dafür aber gebildeter, macht deutlich, dass er an die Religion im Modus der rettenden Kritik herantritt. Er konstatiert, dass nach dem vermeintlichen Sieg der Aufklärung und mit der bloßen Entgegensetzung von Glauben und Vernunft, beide ihrer jeweils spezifischen Qualität beraubt werden: „Der glorreiche Sieg, welchen die aufklärende Vernunft über das, was sie nach dem geringen Maße ihres religiösen Begreifens als Glauben sich entgegengesetzt betrachtete, davongetragen hat, ist beim Lichte besehen kein anderer, als daß weder das Positive, mit dem sie sich zu kämpfen machte, noch daß sie, die gesiegt hat, Vernunft blieb und die Geburt, welche auf diesen Leichnamen triumphierend als das gemeinschaftliche, beide vereinigende Kind des Friedens schwebt, ebensowenig von Vernunft als echtem Glauben an sich hat.“ [S.288] In diesem Satz ist Hegels Stellung zu Religion und Aufklärung zusammengefasst: In der verkehrten Entgegensetzung von Vernunft und Glauben verbleiben beider auf einer Ebene – gewissermaßen in einer verkehrten und unbewussten Versöhnung – stehen. Ich möchte im Folgenden herausarbeiten warum a.) bei Hegel die Religion in Gestalt des Protestantismus eine Tendenz in die richtige Richtung darstellt, als solche jedoch befangen bleibt und warum b.) die Philosophie lediglich die Tendenz und mit dieser die Befangenheit der Religion bzw. des Eudämonismus weiter treibt, aber nicht über sie hinaus gelangt. (mehr…)