Archiv der Kategorie 'Orte'

Hilferuf aus Weimar

Hier wird dringend Hilfe benötigt:

Vom Dorfe her

Ich habe eben die recht erdrückenden Gedanken von Bubi Zitrone zur Lebenswelt auf dem Dorf gelesen und musste dabei an meine Fotosammlung von Kriegsdenkmälern denken, die sich im Laufe meiner Erkundungen des Weimarer Landes angesammelt hat. Hier einige Impressionen, die denke ich für sich stehen:

Daasdorf

Mattstedt

Nähe Liebstedt

[“Den Gefallenen zum unvergänglichen Ruhme, den Lebenden zur Erhebung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheifrung“ (!)]

Kromsdorf:

[“Wir machen die Necher platt“]

Jugendclub (irgendwo in Thüringen):

Beim Zusammenstellen der Fotos ist es mir irgendwie seltsam aufgefallen, dass ich mich doch immer wieder auf mein Fahrrad setze um Erkundungsfahrten durch die umliegenden Dörfer zu machen. Ich bin mir nicht sicher was mich dazu treibt – vielleicht eine Mischung aus Abstoßung und Faszination, die ich sicher nur mit der Gewissheit ertragen kann selbst dem Dorf entkommen zu sein. Eine solcher Erkundungen habe ich vor einigen Jahren zusammen mit drei Freunden bewusst inszeniert und in einem Hörspiel dokumentarisch festgehalten, welches hier angehört werden kann.

Bubi Zitrones Resümee, „dass solche Erfahrungen und Konflikte keine Einzelfälle sind, es den jeweiligen Menschen in entsprechenden Situationen beschissen geht und sie häufig alleine da stehen“ und dass sich dies keinesfalls nur auf bestimmte Gebiete im Erzgebirge beschränkt, kann ich aus meinen Erfahrungen auf dem Dorf bestätigen. […]

Drei Literatur-Hinweise zum Thema:

1. Im ersten Teil von „Das Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch („Bericht – Tagträume“) schreibt dieser über kindliche und jugendiche Wunschträume in der Provinz. Diese Berichte decken sich zum Teil 100%ig mit meinen damaligen Wunschphantasien.

2. In Thomas Bernhards Roman „Verstörung“ erzählt dieser von einem Tag, an dem er seinen Vater, der der zuständige Amtsarzt für einen provinziellen Landstrich gewesen ist, an einem seiner Rundfahrten durch die dörfliche Landschaft begleitet. In diesem Bericht wird das Elend und die Grausamkeit des Dorfes in einer unerträglichen Intensität beschrieben.

3. Ein Aufruf zur Landflucht als Redebeitrag von Ag No Tears for Krauts zur Situation im ostzonalen Köthen. Dabei musste ich an einen geradezu gegenteiligen Aufruf von Heidegger denken, der glaube ich „Wir bleiben in der Provinz“ heißt, was schon im Titel die Unmenschlichkeit seiner Philosophie entlarvt.

Ps: Wenn ich mich recht erinnere ist die Figur des Sexualmörders Moosbrugger im „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil ein Typ, der in seinem Wahn ständig über die Dörfer streift und selbst von der Erfahrung des Dorfes geprägt ist. Das müsste ich aber nochmal nachlesen…

Sieg über die Sonne

Wie es aussieht machen sich gerade ein paar Leute daran die suprematistische Oper „Sieg über die Sonne“ in Form eines Ausstellungs- und Fanzine-Projektes zu bearbeiten. Neben der Faszination, die ich für den Konstruktivismus habe, kann ich mich nicht des Gefühls erwehren, dass daran etwas höchst problematisch ist. Grund genug, sich damit noch einmal näher zu beschäftigen. [Dabei sei noch einmal auf den Vortrag über Konstruktivismus von Kerstin Stakemeier hingewiesen – KSR Radio]

*Anfang gut, alles gut. Beginning good. All good.*
Actualization of „Pobeda nad solncem“, 1913 (Victory over the Sun) with contributions by Thomas Baldischwyler, Mareike Bernien & Kerstin Schroedinger, Nine Budde, Ruth May, Avigail Moss, Peter Wächtler, Susanne M. Winterling

*Thursday, April 29, 2010, 6.30h pm
Presentation of the first Fanzine with a short introduction and sound recordings
Motto, Skalitzer Str. 68, Hinterhof, 10997 Berlin*

The futurist opera *Victory over the Sun*, which was written and staged in 1913 in Petersburg wanted to “establish a collective work on the basis of word, painting and music”. Those are the words of the opera’s authors, the painter Kasimir Malewitsch, the musician Michail Matjuschin and the poets Alexeij Krutschenych and Welimir Chlebnikov, who wanted to create an ‚antiharmonious’ work – against the spirit of their times.

*Beginning good. All good*, an actualization of „*Pobeda nad solncem*“ (Victory over the Sun), will translate this programmatic on the basis of the historical text and documentation of its stagings and reception into the present. The project brings together about 30 artists, musicians, theoreticians and people from other disciplines in order realise the exhibition project in May 2011.

Participants (until now):
Katrin Bahrs, Thomas Baldischwyler, Roger Behrens, Mareike Bernien, Nine Budde, Robert Burkhardt, Natalie Czech, Damn‘it Janet, Kirsten Forkert, Fox Hysen, Oliver Jelinski, Christiane Ketteler, Nicholas Matranga, Ruth May, Michaela Mélian, Jan Molzberger, Avigail Moss, Ulrike Müller, Orakel, P.O.G., Johannes Paul Raether, David Riff, Kerstin Schroedinger, SchröterundBerger, Jessica Sehrt, Amy Sillman, Tillmann Terbuyken, Peter Thiessen, Dimitry Vilensky, Jeronimo Voss, Peter Wächtler, Patricia Wedler, Susanne M. Winterling

With the project we would like to dismantle the opera’s self-enclose form into those artistic fragments and traces, which seem to correspond with the present, to than reconstruct them as actualized reformulations. To make the pre-production visible, we will produce a series of three subsequent fanzines for may 2010, october 2010 and january 2011.

The project is initiated by Nina Köller and Kerstin Stakemeier.

Ken Vandermark im Wagner

Heute Abend wird im Café Wagner in Jena einer der aktuellsten Avantgarde-Jazz-Musiker aus den USA spielen: Ken Vandermark. Begleitet wird er von Paal Nilssen Love, der in der norwegischen Free-Jazz-Szene bekannt geworden ist. Beide verbindet unter Anderem, dass sie schon mit Peter Brötzmann zusammengespielt haben.

Hier eine Kostprobe (eine andere Besetzung als heute Abend – es handelt sich um irgend eine der Tausend Bands von Ken Vandermark):

Schöner reisen

Am Wochenende hat das Trampen wunderbar funktioniert:

Nun bin ich wie eine kleine Spinne mit sehr kleinen Beinen. Müsste sie auf ihren Beinen laufen, würde sie nur langsam vorwärts kommen. Darum spinnt sie einen Faden so lang, dass er sie hochhalten kann, lässt den Faden los und springt aus in freien Fall. Der Wind greift den Faden und trägt die Spinne los. So bin ich nun, ich weiss nicht wo ich landen werde, ich weiss bloss dass meine Beine klein sind, und dass es schneller geht wenn ich trämpe.

(XN28, 2003)

Dabei musste ich an ein Erlebnis denken, das ich neulich in einer Kneipe hatte. Ich wollte nur kurz noch ein Bier trinken und dann schnell nach Hause gehen, doch dann kam ein Typ auf uns zu, der uns einfach die Hand gab und sich vorstellte. Um uns einen Eindruck von sich zu vermitteln erzählte er uns von einer imaginären Situation, die er interessant fand: Es ging um einen Philosophen auf LSD, der auf einer Brücke steht und irgendetwas verzwicktes passiert – ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern. Obwohl das Zeug was er erzählte ziemlich irre war, fand ich es sehr angenehm ihm zuzuhören – er hatte eine sehr angenehme Sprache (einen leicht schwäbischen Dialekt – nur leicht), eine wohlklingende Stimme und seine Mimik war munter und sympathisch. Normalerweise kann ich es nicht ausstehen von Besoffenen zugelabert zu werden – aber dieser Mann redete trotz offensichtlichem Einfluss von Drogen auf eine Weise, die mich irgendwie ansprach. Ich konnte ihm nicht die ganze Zeit folgen – wir diskutierten über Variation als Aufhebung von Dogma und Beliebigkeit, über das Verhältnis in einer Kneipensituation als Beobachter oder als jemand der darin vollkommen aufgeht, über die Schwierigkeit die in der Kommunikation bei einer solchen Situation besteht. Was jetzt wie typisches, langweiliges Kneipen-Philosophentum klingt, war hier doch irgendwie anders, vielleicht war es aber auch wirklich nur die angenehme Art wie dieser Typ redete. Zwischendurch versuchte er uns über seltsame Bewegungen, geradezu ein Schauspiel, begreiflich zu machen was er uns zu sagen hatte. Und dann erzählte er uns das, was mir am besten im Gedächtnis geblieben ist: Er beschrieb uns ein seltsames Zell-Wesen – halb pflanzlich, halb organisch, nierenförmig, in der Größe eines Sitzkissenes, oder eines kleinen Sofas. Ein Wesen, das sich auf rätselhafte Weise in Schwingung befindet und einige Zentimeter über dem Boden schwebt. Dies sei seine Vorstellung von zukünftigem Reisen – du begegnest einem solchen Wesen und es bietet dir an, dich mitzunehmen. Wohin du willst.

Bubizitrone hat gerade ein neues Wort erfunden: Eintagsflucht. Zu bezeichnend für eine Situation, die nicht aufhören will.

Hallo Halle #2

Bauhaus ist überall. Nur nicht in Weimar.

In der aktuellen Ausgabe der Jungle World findet sich ein sympathischer Artikel von Roger Behrens über das Bauhaus und Weimar, eine hübsch, aber billig inszenierte Touristenstadt (via):

90 Jahre Bauhaus

Bauhaus ist überall. Nur nicht in Weimar.

VON ROGER BEHRENS

Wer etwas über das Bauhaus wissen will, muss sich auf die museale Kunstgeschichte einlassen und nach Berlin fahren: Im Martin-Gropius-Bau gibt es noch bis 4. Ok­tober »Modell Bauhaus – Die Ausstellung« zu sehen. In Berlin gibt es zwar auch das Bauhaus-Archiv, doch für die stets gemeinte Geschichte der Institution »Bauhaus« ist Berlin nur die kurze Schlussstation: Mies van der Rohe hatte hier im Herbst 1932 die Räume einer leer stehenden Telefonfabrik bezogen; wenige Monate später, am 13. April 1933, wurde das Bauhaus von den Nazis geschlossen. Es kam nach Berlin, nachdem es in Dessau vertrieben worden war; nach Dessau war das Bauhaus gegangen, nachdem es Weimar hatte verlassen müssen.

Weimar, Dessau, Berlin: Das sind die drei Stationen, wenn man das, womit das Bauhaus kunstgeschichtlich identifiziert wird, auf das Bauhaus als faktische Institution bezieht – »Bauhausstil«. Doch damit fängt der Mythos an, der sich schließlich in der absurden Gleichsetzung von Bauhaus = Moderne = Avantgarde kristallisiert. (mehr…)

Local Offences

@aftershow: Sowas gibts nur hier bei uns!

Avantgardistische Beerdigung oder Beerdigung der Avantgarde?

Bauhausurne

Diese Urne basiert auf der zeitlosen Architekturidee und rationalen Formgebung der deutschen Designerschule Bauhaus, die 1919 von Walter Gropius gegründet wurde.

Das Ziel dieses Lehr- und Forschungsinstitutes für Architektur, bildende Künste und Handwerk war, die Einheit von Künsten, Wissenschaft und Technik zu erzielen.

Es wurde 1925 nach Dessau verlegt und 1933 aufgelöst. 1937 konnte es als New Bauhaus in Chicago wieder etabliert werden.

Berühmte Künstler wie Lionel Feininger, Paul Klee und Wasilli Kandkinsky waren Mitglieder. Die Bauhaus-Urne reduziert sich auf die vertikalen und horizentalen Linien und deren wechselseitige Wirkung und vermittelt durch die Primärfarben und reinen Elemente eine optimistische Objektivität, die der geistigen Ausprägung des modernen Großstadtmenschen entspricht.

Hallo Halle

Ich habe am Wochenende mit einigen Freund:innen am Wochenende einen Ausflug nach Halle unternommen. Ich finde diese Stadt auf eine gewisse Weise beeindruckend und das Wandern durch die Straßen löst in mir ein seltsames Gefühl aus. Ich glaube, dass Halle einen Schnittpunkt zwischen Provinz und Großstadt darstellt – man stößt auf grundlegende Elemente beider Seiten. Auf der einen Seite sich gegenseitig ergänzende „Hochkultur“ und Sub-/Alternativkultur (Theater, Uni, Kneipen, Szene, Radio), auf der anderen Seite die Gewalt der ostdeutschen Provinz (Plattensiedlung, Weihnachtsmarkt, Neonazis).

In einem Bio-Restaurant habe ich einen Flyer für eine sehr interessante Filmreihe entdeckt, die unter anderem von der Antifagruppe an der Uni Halle organisiert wurde:

German Images
Filme zum postfaschistischen Alltag

Als Vertreter der Kritischen Theorie in den 1950er Jahren vor dem Nachleben des Nationalsozialismus warnten, steckte hinter dieser Warnung nicht nur das Wissen darüber, dass der Nationalsozialismus durchaus demokratische Elemente und die Legitimation der Massen besaß. Die Warnung beinhaltete auch die Erkenntnis, dass die nationalsozialistische Ideologie keineswegs mit der vielbeschworenen „Stunde Null“ sang- und klanglos aus den Köpfen der Menschen verschwand. Vielmehr leben ihre Versatzstücke in den Menschen fort.

Die Beispiele für jene Fragmente der deutschen Ideologie sind zahlreich. Es ist hierbei vor allem der scheinbar allgegenwärtige Ruf nach einfachen Verhältnissen, der die Zwänge vermittelter Herrschaft abstreifen und an ihre Stelle die direkte Herrschaft des Mobs setzen will. Da der Staat jedoch auf seiner Souveränität beharrt, offenbart sich die Rohheit und Brutalität der atomisierten Volksgenossen in deutschen Wohnzimmern, Kneipen und auf den Straßen.

Diesen Zuständen widmet sich die Filmreihe. In ihr soll es aber keineswegs darum gehen, die hundertste Dokumentation über Stiefelnazis zu zeigen, um in mahnendem Duktus die Gefahr des sogenannten Rechtsextremismus für die Demokratie anzuprangern. Vielmehr soll der Frage nachgegangen werden, wie der Alltag jener Menschen aussieht, die nicht nur sich, sondern auch anderen regelmäßig das Leben zur Hölle machen. Die Filmreihe zeigt Dokumentationen, die (oftmals unfreiwillig und in alles anderer als kritischer Absicht) die Widerwärtigkeiten eines Alltags entlarven, in dem Stumpfsinn, Langeweile und Tristesse auf der Tagesordnung stehen. Es werden Menschen gezeigt, die die Schuld am Elend nicht in den Verhältnissen suchen, die es tagtäglich hervorbringen. Es geht um Jene, die sich stattdessen im Elend häuslich eingerichtet und mit der vermeintlichen Unüberwindbarkeit dieser Verhältnisse schon längst abgefunden haben.

In dieser Reihe: Herr Wichmann von der CDU | Bellaria | Stau

Mehr Infos: http://www.kinolabim.de | http://antifa.uni-halle.de/

Auf der Rückreise sind wir mit den Fahrrädern an der Saale von Halle bis nach Merseburg gefahren um dort in den Zug zu steigen. In Merseburg schlug die andere Seite wieder krachend ins Gehirn. Grau, kaputt, trostlos. Ich wurde Zeuge eines Relikts aus vergangenen Zeiten: Hier dient die Bahnhofshalle noch als Treffpunkt der allgemeinen Jugend.

Rassig Postmodern

Ein scheiß Geschäft in Bayern.

I Love:

Licht ins Dunkeln des deutschen Waldes

Bin hier, hacke holz und fühl mich woohl!

2 x Umherschweifen pro Quadratmeter

Diese Zeitschrift scheint die von den Situationisten begründete Psychogeografie und den Unitären Urbanismus auf hohem wissenschaftlichen Niveau und ohne nostalgische Hampeleien oder prosituationistische Romanzen fortzusetzen. Aus dem Impressum:

dérive – Zeitschrift für Stadtforschung erscheint seit Sommer 2000 vierteljährlich in Wien und versteht sich als interdisziplinäre Plattform zum Thema Stadtforschung. Die behandelten Felder reichen von Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung, Raumordnung und Bildender Kunst bis zu Geographie, Soziologie, Politik- und Medienwissenschaften und Philosophie. Thematisiert werden globale Problemstellungen, die im lokalen Rahmen behandelt werden und Aufschlüsse über die gegenwärtige Stadtentwicklung geben sollen.

Gefunden habe ich die Zeitschrift (dérive=franz. umherschweifen), als ich auf einer Bücherladentour durch Berlin auf das pro qm stieß, ein Buchladen zu Stadt, Politik, Pop, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Kunst & Theorie, der alles Moderne von Relevanz gesammelt zu haben scheint, seien es Zeitschriften, Bücher und Magazine, seien es Musik und Design. Wer die Gelegenheit dazu hat, sollte dort unbedingt mal vorbeischauen (Almstadtstrasse 48-50, geöffnet: Montag – Freitag 12-20 Uhr, Samstag 12-18 Uhr).

Aus der taz Berlin (lokal Nr. 8195 vom 7.2.2007, Seite 25) zum pro qm:

Almstadtstraße am Sonntagabend in unserer Möchtegernmetropole – leise, lichtarm, leergefegt. Die Straße im Scheunenviertel hat noch diesen dörflichen Charakter und hält, oberflächlich betrachtet, noch der Gentrifikationsdampfwalzenentwicklung des dritten Jahrtausends stand. Doch plötzlich durchzucken weiße Lichtblitze am Ende der verschlafenen Straße rhythmisch die Dunkelheit. Die umliegenden Hauswände werfen Reflexe. Im Näherkommen dann eine Menschengruppe vor zwei großen Schaufenstern. Ihre Unterkörper verschwinden in den dicken Rauchschwaden eines fleischbeladenen Grills.

Gefeiert wird die Neueröffnung der Buchhandlung Pro qm in den ehemaligen Räumen eines Obdachlosenvereins. Die Grilleinheit auf dem Trottoir gibt nur einen schwachen Vorgeschmack von dem, was einen im Inneren erwartet. Stroboskopblitze zucken durch den proppevollen Laden, ein weißes Lauflicht tanzt über 200 Köpfe. Es duftet nach Grill. Der Laptop-DJ spielt laute Münchner Discomucke von 2006. Sie klingt wie Münchner Discomucke von 1976. Plappernd und dichtgedrängt steht die Menge zwischen deckenhohen weißen Bücherregalen, selig von Rostbratwurstkonsum und gesponsertem Freibier. Es besteht nicht die geringste Chance, das umfangreiche Bücherangebot zu begutachten. Ist ja auch egal, wenn’s dafür jede Menge Szenevolk mit Berlin-90er-Background aus Kunst, Kultur und Musik gibt. In einer dunklen Ecke im hintersten Teil des Ladens kniet Pro-qm-Mitmacher Jesko Fezer und startet die Nebelmaschine. Jetzt verschwinden auch die Leute drinnen in weißen Schwaden. Ich frage: „Jesko, wird das ‚n Club oder ’ne Buchhandlung?“ Er sagt: „Weiß noch nicht.“

Egal ob Club oder Buchladen, die taz gibt’s dort glücklicherweise nicht zu kaufen…

Amsterdam

So schnell kann es gehen. Vor drei Tagen haben mich zwei Genossen gefragt ob ich mit nach Amsterdam kommen will und jetzt bin ich da. Ich sitze im Coffee Shop „Abraxas“ und es laeuft nervige Reggae Musik und bescheuerter Psychedelic Kram. Es ist krass wie sehr sich die Stadt auf Touristen eingestellt hat und dieses staendige Angebot und die Werbung von Kiffe nervt wirklich. Naja meine beiden Genossen sind scharf drauf. Ich will mal wieder gucken ob ich Spuren von der Kuenstlergruppe „Cobra“ (COpenhagenBRuesselAmsterdam) finde. Bis jetzt erfolglos. Dafuer haben wir eine anstrengende aber lustige Nacht unter freiem Himmel hinter uns. Mal sehen ob wir ein squat finden wo wir pennen koennen. Bis dahin….

Guts-Muths-Straße 47

Meine ganze Reise scheint von Buchstaben überschattet zu sein. Nachdem ich vorgestern bei diesem Referat gewesen bin, habe ich endlich einen sehr guten Freund von mir gefunden.

Schreiben

Dieser macht in der Guts-Muths-Straße 47 in Leipzig ein Schreibmaschinen-Café. Im Eingangsbereich des Cafés stehen in einem Regal zahlreiche Schreibmaschinen, die mensch sich zum schreiben mit in das Café nehmen kann. Jeden Mittwoch Abend ist das Café dann geöffnet und es werden Schreibmaschinen-Sessions gemacht. Das heißt, dass sich die Leute zusammensetzen und schreiben, dabei ein Getränk zu sich nehmen, sich austauschen, reden, abgucken und sich von der Umgebung inspirieren lassen. Oft finden auch spontan Schreib-Sessions statt.

lesen

Nachdem wir uns also gestern begrüßt, über die alten Zeiten geredet und uns eine klitzekleine Katze angeguckt hatten, haben wir das Café aufgemacht. Ich habe mir einige der Kurzgeschichten, Gidichte und Prosa-Gedichte durchgelesen, die in dem Café entstanden sind und in Ordnern gesammelt werden und mir war, als würde ich Zeuge einer Wiederbelebung des Situationismus geworden sein. Absolut grandios. Wer Zeuge des wahren Geistes der Poesie werden möchte, der sollte die Guts-Muths-Straße 47 besuchen.

reden

Auch insgesamt scheinen die Leute, die die Guts-Muths 47 bewohnen sehr experimentierfreudig zu sein. Und so war es, als würde ich seit langem wieder einmal aus meinen bürgerlichen Angewohnheiten herausgeworfen werden, hinein in ein Experiment, welches Asger Jorn Hasard nannte.
Ich habe dort auch einen Namensbruder kennengelernt und ohne dass wir uns lange unterhalten haben, war uns beiden irgendwie klar, dass wir uns sehr mögen. Sowas habe ich glaube ich noch nie erlebt.

Das interessante ist, dass sich die Guts-Muths-Straße in einem Viertel befindet, welches (vorsichtig ausgedrückt) nicht sehr wohlhabend ist. Deshalb ergibt sich im Publikum des Cafés eine spannungsvolle Mischung. Ein gewagtes Experiment. Leider treiben sich in der Gegend auch ziemlich viele Faschos herum. Das Schreibmaschinen-Café war bereits ziemlich oft Opfer von Nazi-Angriffen, zeitweise haben die Faschos das Café jeden Abend angegriffen. Besonders krass war es nun für mich zu lesen, wie die Angriffe in den Texten verarbeitet wurden…

Wie versprochen, wollte ich auch herausfinden, von wem das zweite Lied ist. Der Typ nennt sich Sturi und ist ein guter Freund von dem Freund von mir, der das Lesecafé macht. Absolut Punkrock!

Absolut Punk wird auch die Veranstaltung sein, die heute Abend in der Guts-Muths 47 stattfinden wird. Es wird eine Lesung geben (der Autor wird auf einem Stuhl auf einem Ofen sitzen) und anschließend wird diese wunderbare Band spielen.

Leider werde ich nicht dabei sein können, die Zeit war viel zu kurz. Aber ich werde mit viel Inspiration und dem festen Entschluss meine Olympia zu reparieren in meine Kulturstadt zurückkehren. Ich habe bereits mein Zeug zusammengepackt und werde jetzt in Richtung Autobahn loslaufen. Town of Boredom, ich komme…

Kopenhagen #5

Nun befinden wir uns also wieder daheim und ich weiß nicht, ob ich froh darüber sein soll.

Auf jeden Fall haben wir aber einen Rekord geschafft: Wir haben es innerhalb von weniger als 12 Stunden von Kopenhagen nach Home-Town geschafft! Von Kopenhagen nach Berlin wieder mit dem Graahundbus, am ZOB haben wir uns dann gleich an die Autobahnauffahrt in Richtung Leipzig gestellt, wo wir fast verzweifelt sind, bis uns ein Chirurg mitgenommen hat, der meinte, dass er 1987 ab der selben Stelle 6 Stunden lang stehen musste. Er war dann recht erstaunt, wie weit wir an diesem Abend noch kommen wollen und sehr entsetzt, dass wir NULL Geld haben. Also hat er uns dann in Halle am Bahnhof abgesetzt und uns zwanzig Euro in die Hand gedrückt (nicht für uns, sondern für seinen Seelenfrieden), damit wir mit dem Zug weiter können. Ein Sachsen-Anhalt-Ticket, die billigste Möglichkeit nach Hause, kostet aber 26 Euro. Also hat Panther in kürzester Zeit 6 Euro zusammengeschnorrt, wärend ich am Bahnsteig auf der Bank saß und laut Dada-Gedichte vorgelesen habe. Dann in der letzten Sekunde in den Zug gesprungen und auf gings nach Hause.

Zu Hause gleich wieder über die Ois geärgert, aber egal.

Die Erinnerungen und Gefühle meiner Reise nach Kopenhagen haben sich an folgende Sinneseindrücke gebunden:

Der Rauch von Kings-Zigaretten

Der Geschmack von Knusper-Müsli aus dem Bioladen (stolen food atstes better)

Dieses Lied:

Und die Titel-Melodie von Twin Peaks:

Folgende Bands haben sich nach dieser Mystery-Krimi-Serie benannt:

Madeleine Ferguson
Madam Germen
The Scarlet Letter

Ich grüße xn28 und Linus. Ohne euch ist Twin Peaks langweilig!

Kopenhagen #4

Es ist wirklich ein Aergernis wie wenig mensch in dieser Stadt von CoBrA finden kann.

Nachdem ich heute mit Muskelkater aufgewacht bin (Panther hat das heterosexuell und mænnlich weggesteckt), wir wieder im Freien Gymnasium fruehstuecken waren, uns dort ein paar feine Mode-Stuecke aus der Freebox mitgenommen haben, einklauen waren und zu Hause ein zweites Fruehstueck eingenommen haben, haben wir uns auf den Weg ins Statens Museum for Kunst gemacht. Dort angekommen, haben wir gleich an der Theke nach CoBrA gefragt und waren erfreut darueber zu erfahren dass es gleich einen ganzen Raum mit Bildern der Kuenstlergruppe gibt, die einen Schwerpunkt in Kopenhagen gehabt hat und wesentlich die spæteren Situationisten beeinflusst hat. Als wir dann in dem kleinen Raum angekommen sind, war ich persønlich etwas enttæuscht. Es war der Fall was ich schon vorher hætte wissen kønnen: Die Bilder wirken nicht in einem grossen staatlichen Kunstmuseum, aufgehængt auf engsten Raum. Die Erklærungen zu den Bildern haben sich auch darauf beschrenkt das Prinzip der Spontaneitæt in der Malerei zu benennen; kein Wort von radikaler Kapitalismuskritik, kein Wort Kritik der herrschenden Æsthetik, kein Wort von marxistischem Moment. Schliesslich wirkten die Bilder nicht als besondere Werke, so zusammenhangslos zwischen all der anderen modernen Kunst. Von Aufruhr nichts zu spueren.
Spannender wurde es dann im Book-Shop des Museums, wo es ein ganzes Buch mit Skizzen von Asger Jorn zu kaufen gab. Allerdings kostete es 600 Kronen. Ich war so kurz davor ohne zu bezahlen mit dem Buch rauszugehen, habe dann aber doch Muffensausen bekommen (wære Kojack doch nur da gewesen). Wer mir also eine Freude machen will kann mir dieses Buch ja schenken. Anstatt des Buches habe ich dann eine Postkarte mit diesem Motiv geklaut:

asger jorn - the weel of life

Angesprochen und tatsæchlich beruehrt, tief im Herzen und in der Seele, im Gehirn und im Gedærm, hat mich auch ein Bild von Carl Henning Pedersen. Dieses gibt es nicht im Internet, dafuer ein anderes:

carl henning pedersen - helhesten

Erinnert mich sehr an die Malerei von Xn28.
Ansonsten ist in Kopenhagen nicht viel zu finden. Der næchste Ort wære Lusienna, wo es ein paar CoBrA-Bilder in einem Museum gibt, dies ist nur mit dem Zug zu erreichen und ein richtiges CoBrA-Museum gibt es erst in Juetland, 300 km von Kopenhagen, ein paar Orte weiter soll es dort auch ein Asger-Jorn-Museum geben (vielleicht Ziel fuer eine andere Reise).

Zur Zeit befinden sich auch einige Bilder in Kopenhagen im Privatbesitz. Ein netter Typ aus Christiania hat uns erzæhlt, dass einige Kunstwerke demnæchst zerstørt werden sollen oder bereits zerstørt sind, da der Sinn der CoBrA-Kunst nicht in der Aufbewahrung liegt und mit dem Akt der Zerstørung gerettet werden soll. Auf jeden Fall besser, als die Bilder in einem Museum zu konservieren.

Ich schliesse mit einem Zitat von Asger Jorn: „Die Aufgabe der Æsthetik ist Aufruhr anzuzetteln.“

Copenhagen #3

Ok, wir kommen gerade vom Kampfsport und ich bin fertig, aber gluecklich. Das Training hat im freien Gymnasium stattgefunden und eine Aktivistin filmte das Training fuer eine Dokumentation ueber schwul/lesbische Aktivitæten in Kopenhagen. Das bedeutet, dass wir jetzt richtige Filmstars sind. Wir haben verschiedene kicks and punches gelernt und ich meinerseits glaube, dass ich um etliches weiter gekommen bin, was Selbstverteidigung betrifft. Besonders lehrreich war die Uebung zu dritt. Dies war auch die realistischste Uebung: Zwei Leute liefen Hand in Hand (die Stunde hatte den Abwehr von gay bashing als Schwerpunkt, also ein schwules Paar) und ein homophobes Arschloch greift die beiden an. Der Angreifer wird sich einen von beiden aussuchen um ihn anzugreifen. Die Konzentration des Angreifers liegt also hauptsæchlich auf eine Person des Pærchens. Das bedeutet, dass der Partner, der nicht Opfer der Hauptaggression ist, hinter den Ruecken des Angreifers gelangen kann. Der Angreifer ist nun in einer schwierigen Lage und wird dementsprechend verwirrt sein. In der Mitte stehend muss er sich nun entgueltig fuer einen der beiden als Haupt-Konflikt-Partner entscheiden. Wenn er diesen angreift, kann derjenige der hinter dem Ruecken des Angreifers steht einen der Tricks anwenden die wir zuvor gelernt hatten. Er hat KEINE CHANCE! Hahaha.
Panther musste hin und wieder lachen als er meine Uebungen sah. Jaja, es wohnt wohl ein Vogel in mir. Flattter. (S., du muesstest das kennen (-; )

Bekæmp Homophobi

Nach dem Kampfsport sind wir zuerst ins Folkets Huset gegangen und haben Faxe Kondi getrunken, die leckerste Limo der Welt und anschliessend sind wir in ein Lesecafé gegangen wo es lecker und billig Volxkueche gab. Dieses Lesecafé kenne ich bereits von meinem ersten Besuch in Kopenhagen. Hier hatte Xn28 mit einer Freundin ein dadaistisches Theaterstueck mit Duft-Show vorgefuehrt. Anschliessend haben wir drei Lieder vorgespielt die wir zufor in Xn28 WG aufgenommen hatten (ich habe Geige und Fløte gespielt). Anschliessend wurden Gedichte vorgetragen (ich sprach ein selbstgeschriebenes – es ist sehr kurz: der speisentrunk ertrinkt im tank). Anschliessend wurde ausgiebig und unter Neonlicht zu Dænemarks erster Punkband getanzt. Eine der geilsten Partys meines Lebens, die ich niemals vergessen habe.
Doch zurueck zum heutigen Tag. In dem Lesecafé habe ich viele Bekannte getroffen. Das wiedersehen war herzhaft. Jakob, der Gitarrist von Tungsind hat mir erzæhlt, dass die Zerstørung des Ungdomshuset nicht nur ein schwerer Schlag fuer die linke Szene in Kopenhagen war, er fuerchtet sogar dass sie sich nicht erholen kønnte. Die Stadt versucht derzeitig mit allen Mitteln zu verhindern, dass ein neues Jugendhaus entsteht. Auf der letzten Torsdagsdemo (jeden Donnerstag findet eine grosse Demo statt, die eine Aufarbeitung der Geschehnisse fordert) haben die Bullen einem Aktivisten den Arm gebrochen. Die Bullen gehen auf show force. Ein 16-Jæhriger Aktivist sitzt seit der Ræumung im Knast. Er darf nicht besucht werden und Briefe werden ihm nicht zugestellt. Er ist nicht der einzige der sitzt.

Anschliessend haben wir uns mit anderen leuten unterhalten, die ebenfalls beim Training gewesen waren. Sehr nett. Wir haben neue Freunde. Als Panther dann auf Dænisch Solidaritæt mit Israel fluesterte, kam es dann wie zu erwarten zu einer Diskussion ueber Palæstina und Israel. Ich denke wir konnten einigermassen unseren Standpunkt zum Thema verteidigen. Natuerlich haben wir nicht nur darueber geredet, es gab viele Dinge auszutauschen und ich denke wir konnten den Grundstein fuer einen allerliebsten Kontakt legen.

Jetzt sitzen wir in der WG und schauen Twin Peaks (Mark Frost – Yeah) und ich rufe hin und wieder Madeline Ferguson!!

In diesem Sinne, liebe Gruesse.

Ps.: Homies, wir haben allerliebste Aufnæher fuer den Infoladen bekommen!
Pps.: S., danke fuer die sms. One million kisses.
Ppps: Xn28 hat gerade gerufen: Ich will eine Zahnspange!!!

Cøbenhavn #2

Was also beim letzten Bericht noch geheim und heimlich war, kann ich euch nun offenbaren. Wir waren bei einer Hausbesetzung dabei. Mads hatte uns erzæhlt, dass es sich um ein Haus handelt, welches seit einigen Tagen schon inoffiziell besetzt ist und nun mit einer Party offiziell besetzt werden sollte. Der Treffpunkt war nachts um 1 an einer Metro-Station St. Christiansen, also ganz in der Næhe von Christiania. Also sind wir da mit der Ultra-Cyber-Ubahn hingefahren. Gleich als wir aus der Metrostation rauskamen, erblickten wir ein Polizei-Auto. Jedoch sahen wir auch schwarz angezogene Menschen, die in einer Seitenstrasse standen, die wir dann gleich gefragt haben ob sie auch zu der Besetzungs-Party wollten. Sie meinten ja, aber noch keiner weiss wo das Haus ist. Es war also bis dahin geheim gehalten worden. Irgendwann waren dann die Bullen weg und es kamen immer mehr Leute. Als es ca. 60/70 Leute waren setzten sich alle in Bewegung und scheinbar wusste nun jemand wo es lang geht. Es liefen immer zwei rennende Scouts vorneweg oder durch die Seitenstrassen. Schliesslich standen wir an einem grossen, beleuchteten Hafenplatz und alle blieben stehen. Wir fragten was los sei und jemand erzæhlte uns, dass wir noch auf mehr Leute warten. Als dann noch ein kleiner Menschenhaufen hinzukam ueberquerten wir den Platz und eine Frau øffnete eine Tuer und drin waren wir. Ein Hafengebæude, welches anscheinend gerade renoviert wurde. Ein wunderschønes Haus. Nachdem sich alle das Haus angeguckt hatten, verteilten sich die Leute im Haus und es wurde sich gemuetlich gemacht. Schliesslich kamen sogar Leute mit Bollerwagen und brachten Møbel mit. Die Helden des Abends wurden wir dadurch, dass wir eine Lampe aus dem Keller abschraubten und in die unbeleuchtete erste Etage ummontierten. Schliesslich haben wir noch einen dunkelhæutigen Kiffer kennengelernt, der deutsch sprechen konnte und aussah wie ein Kønig, da er einen roten Umhang trug.
Komischer weise gingen mit der Zeit jedoch immer mehr Leute nach Hause. Schliesslich stand nicht einmal mehr jemand draussen, der guckte ob die Bullen kommen. Also haben wir beunruhigt unseren Kiffer-Freund gefragt ob es denn ueberhaupt eine Taktik gæbe das Haus zu halten. Der meinte, dass es ihm auch eher unorganisiert vorkommt, dass er aber glaubt, dass die Party viel mehr ein Zeichen ist, dass es jedes Haus sein kann, als eine ernsthafte Hausbesetzung und dass dieses Haus fuer heute Nacht uns gehørt und dass eventuell eine Besetzung daraus werden kønnte. Also haben wir noch ein bisschen gechillt und Wein getrunken und sind dann gegen um 4 nach Hause gewatschelt.
Als wir dann aus einem Falaffel-Shop rauskamen, der erstaunlicher Weise um diese Uhrzeit noch geøffnet hatte, fiel mir auf, dass es nach Rauch roch. Kurze Zeit spæter, sah mensch den Rauch in der Luft. Und dann kamen wir direkt an einem Feuer vorbei, das anscheinend jemand gelegt hatte. Wir fragten jemanden was hier denn los ist, doch der meinte nur, dass er jetzt die Polizei rufen werde. Die war dann auch wenige Augenblicke spæter da und wir haben uns lieber schnell verkruemelt. Wir wissen nicht was es gewesen ist, es sah aber eher wie eine sinnlose Zuendelei aus.

Die Kæmpfe um das Ungedomshuset muessten aber noch gut in den Erinnerungen der Einwohner sein: Ueberall in der Stadt sieht man Graffity mit Kriegserklærungen und Forderungen nach einem neuen Jugendhaus. Ueberall sieht man die Nummer 69. Auch die Spuren von den Strassenkæmpfen sind noch ueberall zu sehen: Verschmorter Asphalt, eingeschmolzene Flaschen, eingebranntes Holz auf der Strasse.
Zur Zeit gibt es in Kopenhagen zwei neue Treffpunkte: Das Folkets-Huset (anscheinend ein Gewerkschaftshaus) und das Free Gymnasium. Bei letzterem handelt es sich um eine freie Privatschule mit einem sehr freheitlichen Lern-Modell. Vieles ist erlaubt: Graffity, takken, Plakate kleben. Ausserdem haben die Schueler sehr viel mitzubestimmung. Einmal in der Woche gibt es eine Vollversammlung, in der jeder reden darf. Ausserdem werden die Schueler in die Organisation des Schulalltages mit eingebunden, so zum beispiel beim Essen kochen (es gibt jeden Tag billig veganes essen, auch fuer Nicht-Schueler). Die Schueler kønnen die Ræume des Gymnasiums uneingeschrenkt benutzen und es duerfen auch ausserschulische Dinge in den Ræumen organisiert werden. So findet seit der Ræumung des Ungdomshusets hier das Montags-Plenum statt, in denen alle politischen Sachen besprochen werden, in letzter Zeit also vorwiegend die Erkæmpfung eines neuen Hauses.

Vorgestern Abend, nachdem ich Panther eine Fuehrung durch Christiania gemacht hatte, wollten wir auf eine Piratenparty gehen. Eine Piratenparty funktioniert folgendermassen: Eine Gruppe von Leuten organisiert ein leerstehendes Haus, sorgt eventuell fuer eine mobile Sound-Anlage und Getrænke und bereitet das gekaperte Objekt vor. Dann wird ein erster Treffpunkt bekannt gegeben, der ueber sms und Mund-zu-Mund-Propaganda die Leute erreicht. Wir hatten also die Info, dass wir uns 23 Uhr an einer S-Bahnstation in einem Bonzenviertel treffen, welches ein wenig ausserhalb von Kopenhagen lag. In diesem Viertel hat auch das Fadderhuset seine Hauptzentrale, also die Sekte, die fuer den Abriss des Ungdomshuset verantwortlich ist. Also Party in der Høhle des Løwen…
Als wir den Treffpunkt erreicht hatten, waren bereits 30/40 Leute da. Diesmal wurde nicht lange gewartet und die Leute setzten sich in Bewegung. Nachdem wir dann eine Weile gelaufen waren, fuhr ein Bullenaute an uns vorbei und fuhr dann ganz langsam vor uns her. Wir beide wollten erst stoppen, doch die Kopenhagener waren ganz relaxed und haben sich nicht von den Bullen støren lassen. Die sind uns dann bis zu einer Bruecke gefolgt, auf der dann alle stehen geblieben sind. Die Bruecke ueberfuehrte eine Gleisanlage und es waren auch einige grossræumige Bahngebæude da unten. Schliesslich riefen uns zwei Mædchen von unten zu, dass dies das gekaperte Gebæude sei, wir aber nicht runterkommen sollten, da die Bullen schon unten seien. Mist. Und zu diesem Zeitpunkt hatte es sich schon so richtig eingeregnet. Also standen die Leute auf der Bruecke rum und haben sich unterhalten. Von Zeit zu Zeit kamen immer wieder kleinere Menschengruppen dazu. Schliesslich meinten die Leute anscheinend, dass sie genug seien, und alle sind zusammen runtergegangen um, egal was die Bullen sagen, in das Haus reinzugehen. Die Menge liess sich dann aber dann doch von den zwei (!) Beamten aufhalten, die fieserweise Hunde dabei hatten. Dafuer wurde dann das Bullenauto, welches die beiden fahrlæssigerweise unbeaufsichtigt stehen lassen hatten, auf dem Rueckweg komplett entglast.

Gestern waren wir auf dem Montags-Plenum. Es waren jedoch nicht viele Leute da (ca. 20) und es wurde auch nicht sehr viel gesprochen, sodass das Plenum auch ziemlich schnell zu Ende war. Heute werden wir zum Kampfsport-Training gehen, welches auch frueher mal im Jugendhaus stattgefunden hat.

Viele Gruesse an die Homies…