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Antifa Info Ostberlin – Weimar, ein Kapitel für sich

Die Homepage „Nazis in der DDR und antifaschistischer Widerstand“ sammelt und dokumentiert umfangreiches Material über neonazistische Organisierung und Subkultur in der DDR. Zu finden sind dort u.a. Scans der insgesamt drei Ausgaben des Antifa Infoblatts Ostberlin, dessen Redaktion nach dem Scheitern des Projekts zum Teil zum heute noch existierenden Antifa Infoblatt übergegangen ist. Über das AIBO ist zu erfahren:

Im Zeitraum Juli 1989 bis Juli 1990 brachte die Ostberliner unabhängige „Antifa in der Kirche von Unten“ (ab Sommer 1990 Autonome Antifa Ostberlin) drei Ausgaben der Zeitschrift „Antifa Infoblatt Ostberlin“ heraus. Auf Grund des Staatlichen Medien- und Druckmonopols in der DDR, konnten die ersten beiden Ausgaben nur halblegal und auf altertümlichen Druckmaschinen im Wachsmatritzendruckverfahren herausgebracht werden. Das Drucken war eine ziemliche Sauerei, und die Kostbare Druckerfarbe musste aus dem Westen ins land geschmuggelt werden. Die Qualität war katastrophal und teilweise waren die Texte nur schwer lesbar. Fotos konnten gar nicht verwendet werden. Die Hefte wurden von Hand gelegt und geheftet. Die Auflage bestand aus jeweils 1500 bzw. 2000 Exemplaren. Die Ausgabe kostete 1 DDR-Mark. Das Heft war schnell vergriffen. [via]

Ein Freund hat mich auf die zweite Ausgabe des AIBO hingewiesen, da dort ein Artikel über Nazi-Umtriebe in Weimar 1989 zu finden ist. Beschrieben wird nicht nur eine rassistische Pogromstimmung, die phasenweise offensichtlich weit über das Nazi-Skin-Milieu hinausschwappte, sondern auch die Situation von kubanischen und mosambiquanischen Gastarbeitern. Diese wurden von staatlicher Seite bewusst isoliert von den ostdeutschen Arbeitern in einem Heim im Kirschbachtal gehalten. … Ich habe den Artikel, der in der Scan-Version eher unleserlich ist, untenstehend abgetippt.

Interessant und bemerkenswert scheint mir, dass schon 1989 auch in Ostdeutschland in antifaschistischen Kreisen über antisemitische und national-sozialistische Tendenzen in der historischen Arbeiterbewegung diskutiert und gestritten wurde – sehr amüsant in diesem Zusammenhang auch die Anmerkungen der Redaktion im Text des „Autonomen Forums Weimar“ (s.u.).

Heute haben sich akute Probleme mit Neonazis eher auf das Weimarer Land verlagert. Es gibt bekanntlich keine Gastarbeiterheime mehr, aber das Flüchtlingsheim ist ebenfalls außerhalb der Stadt angesiedelt. Heute muss man in Weimar als Punk vielleicht eher Angst vor der Polizei, als vor Neonazis haben.

Weimar – Ein Kapitel für sich

ERLEBNISBERICHT ÜBER AUSLÄNDERFEINDLICHE KRAWALLE BEI FDJ-WEIMARTAGEN

Am Freitag, den 11.7.89 betrat ich gegen 23:30 Uhr den Weimarhallenpark. Aus Anlass der Studententage der FDJ fand dort eine Freiluftveranstaltung mit Diskothek etc. statt. Unter den dort Anwesenden beobachtete ich auch vereinzelt Personen mit einem faschistischen bzw. nazistischen Aussehen (Haarschnitt, Stiefel, Bomberjacke, usw.), Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 [?].

Gegen 23.45 Uhr wurde die Veranstaltung beendet. Plötzlich bildete sich eine Menschenansammlung von ca. 100 Personen, die zu einem nicht geringen Teil aus Skinheads und anderen Neonazis bestand. Aber auch viele völlig normal bekleidete Jugendliche und Erwachsene befanden sich darunter. Flaschen, Gläser und Steine flogen durch die Luft. Anfangs konnte ich nicht feststellen was da vor sich ging, bald aber erkannte ich, daß es sich um eine gewalttätige Auseinandersetzung mit Afrikanern oder dunkelfarbigen Kubanern handelte. Soweit ich erkennen konnte, waren dies fünf bis sechs Personen. Sprechchöre, wie „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus“ usw. erklangen aus der Masse der Neonazis. Die Ausländer flüchteten in Richtung Bertuchstraße/Tankstelle. Da ihnen die große Masse jedoch nicht sofort folgten, konnten sie vermutlich einem Lynchen gerade noch so entkommen. Die Zusammengerotteten verließen nun auch den Weimarhallenpark und postierten sich jetzt an der Kreuzung bei der Fachschule für Staatswissenschaften.

In der Zwischenzeit waren ca. zehn Polizeibeamte eingetroffen. Sie taten jedoch weiter nichts, als das Geschehen zu beobachten. Ein paar Personen diskutierten auch kurzzeitig mit den Beamten. Auch als erneut Sprechchöre mit rassistischen und faschistischen Inhalten rumgegrölt wurden (man sang u.a. die faschistische Nationalhymne) passierte zu meiner Verwunderung nichts. Vier bis fünf Beamte verließen dann sogar den Ort des Geschehens auf Nimmerwiedersehen. Anstatt die Zusammenrottung aufzulösen, wurden lediglich andere Ausländer, die sich auf dem Heimweg befanden, vorsichtshalber „umgeleitet“. (mehr…)

Die Schmach noch schmachvoller machen indem man sie publiziert

*** Auf der Piazza haben ‚Tine und Lena‘ einen Text zur Plakataktion (siehe unten) gepostet, den ich an dieser Stelle dokumentieren möchte. ***

Dass Bauhaus-StudentInnen ihre gestalterische Expertise für politische Agitation an den Mann bringen, ist nicht neu: So entwarfen beispielsweise Dessauer Bauhaus-StudentInnen der kommunistischen Zellen – ein der KPD-nahestehender Studentenverband – kommunistische Wahlplakate in den 30er Jahren.

Der OB-Kandidat der Grünen, Carsten Meyer, wirbt derzeit mit sieben großformatigen Plakaten, die von der Künstlergruppe »Land in Sicht« (StudentInnen der Bauhaus-Universität, betreut von Prof. Joachim Preiss) gestaltet wurden. Eines dieser Plakate zeigt sechs verschiedenfarbige Mülltonnen, im Vordergrund einer abstrahierten Plattenbaulandschaft. Dazwischen ein zwei Tüten tragender Mann, den laut TA »viele Weimarer als Flaschensammler kennen dürften« (TA vom 11. April 2012). Das Plakat trägt den Slogan »Mehr Farben. Mehr Freude«. Der Flaschensammler als stereotype Sozial-Karikatur, der zunehmend polarisierten deutschen Klassengesellschaft, steht hier womöglich nicht nur für „Multikulti“ sonderN insbesondere für sozio-kulturelle Biodiversität. Das Flaschensammlen eine Freude sei, entspringt vermutlich ebenjener spießbürgerlichen Euphorie angesichts jedweder Differenz (ob horizontal oder vertikal). Das ist nicht nur zynisch und geschmacklos, könnte man meinen sondern spricht aus, was den gesellschaftlichen Diskurs seit ein paar Jahren prägt: Unverhohlen aggressiver Klassismus der abstiegsbedrohten Mittelschicht. Damit gesellt sich der Slogan sowohl neben »die spätrömische Dekadenz« eines Westerwelle als auch neben den Unterschichtenrassismus eines Sarrazin. Scheinbar Naiv wird hier mit den Insignien städtischer Armut opperiert und das in einer farbenfroh-infantilen Weise, die an eine romantisiert-heitere Vorstellung sozialer Ungleichheit anknüpft.

Die Situationistische Internationale hatte 1966 in ihrer Schrift »Über das Elend im Studenten-Milieu« die herkunftsspezifische Borniertheit der StudentInnen attackiert: »Wie ein stoischer Sklave glaubt der Student sich um so freier, je mehr alle Ketten der Autorität ihn fesseln. Genau wie seine neue Familie, die Universität, hält er sich für das gesellschaftliche Wesen mit der größten Autonomie, (…) .«1 Scheinbar fühlen sich unsere StudentInnen so frei, dem Kandidaten mittels ihres kreativen Potentials mit peppigen Design unter die Arme zu greifen. Diese Gestaltung bleibt keine Formsache. Armut dient hier als Werbegag und artikuliert daneben im beste Sinne »wohlgemeinten Bürgerrat«. Der Arme ist in der modernen Gesellschaft nicht bloß Manövriermasse sozialpolitischer Verwaltung sondern zieht stets das erzieherische Engagement besser gestellter BürgerInnen auf sich. Er kann nicht nur beraten, begleitet, therapiert, weggesperrt oder geduzt werden – er kann auch ungefragt als großformatige Werbefigur eine Stadt und deren Lokalpolitik präsentieren, die ihm nur in den Arsch tritt.

Die Diagnose Hannes Meyers, seines Zeichens Nachfolger von Gropius am Bauhaus Dessau, dass das Bauhaus von seiner Idee, »für das Volk«, also für die ärmeren Kreise zu gestalten, abgekommen sei, sieht sich aktuell erneut bestätigt. Ärmere Schichten sind schon lange kein Anlass oder gar Trägergruppe sozialen Engagements, sondern dienen vielmehr als Kontrastfolie aufstiegsorientierter Bevölkerungsgruppen.

Das wahrscheinlich nicht zufällig in unmittelbarer Nähe zum Polizeirevier platzierte Plakat wurde mittlerweile solide durch einen durchschlagenden Fusstritt angemessen verziert. Im Namen derer, die mit politischer Plakatkunst den Kampf um ein gutes Leben jenseits von Klassengesellschaften statt der naiv-verklärenden Darstellung hiesigen Elend verbinden: Vielen Dank an Unbekannt!

Von Tine und Lena

(via via)

  1. Situationsistische Internationale: Über das Elend im Studentenmilieu, Straßburg, 1966. [zurück]

Mehr Farben – Mehr Freude?

[via]

Wenn man mich fragen würde, was ich an Weimar verachte, dann würde mir – home is where my hate is – sicherlich eine Menge einfallen. Besonders sichtbar wird der unselige Geist einer solchen Stadt, wenn wieder mal eine Oberbürgermeisterwahl ansteht und manch spießbürgerlicher, weltabgewandter, dumpf heimatverliebter und kleinkarierter OB-Kandidat seinen Charakter auch offen zur Schau stellt, um seine Wähler – die genauso sind – ehrlich erreichen zu können; so etwa Carsten Meyer von den Grünen, dem es nicht peinlich ist, mit dem Spruch »Lass du die große Welt nur sausen, Wir wollen hier im stillen hausen« für seine Wahl zu werben und dies auch noch als Goethe-Zitat auszugeben. Eben jener Carsten Meyer ist sich aber nicht nur darüber bewusst, dass Goethe und Schiller aus Weimar kamen, sondern natürlich weiß er auch vom avantgardistischen Flair, der stets von der Bauhaus-Universität ausging. So hat er (oder einer seiner Wahlhelfer) sich eine »Originelle Plakataktion« [via] ausgedacht: Die Künstlergruppe »Land in Sicht« an der Bauhaus-Uni (betreut vom Kunst-Prof Joachim Preiß) hat sich dafür hergegeben und hat Herrn Meyer mit der Gestaltung von sieben großformatigen Wahlkampfplakaten unterstützt. Neben einigen mehr oder weniger langweiligen Entwürfen, die allesamt von denen manche an den Stil der Leipziger Schule erinnern, wurde am vergangenen Dienstag ein ganz besonders aussagekräftiges Plakat von den Künstlern und Wahlkämpfern enthüllt: Im Vordergrund sieht man eine Reihe von sechs je verschiedenfarbigen Mülltonnen, während sich im Hintergrund die blass-trübe Landschaft einer Plattenbau-Gegend vor den blauen Himmel schiebt. Im Mittelpunkt des Bildes sieht man eine langhaarige, etwas verlotterte Gestalt mit einem Plastik-Beutel in der Hand, die sich unentschlossen den farbigen Mülltonnen nähert – neben dieser Figur prangt der Slogan: »Mehr Farben. Mehr Freude.« Die TA, die wohlwollend über die gelungene Plakataktion schreibt, weiß zu berichten, dass es sich bei dieser Figur um einen Mann handelt, »den viele Weimarer als Flaschensammler kennen dürften«. Und tatsächlich – wer sich öfter in der Weimarer Innenstadt bewegt, erkennt auf dem Bild eindeutig einen Mann, der sich jeden Tag ein paar Cent damit verdient, Papierkörbe und Mülltonnen nach Pfandflaschen zu durchsuchen. Nun, was ist davon zu halten?

Politische Kunst ist meistens peinlich – sich als »Künstlergruppe« an eine etablierte politische Partei anzuschmeißen spricht dagegen nicht nur für einen wirklich schlechten Geschmack, sondern ist zudem gleichzeitig ein doppelter Verrat – an der Autonomie der Kunst, die sich einst von den staatlichen Institutionen emanzipierte, sowie am avantgardistischen Aufhebungsversuch der Kunst (dies gerade an einem Ort, wie dem Bauhaus, das vormals von den Weimarer Spießbürgern vertrieben worden war). Aber sei’s drum. Wie viel schamlose Arroganz gehört dazu, aus einer materiell nicht gerade schlecht gestellten Position (als Kunst-Prof, Student und Stadtrat), einen Menschen, der aus welchen Gründen auch immer (sicher weder aus Zufall, noch selbstgewählt, noch aus Vorliebe für farbige Mülltonnen), vom Müll der anderen leben muss, derart bloßzustellen? Sich so unverhohlen über das Elend, das man sich selbst ganz bestimmt nicht wünscht, lustig zu machen? Es ist die widerliche Klassenarroganz und Distinktion der gut gestellten Mittelschicht, die im Bioladen einkaufen kann, sich im Eigenheim am Rand einer Kulturstadt zur Ruhe gesetzt hat, oder hier verweilt, um das von den Eltern bezahlte Studium zu absolvieren. Hier spricht so ungeschminkt eine – zur Rede gestellt ganz bestimmt überhaupt nicht bös‘ gemeinte – Verachtung für diejenigen, die vom Wohlstand dieser Gesellschaft ausgeschlossen sind und denen man – wenn nicht mit den Polizeiknüppeln der Ordnungsmacht, so doch symbolisch, mit Bildern – noch hinterhertreten muss.

Sicherlich mit Bewusstsein darüber, dass dieser Klassenkampf von oben, von denen, die damit gemeint sind, nicht gerade mit Gegenliebe beantwortet werden wird, haben die Künstler – und das passt ganz zum zwielichtigen Habitus eines Neo Rauch – das Plakat direkt neben der Polizeiwache am Kirschberg aufgestellt. Weil es zu gefährlich wäre, kann man nun kaum dazu aufrufen, dieses Plakat seinerseits künstlerisch umzugestalten – so muss man aufs Ganze gehen und sollte es mit Raoul Hausmann halten:

Wir werden Weimar in die Luft sprengen!

Edit (11:55 Uhr):

Ich habe eben erfahren, dass jemand beherzt genug gewesen ist und schon gestern Nacht (also bevor ich meinen Artikel geschrieben habe) die Nähe zur Polizei nicht gescheut hat. Falls es zu irgendwelchen Repressalien kommt, jetzt schon mal: Aufruf zur Solidarität mit den Betroffenen!

Danke, Wind

(mehr…)

Die Kunst ist…

ok: besser

Es gibt kein gesundes Leben im Kranken #3

Klar, wer „Kunde“ beim „Jobcenter“ ist, der muss sich fit halten, um das vielfältige Vermittlungsangebot wahrnehmen zu können. Deshalb wird man in der Arge Weimar am Aufzug darauf hingewiesen, dass Treppen laufen effektiver wäre. Wobei? Die engagierte Bürokratie kennt das Gleichheitsgebot und Gesundheit ist natürlich nicht nur im Interesse von HartzIV-Empfängern eine anstrebenswerte Sache, sondern im Interesse der Allgemeinheit – als betriebsinterne Aktion und der Grafik zufolge, ist der Aufruf an die MitarbeiterInnen adressiert:

Im Studentenkiez gentrifiziert man nicht ohne Stolz

Uni Jena, Semsterbeginn – Zeit für die Wohnungssuche. Wie gut, dass die extra aufgelegte Broschüre des Stura Jena darauf hinweist, wie wohnlich doch das studentische Leben im Plattenbau ist. Diese sind mit positiven Standortbezug dank der Elite von morgen nämlich schon gereinigt von „Bettlern, Landstreichern, Obdachlosen, Prostituierten, Zuhältern, Fürsorgeempfängern, Suchtkranken (z. B. Alkoholikern), Homosexuellen, Zigeunern und andere Unangepassten“ (so der Inhalt bis heute des Begriffes der Asozialen (wikipedia)).

[via kinky / bubizitrone]

Notizen

■ In Erfurt hat kürzlich ein unterstützenswertes Laden-Projekt mit dem Namen „Veto“ eröffnet (Pressemitteilung), das gleich zu mehreren Veranstaltungen im Rahmen der „Hände-hoch-Haus-her“-Tage lädt.

■ Zu einem Vortrag zur Kritik der realexistierenden Demokratie laden das BiKo und die Offene Arbeit Erfurt am 07.04. ab 20:30 Uhr – Link.

■ Außerdem gibt es am 12.04. ab 18:00 Uhr einen Vortrag über „Leben ohne Staat und Arbeit – bolo-bolo, eine Utopie“ im Predigerkeller in Erfurt. [Ich habe kürzlich hier einen Text von p.m. – dem Autoren des Buches „bolo-bolo“ – dokumentiert.]

Candide oder das Hoffen lernen

Hörspielabend und Gespräch nach einer satirischen Erzählung von Voltaire
17. Februar 2011 – Sächsischer Bahnhof, Gera – Erfurtstraße 19 – 19:00 Uhr
BaD / BiKo

Wenige Jahre nachdem der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz seine grundsätzliche Überlegung publiziert hatte, dass diese Welt trotz all ihrer Übel die beste aller möglichen Welten sei, wurde Lissabon von einem verheerenden Erdbeben zerstört, bei dem es zu 100.000 Toten kam. Dieses Ereignis verarbeitete der französische Aufklärer Voltaire in einer seiner bekanntesten Erzählungen „Candide oder der Optimismus“. Der optimistische Protagonist Candide wird in dieser Geschichte mit den grausamsten Übeln der Welt konfrontiert – und kann trotzdem nicht aufhören zu hoffen. Es handelt sich bei dieser Erzählung um einen satirischen Schlag gegen Leibniz und den Optimismus – in ihrer beißenden Ironie ist es eine Klage gegen vermeidbares Leiden und eine Polemik gegen die unkritische Genügsamkeit der Philosophen.

Nach einer kurzen Einleitung zu Voltaire und dem Verhältnis von Optimismus, Pessimismus und negativem Denken wollen wir eine Hörspielbearbeitung von „Candide oder der Optimismus“ hören und anschließend darüber diskutieren.

via BiKo

Notizen

■ Geschichten und Fotos von der Straße, lesenswert, nicht romantisch: crustypunks (via wendy)

■ Sehenswerte Fotoreihe, New York HC, 80′er: Old New York Hardcore Photos

■ Sehenswerte Fotoreihe, Detroit, etwas romantisch: Verlassenes Detroit

Veranstaltungshinweise: Erinnern an die Reichspogromnacht | Antifa-/Antira-Ratschlag

Wie auch im vergangenen Jahr haben wir, ein lockerer Zusammenschluss aus Weimarer Antifaschist_innen, beschlossen eine Kundgebung zum Gedenken an die Reichspogromnacht zu organisieren. Dieses mal jähren sich die grausamen, im Volksmund häufig als „Kristallnacht“ bezeichneten Stunden zum 72. mal. Sie gelten als entgültiger Beginn der Shoa, dem Völkermord an den Juden, der 11,4 Millionen Opfer forderte. In jener Nacht brannten in etlichen deutschen Städten Synagogen, jüdische Betstuben und Geschäfte, unzählige jüdische Friedhöfe und Wohnungen wurden angegriffen, viele Juden und Jüdinnen ermordet und dies alles vor den Augen Millionen deutscher Bürger, die sich, anstatt dafür zu sorgen, dass das grausame Spektakel endlich ein Ende hat, selbst an den „Krawallen“ beteiligten oder wenigstens sprachlos zusahen. Auch in Weimar hat es übrigens Pogrome gegeben …

Weil der 9.November in Deutschland allerdings kollektiv als „Tag des Mauerfalls“ gefeiert wird, gerät das Gedenken an die Vorfälle des 9.11.1938 häufig in Vergessenheit. Ein weiterer Grund, Präsenz zu zeigen, ist der weltweit ausgeprägte und in unzähligen Köpfen verankerte Antisemitismus, gegen den es alltäglich anzukämpfen gilt.

Am 9.November möchten wir an die Reichspogromnacht erinnern. Beteiligt euch und kommt zwischen 15 und 19 Uhr auf den Theaterplatz in Weimar!

Gegen jeden Antisemitismus! Nie wieder Deutschland, nie wieder Faschismus!

Weitere Informationen auf erinnernandiereichspogromnacht.blogsport.de

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Zum Programm

TEENITUS

Das ærgerliche Tierlexikon zum Hören #3

Ist die Mücke gedankenloses Objekt? Denkt sie ihre gedankenlose Objekthaftigkeit? Kann sie überhaupt denken, ist ihr Zustand denkbar, ist uns ihre Erfahrungswelt erschließbar und was ergibt sich aus dieser Biegung des Blicks auf die Natur? Diese Fragen beschäftigen successless und ærgernis bei ihren Forschungsarbeiten für das animalische Audiolexikon. Um der Beantwortung dieser Fragen ein Stück weit näher zu kommen, wollen wir uns in dieser Folge mit einem Verhältnis beschäftigen, welches für die grundlegenden Fragen des Menschen in seiner Natur seit jeher von immenser Bedeutung war: dem Verhältnis von Sein und Nicht-sein, von Leben und Tod. Die Chaoboridae, auch genannt Büschelmücke – ein äußerst friedliebendes Tier; es saugt kein Blut – warnt noch im Augenblick ihres Todes ihre Artgenossen vor der Bedrohung. Hieraus ergibt sich: in der Welt der Mücken siegt noch im Angesicht des Todes das zur höheren Einheit strebende Prinzip des Eros. Die Büschelmücke der Lust:

Das ærgerliche Tierlexikon zum Hören #2

Ærgernis und successless erklären die Natur. Schon Nietzsche hatte geschrieben: „Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, dass auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende Zentrum dieser Welt fühlt.“ (Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn, 1873) Ob dieser Wichtigkeit dieser fliegenden Zentren der Welt wollen wir noch ein wenig im Reich der Mücken verbleiben und ihre Signale zu verstehen suchen. In dieser Folge beschäftigen wir uns mit der Chironomus Atroviridis, auch genannt Zuckmücke:

Das ærgerliche Tierlexikon zum Hören #1

Tiere um uns – was wär‘n wir ohne sie“, so sang es schon Jochen Distelmeyer und da successless und ich Freunde des Projekts „Versöhnung mit der Natur“ sind, haben wir uns gedacht, diese eigene Welt, in der die Tiere leben, der Blogsport-Gemeinde etwas näher zu bringen. Da der gemeine Blogsportler sehr lesefaul ist, sind wir mit unserem Aufnahmegerät in die Natur gegangen, haben die Geräusche der unterschiedlichsten Tiere aufgenommen und naturgetreue Zeichnungen der selbigen angefertigt. Niemand soll nun mehr sagen können, das da draußen sei das Unbekannte, Ungeheuerliche, das gar beherrscht werden müsse.

In der ersten Folge stellen wir euch die Brüllmücke vor:

»Es ist wahrlich ein Prügelmarkt…«

… so der Kommentar eines Freundes, als wir uns gestern beklommen gegenüber saßen, nachdem wir notgedrungen einen kurzen Weg durch die Innenstadt Weimars gehen mussten. Jedes Jahr am ersten [edit: entschuldigt, liebe Leserinnen; am zweiten] Oktoberwochenende, wenn hier der traditionelle ‚Zwiebelmarkt‘ begangen wird und sich die Einwohnerzahl der Stadt mit einem Schlag verdreifacht, schiebt sich der Stumpfsinn in zäher Masse, in Gestalt eines indolent-seligen Grinsens durch die Straßen und es gibt kein Entkommen. Die Gewalt ist hier nicht nur andauernd gegenwärtig, weil der Zwiebelmarkt jedes Jahr Anziehungspunkt für organisierte und nicht-organisierte Nazis ist – wenn sich die provinzielle Kulturstadt an diesem Wochenende in ein Zentrum der Unkultur verwandelt, dann können sich die gemeinen Familienväter in der Masse für kurze Zeit als Zentrum der Welt fühlen und diese Stärke muss gemessen werden. Es wundert mich, dass es auf dem Zwiebelmarkt noch nicht zu Toten kam. Ich verweise im Folgenden auf einen Text, den ich im letzten Jahr über den Zwiebelmarkt geschrieben habe, der deswegen nicht mehr ganz aktuell ist, weil ich inzwischen Zweifel an dem psychoanalytischen Kurzschluss von der individuellen auf eine kollektive Psyche hege, der m.E. aber dennoch einige Punkte dessen ganz gut trifft, was hier jedes Jahr passiert. Besonders ein Punkt ist in diesem Jahr noch einmal besonders widerwärtig hervorgetreten: ich schrieb von dem libidinös besetzten Symbol der Zwiebelkönigin. Dieses Jahr wird ein „Zwiebel-Luder“ gekührt werden, das sich dann auf der Top-40-Bühne entblößen darf.

Ein Wutgesang auf den Zwiebelmarkt

Die Buden sind inzwischen wieder abgebaut und nachdem der Zwiebelmarkt (8.10. – 11.10.2009) nun vorbei ist, bereiten sich die Weimarer Bürger auf den Winter vor und freuen sich schon auf den Weihnachtsmarkt. Solche Events gehören zu dieser Stadt und sie sind hier etwas besonders: Nicht umsonst ist Weimar eine Kulturstadt mit einem Kulturbahnhof.

Wie jedes Jahr wertet die Weimarer Presse das Wochenende des Zwiebelmarktes aus, was bedeutet dass sie sich darüber freut, dass dieses Jahr wieder mehr BesucherInnen aus ganz Deutschland am traditionellen Zwiebelfest teilgenommen haben.
Ereignisse anderer Art finden in der Auswertung jedoch kaum eine Beachtung: Etwa, dass sich am Freitag den 9. Oktober vor der Bühne des „Zwiebel Assault“ (ein Metal-Konzert auf dem Zwiebelmarkt) die gesamten Kameradschaften aus Thüringen versammelt hatten, die dann wohl daran beteiligt waren am Samstag einen 23-Jährigen halb tot zu prügeln. Das Opfer musste im Krankenhaus notoperiert werden, die Diagnose stellte einen Milzriss und innere Blutungen fest.

Einen Hassgesang auf den Zwiebelmarkt zu singen, ließe sich jedoch nicht allein dadurch rechtfertigen, dass der Zwiebelmarkt jedes Jahr zum Nazi-Treffpunkt wird. Die Auswahl des Opfers war in diesem Jahr wohl ebenso willkürlich, wie die Täter nur eine Stimmung zum überlaufen brachten, die sowieso jedes Jahr vorhanden ist.

Um eine genauere Bestimmung dessen vorzunehmen, was sich jedes Jahr am ersten Oktober-Wochenende auf Weimars Straßen abspielt, muss der Zwiebelmarkt zunächst als das betrachtet werden was er in erster Linie ist: Ein Massenevent. Sammeln sich Menschen in einer Masse, geschieht es oft, dass über individuelles Empfinden und einzelne Bedürfnisse hinweg gegangen wird. Massenveranstaltungen wie der Zwiebelmarkt tendieren dazu eine Stimmung zu entwickeln, die eine absolute Gleichförmigkeit der Bedürfnisse der Teilnehmenden geradezu erfordert: weiter lesen

Fuckparade b/w

Ich möchte hiermit auf die sehr gelungene Fotoreihe von der Fuckparade 2010 auf dem ohnehin sehr empfehlenswerten Fotoblog proteusphotographie (bersarin) hinweisen.

Auf Weimarer Hinterhöfen

Hilferuf aus Weimar

Hier wird dringend Hilfe benötigt:

Vom Dorfe her

Ich habe eben die recht erdrückenden Gedanken von Bubi Zitrone zur Lebenswelt auf dem Dorf gelesen und musste dabei an meine Fotosammlung von Kriegsdenkmälern denken, die sich im Laufe meiner Erkundungen des Weimarer Landes angesammelt hat. Hier einige Impressionen, die denke ich für sich stehen:

Daasdorf

Mattstedt

Nähe Liebstedt

[“Den Gefallenen zum unvergänglichen Ruhme, den Lebenden zur Erhebung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheifrung“ (!)]

Kromsdorf:

[“Wir machen die Necher platt“]

Jugendclub (irgendwo in Thüringen):

Beim Zusammenstellen der Fotos ist es mir irgendwie seltsam aufgefallen, dass ich mich doch immer wieder auf mein Fahrrad setze um Erkundungsfahrten durch die umliegenden Dörfer zu machen. Ich bin mir nicht sicher was mich dazu treibt – vielleicht eine Mischung aus Abstoßung und Faszination, die ich sicher nur mit der Gewissheit ertragen kann selbst dem Dorf entkommen zu sein. Eine solcher Erkundungen habe ich vor einigen Jahren zusammen mit drei Freunden bewusst inszeniert und in einem Hörspiel dokumentarisch festgehalten, welches hier angehört werden kann.

Bubi Zitrones Resümee, „dass solche Erfahrungen und Konflikte keine Einzelfälle sind, es den jeweiligen Menschen in entsprechenden Situationen beschissen geht und sie häufig alleine da stehen“ und dass sich dies keinesfalls nur auf bestimmte Gebiete im Erzgebirge beschränkt, kann ich aus meinen Erfahrungen auf dem Dorf bestätigen. […]

Drei Literatur-Hinweise zum Thema:

1. Im ersten Teil von „Das Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch („Bericht – Tagträume“) schreibt dieser über kindliche und jugendiche Wunschträume in der Provinz. Diese Berichte decken sich zum Teil 100%ig mit meinen damaligen Wunschphantasien.

2. In Thomas Bernhards Roman „Verstörung“ erzählt dieser von einem Tag, an dem er seinen Vater, der der zuständige Amtsarzt für einen provinziellen Landstrich gewesen ist, an einem seiner Rundfahrten durch die dörfliche Landschaft begleitet. In diesem Bericht wird das Elend und die Grausamkeit des Dorfes in einer unerträglichen Intensität beschrieben.

3. Ein Aufruf zur Landflucht als Redebeitrag von Ag No Tears for Krauts zur Situation im ostzonalen Köthen. Dabei musste ich an einen geradezu gegenteiligen Aufruf von Heidegger denken, der glaube ich „Wir bleiben in der Provinz“ heißt, was schon im Titel die Unmenschlichkeit seiner Philosophie entlarvt.

Ps: Wenn ich mich recht erinnere ist die Figur des Sexualmörders Moosbrugger im „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil ein Typ, der in seinem Wahn ständig über die Dörfer streift und selbst von der Erfahrung des Dorfes geprägt ist. Das müsste ich aber nochmal nachlesen…