Archiv der Kategorie 'Zitate'

Die negative Universität

Primo Moroni und Nanni Balestrini berichten in ihrem Buch „Die Goldene Horde – Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien“ von den Auseinandersetzungen an der Universität Trient in den Jahren 1965-67. In diesem Abschnitt zitieren sie Auszüge aus dem Manifest für eine negative Universität von 1967:

Universität und Gesellschaft

Heute stellt sich die Universität strukturell als eine Organisation dar, deren Funktion es ist, die unterschiedlichsten technischen Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen. Die Universität stellt die auf den neuesten Stand gebrachten (technischen) Instrumente zur Verfügung, um die Organisation der Herrschaft einer Klasse über die anderen Klassen weiter auszubauen. Der so ausgebaute, potenzierte technologische Apparat kann endlich an die Stelle des »Terrors« in der Bändigung der zentrifugalen gesellschaftlichen Kräfte treten und gibt der Klasse, die über ihn verfügt, eine immense Überlegenheit über den Rest der Gesellschaft.

Die Universität als Herrschaftsinstrument

Die Universität ist ein Klasseninstrument. Auf ideologischer Ebene hat sie die Aufgabe, eine bestimmte Ideologie zu produzieren und zu vermitteln – jene der herrschenden Klasse – die sich aber als objektive Wissenschaft präsentiert und Verhaltensweisen – bestimmte Verhaltensweisen – jene der herrschenden Klasse, die sie aber als notwendig und universell darstellt.

Universität und Unterdrückung

Manchmal aber genügen die technischen Instrumente nicht, um den Status quo aufrechtzuerhalten. Das ist dann der Fall, wenn nicht-integrierte Gruppen das ruhige, manipulierte politische Universum stören. In den Universitäten wird den Studenten das Recht verweigert, sich zu grundsätzlichen (oder weniger wichtigen) Problemen der nationalen und internationalen Politik zu äußern … UNTERDRÜCKUNG UND GEWALT bilden in unserer Gesellschaft ein zusammenhängendes Geflecht. Aber wir stellen die Hypothese auf, daß es noch eine konkrete Möglichkeit gibt, dieses reife kapitalistische System durch neue Formen des inneren und äußeren (nationalen und internationalen) Klassenkampfes radikal umzustülpen. Wir propagieren die Idee einer NEGATIVEN UNIVERSITÄT, die innerhalb der offiziellen Universität, aber in Widerspruch zu ihr, die Notwendigkeit eines theoretischen, kritischen und dialektischen Denkens begründet. Ein Denken, welches das, was die Marktschreier Vernunft nennen, entlarvt und so die Voraussetzungen für eine politisch kreative, antagonistische und alternative Arbeit schafft.

Politischer Protest

… Nur der Umsturz des Staates wird eine reale Umstrukturierung des Bildungssystems möglich machen … Der Student muß daher – über seinen aktuellen Status hinaus – in einer langfristigen Perspektive an der Herausbildung (Stimulierung) einer revolutionären Bewegung der unteren Klassen arbeiten, die sich eine dem neuen Kampftypus angemessene organisatorische Form gibt. Wir haben die Negative Universität als den Ort bestimmt, der Politik und die kritische Analyse der Anwendung wissenschaftlicher Instrumente integriert, Instrumente, wie sie sonst von der Schicht der intellektuellen der herrschenden Klasse an unserer Universität propagiert werden.
Einem kapitalistischen Gebrauch der Wissenschaften muß man einen sozialistischen Gebrauch der entwickelsten Techniken und Methoden gegenüberstellen. (mehr…)

Gegen Stirner

Eben habe ich den Text »Stirner und der Materialismus« von Jörg Finkenberger gelesen, der mir sehr lesenswert erscheint und auf leidenschaftliche Weise ein redliches Anliegen vorträgt, den ich aber in seinem Kernpunkt verkehrt finde und der mich daher zum unmittelbaren Widersprechen anregt. Wenn ich hier kurz und knapp etwas zu Stirner schreibe, muss ich vorausschicken, dass meine Stirner-Lektüre einige Jahre zurück liegt und ich daher nicht alle Thesen textsicher belegen kann. »Der Einzige und sein Eigentum« steht jedoch erneut auf meinem Lektüreplan – daher ist Folgendes vielleicht als Ankündigung zu lesen; ich werde mich sicher nochmal ausführlicher zu Stirner & co äußern.

Jörg Finkenberger behauptet, dass Stirner, im Gegensatz zu Marx, der den Widerspruch zwischen idealistischem und materialistischem Flügel des Junghegelianismus harmonisch (geradezu diktatorisch) aufgehoben habe, einen entscheidenden Punkt markiert habe: das auf keinen Begriff reduzierbare, einzelne, leibliche Individuum. In Finkenbergers Worten:

Dieser Punkt besteht aber traurigerweise genau darin, dass sowohl Bauers Begriff des Selbstbewusstseins, als auch Feuerbachs Begriff des Menschen daran scheitern, dass die Menschen, die darunter verstanden werden sollen, notwendig einzelne, notwendig leibliche, notwendig auf Begriffe nicht reduzible sind; sie gehen sowenig im Begriff auf die alle anderen Naturdinge, die Machinationen der philosophischen Kritik werden daran zuschanden.

Aus diesem Grund habe Stirner den Begriff der Menschheit, als eine Abstraktion, selbst der Religionskritik überführt, dagegen den Einzelnen stark gemacht und von dieser Warte aus, käme der Staat, der Marx notwendig entgangen sei, in das Blickfeld der Kritik.

Die Annahme, Stirner wäre es um das konkrete, leibliche Individuum gegangen, ist jedoch verkehrt. Der Fluchtpunkt von Stirners Kampf gegen Begriffe (anstatt gegen wirkliche Verhältnisse), die er als Namen nimmt, der sich im letzten Satz seines Buches – »Ich hab mein Sach auf nichts gestellt.« – konzentriert, ist nämlich eine Befreiung des Einzelnen von jeglicher Bestimmtheit. Auf diese Weise verkehrt sich das Gefecht gegen Allgemeinheiten und Abstraktionen und wird am Ende ein Kampf gegen Bestimmtheit und Bestimmungen überhaupt. Der Einzelne ist auf nichts gestellt – er ist vollkommen voraussetzungslos, unbestimmt, unbedingt – er ist ein Nichts. Somit hat aber Stirners Individualismus mit konkreter Leiblichkeit und Individualität nichts zu tun, vielmehr zielt sie auf die Vernichtung dieser. Der Einzige ist ein Mann ohne Eigenschaften – er ist daher nicht das Nichtidentische, das sich dem Begriff entzieht, sondern reine und daher leere Identität. Und so nimmt Stirner auch keine Vermittlung zwischen Idealismus (dem die menschliche Selbsttätigkeit der Geist ist) und mechanischem Materialismus vor – in seinen Worten: der Einzelne muss als Dritter das Ideale und das Reale gleichermaßen zerstören, um endlich Mensch (nicht mehr Menschheit) zu sein.

Es ist sicher kein Zufall, dass Stirnerianer und Individualanarchisten außerhalb und gegen die moderne Arbeiterbewegung standen, gegen soziale Revolution und Generalstreik das individuelle, nomadische Sich-Entziehen stellten und das Privateigentum verteidigten – so etwa John Henry Mackay, neben dem jungen Rudolph Steiner einer der wenigen deutschsprachigen Individualanarchisten, der Stirner überhaupt erst in den Anarchismus eingeführt hat, der dort vorher zurecht keine Rolle spielte. Denn Stirner markiert nicht das Unabgegoltene, das in der historischen Trennung zwischen Anarchisten und Kommunisten in der IAA liegt. Die Kritik an einigen Ausprägungen des Anarchismus, die Joachim Bruhn in seinen lesenswerten »Thesen über das Verhältnis von anarchistischer und marxistischer Staatskritik« formuliert, die Finkenberger heranzieht, trifft m.E. genau Stirner, mit dem Finkenberger jenes Unabgegoltene identifiziert: Stirner will lediglich den Bourgeois vom Citoyen befreien und entfesselt damit dessen unmenschliche Gestalt. Mit dem Citoyen wird auch der Begriff der Menschheit und damit jede gattungsmäßige Solidarität getötet und der Bourgeois wird zum Raubmörder, dem nur noch das Recht des Stärkeren gilt. Dies bringt Ahlrich Meyer in seinem lesenswerten Nachwort in der Reclam-Ausgabe des »Einzigen« mit Moses Hess auf den Punkt:

„Moses Heß, der Stirner auf den Standpunkt der bürgerlichen Gesellschaft bringt, bemerkt, daß hier an der freien Konkurrenz allein kritisiert wird, daß sie »kein unmittelbarer Raubmord ist«: »Die ›Konsequenz‹ des ›Einzigen‹, rationell ausgedrückt, ist der kategorische Imperativ: Werdet Tiere!«“ (S.449)

Für eine Staatskritik ist damit m.E. wenig gewonnen. Im Gegenteil – mir scheint Stirners Individualismus eher mit einem soldatischen Individualismus ala Ernst Jünger einherzugehen, der ideengeschichtlich die Voraussetzung für den nationalsozialistischen Volksstaat war: Das Individuum muss erst zum isolierten, voraussetzungslosen, eigenschaftslosen Einzelnen werden, bevor es widerspruchslos in der Volksgemeinschaft aufgehen kann.

Wie gesagt – die hier vorgestellten Thesen sind noch mit Textbelegen zu versehen. Ich werde sie in der nächsten Zeit bringen.

Bis dahin noch zwei Empfehlungen, beide mit Einschränkungen versehen:

■ Peter Bierl zu den aktuellen Ausprägungen des Individualanarchismus, in seinem Text „Der Geheimbund der Revolutionäre“ – der Text ist insgesamt lesenswert, hat aber wie viele Texte Bierls das Problem, dass er sich an einem gewissen Punkt in der kriminalistischen Frage verliert, wer hier mal mit wem rumgehangen hat und wer wo publizieren darf obwohl er sich in einer Fußnote mal auf den und den bezogen hat (sich also mit Problemen der Verwandtschaftsschuld herumschlägt).

■ Das Buch „Die Ideologie der anonymen Gesellschaft“ untersucht die untergründige Wirkungsgeschichte Max Stirners. Ich kann es nur leider nicht kompetenter Weise empfehlen, weil ich es noch nicht gelesen habe. Klappentext und erste Seiten lassen es mir aber als eine lohnende Lektüre erscheinen, die eine Debatte über Stirner sicher anregen kann.

Zwischenbericht

Um das Aergernis-Blog ist es in der letzten Zeit ruhig geworden. Mir fehlten die Zeit und der Antrieb, das Blog mit sinnvollen Beiträgen zu bestücken und wenn ich doch schreiberisch tätig war, habe ich dies lieber in kleinen Postillen, Fanzines und Zeitschriften getan, deren Form mir verbindlicher erschien und eine angenehmere Debattenkultur ermöglicht als es in den Blogspalten oftmals der Fall ist. Ich wollte das Blog trotzdem nicht löschen, da es (wenn für niemanden sonst, so doch wenigstens für mich) ein teils interessantes, teils amüsantes Archiv und Abbild früherer Ansichten und Phasen meiner Begriffsbildung ist. Die meisten Posts betrachte ich inzwischen mit Distanz.

Gerade bekomme ich wieder Lust, hier hin und wieder kleinere Kommentare und Hinweise zu platzieren. Wie kontinuierlich ich dem nachgehen kann, wird sich herausstellen. Wahrscheinlich werde ich wenig Zeit haben, die Disussion in den Kommentarspalten zu pflegen – aber wir werden sehen. Ich beginne mit ein paar kleineren Hinweisen.

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In Leipzig hat kurz vor dem Jahreswechsel mit der „Translib“ ein „communistisches Labor“ eröffnet – eine Bibliothek, die ein sehr umfangreiches Sortiment an (zum Teil sehr exklusiver und hochkarätig interessanter) Literatur aufweisen kann. Berichten zufolge wird es noch eine Weile dauern, bis ein Katalog erstellt und das wissenschaftliche Arbeiten in der Translib möglich ist. Trotzdem gibt es bereits ein interessantes Veranstaltungsprogramm. Außerdem hat das Bibliothekskollektiv einen lesenswerten Selbstverständnistext veröffentlicht, der thesenartig ein Kritikprogramm vorstellt. Der Text kann hier gelesen und hier gehört werden:

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Im letzten Jahr ist in Erfurt eine linke Zeitschrift mit dem Titel „Lirabelle“ entstanden, für die ich den Schriftzug entworfen habe (das oben abgebildete Logo fand leider keine Verwendung). In den bisher ersten drei Ausgaben stellt sich eine bunte Mischung dar: Typisch Links (im guten wie im schlechten Sinne), Schülerzeitung, zeckiges Fanzine, Linkskommunistisch, Antideutsch, Thüringisch, Bildungsarbeit, Wütend – das wären Attribute, mit denen ich das Projekt beschreiben würde. Ich selbst habe meinen Senf in einer Theorie-Praxis-Debatte dazu gegeben, die sich durch die ersten drei Hefte zieht. Ich bilde hier den Verlauf der Debatte ab, in der (auch bezüglich meines eigenen Versuchs) noch einige Widersprüche und Unklarheiten vorhanden sind, die sich vielleicht im weiteren Verlauf der Debatte aufklären können:

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Zufällig ist mir die aktuelle Ausgabe der „Mittelungen des Archivs der Arbeiterjugendbewegung“ in die Hände gefallen. In dem darin enthaltenen sehr lesenswerten Text „Antifaschistischer Widerstand von Arbeiterjugendlichen mit der bündischen Jugend, der Sportjugend und dem ›politisierenden Katholizismus‹ in Bremen“ von Jörg Wollenberg bin ich auf ein Zitat gestoßen, das eine These des Textes „Wer nicht wütend ist, kann nicht denken“ bestätigt: Dass eine wissenschaftliche Analyse der Verhältnisse einerseits notwendig ist, da sie die Bedingungen des eigenen Handelns bewusst macht, theoretische Bildung allein aber andererseits kein Garant dafür ist, in der jeweiligen Situation (und insbesondere angesichts des Faschismus oder von Faschisierungstendenzen) das richtige tun zu können. Wollenberg zitiert Nico Rost aus dessen Tagebuch vom 31.08.1944:

Es ist eine Tragödie, die viele von uns nicht sehen und begreifen, dass diese Zehntausende deutscher Sozialdemokraten […] trotz ihres guten Willens und obwohl sie viel belesener und entwickelter waren als die meisten Arbeiter in den anderen Ländern Europas, doch beinahe nichts getan haben, um den nazis den Weg zur Macht zu versperren. Sie hatten ein so großes Wissen, doch in der Praxis – in der revolutionären Praxis wussten sie damit nichts anzufangen. Ich neige oft zu der Annahme, dass den Duetschen, also auch den deutschen Arbeitern, jede politische Intuition fehlt, jedes politische ›Feeling‹.

Die Seminarraumsterilität, die heute der Praxiswut der Linken entgegengestellt wird, wird keine Subjekte hervorbringen, die dazu fähig sind, in der entscheidenden Situation das Richtige tun. Classless Kulla beschreibt das heutige Szenario in seinem Neujahrsgruß m.E. treffend:

Die absolute Demokratie am Ende der Geschichte sorgt sich um die gewählte Königin und ihren Hofstaat. In den Großstädten verdichten sich die nationalistische, gesunde und saubere Bourgeoisie und ihr Anhang. Die Ordnungsmacht bekämpft Widerstand, bevor er entsteht. Und die kritischen Häuflein haben Angst, daß es sie auch erwischt; wundern sich, daß niemand was macht, wenn sie nichts machen; regen sich auf, daß niemand weiß, was sie niemandem sagen; und organisieren sich als rivalisierende Seminare, die über das Hausrecht in nicht mehr vorhandenen Häusern streiten. [via]

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Damit schließe ich für heute erstmal.

Über Positivität in Religion und Philosophie

Anlässlich einiger Diskussionen über Religion und Religionskritik, die ich im Rahmen der Mobilisierung gegen den Papst-Besuch in Erfurt geführt habe, will ich hier einen kurzen, etwas älteren Text von mir zur Verfügung stellen, der vermutlich etwas formal geschrieben ist, aber hoffentlich deutlich macht: dass es sinnvoll ist, sich Hegel zuzuwenden. Der Text kann als Einleitung, Einführung gelesen werden – ansonsten empfehle ich sehr die Lektüre des besprochenen Textes „Glauben und Wissen“ von Hegel selbst.

Über Positvität in Religion und Philosophie

Hegels Kritik an der verkehrten Trennung von Vernunft und Religion in seinem Aufsatz „Glauben und Wissen“

Ob Hegel eine frühe „theologische Phase“ durchlaufen habe oder ob er in seinen Frühschriften als vehementer Religionskritiker auftritt ist bis heute eine mitunter heftig umstrittene Frage in der Hegelrezeption. Im Gegensatz dazu möchte ich hier anhand der Einleitung seines Textes von 1802 „Glauben und Wissen oder die Reflexionsphilosophie der Subjektivität in der Vollständigkeit ihrer Formen als Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie“ herausarbeiten wie Hegel zwar das bloße Sehnen des Glaubens nach Unendlichkeit als Unzulänglichkeit und letztlich als eine Verhaftung im Endlichen kritisiert, jedoch den bisherigen Aufklärern vorwirft in ihrer bloßen Entgegensetzung zur Religion den selben Fehler zu machen. Wenn der Philosophie des frühen Hegels ein religionskritisches Motiv zugrunde liegt, dann nur in der Weise, dass er den geschichtlichen Schritt, der sich in ihr äußert, zu würdigen weiß und anstatt sie einfach wegzuschaffen – ebenso wie die Philosophie – über sich hinaus treiben will und in diesem Sinne ihren Impetus zur Unendlichkeit ausdrücklich würdigt.

Am Beginn des Textes konstatiert Hegel, dass der Kampf zwischen Vernunft und Glauben inzwischen zu Gunsten der Vernunft entschieden gilt, sodass die Philosophie den Gegenstand der Religion nicht mehr ernst nimmt und sich über ihn erhaben dünkt. Er zieht jedoch in Zweifel, ob dieser Sieg der Vernunft tatsächlich gewonnen ist: „Es ist aber die Frage, ob die Siegerin Vernunft nicht eben das Schicksal erfuhr, welches die siegende Stärke barbarischer Nationen gegen die unterliegende Schwäche gebildeter zu haben pflegt, der äußeren Herrschaft nach die Oberhand zu behalten, dem Geiste nach aber dem Überwundenen zu erliegen.“ [S.287f]1 Schon in der Charakterisierung der Religion als zwar unterlegen, dafür aber gebildeter, macht deutlich, dass er an die Religion im Modus der rettenden Kritik herantritt. Er konstatiert, dass nach dem vermeintlichen Sieg der Aufklärung und mit der bloßen Entgegensetzung von Glauben und Vernunft, beide ihrer jeweils spezifischen Qualität beraubt werden: „Der glorreiche Sieg, welchen die aufklärende Vernunft über das, was sie nach dem geringen Maße ihres religiösen Begreifens als Glauben sich entgegengesetzt betrachtete, davongetragen hat, ist beim Lichte besehen kein anderer, als daß weder das Positive, mit dem sie sich zu kämpfen machte, noch daß sie, die gesiegt hat, Vernunft blieb und die Geburt, welche auf diesen Leichnamen triumphierend als das gemeinschaftliche, beide vereinigende Kind des Friedens schwebt, ebensowenig von Vernunft als echtem Glauben an sich hat.“ [S.288] In diesem Satz ist Hegels Stellung zu Religion und Aufklärung zusammengefasst: In der verkehrten Entgegensetzung von Vernunft und Glauben verbleiben beider auf einer Ebene – gewissermaßen in einer verkehrten und unbewussten Versöhnung – stehen. Ich möchte im Folgenden herausarbeiten warum a.) bei Hegel die Religion in Gestalt des Protestantismus eine Tendenz in die richtige Richtung darstellt, als solche jedoch befangen bleibt und warum b.) die Philosophie lediglich die Tendenz und mit dieser die Befangenheit der Religion bzw. des Eudämonismus weiter treibt, aber nicht über sie hinaus gelangt. (mehr…)

Die Aufhebung der Avantgarde

»Eine der bisher umfassendsten Untersuchungen der S.I. im deutschsprachigen Raum.« [via]

So zitiert die Homepage des Transcriptverlags meine Rezension über das Buch »Situationistische InternationaleEintritt, Austritt, Ausschluss. Zur Dialektik interpersoneller Beziehungen und Theorieproduktion einer ästhetisch-politischen Avantgarde (1957-1972)« von Max Orlich, die in der aktuellen Ausgabe der Phase 2 zu lesen ist. So wirbt nun meine Rezension, die eigentlich ein Verriss der Dissertation von Orlich sein sollte, für dieses Machwerk akademischer Rekuperation. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch weil der Kürzungsprozess für die Kilby-Redaktion äußerst schmerzlich für mich war, stelle ich hier nun die ungekürzte extended-Version der Rezension zur Verfügung. Irgendwann soll auch ein Verriss der SI-Dissertation von Jörn Etzold folgen.

Die Aufhebung der Avantgarde

Die Situationistische Internationale gehörte von 1957 bis 1972 zu einer der radikalsten Gruppierungen derjenigen Bewegung, die es anstrebt, den jetzigen Zustand aufzuheben. Selbst hervorgegangen aus versprengten Resten der nach dem zweiten Weltkrieg verbliebenen Kunstavantgarde, richtete sich die S.I., ausgehend von Frankreich, gegen die Borniertheit der Künstler-Kreise und die Szene linker Polit-Spezialisten, um außerhalb des akademischen Wissenschaftsbetriebs eine umfassende Kritik der kapitalistischen Gesellschaft auf der Höhe der Zeit zu formulieren und ein Programm der Abschaffungen zu erarbeiten. Während die S.I. vor allem für einen gewissen Stil bekannt wurde, der sich etwa in der Herausgabe einer aufwendig gestalteten Zeitschrift oder in den bekannten Comic-Verfremdungen zeigte, war es jedoch eines ihrer vorrangigen Tätigkeiten, eine von Hegel ausgehende Theorietradition des Marxismus – jedoch nicht mehr als »ismus«– als Theorie der Praxis zu rekonstruieren und hiervon ausgehend eine Kritik der »Gesellschaft des Spektakels« [Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels (1967), dt. Berlin 1996] zu entwickeln. Deren Augenmerk ist besonders auf die Bildhaftigkeit kapitalistischer Warenproduktion und -konsumtion gerichtet, begreift das Alltagsleben als Hauptfeld der Auseinandersetzungen, richtet sich zentral gegen das Prinzip der Repräsentation, setzt sich intensiv mit Zeitstrukturen und Geschichtsschreibung in der Warengesellschaft auseinander und widmet sich der Ordnung des urbanen Raums als einem wichtigen Aspekt der Disziplinierung und Zurichtung rund um die Lohnarbeit und ihre Reproduktion. In ihrer Ablehnung des Staatssozialismus und mit ihrer gnadenlosen Kritik des Marxismus-Leninismus kann die S.I., neben Adorno/Horkheimer in Deutschland, Georg Lukács in Ungarn und den rätekommunistischen Zusammenhängen in den Niederlanden, zu einem der wichtigsten Stränge kritischer Theorie gezählt werden. Da eines der Hauptprobleme der so verstandenen Ansätze kritischer Theorie, die, in voneinander noch isoliert gebliebene Abteilungen oder Parzellen getrennt, jeweils ihre Sehschärfen und blinden Flecken aufweisen (bei der S.I. am gravierendsten ihre Ausblendung von Antisemitismus, NS und Shoa, bei den anderen die radikale Kritik des Staats), jedoch bei ihnen allen das Verhältnis von Theorie und Praxis darstellt, lohnt es einen Blick darauf zu werfen, wie die S.I. dieses Vermittlungsproblem selbst praktisch zu lösen suchte.

Im Transcript-Verlag ist nun eine Arbeit erschienen, die sich zentral mit der Gruppenpraxis der S.I. in ihren verschiedenen Phasen auseinandersetzt. Max Jakob Orlich legt hier ein Buch vor, das mit über 600 Seiten wohl eine der bisher umfassendsten Untersuchungen der S.I. im deutschsprachigen Raum darstellt. In seiner Dissertation, der er eine nützliche Zusammenfassung des bisherigen internationalen Stands der Forschung zur S.I., eine ausführliche Darlegung seiner methodischen Herangehensweise und eine brauchbare Einführung in die Begriffe der S.I. voranstellt, widmet er sich in mehreren Schritten vor allem der organisatorischen und zugleich personellen Gruppenstruktur der S.I. im Spannungsfeld von Theorie und Praxis. Einzigartig dürfte bisher der Versuch sein, die Wechselbedingtheit dieser Theoriebildung einerseits und der Dynamik der Gruppenstruktur andererseits mit solcher Akribie zu rekonstruieren. Ein Gesamtbild dessen, wer die SituationistInnen tatsächlich waren, wie sie miteinander umgingen und wie sie ihre Theorien ausfochten und eine ihr entsprechende Praxis suchten, lag bisher derart mikrologisch-übersichtlich in einer kompakten Buchdarstellung nicht vor. (mehr…)

Das Scheitern der Sprache #7

Karl Kraus

Man frage nicht

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bliebe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, daß die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war′s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Zeit erwachte.

[Angesichts der Machtübernahme der Nationalsozialisten, in der einzigen Ausgabe der Fackel im Jahr 1933]

Das Scheitern der Sprache #6

Franz Kafka

Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich.

(Kafka 1966, 19)
Brief an Oskar Pollak, 8. November 1903

Über das Lachen

- Réa sagte sie, du hast recht. Hab Mitleid jetzt, bring mich zum Lachen!
Réa lehnte sich zu mir herüber. Sie machte mir einen so obszönen Vorschlag, daß ich in dem Gewirr von Reaktionen, die uns alle drei krank machten, nicht mehr an mich halten konnte und in Gelächter ausbrach.
- Sag es mir noch einmal, sagte meine Mutter zu mir.
- Komm, sagte Réa, ich sage es dir ins Ohr.
Meine Mutter beugte sich zu Réa hinüber. Dasselbe kindische Lachen kitzelte uns so heftig, Réas obszöner Vorschlag war von so närrischer Ungereimtheit, daß wir uns krümmten und die Bäuche verrenkten, mitten zwischen den anderen Leuten. Die Gäste begannen zu uns herüberzuschauen, aber da sie selbst schon heiter waren und nichts verstehen konnten, glotzten sie nur.
Einige stutzten. Trotz furchtbarer Anstrengungen waren wir außer Rand und Band, wir waren verrückt, unser Gelächter verstärkte sich noch durch das Stutzen, das wir ringsum spürten: dann fing das ganze Restaurant zu lachen an, ohne zu wissen warum, aber es war ein Lachen, das fast weh tat und in Wut umschlagen konnte. Schließlich verebbte dieses ungehörige Lachen, aber in dem eingetretenen Schweigen brach plötzlich ein Mädchen, das nicht mehr an sich halten konnte, von neuem los: noch einmal bemächtigte sich das Lachen des Saales. Schließlich tauchten die Gäste, die Nase noch in der Serviette, verstohlen aus ihrer Verzauberung, wagten es nicht mehr einander anzusehen.1

Dieser Auszug aus dem Roman „Meine Mutter“ von Georges Bataille zeigt eine der Stärken des Surrealismus (aus dem Bataille ohnehin herausragte, der mehr war als Surrealist): Das tiefsinnige Gespür für mikrosoziale Prozesse und Reaktionen. Als ob mit dem Hinabsteigen zur Obszönität ein Gewässer in Bewegung versetzt wäre, das tiefer ist als die Einzelne, weil die Entladung einer Spannung sich verselbstständigt und am Ende nicht die einzelnen Leute, sondern – wie sonderbar scheint dies: – das Reastaurant, der Saal lachen. Und wer kennt nicht die Ratlosigkeit, wenn nach einem gemeinsamen Lachkrampf die Puste raus ist?

  1. Georges Bataille: Meine Mutter, in Jürgen Manthey (Hrsg.): Georges Bataille. Das obszöne Werk. Reinbek bei Hamburg 1977. [zurück]

Lyrik ist nicht das Schlechteste

Texte, die nicht voraussetzungslos verstehbar sind, sind Lyrik.

Das war nach einer zweistündigen Diskussion die Aussage eines Anhängers des GSP-Verlages, auf die ich nichts mehr erwiderte. Schon das Ressentiment gegenüber der Lyrik – also jenem Umgang mit Begriffen, in dem diese am wenigsten fest sind – lässt erahnen wie erstarrt das Begriffsgebäude dieser Adepten ist. Wenn es keinen Gegenstand der Erkenntnis außerhalb der Geschichte gibt, kann es keinen Text geben der voraussetzungslos verstehbar wäre. Die Binsenweisheit, dass man es lernen muss zwischen den Zeilen zu lesen, enthält eine Wahrheit darüber, dass Begriffe ihre Bedeutung erst in Bezug zu den sich in einem Prozess befindlichen Dingen und in einer je spezifischen Konstellation zueinander bekommen. Als Buchstabenmarxist hat man seine Grammatik zu lernen, alles andere ist Lyrik.

Deutschland – Fußball – Männer – Kotzen

Zum Glück ist die Gefahr, dass die deutsche Nationalmannschaft Fußballweltmeister werden könnte, seit gestern gebannt und das ganze Spektakel nun zumindest etwas gedämpft. Ich habe mal von einem Judas-Priest-Konzert in den 80′ern gehört, das riesengroß angekündigt wurde, aber dann kurz vorher abgesagt wurde. Aus Wut haben die angereisten Fans vor der Konzerthalle dann ihre Judas-Priest T-Shirts verbrannt. Es wäre lustig, wenn es bei der WM mal einen ähnlichen Effekt geben würde – alle vormals enthusiastischen Deutschland-Fans zu sehen, wie sie aus Wut über die Niederlage ihrer Mannschaft und laut über die Deutschen schimpfend auf einmal ihre Trikots und Deutschlandfahnen verbrennen würden…

Noch ein paar abschließende Notizen zum WM-Kram:

■ In meinem Hassgesang auf das WM-Spektakel habe ich einen Aspekt nicht in die Betrachtung einbezogen, der in dieses Phänomen doch ganz spezifisch mit hereinspielt: Das Geschlechterverhältnis. Meine Formulierungen zur Einleitung meines Vortrages „Das Bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ über den Männertag (ebenso Kalles Überlegungen auf dem wdn-blog), dürften auf die Fußballereignisse übertragbar sein, wenn es sich hier auch nochmal etwas anders äußert:

Ich würde gern mit einer Überlegung zum Männertag einsteigen, den wir vor wenigen Tagen wieder erlebt haben und ich würde mich gern fragen – was passiert eigentlich am Männertag? Ich denke, dass man grundsätzlich sagen kann, dass es dabei irgendwie darum geht, dass sich an einem solchen Tag Männer gegenseitig darin bestätigen, Mann zu sein. Man schließt an so einem Tag bewusst das andere Geschlecht aus und widmet sich zusammen mit anderen Männern explizit männlichen Tätigkeiten. Ich meine, dass der Männertag für ganz viele Männer tatsächlich sehr wichtig ist – gerade weil wir zur Zeit eine Entwicklung erleben, in der das Geschlechterverhältnis überhaupt nicht mehr starr zu bleiben scheint. Es gibt in einem gewissen Sinne ein Verschwimmen der Geschlechtergrenzen – die Homo-Ehe ist anerkannt, viele vormals geschlechtsspezifische Tätigkeiten können inzwischen von beiden Geschlechtern getätigt werden, ohne dass das zu irgend einem Skandal führen würde. Ich denke, dass gerade diese Entwicklung (auf die ich später noch einmal eingehen werde) für viele Männer eine enorme Verunsicherung bedeutet und dass nun solche Anlässe wie der Männertag für viele Männer die Funktion haben, sich in dieser Zeit der Verunsicherung doch ihres Männlichseins zu vergewissern. Sieht man sich solche Sachen wie den Männertag genauer an, dann kann man feststellen, dass da sehr einfache Dinge passieren: Männer rotten sich zu Horden zusammen, gehen Wandern, grölen dabei rum und besaufen sich. Ich würde sagen, dass dieses Rauschhafte, das in den kollektiven Alkoholexszessen liegt, etwas ganz wichtiges für die männlichen Subjekte ist – nämlich aus einem ganz bestimmten Grund; weil dieser Rausch es den männlichen Subjekten erlaubt, sich auf eine körperliche Nähe zu den anderen männlichen Subjekten einzulassen. Es lässt sich immer wieder beobachten – nicht nur beim Männertag, sondern auch bei Fußballspielen, beim Junggesellenabschied, bei Kneipentouren oder bei Rockkonzerten –, dass bei solchen Anlässen ein Rahmen dafür geschaffen wird, dass sich Männer gegenseitig berühren können. Es handelt sich zum Teil um innige, kameradschaftliche Umarmungen oder dass man sich gegenseitig im Arm liegt – auf jeden Fall scheint es bei solchen Anlässen wichtig zu sein, sich gegenseitig zu spüren. Leider ist es so, dass das männliche Subjekt in solchen Momenten eine gewisse Ahnung davon hat, dass es hier um eine verdrängte homosexuelle Neigung geht und das ist eine Ahnung, die das männliche Subjekt nicht zulassen darf. Deshalb gibt es verschiedene Riten, die es verhindern, dass sich die männlichen Subjekte ihrer Homosexualität bewusst werden und diese Riten enden immer wieder in einem Ausbruch von Gewalt. Die Körperlichkeit darf also nur dann zugelassen werden, wenn es sich um eine harte Körperlichkeit handelt. Die Umarmung endet oftmals in einer Kopfnuss, Körperlichkeit auf dem Rockkonzert besteht oftmals im Pogo, der bald vielmehr einer massenhaften Prügelei gleicht. Im letzten Jahr gab es zum Männertag Schlagzeilen, als sich in mehreren Städten aus den Männertagsumzügen Straßenschlachten entwickelt hatten. Letztendlich entlädt sich die nichteingestandene Homosexualität in Übergriffen gegenüber Frauen. Die Gewalt, die sich Männer täglich antun müssen, weil sie nicht passiv, sinnlich und zärtlich sein dürfen und die ganz offenbar wird, wenn tatsächlich eine Nähe zwischen Männern entsteht, wird am Ende den Anderen angetan.

Die Transkription des vollständigen Vortrages erscheint in Kürze bei Wider Die Natur.

■ Auf die Körperlichleit zwischen Männern hat Johannes Paul Raether in seiner sehr gelungen Fotoreihe von der Fanmeile der WM 2006 in Berlin einen Fokus gelegt:

Sehr zu empfehlen hier auch das Kotz-Video über Deutschland, das Land der Ideen …, es lohnt sich auf der Seite zu stöbern.

■ Bubizitrone weist auf den besonderen Service eines Cafés in Jena hin und ist ebenfalls von zwecklosen Diskussionen frustriert.

■ Anselm Gramschnabels (Gruppe Surpasser) Überlegungen zum Charakter von Massenevents anlässlich des Weimarer Zwiebelmarkts (der uns in Bälde leider wieder auf die Pelle rücken wird) könnten ebenso Aufschluss über den Charakter des Fußballspektakels geben.

■ Der Blog „Im Kopf Lokalisationweist auf ein Buch zur Kritik des Fußballsports hin, das mir nach dem Lesen der Einleitung zumindest als lesenswert erscheint, auch wenn hier mit der klassischen Manipulationsthese aufgewartet wird (Fußball ist Droge fürs Volk, damit das seine Interessen nicht erkennt). Lesen.

■ Im Audioarchiv befindet sich ein Vortrag von Freek Huisken über Fußball und Deutschlandwahn, der unter anderem auch die Manipulationsthese zurückweist:

Die neu­es­te Sen­dung Sach­zwang FM be­inhal­tet einen am 08.​06.​2010 in Ber­lin ge­hal­te­nen Vor­trag von Freek Huis­ken (GSP) über den ak­tu­el­len Deutsch­land­wahn und die Funk­tio­nen der Welt­meis­ter­schaft des Män­n­er­fuß­balls und ähn­li­cher Ver­an­stal­tun­gen für die Staa­ten­kon­kur­ren­zen.

In dem Vortrag sind einige gute Gedanken formuliert, das hören macht trotzdem keinen Spaß – „Das war der erste Punkt, jetzt komme ich zum zweiten Punkt.“ – „Wieso das ganze?“ – „Wozu die ganze Veranstaltung?“ – „Was haben die jetzt davon?“ – „Zu welchem Zweck machen die das jetzt?“ usw. – anstatt mal eine Argumentationsfolge stringent auszuführen, scheint der Referent die Höhrer_innen hier an die Hand des gesunden Menschenverstands nehmen zu wollen, was extrem nervt.

■ Und abschließend ein Zitat von einem Freund: „Wer ein Problem damit hat, wenn ich ‚Scheißdeutsche‘ sage, soll gefälligst wo anders hinziehen.“

Es gibt kein gesundes Leben im Kranken #2

Was ist Materialismus?

Folgende Gedanken kamen mir heut bei der Kant-Lektüre. Ich bin mir noch etwas unsicher, vielleicht findet sich ja jemand, der mich herausfordert oder ergänzt…

Im allgemeinen Gebrauch des Begriffs „Materialismus“ wird dieser verstanden als ein Gegensatz zum Idealismus, der darin bestehe, dass der Idealismus davon ausgeht, dass die materielle Wirklichkeit ein Produkt der Ideen sei, während der Materialismus diese Bestimmung umdrehe und dagegen setzt, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Folglich analysiere der Materialist die Produktionsverhältnisse, aus denen die Ideen resultieren. Nun sind letztere Bestimmungen in Hinsicht auf Marx nicht unbedingt verkehrt – in etwa werden diese in der „Deutschen Ideologie“ so formuliert, doch ich meine, dass damit überhaupt nicht gesagt ist, was Materialismus ist. Aufschluss darüber, was Marx mit Materialismus meint, könnte der Idealist Kant in der Kritik der praktischen Vernunft geben. Als Grundsatz der reinen praktischen Vernunft wird dort formuliert, dass ein praktischer Grundsatz nur dann ein praktisches Gesetz sein kann, wenn der Bestimmungsgrund des Willens weder auf Lust/Unlust begründet ist, noch auf eine begehrte Wirkung hinziehlt. Glück als Bestimmungsgrund ist für ein praktisches Gesetz somit ausgeschlossen, weil ein praktisches Gesetz allgemein gelten muss, das Streben nach Glückseligkeit jedoch bei jedem Individuum etwas anderes bedeutet:

Worin nämlich jeder seine Glückseligkeit zu setzen habe, kommt auf jedes sein besonderes Gefühl der Lust und Unlust an, und selbst in einem und demselben Subjekt auf die Verschiedenheit der Bedürnis, nach den Abänderungen dieses Gefühls, und ein subjektiv notwendiges Gesetz (als Naturgesetz) ist also objektiv ein gar sehr zufälliges praktisches Prinzip, das in verschiedenen Subjekten sehr verschieden sein kann und muß, mithin niemals ein Gesetz abgeben kann, weil es, bei der Begierde der Glückseligkeit, nicht auf die Form der Gesetzmäßigkeit, sondern lediglich auf die Materie ankommt ob und wie viel Vergnügen ich in der Befolgung des Gesetzes habe. [I. Kant: Kritik der praktischen Vernunft, in: I. Kant: Die Kritiken, Zweitausendeins, Frankfurt a.M. 2008, S. 726]

Wenn nun Marx eine Gesellschaft fordert, die nach den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist, in der die Entfaltung des Einzelnen Grundlage für die Entfaltung aller ist, dann bedeutet dies, dass er darauf beharrt, dass es durchaus auf die Materie ankommt. Eine Gesellschaft ist dementsprechend daraufhin zu überprüfen, ob es den Einzelnen in der Verschiedenheit ihrer Bedürfnisse gut geht – was mit dem Aufstellen von der Form nach objektiven und verallgemeinerbaren Gesetzen nichts zu tun hat, sehr wohl aber damit ob ich ein Vergnügen daran habe oder nicht wie die Gesellschaft gestaltet ist. Vernunft ist demnach nichts, was vom Materiellen unbeschmutzt bliebe, sondern etwas, das es in der materiellen Welt zu verwirklichen gilt. Wenn das Materialismus ist, dann ist aber der Satz von Marx, dass alle Verhältnisse umzuwerfen seien, in denen der Mensch ein geknechtes, verächtliches (…) Wesen ist, alles andere als ein kategorischer Imperativ, wie Stephan Grigat diesen Satz öfters nennt. Denn ein kategorischer Imperativ ist gerade dadurch bestimmt, dass er unabhängig von Bedürftigkeit sowie Lust/Unlust, der Form nach verallgemeinerbar ist und nicht auf eine begehrte Wirkung ziehlt. Ich bin aber nur für den Kommunismus, wenn ich davon auch etwas habe.

Sieg über den Tod

Ohne die Vorstellung eines fessellosen, vom Tod befreiten Lebens kann der Gedanke der Utopie nicht gedacht werden.

Theodor W. Adorno, Möglichkeiten der Utopie heute

via

Links zum Thema: Beitrag zu Fedorov in einem Kirchenlexikon | Alexandr A. Bogdanow – Der rote Planet (Roman)

Das Scheitern der Sprache #3

Lettrismus

An dieser Stelle nur einige fragmenthafte Überlegungen zum frühen Lettrismus – als Material liegt mir ausschließlich das Buch „Phantom der Avantgarde“ von Roberto Ohrt vor, der sich darin allzuoft in kunsthistorischen Anekdoten verliert, aber dennoch zahlreiches, nützliches Material zusammenstellt.

Isodore Isou, mit bürgerlichem Namen Jean Isidore Goldstein, der gerade mal mit 17 Jahren die Grundlagen seiner Theorie entwickelt hatte, ging 1945 nach Paris, mit dem Wunsch seine neuen Methoden der Dichtung bekannt zu machen und als bedeutender Dichter berühmt zu werden. Diesen neuen Methoden, mit denen sich Isou rühmte, lag vor Allem die Annahme zu Grunde, dass die Sprache als kreatives Mittel erschöpft sei. Deshalb sollte die ästhetische Produktion auf ein reineres und tiefgründigeres Element des Poesie-machens gründen: auf den Buchstaben. (Lettrismus; lettre = Buchstabe) Damit nimmt der frühe Lettrismus ein zentrales Motiv der Dadaisten auf – die ohnehin gescheiterte Sprache soll zerstört werden – Isou zerlegte sie in ihre kleinsten Bestandteile und legte damit Silben und Buchstaben frei, in denen er ein revolutionäres Potential zu erblicken glaubte.

Ta ra ta ta + koum bal koum bal + kim piki ta ra ta ta + koum bal koumbal + kim pi ki ta ra bal + koum bal kim pi ki + koum bal kim piki + ta ra ta ta ta ra ta ta + kam kam + kim ra ta …1

Man könnte meinen, dass hier ein klassisches dadaistisches Gedicht vorliegt – nichts neues, eine Wiederholung der Lautgedichte a la Hugo Ball. Nicht nur in ihrem Selbstverständnis grenzten sich die Lettristen jedoch von Dada ab, sondern auch in der Herangehensweise an Sprache lassen sich durchaus Unterschiede ausmachen. Man wollte die Zertrümmerung der Sprache nicht ausschließlich ekstatisch, rauschhaft betreiben, sondern dabei wissenschaftlich und analytisch vorangehen. Ausgehend von der Annahme, dass mit der gesamten abendländischen Kultur, auch die Sprache erschöpft sei, wollten die Lettristen die Sprache analysieren, sie zerlegen um dann daraus etwas neues entstehen lassen. Roberto Ohrt schreibt über das lettristische Experimentieren:

Wir sind bei dem Material der lettristischen Poesie angelangt, bei den „lettres“, außerhalb ihres Dienstes für die Worte. Erneut befindet sich die Poesie an einem Wendepunkt, der mit dem letzten, unvermeidbar zerstörerischen Impuls der zuendegehenden Epoche zum Zerbrechen der Worte und ihrer anekdotischen Lasten geführt habe und hinausweise in ein neues Reich unendlicher Schöpfung und Bereicherung des Ausdrucks, auf der Grundlage des noch nie genutzten Potentials der Buchstaben selbst.2

Es ging den frühen Lettristen nicht um das einzelne Gedicht und um die direkt praktizierte Poesie, sondern viel mehr um die Methode. So meinte Isidore Isou, dass er durch die Erfindung der lettristische Methode nicht nur der Dichter seiner eigenen Gedichte gewesen wäre, sondern „behauptet sich folgerichtig und vorsorglich als der Schöpfer auch von Gedichten, die andere nach seinen Anweisungen anfertigen werden.“4. An dieser Stelle schüttet er meines Erachtens das Kind mit dem Bade aus – ist die Sprache erschöpft, negiert Isou jede schöpferische, dichterische Subjektivität und damit die Grundlage für eine Emanzipation von jenem Zustand, der Subjektivität selbst immer schon tendenziell negiert und innerhalb dessen die Sprache scheitern musste. Dennoch ist gerade dieses Scheitern immer wieder Gegenstand seiner Reflexion – so setzte er sich selbst in eine Linie, die bei Baudelaire beginnt und bei Isodore Isou endet. In dieser Selbstbhistorisierung steckt eine kluge Analyse, wie sich eine Reflexion des Scheiterns der Sprache in der modernen Literatur vollzieht:

[Ch. Baudelaire → Zerstörung der Erzählung für die Form des Gedichts; P. Verlaine → Vernichtung des Gedichts für die Form des Verses; A. Rimbaud → die Zerstörung des Verses für das Wort; St. Mallarme → das Arrangement des Wortes und seine Verfollkommnung; T. Tzara → die Zerstörung des Wortes für das Nichts; I. Isou → das Arrangement für das Nichts – der Buchstabe für die Schöpfung der Erzählung]

Der frühe Lettrismus verleiht der herkömmlichen Kultur der Nachkriegszeit einen Todesstoß, vollzieht die Reflexion dieses Scheiterns in der modernen Dichtung Frankreichs nach und trat mit dem Anspruch auf – und dies ist meines Erachtens ein wesentlicher Unterschied zum Dadaismus – aus ihren Trümmern etwas neues aufzubauen.

Auch hier wird das Scheitern der Sprache als einhergehend mit der Katastrophe des 20. Jahrhunderts reflektiert:

[Klick zur größeren Ansicht]

Roberto Ohrt schreibt, dass hier das Bild „einer tiefen Irritation [entsteht], die verkündet, dass auch die Sprache nicht unbeschädigt aus der Katastrophe zurückgekommen ist.“ …

  1. Zit. nach: Roberto Ohrt: Phantom Avantgarde. Eine Geschichte der Situationistischen Internationale und der modernen Kunst. Hamburg 1990, S. 15 [zurück]
  2. ebenda, S. 19 [zurück]
  3. ebenda, S. 20 [zurück]

Das Scheitern der Sprache #2

Dada

Peter Bürger schreibt dem Dadaismus in seinem Buch „Der französische Surrealismus“ zu, nicht bloß unmittelbarer Protest gewesen zu sein, sondern eine aufhebende Bewegung:

Dada begreift sich als totale Negation der bürgerlichen Daseins- und Denkweise; aussprechen kann sich jedoch die totale Negation jedoch nur, indem sie etwas bestimmtes verneint; die bestimmte Negation ist aber immer zugleich Affirmation des Gegenteils des Negierten. Um diesem Dilemma zu entkommen, muß Tzara, wo immer das möglich ist, die eigene Aussage wiederum aufzuheben suchen. Aus derartigen Stellen wird deutlich, daß der Dadaismus keineswegs ein bloß kabarettistischer Protest ist, sondern – aller Theoriefeindlichkeit zum Trotz – eine zumindest im Ansatz durchaus theoretisch fundierte Bewegung. Die Dadaisten begreifen, daß die Negation notwendig dem veraftet bleibt, was sie negiert. Sie verstehen sich daher nicht als Verkünder von etwas Neuem, sondern als Teil dessen, was es zu negieren gilt. […] War bislang jede neue künstlerische Bewegung nicht nur für eine Sache, sondern auch für sich selbst als Vertreterin dieser Sache eingetreten, so wird ebendieses Engagement vom Dadaismus gekündigt. Er ist eine Bewegung, die ihrem Wesen nach zur Selbstaufhebung tendiert. 1

So richtig es ist, die Liebhaber des Dadaismus darauf hinzuweisen, dass Dada etwas anderes gewesen ist als übereifriger Tumult und toll gewordene Sprachspielerei, drängt sich mir der Eindruck auf, dass Peter Bürger an dieser Stelle den Dadaismus des Tristan Tzara als Projektionsfläche für seine eigene Begriffs-Arbeit benutzt. Dass die Dadaisten sich selbst als Verkünder immer wieder zu negieren suchten („Nieder mit Dada!“), liegt in der Konsequenz des radikalen Gestus der Negation – gerade aber das Bewahrende, das in der Aufhebungsbewegung enthalten sein müsste, fehlt bei Dada. Dass es bei einem radikalen Gestus und die Negation eine inkonsequente blieb, wird deutlich wenn die Dadaisten dann doch zu Verkünder von etwas Neuem wurden. Richard Huelsenbeck beschreibt auf die Entstehung von Dada rückblickend 1918 in seiner „Ersten Dadarede in Deutschland“:

Wir waren etwas Neues, wir waren die Dadas, Ball-Dada, Huelsenbeck-Dada, Tzara-Dada. Dada ist ein Wort, das in allen Sprachen existiert – es drückt nichts weiter aus als die Internationalität der Bewegung, mit dem kindlichen Stammeln, auf das man es zurückführen wollte, hat es nichts zu tun. Was ist nun der Dadaismus, für den ich heute abend hier eintreten will? Er will die Fronde der großen internationalen Kunstbewegungen sein. Er ist die Überleitung zu der neuen Freude an den realen Dingen. […] Der Dadaismus ist etwas, was die Elemente des Futurismus oder der kubistischen Theoreme in sich überwunden hat. Er muß etwas Neues sein, denn er steht an der Spitze der Entwicklung, und die Zeit ändert sich mit den Menschen, die fähig sind, verändert zu werden.2

Auch wenn man von sich behauptet Futurismus und Kubismus „in sich überwunden“ zu haben, ist an dieser Stelle von einer Negation von etwas, dessen Teil man ist keine Spur. Es wird etwas Neues verkündet, dessen Teil man ist. Damit bleibt Dada einem verzweifelten Ist-Zustand verhaftet, wie noch zu zeigen sein wird. Einen anderen Deutungsansatz legt Magnus Klaue in seinem Text „Performative Mobilmachung. Über die Verschmelzung von Politik und Kunst im ästhetischen »Ereignis«“ vor, in dem es ebenfalls um ein Scheitern der Sprache geht:

Erkennen lässt sich dies [dass Performance zu einem antizivilisatorischen, irrationalistischen Konzept geworden ist, Anm. AE] an der Verkümmerung des analytischen, destruktiven Elements der dadaistischen Performances. Kurt Schwitters‘ „Ursonate“ etwa, die inzwischen als finaler Schenkelklopfer zum selbstverständlichen Teil des Reportoirprogramms gewesen ist3, hat ihr zeitgenössisches Publikum gerade nicht durch Rückgriff auf Archaismen gegen sich aufgebracht, sondern, indem sie das bürgerliche Theater als das vorführte, was es geworden war: als Ort sinnfreien Geplappers, in dem elaborierte Sprache zum Urlaut, Bildungszitate zum Schrott und Konversation zur unmittelbaren Aggression herabgesunken sind. Im Unterschied zu gewissen Tendenzen im Expressionismus mit seinem „Oh Mensch“ – und Urschrei-Pathos, ging es den Dadaisten nie um eine „Befreiung“ des sinnlichen Urlauts der Sprache, des eigentlich Menschlichen, das von Diskursivität und Logizität geknebelt werde, sondern um die denunziatorische Entlarvung des in Hoch- und Populärkultur, in Politik und Kunst gleichermaßen omnipräsent gewordenen Geschwätzes, des Jargons der grinsenden Inhumanität, der die „Kultur“, die er im Mund führt, längst verraten und die Bürger wieder zu jenen „sprechenden Tieren“ erniedrigt hat, als welche diese die „Naturvölker“ empfanden. Der Dadaismus war polemisch, herätisch und negativ und hat noch in seinen aggressivsten antibürgerlichen Aktionen die Erinnerung an das bewahrt, was in der bürgerlichen Revolution einst versprochen war; in der betont zivilen, bürgerlichen Kleidung seiner Protagonisten ist dieser Doppelcharakter festgehalten. Wenn er die Grenze zwischen Publikum und Bühne „performativ“ durchbrochen hat, dann nicht, um sich endlich mit den Massen eins zu fühlen, sondern um sie besser angreifen zu können. Das Publikum wollte er nicht von seinen bürgerlichen Rollenzwängen erlösen, sondern brüskieren und auf die eigene Inferiorität verweisen. Im Dadaismus haben die letzten Bürger mit höhnischem Ernst vorgeführt, wozu sie geworden sind – jedoch nicht, um sich an solcher Regression zu weiden, sondern um sich gegen sie zu empören. Ihr brutal reduziertes Gestammel verdankt sich nicht dem Hass auf Sprache und Humanität, sondern enttäuschter Liebe.4

Auch hier kann ich mich nicht dem Eindruck erwehren, dass Dada als Gegenstand einer Projektion dient – Zufall, dass Magnus Klaue den bürgerlichen Anzug, der in zahlreichen Texten von ihm immer wieder auftaucht und dessen Doppelcharakter er in Anlehnung an die Mode-Texte von Georg Simmel darin verortet, dass er sowohl Kälte und Distanziertheit hervorruft, auf der anderen Seite aber auch eine Schutzfunktion innehat, gerade bei den Dadaisten wieder findet, wenn er diese gegen die postmoderne Performance verteidigt? Gleichwohl Dada Protest gewesen ist, war er in letzter Konsequenz kein Verteidiger der Humanität. Huelsenbeck gibt in der gleichen Rede in Deutschland zum Zeitpunkt des Krieges bekannt:

Wir waren für den Krieg, und der Dadaismus ist heute noch für den Krieg. Die Dinge müssen sich stoßen: es geht noch lange nicht grausam genug zu.

Diese Aussage zeugt davon, wie sehr Dada dem Futurismus von Marinetti und Russolo verhaftet geblieben ist, denen der Krieg eine wahre Freude im Kampf für das Neue und die Abschüttelung des Alten gewesen war. In den „Negerliedern“ des Tristan Tzara wird deutlich, dass dieser dann durchaus doch eine Faszination am Urlaut, am Archaischen hegte. Ein meines Erachtens zentrales Moment des Dadaismus benennt Magnus Klaue in der Denunziation des Geplappers – es ist die Reflexion eines Scheiterns der Sprache. Gerade im Krieg wird dieses Scheitern am brutalsten offenbar – er ist das Scheitern und die Zerstörung jeglicher Verständigung und Vermittlung durch Sprache. Während Worte zwar verletzen können, wird im Kampf und in der Tötung jegliche Grundlage für eine Übereinkunft, die durch Sprache vermittelt werden könnte, vernichtet. Dada reflektiert wie in der Situation des Krieges auch im Hinterland Sprache zur Farce wird, wie die Sätze, die im Namen der Humanität formuliert wurden, ihres Sinnes entledigt werden, wenn sie zur Rechtfertigung des Krieges herangezogen werden. Raoul Hausmann schreibt in seinem „Pamphlet gegen die Weimarische Lebensauffassung“:

Ich bin nicht nur gegen den Geist des Potsdam – ich bin vor allem gegen Weimar. Noch kläglichere Folgen als der alte Fritz zeitigten Goethe und Schiller – die Regierung Ebert-Scheidemann war ene Selbstverständlichkeit aus der dummen und habgierigen Haltlosigkeit des dichterischen Klassizismus. Dieser Klassizismus ist eine Uniform, die metrische Einkleidungsfähigkeit für Dinge, die nicht das Erleben streifen. Außerhalb aller Strudel des realen Geschehens hüllen ernsthafte Dichter, Mehrheitssozialisten, Demokraten, die Belanglosigkeit in die starren Faltenwürfe würdiger Verordnungen; militärische Versfüße wechseln ab mit Arien der Güte und Menschlichkeit – aus dem sicheren Hinterhalt, den der Besitz einer Anzahl Banknoten oder ein Pfund Butter verleiht, taucht auf das Ideal aller Schwachköpfe: Goethes zweiter Faust. Es ist schlechterdings alles darin enthalten, was nicht in Schillers Räubern vorkommt. Wie die Werke dieser feierlichen Klassiker das einzige Gepäck der deutschen Soldaten und Tag und Nacht ihre einzige Sorge waren, so war es heute der Regierung unmöglich, die Geschäfte anders als im Geiste Schillers und Goethes zu führen.5

Dies ist ohne Zweifel Protest gegen den Krieg, in dem das Scheitern der Sprache offenbar wird – doch Dada hatte nichts zu retten, nichts zu verteidigen, sondern war Teil des Scheiterns – im Stammeln und Stottern der Lautgedichte wird das gestoßen, was ohnehin im Fall begriffen war. Schmerzhaft nimmt Dada teil am Sterben, das auch ein Sterben der Sprache ist, mit dem verzweifelten Bewusstsein selbst Teil des Niedergangs zu sein.

Um zu Peter Bürgers Motiv der Aufhebung zurückzukommen, das er den Dadaisten unterstellt, sei ein kurzer Zeitsprung unternommen. 1967 trat Guy Debord in seiner theoretischen Hauptschrift „Die Gesellschaft des Spektakels“ dazu an, zwei Pole zu einer tatsächlichen Aufhebungsbewegung zusammenzuführen, die sich in der Geschichte getrennt voneinander vollzogen hatten:

Der Dadaismus und der Surrealismus sind zugleich geschichtlich miteinander verknüpft und stehen im Gegensatz zueinander. In diesem Gegensatz, der für jede der beiden Strömungen auch den konsequentesten und radikalsten Teil ihres Beitrags bildet, erscheint die innere Unzulänglichkeit ihrer Kritik, die von der einen wie von der anderen nur einseitig entwickelt wurde. Der Dadaismus wollte die Kunst wegschaffen, ohne sie zu verwirklichen; und der Surrealismus wollte die Kunst verwirklichen, ohne sie wegzuschaffen. Die seitdem von den Situationisten erarbeitete kritische Position hat gezeigt, daß die Wegschaffung und die Verwirklichung der Kunst die unzertrennlichen Aspekte ein und derselben Aufhebung der Kunst sind.6

Es ist zurecht immer wieder darauf hingewiesen worden, dass die Situationisten es versäumt haben, sich mit der antisemitischen Konterrevolution und dem Geschichtsbruch Auschwitz auseinanderzusetzen und dies in der Theorie angemessen zu reflektieren. Im Bezug auf das Scheitern der Sprache, scheint mir hier jedoch ein Schritt in die richtige Richtung getan worden zu sein, wenn es der S.I. um einen Kampf mit den spektakulären Begriffen und um eine Neuerfindung der Sprache ging. Die S.I. blieb dem Dadaismus jedoch dann verfangen, wenn sie eine gnadenlose Beschleunigung der Moderne forderten – dem ist gerade angesichts der Katastrophe des 20. Jahrhunderts das benjaminsche Motiv der Notbremse entgegenzuhalten.

  1. Peter Bürger: Der französische Surrealismus. Studien zur avantgardistischen Literatur, Um neue Studien erweiterte Ausgabe. Frankfurt 1996, S. 44 [zurück]
  2. Karl Riha und Jörgen Schäfer (Hrg.): DADA total. Manifeste Aktionen Texte Bilder. Stuttgart 1994, S. 96 ff [zurück]
  3. Besonders ärgerlich stieß mir diese Tatsache in der Dokumentation „Max Bill – das absolute Augenmaß“ von Erich Schmid auf, in dem Max Bill als glücklicher Greis zu einem runden Geburtstag glückselig die Ursonate vor versammeltem Promi-Freundeskreis aufführt. (Anm. AE) [zurück]
  4. Magnus Klaue: Performative Mobilmachung. Über die Verschmelzung von Politik und Kunst im ästhetischen „Ereignis“, in Bahamas Nr. 58, Herbst 2009 [zurück]
  5. Karl Riha und Jörgen Schäfer (Hrg.): DADA total. Manifeste Aktionen Texte Bilder. Stuttgart 1994, S. 101 ff [zurück]
  6. Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin 1996, S. 164 [zurück]

Außerplanetarische Opposition

Das:

wird hier zitiert:

wird hier zitiert.

Danke an esowatch für die immer wieder guten Musikhinweise!

Schöner reisen

Am Wochenende hat das Trampen wunderbar funktioniert:

Nun bin ich wie eine kleine Spinne mit sehr kleinen Beinen. Müsste sie auf ihren Beinen laufen, würde sie nur langsam vorwärts kommen. Darum spinnt sie einen Faden so lang, dass er sie hochhalten kann, lässt den Faden los und springt aus in freien Fall. Der Wind greift den Faden und trägt die Spinne los. So bin ich nun, ich weiss nicht wo ich landen werde, ich weiss bloss dass meine Beine klein sind, und dass es schneller geht wenn ich trämpe.

(XN28, 2003)

Dabei musste ich an ein Erlebnis denken, das ich neulich in einer Kneipe hatte. Ich wollte nur kurz noch ein Bier trinken und dann schnell nach Hause gehen, doch dann kam ein Typ auf uns zu, der uns einfach die Hand gab und sich vorstellte. Um uns einen Eindruck von sich zu vermitteln erzählte er uns von einer imaginären Situation, die er interessant fand: Es ging um einen Philosophen auf LSD, der auf einer Brücke steht und irgendetwas verzwicktes passiert – ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern. Obwohl das Zeug was er erzählte ziemlich irre war, fand ich es sehr angenehm ihm zuzuhören – er hatte eine sehr angenehme Sprache (einen leicht schwäbischen Dialekt – nur leicht), eine wohlklingende Stimme und seine Mimik war munter und sympathisch. Normalerweise kann ich es nicht ausstehen von Besoffenen zugelabert zu werden – aber dieser Mann redete trotz offensichtlichem Einfluss von Drogen auf eine Weise, die mich irgendwie ansprach. Ich konnte ihm nicht die ganze Zeit folgen – wir diskutierten über Variation als Aufhebung von Dogma und Beliebigkeit, über das Verhältnis in einer Kneipensituation als Beobachter oder als jemand der darin vollkommen aufgeht, über die Schwierigkeit die in der Kommunikation bei einer solchen Situation besteht. Was jetzt wie typisches, langweiliges Kneipen-Philosophentum klingt, war hier doch irgendwie anders, vielleicht war es aber auch wirklich nur die angenehme Art wie dieser Typ redete. Zwischendurch versuchte er uns über seltsame Bewegungen, geradezu ein Schauspiel, begreiflich zu machen was er uns zu sagen hatte. Und dann erzählte er uns das, was mir am besten im Gedächtnis geblieben ist: Er beschrieb uns ein seltsames Zell-Wesen – halb pflanzlich, halb organisch, nierenförmig, in der Größe eines Sitzkissenes, oder eines kleinen Sofas. Ein Wesen, das sich auf rätselhafte Weise in Schwingung befindet und einige Zentimeter über dem Boden schwebt. Dies sei seine Vorstellung von zukünftigem Reisen – du begegnest einem solchen Wesen und es bietet dir an, dich mitzunehmen. Wohin du willst.

Bubizitrone hat gerade ein neues Wort erfunden: Eintagsflucht. Zu bezeichnend für eine Situation, die nicht aufhören will.

Shame on them

Der Zionismus erweist sich als rassistisches Projekt, künstlich soll der jüdische Charakter gewahrt werden, damit soll die heutige Kolonialkultur aufrechterhalten werden. [Hervorhebung ae!]

Wir sind keine Antisemiten

Zu den Ereignissen in Hamburg:
Reaktionen auf die Verhinderung des Films „Warum Israel“ (Kritikmaximierung)

Welt verstehen

Wenn man die Welt verstehen will, braucht man Karl Marx, Sigmund Freud und James Bond: das Äußere des Systems, das Innere des Menschen und den kaputten Zynismus, mit dem sich beides immer wieder verbindet.

[Aus einem ganz netten Artikel von Georg Seeßlen über die Kurras-Debatte in der Konkret 7/2009 | klick]

Erklär mir die Abstraktion

„Geh‘ ich durch‘n Wald, da seh ich was, das ist unten braun und oben da hängt was Grünes dran, da denkt mein Gehirn: ‚Scheiße, das kenn‘ ich irgendwoher, das nenn‘ ich doch Baum‘.“

In einem Seminar zur Wertkritik.