Archiv der Kategorie 'Radio'

Christopher Zwi über „Das Geschlecht des Situationismus“

Das feministische Magazin Outside the box lädt am Donnerstag den 9. September um 19:00 Uhr ins Conne Island zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Das Geschlecht des Situationismus. Transcending gender by abolishing the spectacle?“ – Ein Gespräch mit einem der drei Referent_innen über die Situationistische Internationale, deren Schweigen über das Geschlechterverhältnis und über die Möglichkeit einer feministischen Aktualisierung der Spektakelkritik:

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Roger Behrens über FLORIDA

Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen.
[Theodor W. Adorno, „Asyl für Obdachlose“, Minima Moralia]

In Hamburg ist kürzlich eine Zeitung erschienen welche den Titel „FLORIDA – Beiträge für das Leben nach der Stadt“ trägt und zahlreiche Texte, u.a. von Franz Kafka, Aristoteles, Georg Simmel, Henri Lefebvre, Thomas Morus, Edgar Allen Poe, Guy Debord und Friedrich Engels enthält, die sich allesamt mit dem Phänomen der Stadt auseinandersetzen. Neben diesen historischen Texten sind in der Zeitschrift aktuelle Beiträge von und mit Silke Kapp, Wolfgang Bock und Roger Behrens enthalten. Außerdem will sich die Zeitung als künstlerische Arbeit verstanden wissen – Sie wurde gestaltet von „Schroeter und Berger“ und enthält eine Fotostrecke von Daniel Poller. Das Ganze ist ein Projekt des Vereins Maknete e.V. und wurde in Zusammenarbeit von Alexandra Waligorski, Corinna Koch und Roger Behrens verwirklicht. Die Zeitschrift wird kostenlos verteilt und kann unter florida.maknete.org heruntergeladen werden. Ihr hört ein Gespräch mit Roger Behrens, der die Zeitschrift mitinitiiert hat, über das Zeitschriftprojekt, die Begriffe Stadt und (Post-)Urbanismus sowie über das Wohnen im Kapitalismus.

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Wutpilger Streifzüge

Wutpilger Streifzüge. Fragmente aus Politik und Kultur ist eine kleine Radiosendung, die einmal im Monat auf Radio Lotte in Weimar (und in Kürze auch bei Radio Corax in Halle) gesendet wird, auf die ich hier in Zukunft regelmäßig hinweisen werde:

Wutpilger Streifzüge # 8 wird am Sonntag den 15. August um 22:00 Uhr gesendet – auf 106,6 Mhz oder per Livestream auf der Homepage von Radio Lotte. In dieser Sendung werden, ausgehend von Walter Benjamins Baudelaire-Buch, die Figuren des Dandys und des Flaneurs als Sozialfiguren der frühen Großstädte vorgestellt werden – mit Ausschweifungen zu analogen Überlegungen von Georg Simmel, Sartre, Magnus Klaue u.a.

Edit: Die Radio-Sendung kann hier nachgehört werden (B. Wutpilger-Streifzüge 8 ).

Deutschland – Fußball – Männer – Kotzen

Zum Glück ist die Gefahr, dass die deutsche Nationalmannschaft Fußballweltmeister werden könnte, seit gestern gebannt und das ganze Spektakel nun zumindest etwas gedämpft. Ich habe mal von einem Judas-Priest-Konzert in den 80′ern gehört, das riesengroß angekündigt wurde, aber dann kurz vorher abgesagt wurde. Aus Wut haben die angereisten Fans vor der Konzerthalle dann ihre Judas-Priest T-Shirts verbrannt. Es wäre lustig, wenn es bei der WM mal einen ähnlichen Effekt geben würde – alle vormals enthusiastischen Deutschland-Fans zu sehen, wie sie aus Wut über die Niederlage ihrer Mannschaft und laut über die Deutschen schimpfend auf einmal ihre Trikots und Deutschlandfahnen verbrennen würden…

Noch ein paar abschließende Notizen zum WM-Kram:

■ In meinem Hassgesang auf das WM-Spektakel habe ich einen Aspekt nicht in die Betrachtung einbezogen, der in dieses Phänomen doch ganz spezifisch mit hereinspielt: Das Geschlechterverhältnis. Meine Formulierungen zur Einleitung meines Vortrages „Das Bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ über den Männertag (ebenso Kalles Überlegungen auf dem wdn-blog), dürften auf die Fußballereignisse übertragbar sein, wenn es sich hier auch nochmal etwas anders äußert:

Ich würde gern mit einer Überlegung zum Männertag einsteigen, den wir vor wenigen Tagen wieder erlebt haben und ich würde mich gern fragen – was passiert eigentlich am Männertag? Ich denke, dass man grundsätzlich sagen kann, dass es dabei irgendwie darum geht, dass sich an einem solchen Tag Männer gegenseitig darin bestätigen, Mann zu sein. Man schließt an so einem Tag bewusst das andere Geschlecht aus und widmet sich zusammen mit anderen Männern explizit männlichen Tätigkeiten. Ich meine, dass der Männertag für ganz viele Männer tatsächlich sehr wichtig ist – gerade weil wir zur Zeit eine Entwicklung erleben, in der das Geschlechterverhältnis überhaupt nicht mehr starr zu bleiben scheint. Es gibt in einem gewissen Sinne ein Verschwimmen der Geschlechtergrenzen – die Homo-Ehe ist anerkannt, viele vormals geschlechtsspezifische Tätigkeiten können inzwischen von beiden Geschlechtern getätigt werden, ohne dass das zu irgend einem Skandal führen würde. Ich denke, dass gerade diese Entwicklung (auf die ich später noch einmal eingehen werde) für viele Männer eine enorme Verunsicherung bedeutet und dass nun solche Anlässe wie der Männertag für viele Männer die Funktion haben, sich in dieser Zeit der Verunsicherung doch ihres Männlichseins zu vergewissern. Sieht man sich solche Sachen wie den Männertag genauer an, dann kann man feststellen, dass da sehr einfache Dinge passieren: Männer rotten sich zu Horden zusammen, gehen Wandern, grölen dabei rum und besaufen sich. Ich würde sagen, dass dieses Rauschhafte, das in den kollektiven Alkoholexszessen liegt, etwas ganz wichtiges für die männlichen Subjekte ist – nämlich aus einem ganz bestimmten Grund; weil dieser Rausch es den männlichen Subjekten erlaubt, sich auf eine körperliche Nähe zu den anderen männlichen Subjekten einzulassen. Es lässt sich immer wieder beobachten – nicht nur beim Männertag, sondern auch bei Fußballspielen, beim Junggesellenabschied, bei Kneipentouren oder bei Rockkonzerten –, dass bei solchen Anlässen ein Rahmen dafür geschaffen wird, dass sich Männer gegenseitig berühren können. Es handelt sich zum Teil um innige, kameradschaftliche Umarmungen oder dass man sich gegenseitig im Arm liegt – auf jeden Fall scheint es bei solchen Anlässen wichtig zu sein, sich gegenseitig zu spüren. Leider ist es so, dass das männliche Subjekt in solchen Momenten eine gewisse Ahnung davon hat, dass es hier um eine verdrängte homosexuelle Neigung geht und das ist eine Ahnung, die das männliche Subjekt nicht zulassen darf. Deshalb gibt es verschiedene Riten, die es verhindern, dass sich die männlichen Subjekte ihrer Homosexualität bewusst werden und diese Riten enden immer wieder in einem Ausbruch von Gewalt. Die Körperlichkeit darf also nur dann zugelassen werden, wenn es sich um eine harte Körperlichkeit handelt. Die Umarmung endet oftmals in einer Kopfnuss, Körperlichkeit auf dem Rockkonzert besteht oftmals im Pogo, der bald vielmehr einer massenhaften Prügelei gleicht. Im letzten Jahr gab es zum Männertag Schlagzeilen, als sich in mehreren Städten aus den Männertagsumzügen Straßenschlachten entwickelt hatten. Letztendlich entlädt sich die nichteingestandene Homosexualität in Übergriffen gegenüber Frauen. Die Gewalt, die sich Männer täglich antun müssen, weil sie nicht passiv, sinnlich und zärtlich sein dürfen und die ganz offenbar wird, wenn tatsächlich eine Nähe zwischen Männern entsteht, wird am Ende den Anderen angetan.

Die Transkription des vollständigen Vortrages erscheint in Kürze bei Wider Die Natur.

■ Auf die Körperlichleit zwischen Männern hat Johannes Paul Raether in seiner sehr gelungen Fotoreihe von der Fanmeile der WM 2006 in Berlin einen Fokus gelegt:

Sehr zu empfehlen hier auch das Kotz-Video über Deutschland, das Land der Ideen …, es lohnt sich auf der Seite zu stöbern.

■ Bubizitrone weist auf den besonderen Service eines Cafés in Jena hin und ist ebenfalls von zwecklosen Diskussionen frustriert.

■ Anselm Gramschnabels (Gruppe Surpasser) Überlegungen zum Charakter von Massenevents anlässlich des Weimarer Zwiebelmarkts (der uns in Bälde leider wieder auf die Pelle rücken wird) könnten ebenso Aufschluss über den Charakter des Fußballspektakels geben.

■ Der Blog „Im Kopf Lokalisationweist auf ein Buch zur Kritik des Fußballsports hin, das mir nach dem Lesen der Einleitung zumindest als lesenswert erscheint, auch wenn hier mit der klassischen Manipulationsthese aufgewartet wird (Fußball ist Droge fürs Volk, damit das seine Interessen nicht erkennt). Lesen.

■ Im Audioarchiv befindet sich ein Vortrag von Freek Huisken über Fußball und Deutschlandwahn, der unter anderem auch die Manipulationsthese zurückweist:

Die neu­es­te Sen­dung Sach­zwang FM be­inhal­tet einen am 08.​06.​2010 in Ber­lin ge­hal­te­nen Vor­trag von Freek Huis­ken (GSP) über den ak­tu­el­len Deutsch­land­wahn und die Funk­tio­nen der Welt­meis­ter­schaft des Män­n­er­fuß­balls und ähn­li­cher Ver­an­stal­tun­gen für die Staa­ten­kon­kur­ren­zen.

In dem Vortrag sind einige gute Gedanken formuliert, das hören macht trotzdem keinen Spaß – „Das war der erste Punkt, jetzt komme ich zum zweiten Punkt.“ – „Wieso das ganze?“ – „Wozu die ganze Veranstaltung?“ – „Was haben die jetzt davon?“ – „Zu welchem Zweck machen die das jetzt?“ usw. – anstatt mal eine Argumentationsfolge stringent auszuführen, scheint der Referent die Höhrer_innen hier an die Hand des gesunden Menschenverstands nehmen zu wollen, was extrem nervt.

■ Und abschließend ein Zitat von einem Freund: „Wer ein Problem damit hat, wenn ich ‚Scheißdeutsche‘ sage, soll gefälligst wo anders hinziehen.“

Zur Expressionismusdebatte

Am Donnerstag werden in der ACC Galerie Weimar Kerstin Stakemeier und Roger Behrens einen Vortrag über die Expressionismusdebatte halten. Im Vorfeld wurde schon zahlreiches Material veröffentlicht: Ein Telefoninterview mit Kerstin Stakemeier und Roger Behrens über die Expressionismusdebatte, sowie ein Gespräch mit Christopher Zwi über Georg Lukács und die Expressionismusdebatte gibt es im KSR-Radio. Im Audioarchiv gibt es die Glossen zum Realismus von Bert Brecht, welche dieser während der Expressionismusdebatte verfasst hatte. Es sei auch nochmal auf den Vortrag von Kerstin Stakemeier zum Konstruktivismus hingewiesen, den sie als Realismus verhandelt – am Ende des Vortrages geht sie auch kurz auf die Expressionismusdebatte ein (bei KSR-Radio 2009).

Veranstaltungsreihe zur Klassenfrage

Alle Jahre wieder wird darüber gestritten ob man sich nicht endlich von der Klasse verabschieden sollte. Schon in historischen Debatten stand auf der Tagesordnung, ob der positive Bezug auf das Proletariat eine realistische Perspektive ist. Analytisch konkurriert die Marxsche Vorstellung von Klassengesellschaft von Beginn an mit eher soziologischen Ansätzen zur Beschreibung sozialer Schichtung. Heute ist der Begriff umstrittener denn ja. Antideutsche und wertkritische Ansätze sehen den Begriff als Erbe des „Arbeiterbewegungsmarxismus“, der wegen des positiven Bezugs auf die Arbeit sowohl analytisch als auch strategisch untauglich ist. Operaist_innen halten Klassenkämpfe für den entscheidenden Motor gesellschaftlicher Veränderung und warten darauf, dass die chinesischen Wanderarbeiter_innen ihre Arbeiterautonomie erkennen und den Karren der Geschichte herumdrehen. Post-operaistische Ansätze sprechen von der Multitude, die werden muss, um dem Empire entgegen zu treten – ähnlich wie im Traditionsmarxismus die ökonomisch bestimmte Klasse an sich ihre Bestimmung erkennen und zur kollektiv handelnden Klasse für sich werden musste. Postmarxist_innen suchen mit Max Weber und Foucault nach der sozialen Reproduktion von Klassen und beschreiben, wie der Klassenunterschied durch moderne Regierungstechniken ins Innere der Subjekte verlegt wird. Als positiver Bezugspunkt bleibt oft die klassenlose Gesellschaft – auch wenn völlig unklar ist, wie sie aussieht und es keine nennenswerte Debatte über Transformationsperspektiven gibt. Die Veranstaltungsreihe nähert sich dem Begriff der Klasse durch die Erschließung der Debatten, die um die Klassenfrage geführt wurden. In der Vertiefung setzen wir uns mit aktuellen Ansätzen von Klassentheorie auseinander und fragen VertreterInnen der verschiedenen Theorien, wie tauglich der Begriff für eine Kritik der Verhältnisse auf der Höhe der Zeit ist. Die Reihe kann als Hinführung zur wissenschaftlichen Tagung „Prekarier, Pauper und Proleten – Zum aktuellen Gebrauchswert des Klassenbegriffs“ der RLS Thüringen am 11./12. Juni 2009 genutzt werden, welche die Diskussion über den politischen Nutzen des Begriffs der Klasse vertiefen wird.

07.05.2010
Klasse an und für sich, Multitude, Schicht, Milieu

Viele Gesellschaftstheorien bieten Brillen an, um soziale Ungleichheit zu beschreiben. Sowohl die Kriterien, nach denen Gruppen unterschieden werden als auch die Frage, wie (und ob überhaupt) aus der Beschreibung irgendwelche Schritte zur Veränderung folgen, unterscheiden sich immens. Um sich im ersten Schritt dem Begriff der Klassengesellschaft zu nähern, wird der Klassenbegriff in der Veranstaltung ins Verhältnis zu anderen Beschreibungen von Ungleichheit gesetzt.

14.05.2010
Thesen zur klassenlosen Klassengesellschaft

Im Juni 2007 veröffentlichten die „Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft“ in einer Zeitschrift mit dem Titel „Kosmoprolet“ ihre „28 Thesen zur klassenlosen Klassengesellschaft“. Sie konstatieren darin, dass die alte proletarische Bewegung zwar restlos in der herrschenden Ordnung aufgegangen ist, halten jedoch an einem Begriff der Klasse fest und konstatieren in ihrer Analyse, dass es auch in dieser historischen Situation noch Klassenkämpfe gibt. Ebenso wie Marx den Klassenkampf nicht erfunden habe, sondern die Klassenkämpfe der Entwicklung seiner Kritik vorangegangen seien, wollen sie an aktuelle Kämpfe anknüpfen und sprechen damit recht optimistisch von einem „Proletariat, das für seine Selbstaufhebung bereits weltweit kämpft.“ In der Veranstaltung werden sie ihre Thesen vorstellen und dabei einen Fokus auf die Begriffe der Klasse und des Klassenkampfes rücken.

04.06.2010
Globale Perspektiven auf Klassenkämpfe

Seit der Wirtschaftskrise der ’70er Jahre und ihrem Aufschub, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und einem erneutem Ausbruch der Krise im vorletzten Jahr kann eine fortschreitende Verschiebung der Klassenverhältnisse auf globaler Ebene konstatiert werden. Der Vortrag soll darlegen was diese Veränderungen für die Proletarisierten bedeutet, welche Perspektiven des Widerstands sich unter diesen neuen Bedingungen ergeben und wo bereits Klassenkämpfe ausgebrochen sind.

VERANSTALTUNGSORT
Radio F.R.E.I., Gotthardtstraße 21, Erfurt

BEGINN
Jeweils um 20:30 Uhr

EINE KOOPERATION ZWISCHEN
Bildungskollektiv, Radio F.R.E.I., Jugendbildungsnetzwerk der RLS

INTERNET
biko.arranca.de

Bei dieser Gelegenheit sei auf einen Vortrag von Zwi zum „Proletariat als Prozess“ hingewiesen.

Kopfstoss.fm – live aus Mügeln

Der braune Mob hat sich wieder in der sächsischen Pampa von seiner besten Seite gezeigt, wieder mal in Mügeln. Die Fussballsendung Kopfstoss vom freien Radio Halle, Radio Corax war mit dabei. Der Sport ist mir latte, aber die O-Töne sind ziemlich gruselig.

[via besserscheitern]



Edit
: besserscheitern weist noch auf einen Beitrag von tatort branids hin, wo ausführliche Berichte von den Vorfällen in Brandis und Mügeln zu lesen sind.

Thesen zum Begriff der Geschichte

Die Falken Erfurt haben vor Kurzem eine Broschüre mit dem Titel „»Die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen…« – Versuche einer materialistischen Geschichtsschreibung – Erfurt in der Frühen Neuzeit“ herausgegeben, in der einige Stationen der Erfurter Stadtgeschichte durchgegangen werden. Im Anhang befindet sich eine sehr lesenswerte Zusammenfassung der materialistischen Geschichtsschreibung von Marx, Benjamin, Agnoli …

Siehe auch

Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte | Esther Leslie über Walter Benjamin | Audiomaterial zu Walter Benjamin | Marcus Hawel: Walter Benjamins Geschichtsphilosophie | Christoph Hering: Rekonstruktion der Revolution. Walter Benjamins messianischer Materialismus in den Thesen „Über den Begriff der Geschichte“

Das wahre Leben trainieren

An Zynismus und Sinnlosigkeit nicht zu überbieten:

Training für Hartz-IV-Empfänger
Arbeitslose spielen Kaufmannsladen

Aufblasbarer Plastikkäse, kopiertes Spielgeld, gefärbtes Wasser in Weinflaschen: Das Jobcenter Hamburg finanziert einen kompletten Supermarkt. Hartz-IV-Empfänger sollen dort wieder arbeiten lernen. Die simulierte Einkaufstour kostet Millionen – und hat bislang nur eine magere Erfolgsquote.

Hamburg – Eine Flasche Mirabellenbrand hält den Betrieb auf, die Scannerkasse erkennt sie nicht. Die Frau an der Kasse guckt fragend zu ihrem Ausbilder, dem Herrn Rothe. Die F7-Taste soll sie drücken, den Artikel eingeben, nochmal F7, dann den Preis, irgendwann die Taste F2. Und dann soll es weitergehen. „miraabellenbrand“ wird später auf dem Kassenbon stehen, verkauft für 49,90 Euro. Ein Tippfehler beim Namen, nicht so wichtig, Hauptsache, der Preis stimmt.

Die Flasche ist leer.

Der Kunde heißt heute Markus Repschinski. Der 28-Jährige hat die leere Mirabellenbrandflasche gekauft. In seinem Einkaufswagen liegen außerdem eine leere Flasche Ouzo für 29 Euro und volle Packungen Cornflakes, Reis, Toffifee, Pedigree sowie eine Dose weiße Bohnen. Insgesamt sind es Waren für 129,13 Euro. Repschinski wird noch mehrere dieser Wagen zusammenpacken, wahllos, mal ist Katzenfutter dabei, mal Hundefutter, manchmal beides.

Er wird jeden Wagen vorbeischieben an der Kühltheke mit den aufblasbaren Käselaiben aus Plastik, vorbei an den leeren Plastikschalen „Nordseekrabben Natur“, vorbei an den Weinflaschen mit gefärbtem Wasser. Auch vorbei an 6000 echten und gefüllten Kekspackungen, Konservendosen und Chipstüten, die hier in den Regalen liegen.

„Real Life Training“ steht auf seinem Rücken, deswegen ist er hier: Das wahre Leben trainieren, in einem Übungssupermarkt mit angeschlossenem Lager. Es ist die erste Maßnahme dieser Art deutschlandweit. Arbeitslose sollen lernen, wie es ist, im Lager zu arbeiten, an der Supermarktkasse, im Großhandel. Früh aufstehen, pünktlich erscheinen, die Mütze ab, die Hände sauber, Arbeitszeiten ordentlich dokumentiert auf einer Stempelkarte, das ist die Idee; jede Woche knapp 40 Stunden, für sechs bis neun Monate. Betreut von sechs Sozialpädagogen und fünf Übungsleitern. → weiter lesen

Passend zum Thema sei dabei auf das Interview mit den Neptunianer_innen King und Kodos von der „Außerplanetarischen Opposition“ hingewiesen, die im März nach Erfurt gekommen waren und nicht begreifen konnten, dass auf der Erde Häuser (Arbeitsämter) gebaut werden, die dafür erdacht sind sich vollkommen sinnlose Tätigkeiten für Menschen auszudenken, die eigentlich nicht notwendig arbeiten müssten:

(Siehe Artikel Infoladen Sabotnik)

Um eine Kritik der Arbeit wird es auch am 10. April bei einem einführenden Seminar zur wertkritischen Kapitalismuskritik in Weimar gehen:

SEMINAR
EINFÜHRUNG IN DIE WERTKRITISCHE KAPITALISMUSKRITIK

Das zunehmende Unbehagen im Kapitalismus ist leider noch kein Garant für eine angemessene Kritik und nicht jeder Widerstand ist per se emanzipatorisch zu nennen. Die Gefahr, Bestandteil des Problems zu werden, gegen das sich der Unmut richtet, ist groß genug, wie viele (ex-)linke Biographien beweisen. Um den Kapitalismus kritisieren zu können, muss er auch verstanden werden. Wir wollen Euch die grundlegenden Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft näher bringen, wie sie Marx im Kapital entwickelt hat. Entgegen einer traditionsmarxistischen Lesart stehen hier nicht Klassenkampf und Loblieder auf das Proletariat im Vordergrund, sondern die Kritik von Ware, Geld, Kapital und Warenfetischismus.

DATUM: 10. April 2010
BEGINN: 11:00 UHR
ORT: Weimar, Jakobsstraße 22 (Bureau der „Neuen Linken“)
EINTRITT: frei

Das Seminar findet leider parallel zu einer öffentlich angekündigten Hausbesetzung in Erfurt statt (wir vertrösten die Genoss_innen, auf dass die Theorie baldig die Massen ergreift). Diese Aktion wird im Rahmen einer Aktionswoche anlässlich der Jährung der Räumung des Besetzten Hauses in Erfurt ausgerichtet:

EIN JAHR RÄUMUNG – PROGRAMM: 10. – 17. APRIL

Kreuz.net und andere Gräuel

Auf ufo.arranca.de befindet sich seit Kurzem der Mitschnitt eines sehr hörenswerten Vortrags über das nazi-katholische Nachrichtenportal kreuz.net und die Pius-Bruderschaft.

Hinzuweisen wäre dabei auch auf das katholische Youtube Gloria TV, das zwar auf den ersten Blick nicht ganz so rechts zu stehen scheint, aber z.B. immer wieder gegen AbtreibungsbefürworterInnen und Feministinnen hetzt, z.B. hier:

Gegen den nächsten 1000-Kreuze-Marsch (bzw. einen Kreuzweg der Ungeborenen) in Freiburg, der von der Pius-Bruderschaft organisiert ist und am 26. März stattfinden soll, wird hier mobilisiert: piusentgegentreten.blogsport.de

Ich schau dir in die Augen, Kleines…

Ein hörenswertes Interview zu einer besuchenswerten Veranstaltungsreihe:

Teil 1 ||
Teil 2 ||

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