ärgernis http://aergernis.blogsport.de f ich l kann u fliegen x bin u vogel s Thu, 19 Apr 2018 16:34:12 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en 1968 – eine nationale Erfolgsgeschichte? http://aergernis.blogsport.de/2018/04/19/1968-eine-nationale-erfolgsgeschichte/ http://aergernis.blogsport.de/2018/04/19/1968-eine-nationale-erfolgsgeschichte/#comments Thu, 19 Apr 2018 08:26:54 +0000 Ærgernis Politics Text http://aergernis.blogsport.de/2018/04/19/1968-eine-nationale-erfolgsgeschichte/ Auf dem Debatten-Magazin Transit habe ich einen Text über einige Aspekte der Revolten um das Jahr 1968 herum veröffentlicht. Es ist die extended version eines Textes, den ich für die April/Mai-Programmzeitung von Radio Corax geschrieben habe. Transit wird die übrigen darin enthaltenen Texte im Laufe der nächsten Wochen Stück für Stück veröffentlichen (u.a. Peter Birke über das „proletarische“ 1968 und Bernd Gehrke über 1968 in der DDR). Ergänzend sei auf das Büchlein „Mai 68 – Die Subversion der Beleidigten“ von Maurice Brinton hingewiesen – ein sehr lesenswerter Bericht über die Mai-Ereignisse von 1968 in Paris. Überhaupt lohnt sich ein Blick in das Programm von bahoe books. Hinweisen möchte ich außerdem auf den Vortrag „Der Beginn einer Epoche? Eine kurze Geschichte von Detournement und Récupération des Mai ’68“ am 24.05.2018 in Weimar und auf den darauf folgenden Wochenendworkshop über 1968.

Über einige Aspekte der Revolten um das Jahr 1968 herum

Wenn im Jahr 2018 öffentlich über das 50-jährige Jubiläum von 1968 nachgedacht wird, dann wird nur ein Teil der Öffentlichkeit eine nachträgliche Dämonisierung vornehmen. Konservativen und Rechts-Nationalen ist 1968 ein Lehrbeispiel dafür, dass einem utopischen Aufbruch ein dämonisches Gewaltpotential innewohnt – sie ziehen eine direkte Verbindung von den vorlauten Schwärmereien eines Rudi Dutschke zu den Kugeln aus den Gewehren der RAF. Und sie warnen vor dem viel zu großen Einfluss, den die 1968er noch heute auf unsere Öffentlichkeit haben. Ein anderer Teil der Öffentlichkeit – und vielleicht ist es der größere – wird 1968 als Erfolgsgeschichte erzählen. Hier gilt 1968 als ein Aufbruch, der unsere ganze Öffentlichkeit, Kultur und Politik gründlich modernisiert und zivilisiert hat, der uns heute in Freiheit und Pluralität leben lässt, ein Aufbruch, der so sehr zur deutschen Geschichte dazu gehört, dass man gründlich stolz darauf sein kann. Tatsächlich haben viele wichtige Persönlichkeiten der gegenwärtigen Politik und Kultur mit 1968 ihre Karriere begonnen – und so ist 1968 ein Teil ihrer persönlichen Erfolgsgeschichte. (mehr…)

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Wutpilger Streifzüge 04-2018 http://aergernis.blogsport.de/2018/04/17/wutpilger-streifzuege-04-2018/ http://aergernis.blogsport.de/2018/04/17/wutpilger-streifzuege-04-2018/#comments Tue, 17 Apr 2018 12:00:24 +0000 Ærgernis Wutpilger http://aergernis.blogsport.de/2018/04/17/wutpilger-streifzuege-04-2018/ In der April-Ausgabe von Wutpilger-Streifzüge habe ich ein paar Dichtungen aus dem Freundeskreis einsprechen lassen und in eine hörbare Collage eingefügt. Es geht um Subkultur, Rausch und die Frage nach dem anderen Leben.

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Einige der in der Sendung erwähnten Fotos von Patrick Liebach können hier und hier betrachtet werden. In der Sendung verwendete Musik: Tony Conrad | Yoshi Wada | Charlie Megira | Jonny Kurt vs. Hank the Tank | Mommy Boys | Die Kassierer | NoMeansNo | Robert Schumann.

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Von ‚Crisis‘ zu ‚Death in June‘ http://aergernis.blogsport.de/2018/04/15/von-crisis-zu-death-in-june/ http://aergernis.blogsport.de/2018/04/15/von-crisis-zu-death-in-june/#comments Sun, 15 Apr 2018 18:27:55 +0000 Ærgernis Politics Melodie Radio http://aergernis.blogsport.de/2018/04/15/von-crisis-zu-death-in-june/ Über die Grauzone im Neofolk

Fans des ’70er-Jahre-Anarchopunk mögen sich über diese Nachricht freuen: Die britische Band „Crisis“ hat sich wiedervereinigt und wird in diesem Jahr unter anderem auf dem „Wave-Gothik-Treffen“ (WGT) in Leipzig spielen. Allerdings hat diese Nachricht einen faden Beigeschmack – sie ist im Zusammenhang mit einer Diskussion über die Grauzone in der „Schwarzen Szene“ zu sehen. Eine Diskussion, der sich diese Szene nie wirklich gestellt hat. Aus „Crisis“ ist Anfang der ’80er Jahre die Band „Death in June“ hervorgegangen, die das Genre des Neofolk maßgeblich geprägt hat und die sich immer wieder positiv auf die SA und den Strasser-Flügel der NSDAP bezogen hat. Um dieser Gemengelage auf den Grund zu gehen, haben ich ein Interview mit Peter Schulz geführt, der sich immer wieder kritisch mit dem Genre des Neofolk auseinandergesetzt hat. Ich habe ihn zunächst nach einer Definition des Neofolk gefragt.

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Ergänzend sei auf den sehr lesenswerten Text „Ästhetik des Eigensinns – Goth zwischen bürgerlichem Befreiungsideal und Duldung der Barbarei“ aus dem Cee Ieh hingewiesen, an dem Peter Schulz mitgeschrieben hat. In der 7. Ausgabe von „Kunst, Spektakel und Revolution“ werden Magdalena Gerwien und Peter Schulz einen Text über „Schwärze und Dunkelheit im Neofolk“ veröffentlichen. Die Ausgabe ist derzeit in Arbeit und wird in den nächsten Monaten erscheinen. In KSR N°3 schrieben sie bereits über „Risse im Traum – Neue Barbaren in Brechts Nordseekrabben“.

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Art is a weapon – Ein Film über Angel Wagenstein http://aergernis.blogsport.de/2018/04/05/art-is-a-weapon-ein-film-ueber-angel-wagenstein/ http://aergernis.blogsport.de/2018/04/05/art-is-a-weapon-ein-film-ueber-angel-wagenstein/#comments Thu, 05 Apr 2018 08:57:16 +0000 Ærgernis Film Radio http://aergernis.blogsport.de/2018/04/05/art-is-a-weapon-ein-film-ueber-angel-wagenstein/ Andrea Simon hat einen Film über den bulgarischen Drehbuchautoren Angel Wagenstein gemacht, der u.a. mit dem DEFA-Regisseur Konrad Wolf zusammengearbeitet hat. Ich habe mit ihr über Wagenstein und die Geschichte Bulgariens gesprochen und daraus einen Radio-Beitrag gebaut. Alle Infos zum Film und einen Trailer gibt es hier. Den Film „Sterne“ von Konrad Wolf, der im Beitrag eine zentrale Rolle spielt, für den Wagenstein das Drehbuch geschrieben hat, kann man hier ansehen. Eine Sendestrecke zur DEFA, in der auch ein Interview mit Jakob Hayner über Konrad Wolf enthalten ist, findet sich hier – ein Interview mit Andreas Kötzing vom Hannah-Ahrend-Institut Dresden über zensierte DEFA-Filme nach dem 11. Plenum des ZK der SED findet sich hier.

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Beat und Gammler, Konsum und Verweigerung http://aergernis.blogsport.de/2018/04/04/beat-und-gammler-konsum-und-verweigerung/ http://aergernis.blogsport.de/2018/04/04/beat-und-gammler-konsum-und-verweigerung/#comments Wed, 04 Apr 2018 14:45:43 +0000 Ærgernis Radio http://aergernis.blogsport.de/2018/04/04/beat-und-gammler-konsum-und-verweigerung/ Anlässlich seines morgigen Vortrags in Weimar habe ich ein Interview mit Wolfgang Seidel geführt. Er argumentiert darin, dass in der Studentenbewegung von 1968 bereits eine gewisse Verachtung gegenüber Arbeiter*innen anwesend war – weshalb der Weg von 1968 zu Hartz IV (verkörpert in Gerhard Schröder) als nicht zu abwegig erscheint. Statt einer Fokussierung auf das eine Jahr 1968 schlägt Seidel eine Betrachtung der long sixties vor. Innerhalb dieses Zeitraumes werden erhebliche Konflikte um Jugend, Ausbildung, Arbeit, Lebensstandard und Geschlechterverhältnisse ausgetragen. Das von Seidel erwähnte Gespräch zwischen Enzensberger, Dutschke und Rabehl im Kursbuch findet sich hier. Zum Thema 1968 sei außerdem die aktuelle Programmzeitung von Radio Corax empfohlen, deren Inhalte ihren Weg auf diesen Blog noch finden werden. Empfehlenswert ist auch die Lektüre des Buches Wir müssen hier raus! Krautrock, Freebeat, Reeducation (zu dem ich Wolfgang Seidel bereits hier interviewt habe).

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Wutpilger Streifzüge 03-2018 http://aergernis.blogsport.de/2018/04/03/wutpilger-streifzuege-03-2018/ http://aergernis.blogsport.de/2018/04/03/wutpilger-streifzuege-03-2018/#comments Tue, 03 Apr 2018 08:46:55 +0000 Ærgernis Wutpilger http://aergernis.blogsport.de/2018/04/03/wutpilger-streifzuege-03-2018/ In der Märzausgabe der Wutpilger-Sendung bin ich einmal darauf zurückgegangen, was eigentlich das Wutpilgern bedeutet. Dazu hört ihr Auszüge aus meiner ersten Sendung kombiniert mit aktuellen Überlegungen. Zu Wort kommen außerdem Gerd Roscher und Jan Bönkost, die ich kürzlich zur Geschichte des Arbeiter- und der Piratenradios interviewt habe. Flankiert wird das Ganze außerdem von Überlegungen zu den Grenzen des freien Radios, die Anna Lensen, Patrick Korchmar und Jerome Joswig einmal in eine radiophile Form gebracht haben. Also – es geht um die Wut, die Geschichte und das Radio-Machen.

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Den Himmel stürmen http://aergernis.blogsport.de/2018/03/01/den-himmel-stuermen/ http://aergernis.blogsport.de/2018/03/01/den-himmel-stuermen/#comments Thu, 01 Mar 2018 09:24:26 +0000 Ærgernis Literaturhinweis http://aergernis.blogsport.de/2018/03/01/den-himmel-stuermen/ Passend zur letzten Wutpilger-Sendung, in der immer wieder auch von „Klassenzusammensetzung“ die Rede gewesen ist, spiegele ich hier eine Rezension, die ich vor ein paar Jahren zur Bewerbung eines Vortrags über den Operaismus geschrieben habe. Besprochen wird darin das Buch „Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus“.

Aspekte eines Kampf-Zyklus und einer großen Niederlage

Üblicherweise gilt Frankreich als Zentrum der 68′er-Revolte – hatten sich doch hier die Kämpfe in den Fabriken mit der Studentenbewegung zur „Bewegung der Besetzungen“ verbunden, die schließlich sogar in einem Generalstreik landesweit die Produktion lahmlegte. Demgegenüber werden die Kämpfe, die nach 1968 in Italien stattfanden, oft vergessen – und das obwohl hier das Bündnis zwischen linksradikaler Studentenbewegung und nicht-normierten Klassenkämpfen in den Fabriken viel weiter ging und sich die Kämpfe beinahe über ein Jahrzehnt erstreckten, die schließlich in einen blutigen Bürgerkrieg mündeten. In den 60′er und 70′er Jahren entstand in Italien eine Bewegung, die ihre Höhepunkte 1969 und 1974 hatte. Auf der einen Seite wurden vor allem im Norden Italiens extrem militante Kämpfe in den Fabriken geführt, die sich jenseits der üblichen Organisationsformen von Partei und Gewerkschaft Bahn brachen und in deren Rahmen teilweise Forderungen gestellt wurden, die einen Ruin der Kapital-Seite bewusst in Kauf nahmen. Teilweise wurden überhaupt keine Forderungen gestellt, sondern einzig die Zerstörung der Lohnarbeit anvisiert: „Wir wollen Alles.“ Auf der anderen Seite entwickelte sich eine eher subkulturell geprägte Strömung, die die Lebensbedingungen außerhalb der Fabrik ins Visier nahm – eine vielseitige Bewegung, die in den Schulen, an den Universitäten, in der Psychatrie und im Gefängnis, in den Stadtteilen und in Form von Hausbesetzungen kämpfte. Dieser radikale Kampf-Zyklus endete schließlich in einer fatalen Niederlage – die Konfrontation mit dem Staat hatte sich zugespitzt und ein Teil der Bewegung hatte geglaubt, den Kampf durch die Bildung spezialisierter bewaffneter Gruppen militärisch entscheiden zu können. Noch in diesem Stadium zeigt sich der Unterschied zu anderen europäischen Ländern: während sich bspw. die RAF größtenteils aus einem studentisch-kleinbürgerlichen Milieu rekrutiert hat, waren die Mitglieder der „Brigate Rosse“ (Rote Brigaten) vorwiegend selbst Fabrikarbeiter. Der italienische Staat sollte schließlich zu einem Schlag aushholen, der sich nicht nur gegen die bewaffneten Gruppen sondern gegen die Kämpfe insgesamt richten sollte und der Konflikt militarisierte sich immer mehr. Am Ende konnte sich der Staat in diesem Konflikt mit Hilfe von Sondergesetzgebungen und faschistischen Gruppen durchsetzen, zahlreiche Genoss_innen verloren das Leben, Tausende landeten in den Knästen.

Den konzentriertesten theoretischen Ausdruck dieser Kämpfe entwickelten die sogenannten Operaisten – ursprünglich eine abfällige Fremdbezeichnung im Sinne von „Arbeitertümler“, später eine Selbstbezeichnung. Diese theoretische Strömung entwickelte sich vor allem um zahlreiche Zeitschriftenprojekte wie z.B. „Quaderni Rossi“, „Classe Operaia“, „Lotta Continua“ und „Primo Maggio“. Die bekanntesten Autoren die in diesen Kreisen wirkten sind Raniero Panzieri, Mario Tronti, Toni Negri und Sergio Bologna. Dabei war der Operaismus keineswegs eine homogene Theorieströmung – im Gegenteil besteht die Geschichte des Operaismus in unzähligen Disputen und Spaltungen. Gemeinsam war dieser Generation junger marxistischer Intellektueller, dass sie Ende der fünziger Jahre früh erkannten, dass sich vor allem durch die Migrationsbewegung aus dem Süden Italiens im italienischen Norden grundsätzliche Veränderungen in der Arbeiterklasse ergaben. Sie erkannten, dass die neuen Arbeitsbedingungen mit dem Einzug eines modernisierten Fordismus in Italien völlig neue Bedingungen der Klassenauseinandersetzung hervorbrachten, die von den etablierten Institutionen der Arbeiterbewegung überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurden. So erforschten sie Klassenkämpfe, die sich jenseits der etablierten und eingespielten Rituale wie unter der Oberfläche abspielten und sie entdeckten den „Massenarbeiter“, der im Gegensatz zum alten Facharbeiter seiner Arbeit völlig fremd war und so auch viel destruktivere Kampfesformen entwickelte.

Das Buch „Den Himmel stürmen – eine Theoriegeschichte des Operaismus“, bereits 2005 bei Assoziation A erschienen, rekonstruiert die Auseinandersetzungen und Forschungsbemühungen der Operaisten vor allem anhand des Begriffes der „Klassenzusammensetzung“. Dieser Begriff kennzeichnet einerseits den Umstand, dass Klasse nie ein statischer Block ist, sondern sich ständig in Bewegung befindet und mit jedem Modernisierungsschub, mit jedem neuen Akkumulationsregime neue Arbeiter-Typen hervorbringt. Wichtig für die Operaisten war es andererseits zu zeigen, dass die Klassenzusammensetzung vor allem auch durch die Anforderungen der Maschinerie bedingt ist. Sie kämpften gegen den Mythos von der Neutralität der Technik und waren der Überzeugung, dass Techniken der Produktion immer auch als Machtmittel gegen Klassenkämpfe eingesetzt werden (etwa durch die Zergliederung eines Produktions-Sektors, die einerseits eine technische Effizienz hervorbringt, andererseits eine Konzentration von Arbeitskräften in einem Raum, in dem die gemeinsame Betroffenheit sinnlich erfahrbar wird, verhindert). So wie technische Innovationen immer auch Machtmittel sind, so bringen sie andererseits immer wieder neue Kampfesbedingungen hervor, die das Kapital nie ganz beherrschen kann – die Operaisten zeigen, dass Kapitalakkumulation niemals ohne Konflikte vonstatten gehen kann, auch wenn diese nicht immer für jeden sichtbar sind.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Operaismus besteht darin zu zeigen, dass die Bewegungen des Kapitals kein vollkommener Selbstläufer sind – sie widersprechen einer „objektivistischen“ Lesart des Kapitals, in dem dessen Zyklen allein von Konkurrenz und Krisen bedingt sind. Gerade weil die Arbeiterklasse als variabler (lebendiger) Kapital-Anteil unweigerlich zum Verwertungsprozess dazu gehört, hängen die Bedingungen und der Erfolg der Kapitalakkumulation auch erheblich davon ab, wie sich die Arbeiterklasse verhält. Während der realistische Flügel des Operaismus so eine unglaubliche Blickschärfe für die Analyse von Klassenverhältnissen und Produktionskreisläufen entwickelte, verstiegen sich Teile des Operaismus gar in einer Art „Klassen-Subjektivismus“, in der jede Krise des Kapitals die Ursache eigentlich in Klassenkämpfen hat.

Die Stärke des Buches „Der Himmel stürmen“ besteht darin, dass es durchaus Ambivalenzen in der Theoriegeschichte des Operaismus aufzeigt. So zeigt Steve Wright etwa, dass sich Teile des Operaismus so sehr in den Massenarbeiter vernarrten, dass sie glaubten, er allein könne die Revolution vom Zaun brechen und dass durch diese dogmatische Blickverengung nicht nur andere Klassen-Fraktionen sondern überhaupt das Leben jenseits der Fabrik (auch ein Massenarbeiter muss schließlich zu Hause schlafen und macht etwas in der Freizeit) vollkommen aus dem Blick gerieten. Andere Figuren wie etwa der „gesellschaftliche Arbeiter“ von Toni Negri blieben völlig unbestimmt und waren eher mythologischer Hoffnungsträger als eine analytische Kategorie mit Erklärungskraft. Auch wenn er es ausführlicher behandeln hätte können, zeigt Steve Wright auch, dass die Operaisten ein sexistischer Männerhaufen waren – Feministinnen wie Mariarosa Dalla Costa und Silvia Federici mussten sich von den operaistischen Männer-Gruppen trennen, um die Erforschung der Geschlechter- und Reproduktionsverhältnisse (dann eigenständig, etwa in Gruppen wie „Lotta Feminista“) vorantreiben zu können. Nichts destotrotz konnten die feministischen Gruppen auch von den Neuerungsimpulsen zehren, die der Operaismus in Gang gesetzt hatte. Und auch die dogmatische Versteifung auf den Massenarbeiter teilten nicht alle Operaisten – Teile der operaistischen Strömung entwickelten gerade eine Aufmerksamkeit für Belange der Freizeit, der Reproduktion, der Kultur und der Geschichte. Steve Wright hebt etwa lobend die Zeitschrift „Primo Maggio“ hervor – eine der späteren operaistischen Gruppierungen –, die vor allem einen Fokus auf eine kritische Geschichtswissenschaft legte, die Geschichte der Revolutionsversuche und untergründigen Klassenauseinandersetzungen erforschte und dabei einiges geleistet hat, was für uns heute immer noch von größtem Interesse ist.

Das Buch „Den Himmel stürmen“ schreibt eine Theoriegeschichte. Zwar illustriert Wright diese Geschichte auch immer wieder mit wichtigen Ereignissen der Klassenauseinandersetzung in Italien (was für eine Darstellung des Operaismus auch unabdingbar ist), aber ein vollständiges Bild der Bewegung im Italien der 60′er und 70′er Jahre zeichnet dieses Buch nicht. Hierzu sei etwa das Buch „Die Goldene Horde“ von Nanni Balestrini und Primo Moroni empfohlen, in dem die Autoren expliziter auf die Arbeiterautonomie, die Jugendrevolte und den bewaffneten Kampf in Italien eingehen. Nanni Balestrini ist auch Autor einer Roman-Trilogie, die von jener Zeit handelt. Wer sich erst einmal mit der Atmosphäre jener Zeit und dem Bewegungshintergrund beschäftigen will, aus dem der Operaismus hervorging, dem sei Balestrinis Buch „Die Unsichtbaren“ empfohlen. Das Buch zeichnet anhand der Erlebnisse des Ich-Erzählers nach, wie das Klima im Norden Italiens in den kleineren Städten war, wie für Viele jener Geration bereits die kämpferischen Auseinandersetzungen in der Schule prägend waren, wie sich die „diffuse Autonomie“ in den Stadtteilkämpfen und der Hausbesetzerbewegung radikalisierte, wie diese Bewegung die Verbindung zu den Kämpfen in den Fabriken suchte, wie sich ein Teil der Autonomie-Bewegung schließlich bewaffnete und in der Frage um die Militarisierung des Konflikts spaltete und wie sich zahlreiche Genoss_innen (ob nun bewaffnet oder nicht) in den Knästen wiederfanden und dort versuchten, die Kämpfe weiter zu führen. Diese Entwicklungen werden parallel nachgezeichnet – die verschiedenen Erlebnisse des Erzählers sind derart ineinander verschoben, dass der Eindruck einer Epoche entsteht, in der eine unglaublich konzentrierte Entwicklung vor sich ging: jeder Revolutionsanlauf ist eine Beschleunigung und Verdichtung von Geschichte. Dieser Endruck wird noch dadurch verschärft, dass Balestrini vollkommen auf Satzzeichen verzichtet hat – es gibt, ganz wörtlich genommen, keinen Punkt und kein Komma. Das Buch ist dabei im Rückblick sehr schonungslos – es zeigt eine unglaubliche Brutalisierung auch innerhalb der Bewegung und zeichnet schließlich eine umfassende Niederlage nach. Der Roman ist nicht ermutigend – aber er ist lehrreich, das heißt er zwingt uns dazu, einer Niederlage ins Auge zu blicken, ohne deren Erkenntnis kein Weg nach vorne weisen wird. Die Geschichte Italiens ist mit der Geschichte Europas und mit jener der weltweiten Klassenkämpfe verbunden – eine linksradikale Bewegung sollte sich diese Geschichte (in ihren praktischen und theoretischen Aspekten) aneignen, denn sie muss um ihre Vergangenheit wissen und braucht ein Bewusstsein davon, dass das Kapitalverhältnis und die ihm inhärenten Widersprüche und Konflikte eine globale Verstrickung sind.

Literaturhinweise:

Steve Wright, Den Himmel Stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus, Berlin/Hamburg 2005.

Balestrini / Moroni, Die goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien, Berlin/Hamburg 2002.

Nanni Balestrini, Die Unsichtbaren. Roman, Berlin/Hamburg/Göttingen 2001.

Deutsche Übersetzungen von wichtigen Texten des Operaismus im Netz.

Interview mit Christian Frings über den Operaismus und zur Kritik des Sozialstaats.

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Ich möcht‘ einmal am Sender steh‘n http://aergernis.blogsport.de/2018/02/27/ich-moecht-einmal-am-sender-stehn/ http://aergernis.blogsport.de/2018/02/27/ich-moecht-einmal-am-sender-stehn/#comments Tue, 27 Feb 2018 14:22:57 +0000 Ærgernis Radio http://aergernis.blogsport.de/2018/02/27/ich-moecht-einmal-am-sender-stehn/ Am 27.03.2018 wird im Medienpädagogik Zentrum Hamburg der Film „Ich möcht‘ einmal am Sender steh’n ! – Die Arbeiter-Radio-Bewegung in den zwanziger Jahren“ von Gerd Roscher und Jutta Herrcher gezeigt. Neben den beiden Filmemacher/innen sind danach zu einem Podiumsgespräch Aktivist/innen vom FSK und von Radio Corax und Jan Bönkost vom Archiv der sozialen Bewegungen Bremen geladen. Aus Anlass dieser Veranstaltung habe ich mit Gerd Roscher und Jan Bönkost ein Interview geführt. Es geht darin um die Geschichte der Bewegung für ein Arbeiterradio, die Geschichte der Piratenradios und um die heutige Rolle von freien Radios. Es sind doch ein paar gute Gedanken dabei. Weitere Interviews zur Geschichte der Arbeiterbewegung gibts hier.

Ein längeres Gespräch mit Gerd Roscher gibt es hier. Viele weitere Gespräche zur Geschichte (freier) Radios finden sich im Audioarchiv der „Radio-Revolten“. Passend zum Thema erscheint übrigens bald ein Buch über die Radio-Revolten, für das ich auch einen Beitrag zum Verhältnis von Kunst, Avantgarde und gesellschaftskritischem Radio geschrieben habe. Damit der Druck dieses Buches finanziert werden kann fährt Corax zur Zeit eine Startnext-Kampagne, die ihr hier unterstützen könnt. Weitere Interviews zur Geschichte der Arbeiterbewegung gibts hier.

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Wutpilger Streifzüge 02-2018 http://aergernis.blogsport.de/2018/02/20/wutpilger-streifzuege-02-2018/ http://aergernis.blogsport.de/2018/02/20/wutpilger-streifzuege-02-2018/#comments Tue, 20 Feb 2018 10:31:12 +0000 Ærgernis Wutpilger http://aergernis.blogsport.de/2018/02/20/wutpilger-streifzuege-02-2018/ In der Februar-Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge habe ich ein ausführliches Interview mit Charlotte Mohs, Marco Bonavena und Johannes Hauer geführt. Es ging im Interview um das linke Sprechen über die Klasse und den Formenwandel der Klassengesellschaft. Anlass für das Interview war der Text „Abschied von der Klassenmetaphysik. Formwandel der Klassengesellschaft, Paralyse der Kritik“, den die drei in der letzten Ausgabe der Zeitschrift Phase 2 veröffentlicht haben. Der Text kann hier nachgelesen werden.

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Mythos ‚Mitte‘ http://aergernis.blogsport.de/2018/02/14/mythos-mitte/ http://aergernis.blogsport.de/2018/02/14/mythos-mitte/#comments Wed, 14 Feb 2018 11:42:05 +0000 Ærgernis Geflattert Radio http://aergernis.blogsport.de/2018/02/14/mythos-mitte/ Im letzten Jahr ist im Verlag Bertz+Fischer (in dem immer wieder sehr interessante Bücher erscheinen, oft auch im kleineren Format) ein Buch mit dem Titel „Mythos ‚Mitte‘ – Oder: Die Entsorgung der Klassenfrage“ erschienen. Der Autor Ulf Kadritzke kritisiert darin einerseits eine gesellschaftliche Selbstwahrnehmung als „Mittelstandsgesellschaft“ und weist andererseits Widersprüche in gängigen soziologischen Theorien zum Mittelstand nach. Vor dem Hintergrund von Forschungen zum Angestellten-Milieu in der Weimarer Republik (u.a. von Theodor Geiger, Carl Dreyfuss, Siegfried Kracauer) skizziert er, was eine Analyse der Klassengesellschaft heute leisten müsste. Dabei beharrt Kaditzke auf dem Klassencharakter der bestehenden Gesellschaft, wobei er sich auch gegen einen „Klassenreduktionismus“ wendet: Eine kritische Gesellschaftstheorie, die nicht jenseits der Klassen denkt, hätte auch zu erklären, warum sich so viele Lohnabhängige als „Mittelstand“ begreifen. Das Buch ist m.E. als Anregung zu lesen – es ist mehr eine methodische Vorüberlegung als eine gegenwärtige Zuwendung zur Klassengesellschaft selbst. Nimmt man es als solche, enthält es auch einige Argumente gegen linke/linksradikale Theorien, die sich von der Klasse verabschiedet haben.

Die weitere Arbeit an einer Klassenanalyse, die der Marx’schen Theorie verpflichtet bleibt, wäre ein notwendiger Schritt im Versuch, die Rolle der modernen lohnabhängigen Mittelklassen zu klären. Gegenüber klassenreduktionistischen Vorstellungen ist daran zu erinnern, dass im Verhältnis von Arbeit und Kapital die gemeinsame ökonomische Klassenlage zwar den Raum der objektiven Interessen konstituiert, aber ‚nicht unmittelbar‘ das gesellschaftliche Bewusstsein oder gar das politische Handeln bestimmt. (73)

Machte sich die Phrase von der Mitte zur Tat auf, könnte sie wieder leicht bei der ‚Volksgemeinschaft‘ anlangen.“ (84)

Ich habe ein Interview mit Ulf Kadritzke geführt, wobei ich ihn zunächst gefragt habe, wie er das öffentliche Sprechen über die Mitte wahrnimmt und was der Anlass zur Veröffentlichung seines Buches gewesen ist:

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AfD und Neoliberalismus http://aergernis.blogsport.de/2018/02/14/afd-und-neoliberalismus/ http://aergernis.blogsport.de/2018/02/14/afd-und-neoliberalismus/#comments Wed, 14 Feb 2018 11:18:13 +0000 Ærgernis Politics Radio http://aergernis.blogsport.de/2018/02/14/afd-und-neoliberalismus/ Björn Oellers hat bei Kritiknetz einen Text veröffentlicht, in dem er die neoliberalen Elemente in den Programmen der AfD herausgearbeitet hat. Auf Basis seines Textes habe ich ein Interview mit ihm geführt:

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Das doppelte Gesicht des Sozialstaats http://aergernis.blogsport.de/2018/01/29/das-doppelte-gesicht-des-sozialstaats/ http://aergernis.blogsport.de/2018/01/29/das-doppelte-gesicht-des-sozialstaats/#comments Mon, 29 Jan 2018 15:35:38 +0000 Ærgernis Politics Geflattert Radio Text http://aergernis.blogsport.de/2018/01/29/das-doppelte-gesicht-des-sozialstaats/ In der Februar/März-Ausgabe der Programmzeitschrift von Radio Corax habe ich einen kleinen Text zur Kritik des Sozialstaats formuliert. Untenstehend findet sich eine ungekürzte Version des Artikels. Im Heft (das in wenigen Tagen auch online einsehbar ist) sind außerdem weitere Texte enthalten: Zum Bafög, zu aktuellen Entwicklungen des Sozialstaats und zur Debatte um die Sozialstaatskritik.

Skizzenartige Ausführungen zur Geschichte und Kritik des Sozialstaats

Der Bezug auf den Sozialstaat ist so selbstverständlich, wie das Prinzip der Sozialstaatlichkeit umkämpft ist. Linke Aktivist*innen rufen zu seiner Verteidigung auf, Politiker*innen von Union und SPD führen zu seiner Rettung Sparmaßnahmen durch, besorgte Bürger*innen sehen ihn von Flüchtlingsströmen bedroht, während rechte Libertäre den Sozialstaat als sozialistisch-autoritären Eingriff in die Freiheit des Individuums geißeln. In einer solch widersprüchlichen Gemengelage lohnt es sich, einen Blick in die Geschichte zu werfen, um zu einem Begriff des Sozialstaats zu gelangen – hier skizzenhaft versucht in Einschränkung auf seine deutsche Version.

Die Ursprünge des Sozialstaats sind in den Folgen der Industrialisierung zu suchen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich auch in Deutschland Städte, die von den enormen Auswirkungen der industriellen Arbeitswelt geprägt waren: Wohnungsnot, Pauperismus, physisch zerschundene und moralisch verwahrloste Arbeiter*innen, Arbeitslosigkeit. Die Tendenz ging dahin, dass industrielle Kapitalist*innen derart auf Arbeitskräfte zugriffen, dass das Überleben eines großen Bevölkerungsteils – oder: einer ganzen Klasse – infrage gestellt war: Arbeiter*innen wurden regelrecht verheizt. Auf diesen Umstand reagierten zwei gesellschaftliche Kräfte: Auf der einen Seite die historische Arbeiter*innenbewegung, deren Teile sich 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammenschlossen, auf der anderen Seite der sich modernisierende preußische Staat. Während innerhalb der Arbeiter*innenbewegung der konstruktive Bezug auf den Staat umstritten blieb (was sich in Fraktionskämpfen innerhalb der Sozialdemokratie ausdrückte), führte Bismarck ab 1883 in mehreren Etappen die erste Sozialgesetzgebung in Deutschland ein: Krankenversicherung, Unfallversicherung und gesetzliche Rentenversicherung. Diese Gesetzgebungen waren nach innen und außen gerichtet: Mit ihnen moderierte der preußische Staat den nationalen Klassengegensatz und machte ihn zugleich wettbewerbsfähig gegenüber der internationalen Konkurrenz. Denn wollte er bestehen, musste er dafür sorgen, dass die Grundlage eines solchen ökonomischen Erfolgs – ein dauerhaft bestehendes Reservoir an Arbeitskräften – für seinen Zweck nicht zerschlissen wurde und vielmehr die neuen Zumutungen der modernen Industriearbeit aushalten können sollte. Die frühe Sozialgesetzgebung geht einher mit der Einrichtung einer modernen Infrastruktur – Halle ist mit seinem großen Arbeitsamt am Steintor, den Arbeitersiedlungen und der Straßenbahn ein historischer Vorreiter. Teilweise sind die Forderungen der historischen Arbeiter*innenbewegung in die frühen Formen der Sozialstaatlichkeit eingegangen – sie haben sich aber auch gegen sie gerichtet: Bismarck wollte mit seiner Sozialgesetzgebung auch die revolutionären Bestrebungen der Arbeiter*innenbewegung entschärfen – die Arbeiter*innen sollten an den Staat gebunden werden, der Übergang der vormals selbstorganisierten Krankenkassen an den Staat sollte der Arbeiter*innenbewegung einen Organisierungsanreiz nehmen. Schließlich fallen die Sozialistengesetze (Verbot aller sozialistischen Organisationen und ihrer Publikationsorgane) in den selben Zeitraum.

Eine Festigung erfuhr der deutsche Sozialstaat im Ersten Weltkrieg. Die anfängliche Kriegsbegeisterung wurde im Verlauf des Krieges mit der Realität konfrontiert, die eine kriegsbedingte Umstellung der Produktion bedeutete: unmittelbarer Arbeitszwang, verschärfte Repression, Lebensmittelrationierung, allgemeines Elend. Dass an der Front reihenweise Arbeiter*innen verheizt wurden, führte nicht nur zu einer umfassenden Empörung innerhalb der Arbeiterschaft, sondern auch zu einer völlig neuen Situation: Zum ersten Mal waren weniger Arbeitskräfte vorhanden, als für die Produktion benötigt wurde – was die kämpfenden Arbeiter*innen als einen enormen Machthebel nutzen konnten. So wurden im Ersten Weltkrieg Institutionen und Gesetze erkämpft, die später zum festen Bestandteil des Sozialstaats wurden: Arbeiterausschüsse (eine Vorform der Betriebsräte), offizielle Anerkennung der Gewerkschaften als legitime Vertretung der Arbeiterschaft, staatliche Erwerbslosenfürsorge und Nachtarbeitsverbot für Bäcker*innen. Diese Entwicklung hat wieder ein doppeltes Gesicht: Auf der einen Seite wurden so im Inneren Arbeits- und Organisationsbedingungen verbessert – auf der anderen Seite waren diese Verbesserungen, die den inneren Frieden sicherten, Voraussetzung für die imperialistische Kriegsführung des deutschen Staates. Der Krieg wurde durch den Burgfrieden von den Gewerkschaften mitgetragen.

Die revolutionären Arbeiter*innen haben den Ersten Weltkrieg beendet (Bewegung der Arbeiter- und Soldatenräte), während die reformistischen Arbeiter*innenorganisationen nach dem Ende des Krieges das Heft des Staates in die Hand nahmen (SPD). In der Weimarer Republik erfuhr der Sozialstaat einen weiteren Ausbau. Der Staat begann in viel größerem Ausmaß in das soziale Leben der Gesellschaft einzugreifen: Er etablierte eine Kranken- und Unfallversicherung, Invaliden- und Altersrente, sowie die Arbeitslosenversicherung – überhaupt wurde er zu einem Vermittler in Klassenauseinandersetzungen aber auch zu einem wichtigen Akteur und Regulator des Wirtschaftens. Auch in der Weimarer Republik ist der Sozialstaat nicht einfach eine Erfolgsgeschichte der Arbeiter*innenbewegung, auch wenn diese zu seiner Festigung beigetragen hat. Denn der Sozialstaat musste in dieser Zeit auch in heftigen Klassenkämpfen gegen Teile der Arbeiter*innenbewegung durchgesetzt werden, die den Gegensatz von Kapital und Arbeit überhaupt aus der Welt schaffen wollten.

Dieser doppelte Charakter des Sozialstaats bekommt im Nationalsozialismus eine eigentümliche Zuspitzung: Der Erfolg der Nation auf Grundlage eines die Arbeiter*innen zerstörenden Wirtschaftens sollte auch hier gewährleistet sein; auch wenn die Nazis als erste innenpolitische Maßnahme alle Arbeiter*innenorganisationen zerschlugen, stützten sie ihre Herrschaft auch auf sozialstaatliche Institutionen und bauten diese sogar aus. Der ideologische Zusammenschluss von Arbeit und Kapital in der Volksgemeinschaft sollte auch durch sozialstaatliche Maßnahmen herbeigeführt werden: Die Deutsche Arbeitsfront sollte die Arbeiter*innen in den Staat integrieren, das Programm „Kraft durch Freude“ sollte sie ideologisch und sozial in ihrer Freizeit betreuen, es gab Kindergeld, Rentenversicherung, verpflichtende Krankenversicherung, einen Ausbau der Gesundheitspolitik. Dabei ist klar: Alle sozialstaatlichen Maßnahmen waren integriert in den autoritären Führerstaat, die Gesundheitspolitik ging einher mit Euthanasie und Rassenhygiene, die Entlastung des Arbeitsmarkts war nur durch einen Ausbau der Rüstungsindustrie möglich, die der Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs diente. Obwohl große Teile der deutschen Arbeiterschaft den Nationalsozialismus aktiv mittrugen oder ihn zumindest akzeptierten, bedeutete seine Herrschaft und deren Kriegsführung insgesamt eine enorme Verschlechterung der Situation von Arbeiter*innen.

Die weitere Entwicklung des Sozialstaats ist eng verbunden mit der wirtschaftlichen Prosperität der Nachkriegszeit: Der deutsche Kapitalismus machte sich vermehrt daran, was Ford bereits Jahrzehnte vorher in den USA erfolgreich bewerkstelligt hatte, nämlich das eigene Arbeitsheer als Konsumentenschicht zu erschließen und auch erst zu schaffen. Ein Mittel hierfür wird die sogenannte Sozialpartnerschaft: Die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften wird gesetzlich verankert, um eine Arbeiterschaft zu formen, die nun in Kleinfamilienhäusern lebt und Einbauküchen, Auto, Fernseher und Kühlschrank besitzt. Seitdem kommt keine politische Partei mehr daran vorbei, sich um Fragen von Familien-, Gesundheits-, Renten- und Arbeitsmarktpolitik zu kümmern, wenn sie denn regieren will. Ich verzichte hier auf eine weitere Skizzierung der Entwicklung des Sozialstaats (vom Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit zum aktivierenden Sozialstaat und Hartz IV), weil dies auch Gegenstand des Textes von Malina Schwarz ist.

Die historischen Ausführungen geben einige Anhaltspunkte, um – in aller Knappheit – zu einem analytischen Urteil über den Sozialstaat zu kommen. Der Sozialstaat reagiert auf ein grundlegendes Problem der kapitalistischen Produktionsweise, das Marx so gefasst hat: „Der Eigentumslose ist mehr geneigt, Vagabund und Räuber und Bettler als Arbeiter zu werden.“ (MEW 42, 631) Damit sich die Arbeiter*innen als Arbeitskraft in den von ihnen getrennten, arbeitsteiligen und hochspezialisierten Prozess der Warenproduktion integrieren, bedürfen sie als Klasse einer dauerhaften, umfassenden Betreuung und Bearbeitung. Damit sich die Klasse der Lohnabhängigen (als bar von Eigentum an Produktionsmitteln) dauerhaft erhalten kann, organisiert der Staat eine Umverteilung innerhalb dieser Klasse: Alle Beschäftigten sind verpflichtet, einen Teil ihres Einkommens abzugeben, damit ein Fonds zur Ausbildung und Spezialisierung der Arbeitskräfte einerseits und der Betreuung der Kranken, Alten und Arbeitslosen andererseits zur Verfügung steht. Die „positiven“ Aspekte dieser Art von Staatlichkeit – dass die Lohnabhängigen nicht unmittelbar vom Tod bedroht sind und eine Befähigung zur Lohnarbeit in Form von Ausbildung erhalten – sollten nicht darüber hinwegtäuschen: Die sozialstaatliche Absicherung verpflichtet einen Teil der Bevölkerung zum lebenslangen Dasein als Lohnabhängige und impliziert die damit verbundenen Normierungen, Kontroll-, Repressions- und Disziplinierungsmaßnahmen. Der Sozialstaat hebt den Klassenwiderspruch nicht auf, sondern gibt ihm eine dauerhafte Verlaufsform. Der Staat tritt als dritte Partei zwischen Arbeiter*innen und Kapitalist*innen, weil er selbst ein Interesse an erfolgreicher Kapitalakkumulation hat und sein eigenes Personal aus einem Teil des Mehrwerts finanziert. Er verpflichtet Arbeiter*innen und Kapitalist*innen auf eine Produktionsweise, die der Logik des Privateigentums (d.h. der Profitmaximierung) folgt und kompensiert “sozial”, was seine Wirtschaft sonst ruinieren würde. Dabei überwacht er, dass einzelne Kapitalfraktionen anderes Eigentum nicht dauerhaft zerstören (entweder die Arbeitskraft als Eigentum der Arbeiter*innen oder die Wirtschaftsmittel anderer konkurrierender Kapitale) und fängt jene Arbeitskräfte auf, die vom Kapital momentan nicht gebraucht werden. Diese “Schutzmaßnahmen” sind dabei kein Angebot zum Leben, sondern basieren auf der Maßgabe: Zurück zum Dienst am Eigentum (also zur Lohnarbeit). Der Sozialstaat stellt den vermittelten Arbeitszwang in zwei Weisen sicher, die sich historisch oder national unterscheiden: Durch das Lohnabstandsgebot einerseits, das verhindert, dass man von „Ersatzleistungen“ leben kann (klassischer Wohlfahrtsstaat)1 oder durch die repressive Vermittlung in die Arbeit hinein auch zu schlechtesten Bedingungen andererseits (Hartz IV)2. Der Sozialstaat geht zudem einher mit folgenreichen Spaltungen innerhalb der Klasse: Er bindet z.B. das (staatlich gerahmte) Interesse der Arbeiter*innen an „ihre“ Nation und setzt sie so in Konkurrenz zu denen, die nicht dazu gehören – obwohl sie gemeinsame Interessen zu verteidigen hätten.

Auch wenn es notwendig ist, sich gegen Modifizierungen oder Abbau des Sozialstaats zu wehren, wenn dies die Lebensbedingungen verschlechtert: Wer sich eine selbstbestimmte Organisierung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit vorstellen kann, die nicht nach Maßgabe privater Profitmaximierung oder staatlichem Konkurrenzerfolg ausgerichtet ist, sondern nach Bedürfnisbefriedigung und individueller Entfaltung – der muss auch über den Sozialstaat hinaus: Hin zu wirklicher Solidarität und Fürsorge.

Tipps zum Weiterlesen:

Paul Lapinski: Der ‚Sozialstaat‘. Etappen und Tendenzen seiner Entwicklung

Christian Frings: Kritik der Sozialstaatsillusion. Enteignung, Vereinzelung, Befriedung: Was gibt es da zu verteidigen? (in „Analyse und Kritik“ Nr. 556)

Ingo Stützle: Spaltender Sozialstaat. Die Rede von der Belastungsgrenze zeugt von sozialdemokratischen Überzeugungen (in „Analyse und Kritik“ Nr. 613)

Zum Hören:

Christian Frings im Interview mit RADIO CORAX zur Kritik des Sozialstaats

  1. Das Lohnabstandsgebot bedeutet, dass eine “Transferleistung” erheblich niedriger sein muss, als der vorher bezahlte Lohn – sodass ein “Anreiz” bestehen bleibt, die Lohnarbeit wieder aufzunehmen. [zurück]
  2. Mit Hartz IV ist das Lohnabstandsgebot faktisch nicht mehr gegeben: Hartz-IV-Empfänger*innen müssen ein Arbeitsangebot annehmen, auch wenn sie davon nicht mehr Geld zu erwarten haben, als sie mit ALG II bezogen haben. Da somit kein “Anreiz” mehr besteht, hilft das Jobcenter mit den entsprechenden Sanktionsmaßnahmen nach. [zurück]
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Wutpilger-Streifzüge 01-2018 http://aergernis.blogsport.de/2018/01/21/wutpilger-streifzuege-01-2018/ http://aergernis.blogsport.de/2018/01/21/wutpilger-streifzuege-01-2018/#comments Sun, 21 Jan 2018 20:21:55 +0000 Ærgernis Wutpilger http://aergernis.blogsport.de/2018/01/21/wutpilger-streifzuege-01-2018/ In der Januarausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge habe ich mich mit dem Verhältnis von Rosa Luxemburg zu den Bremer Linksradikalen beschäftigt. Dazu kommt ausführlich Jörg Wollenberg zu Wort, der hier einen Text zum selben Thema veröffentlicht hat. Musikalische Rahmung: Hanns Eisler, Vashty Bunyan, Gentle Giant, Le Scrawl, Nick Drake.

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Wutpilger-Streifzüge 12-2017 http://aergernis.blogsport.de/2017/12/12/wutpilger-streifzuege-12-2017/ http://aergernis.blogsport.de/2017/12/12/wutpilger-streifzuege-12-2017/#comments Tue, 12 Dec 2017 09:34:50 +0000 Ærgernis Wutpilger http://aergernis.blogsport.de/2017/12/12/wutpilger-streifzuege-12-2017/ In der Dezember-Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge habe ich zwei Manifestationen diverser Ausflüge in die Gefilde der Radiokunst zum Besten gegeben: Einerseits mein Eröffnungsbeitrag zur Gründung des „Free International Radio Prague“ Anfang Dezember in Prag, andererseits eine radiophile Rede bei einer Performance in Bitterfeld am 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. Musik: Human Abfall.

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Wutpilger-Streifzüge 11-2017 http://aergernis.blogsport.de/2017/11/19/wutpilger-streifzuege-11-2017/ http://aergernis.blogsport.de/2017/11/19/wutpilger-streifzuege-11-2017/#comments Sun, 19 Nov 2017 09:45:27 +0000 Ærgernis Wutpilger http://aergernis.blogsport.de/2017/11/19/wutpilger-streifzuege-11-2017/ In der November-Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge habe ich einige Auszüge von Nachkriegsliteratur collagiert: „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf, „Rummelplatz“ von Werner Bräunig und „Unmögliche Beweisaufnahme“ von Hans-Erich Nossack. Siehe auch meine Besprechung von „Rummelplatz“. Musik: Max Butting, Glen or Glenda und […].

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Now they‘ve changed their tune http://aergernis.blogsport.de/2017/10/30/now-theyve-change-their-tune/ http://aergernis.blogsport.de/2017/10/30/now-theyve-change-their-tune/#comments Mon, 30 Oct 2017 07:22:11 +0000 Ærgernis Melodie http://aergernis.blogsport.de/2017/10/30/now-theyve-change-their-tune/

„Katie Cruel“ von Karen Dalton gehört meines Erachtens zu einem der schönsten Songs der Country- bzw. Folk-Geschichte um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Allein die raue Stimme von Karen Dalton erzählt etwas von dem Leben, das sie geführt hat: ein Leben voll Armut in Bars und Spelunken, enttäuschende Liebesbeziehungen, der ausbleibende musikalische Erfolg, Alkohol, Heroin und Exzess, das Leben auf der Straße – all das ist in ihre ausdrucksstarke Stimme eingegangen, als ein Instrument, das so unmittelbar mit dem eigenen Körper verbunden ist. Auch der Text von „Katie Cruel“ – ein traditioneller schottischer Folk-Song, der in seiner amerikanischen Version die Ereignisse des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs verarbeit – erzählt etwas von diesen Erfahrungen: Die Desituiertheit einer Frau, der es nicht gelingt, sich in die geltenden Regeln einzufügen, die deshalb keinen festen Ort finden kann, deren Örtlichkeit durch die Vergeblichkeit des Wünschens auf seltsame Weise raum-zeitlich verschoben ist: Oh that I was where I would be, Then I would be where I am not, Here I am where I must be, Go where I would, I can not. So ist diese Frau auf doppelte Weise getrieben: Von den anderen Menschen und von ihrem eigenen Verlangen (als zurückblickende Fliehende ist Karen Dalton auch auf dem Cover ihres Albums „In my own time“ zu sehen). Zuerst war diese Frau für ihre Schönheit bewundert worden – dann jedoch wird sie von den Leuten in Katie Cruel umbenannt. Diese Umbenennung markiert ein Ereignis – vielleicht ein Verbrechen, das sie begangen hat oder etwas, das ihr selbst angetan wurde, ihr aber als Schande angehängt wird? –, das selbst nicht aussprechbar ist. So ist Katie die Grausame in Ungnade gefallen und läuft durch den Wald und das Moor, schließlich die Straße herunter, als ob sie verfolgt würde, aber doch auch ihrer eigenen Liebe nach. Diese Gleichzeitigkeit von Flucht und Verlangen drückt sich in der Version von Karen Dalton auch auf der musikalischen Ebene aus: Ihre Stimme läuft beinahe hastend über die Banjo-Klänge, die selbst wie ein kieselig-unebener Boden klingen. Ein unglaublich schönes, trauriges Lied – Karon Dalton stand in der Rezeption zu Unrecht hinter Folk-Größen wie Bob Dylan zurück.

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Wutpilger-Streifzüge 10-2017 http://aergernis.blogsport.de/2017/10/15/wutpilger-streifzuege-10-2017/ http://aergernis.blogsport.de/2017/10/15/wutpilger-streifzuege-10-2017/#comments Sun, 15 Oct 2017 09:51:07 +0000 Ærgernis Wutpilger http://aergernis.blogsport.de/2017/10/15/wutpilger-streifzuege-10-2017/ In der Oktober-Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge habe ich ein ausführliches Interview mit Bersarin geführt. Anlass war ein Vortrag von ihm in Weimar (siehe hier) im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kunst, Spektakel & Revolution“. Es geht in dem Interview um politische Sozialisierung, um das Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik, Ästhetik und Gewalt, revolutionäre Perspektiven heute und die Ästhetik des Punk. Musik: Jonny Kurt vs. Hank the Tank.

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Wutpilger-Streifzüge 09-2017 http://aergernis.blogsport.de/2017/09/17/wutpilger-streifzuege-09-2017/ http://aergernis.blogsport.de/2017/09/17/wutpilger-streifzuege-09-2017/#comments Sun, 17 Sep 2017 09:56:11 +0000 Ærgernis Wutpilger http://aergernis.blogsport.de/2017/09/17/wutpilger-streifzuege-09-2017/ In der September-Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge habe ich ein ausführliches Interview mit Jakob Hayner geführt. Anlass war ein Eröffnungsvortrag von Jakob zu einer Filmvorführung im Rahmen der Sendereihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ (siehe hier). Im Interview geht es um politische Sozialisierung, Kritik und Würdigung der Antifa-Bewegung, DDR-Literatur und um revolutionäre Perspektiven heute.

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