Archiv der Kategorie 'Geschichten'

Zwei kleine Gedanken

1. Über den Grusel des absoluten Konsens

Würden alle Menschen auf der ganzen Welt sich absolut einig sein, würde also ein einziger Konsens herrschen, dann würde, so stelle ich es mir vor, ein einziger, unbeschreiblich heftiger und betäubender Ruck durch die ganze Welt gehen. Es würde wie in einem Traum sein, den ich oft bekomme, wenn ich Fieber habe: Mein Körper ist mit einem mal so groß, wie das größte was meine Vorstellungskraft erlaubt. Als Kind war dies die Sonne – hatte ich eben noch um einen klitzekleinen Kieselstein gewettet. Diese Größe ist so betäubend, dass ich jedesmal panisch und schweißgebadet aufwachte. Diese Größe walzt alles nieder, was einmal klein und filigran war. Wir sollten wissen, dass Konsens niemals zum Zwang werden darf.

2. Über Regenwetter

Wenn es draußen regnet, so wie heute, sammelt sich manchmal Wasser in den Zwischenräumen lockerer Gehwegplatten (meistens sind es Baumwurzeln, welche den Weg verformen und die einzelnen Platten voneinander lösen). Tritt man dann auf eine solche Platte wird das Wasser herausgedrückt und spritzt willkürlich in den Schuh. Ein Aergernis.

Rasend

Zum Schreien könnte man stets auf einen Bahnsteig gehen: Wenn ein Güterzug vorbeikommt, ist das Getöse so laut, dass niemand die lauthalse Tobsucht bemerkt.

Glubschaugen und Fangzähne

Habe hier einen Text entdeckt, den ich vor sieben Jahren über einen Besuch der Documenta 11 geschrieben habe…

Als wir nach einer längeren Zugfahrt in Kassel ankamen, wollten wir gleich Karten für die Dokumenta 11 kaufen. Also gingen wir zum nächsten Infostand der deutschen Bahn und fragten, wo man die Eintrittskarten kaufen könne. Die drei Damen starrten uns erst ratlos an, bis eine meinte: „Da vorne rechts“.
Also liefen wir bis zum Ende der Bahnhofshalle, und dann rechts. Doch leider konnten wir nirgends eine Verkaufsstelle für die Karten der großen Kunstausstellung finden. Also gingen wir zurück in die Bahnhofshalle und suchten uns einen anderen Infostand der DB. Hier konnte uns wenigstens gleich eine Frau sagen, dass es die Karten nicht hier, sondern im Hauptbahnhof gebe. Also machten wir uns auf in Richtung Innenstadt und fragten uns zum Hauptbahnhof durch, den wir nach einem längeren Fußmarsch erreichten. Vor dem „Kulturbahnhof“ ragte eine schräge Säule in die Höhe, an der ein Mensch hoch lief, als würde es die Erdanziehungskraft gar nicht geben: Das erste Zeichen der 11. Dokumenta! Doch auch hier war nichts ausgeschildert, wo es denn Karten geben könnte, und erst als wir wieder zu einem Infostand gerannt waren, erfuhren wir, dass es die Tickets am Gleis drei zu kaufen gebe. Endlich sahen wir eine Frau aus dem Fenster einer Verkaufsstelle der Dokumenta gucken. Wir zückten schon unser Geld, als wir durch die Frau erfuhren, dass es die Karten „da drüben“ gibt. Auch meine Ratte, die ich mitgenommen hatte, kotzte das wohl ziemlich an, denn sie verkroch sich schnell in meinem Ärmel. O.k.! Endlich hatten wir die Karten und einen Stadtplan. Wir waren gespannt, ob die Ausstellung auch etwas interessantes für uns bieten würde und betraten den ersten Ausstellungsraum am Bahnhof. (mehr…)

Blutgeil

Zum Jahreswechsel Polizeigewalt in Leipzig, Weimar und Rostock, ein Mensch von Polizisten erschossen in Berlin. Diese Ereignisse lassen mich an ein Filmprojekt denken, welches in der Schweiz unter dem Eindruck massiver Polizeigewalt entstand. Zufällig stieß ich darauf, als ich mit einem Freund in ein Gespräch über die Kulturgeschichte von Pfefferspray und Tränen-Gas vertieft war und wir hierzu Details im Internet suchten.

Der Film Blutgeil wurde von Züricher Hausbesetzer_innen gedreht, zu einem Zeitpunkt als sich die Repression gegen die squatter immer weiter erhöhte und es immer wieder Räumungen und Straßenschlachten in der Schweizer Hauptstadt gegeben hatte. Der Splatter-Film zeigt zunächst blutige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und einer Drogenbande. Schließlich will die Polizei dann auch in ein besetztes Haus eindringen, wo sich das Schicksal jedoch wendet: Die Hausbesetzer_innen misshandeln die Polizisten und essen sie schließlich auf.

Wie beabsichtigt erregte der Film einen Skandal und es wurde eine öffentliche Debatte über Gewalt, Polizeigewalt, Darstellung von Gewalt und Zensur geführt. Der Film wurde schließlich verboten und die Filmemacher_innen mussten eine Geldstrafe abtreten. Einer der Künstler, der sich sympathisch Seelenlos nennt, weigerte sich diese zu bezahlen und wurde daher zu einer Haftstrafe verurteilt, die er mit einer spektakulären Inszenierung antrat:

Nachdem Seelenlos also hingerichtet worden war, trat er all seiner Kleidung beraubt und blutüberströmt die Haftstrafe an. Die ganze Zeit während der Haftstrafe inszenierte er als Performance, dokumentierte diese und setzte somit seine eigene Verurteilung in den Kontext der Geschichte von Blutgeil. Schade, dass das Splatter-Genre in den Hausbesetzer-Kreisen kein Mittel mehr ist und immer mehr verbissen und humorlos auf die Repression reagiert wird. Angesichts immer größerer Einschränkung und Marginalisierung von linken Projekten und Räumen oder gar angesichts der Toten, sind Ernst und Wut sehr verständlich – leider führt sich die Linke dabei aber allzuoft selber vor. In jene Rolle des Vorgeführten sollte der Staat gedrängt werden – wie es dem Gesamtkunstwerk Blutgeil gelungen ist.

Informationen zum Film und Projekt Blutgeil
Offizielle Homepage | Blutgeil bei Wikipedia | Rezension bei IMD

Anti-Tisch-Pong

Es begann mit einem gewöhnlichen Tischtennis-Spiel (chinesisch).1 Wir hatten die Regel, dass keiner rausfliegen kann. Als wir eine Weile spielten, gerieten wir in eine gewisse Routine und die ständige Kreisbewegung löste eine gewisse Betäubung aus. Daher sagten wir uns irgendwann, dass es sinvoll wäre die Richtung zu ändern und andersherum um den Tisch zu spielen, damit der Dreh rausgeht. Der Effekt war verwirrend: Im ersten Moment wusste nun keiner mehr, in welche Richtung er laufen sollte. Dies brachte uns derart zum Lachen, dass wir uns überlegten, bei jedem Fehlschlag die Richtung zu wechseln. Der Effekt bereitete erst Verwirrung, bis sich alle auf den nötigen Grad an Konzentration und Aufmerksamkeit eingelassen hatten und das Ganze somit Freude bereitete.

Als nächstes fragte jemand: Wollen wir nicht Ping-Pong2 spielen? Also spielten wir Ping Pong: Zur Eingewöhnung vorerst nur in eine Richtung. Als es relativ flüssig lief, entschieden wir uns wieder bei jedem Fehlschlag die Richtung zu wechseln, wofür wir wieder eine gewisse Zeit der Eingewöhnung benötigten. Nun war der Hunger nach mehr gewachsen und wir entschieden uns nach jedem Fehlschlag die Spielart zu wechseln: Spielten wir Ping-Pong und der Ball landete verkehrt, mussten wir zu Tischtennis wechseln und umgekehrt. Auch diesmal spielten wir zur Eingewöhnung zunächst nur in eine Richtung. Nach der nötigen Einspielzeit wurde nun nach einem Fehlschlag sowohl die Spielart, als auch die Richtung gewechselt, was eine hohe Stufe der Konzentration erforderte.

Nachdem dies einigermaßen flüssig seine Runden lief, begann ein Freund, ohne dass es einen Fehlschlag gegeben hatte, mitten im Spiel in die andere Richtung zu laufen, was uns zunächst verwirrte. Er erklärte uns, dass er nicht willkürlich die Richtung wechselte, sondern lediglich einen anderen Weg nahm um sich schließlich wieder hinter seine_r Vorgänger_in einzuordnen. An dieser Stelle war die Kreisbewegung und die Richtung des Spiels aufgehoben: Einziges Kriterium war, dass man sich merken musste, nach welcher Person man den Ball annehmen nusste, was bedeutete, dass das Spiel an Übersicht verlor, an Tempo gewann und wiederum ein höheres Maß an Konzentration erforderte.

Was nicht bedeutete, dass keine Steigerung mehr möglich war. Zunächst begann der Wechsel zwischen den Spielarten [vermeintlich] willkürlich zu werden: Nach einem Fehlschlag wurde die Spielart zwar immer noch gewechselt, aber diejenige Person, die den Ball zuletzt berührt hatte, durfte (wenn ihr die Laune danach war) diejenige Spielart festlegen, die anschließend weiter gespielt werden sollte. Außerdem kam eine Spielart hinzu, die wir liebevoll „Direkt“ nannten, was bedeutete, dass der Ballkontakt nicht zwischen Tisch und Kelle wechselte, sondern direkt zwischen den Kellen (wie beim Federball). Das ganze bedeutete also: Das Spiel wechselt nach einem Fehlschlag die Richtung (wobei die Richtung inzwischen egal war, da jeder seinen eigenen Weg wählen durfte) und diejenige Person, die den Ball zuletzt berührt hatte, durfte eine Spielart [von dreien] festlegen

Die nächste Steigerung kam dadurch zustande, dass eine weitere Person den Raum betrat und Lust verspürte in das Spiel einzusteigen. Da wir vorher zu siebt gewesen waren, aber nur sieben Tischtennis-Kellen zur Verfügung standen, mussten wir ein Wechselsystem einführen: Wenn jemand Lust verspürte eine kurze pause zu machen und seine Kelle zu übergeben, dann konnte er seine Kelle derjenigen Person in die Hand geben, die gerade am Rande stand und sozusagen frei war; musste aber (um das Spiel nicht durcheinanderzubringen) den Namen seines Vorgängers rufen. Dies bedeutete, dass diejenige Person, die diejenige Person, die gerade ausgestiegen war, sich zuvor in ihrem Bezugssystem als Vorgänger_in merken musste, sich nun auf eine neue Person konzentrieren musste.

An dieser Stelle wurde mir klar: Das ist die Aufhebung des Tisch-Tennis-Spiels. Falls ihr das nicht verstanden habt und Nachfrage besteht, würde ich versuchen die Spielabläufe zu visualisieren.

  1. Erfahrungen mit dem Spiel und der Veränderung von Spielregeln hatte ich bereits vorher gemacht. Aus meiner Ablehnung vin Gesellschaftsspielen (Brettspiel, Kartenspiel) habe ich inzwischen eine äußerste Zuneigung zum freien Spiel entwickelt und ich hatte durchaus entzückende Erlebnisse beim Verändern und Verkehren von bekannten und allgemein anerkannten Spielregeln. Wenn man Mitmenschen findet, die sich darauf einlassen, dann kann man seinen Horizont auf wundersam zweckfreie Art und Weise erweitern. So geschehen beispielsweise an einem außerordentlich langweiligen Seminar-Abend, an dem ich mich darauf einließ, eine Runde Memory mitzuspielen. Schon nachdem die Karten vermischt waren, verließ mich die Lust und ich legte fest, dass nicht mehr das Ziel sei, zwei gleiche Bildchen zu finden, sondern eine Geschichte zu erzählen, die zwei aufgedeckte unterschiedliche Bilder miteinander verbinden sollte. Das Ergebnis war entzückend. Anschließend spielten wir eine Runde Mensch Aergernis dich, bei dem man nicht seine Gegner schlagen durfte. Wenn man mit seiner Figur auf ein Feld rückte, auf der bereits eine eigene Figur stand, musste man diese auf die Startfelder zurücksetzen. Dabei war man verpflichtet, diese Art von Spielzug zu spielen, wenn es möglich war. Die Spieldauer wuchs damit ins Uneremessliche, was den Alkoholpegel steigerte und zur Kreation weiterer neuer Regeln anregte. [zurück]
  2. Zum Unterschied zwischen Tischtennis und Ping-Pong: Beim Tischtennis muss diejenige Person, die den Ball annimmt, den Ball über das Netz spielen, damit der nächste Ballkontakt auf der Tischseite des Gegners stattfindet. Beim Pingpong wird der Kontakt zwischen Ball und Tisch sozusagen verdoppelt: Diejenige Person, die den Ball annimt, muss diesen zunächst auf die eigene Tischseite spielen, damit der Ball anschließend über das Netz fliegt und die gegnerische Tischseite berührt. [zurück]

Komm und liebe mich

Heute Nacht habe ich mit meinem Punker-Freund in einer unglaublichen Geschwindigkeit eine Flasche Vodka geleert, bis wir letztendlich auf dem Motorrad saßen, welches an der Wand in unserem AJZ hängt und uns geküsst haben. Außerdem habe ich Vogelfutter produziert und eben habe ich mitbekommen, dass ich an ganz viele Leute diese Email geschrieben habe:

Betreff: Komm und liebe mich

http://de.indymedia.org/2007/06/186388.shtml

alte falterin, dieser artikel ist ein muss in der geschichte der pluralistischen formel der progressiven muskelprolls und onkelfans aus der provinz mit der unglaublichen spaltung der unglaublichen kommentare aus den kommentaren der indy-media-artikel die in der provinz und in der bedeutenden geschichte der kreuzberger anti-imps vorkommen und herzlich geküsst werden oder nur mit „gute nacht“ verabschiedet werden. dies ist ein zeugnis der dörflichen verklemmtheit und der kleinstädtischen unerfülltheit der postmoderne. prost.

Edit: Eine Chronologie der kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb der deutschen Anifa gibt es auf dem Chefblog.

Edit II: Als ich vorhin noch halb betütelt aus dem AJZ gestolpert bin, hat mich jemand gefragt ob ich noch ne Band kenne, die heute Abend spielen könnte und ich sagte spontan, dass ich in einer solchen Band singen würde, dass wir aber erst 5 Lieder und diese lange nicht mehr geprobt haben. Dies sollte aber kein Hindernis sein, deshalb heute Abend:

Marmor, Stein und Eisen bricht…

…aber die Gewerkschaft nicht!
oder: Mein schönster 1. Mai

Mein erster Mai begann in diesem Jahr mit einem Traum. Ich hatte zwei Tage zuvor eine sehr auf- und anregende Diskussion mit einem Gewerkschafter geführt. In meinem Traum war ich mit einigen Freunden bei diesem Gewerkschafter zu Hause, wo eine Party war. Er wohnte in einer riesigen Villa, mit riesigen Zimmern, hohen Decken und mit einer noblen Einrichtung. Es waren ziemlich viele Menschen auf der Party. Aber eben dieser Gewerkschafter war nicht da. Irgendwann waren wir in der Küche, saßen auf dem Boden und unterhielten uns, woraufhin wir schließlich Hunger bekamen. Da der Gewerkschafter nicht zu Hause war suchten wir in den Küchenschränken und fanden auch ein paar Aufback-Brötchen. Wir packten sie auß und wollten sie in den Herd legen, aber die Brötchen waren zu klein: Sie fielen durch den Rost durch. Irgendwie machte mich das panisch. Aber wir suchten weiter und fanden glücklicherweise größere Brötchen. Doch als wir auch die ausgepackt hatten, stellten wir fest dass sie zu groß waren: Sie passten gar nicht in den Herd rein. Wieder ein Anflug von Panik. Nach längerer Sucherei haben wir dann aber endlich Brötchen gefunden, die in den Herd reingepasst haben und die haben wir uns dann auch schmecken lassen. Doch als wir da so saßen, mit unseren Tellern und mit den Brötchen, kam auf einmal der Gewerkschafter zur Küchentür rein. Erneut ein Anflug von Panik: Wir haben niemanden gefragt und uns einfach so an den Brötchen bedient. Ich schaffte es schnell noch meinen Teller mit dem Brötchen unter einen Schrank zu schieben, aber es war zu spät. Der Gewerkschafter hatte es bemerkt und er war sichtlich empört über unser Verhalten. Peinlich. Schließlich ging die Oma von dem Gewerkschafter mit einer Mütze rum und sammelte Geld für die geklauten Brötchen ein…

Dann wachte ich auf, es war der erste Mai und ich lag in einer Scheune an einem Feuer und war von oben bis unten mit Asche beschmiert. Hier hatte ich am Vorabend eine wunderschöne Party erlebt, am Arsch der Welt bei irgend einem Kack-Nest. Nach kurzem Frühstück (Aufbackbrötchen über dem Feuer geröstet), fuhr ich mit einigen Freunden mit dem Fahrrad wieder in die Stadt. Auf dem Weg trafen wir schon einige alkoholisierte Bollerwagen-Männertags-Männer, die mir ein bisschen Angst machten und die uns als Fotzen beschriehen, weil wir ihnen nicht zuprosteten. Ich fuhr noch mal kurz nach Hause, stellte mich unter die Dusche und dann stürzte ich mich in den revolutionären ersten Mai…

Zu erst traf ich mich mit einem guten Freund und wir schlenderten zusammen über den Flohmarkt. Dort kauften wir ein Gedichte-Buch von dem alten Anarchisten Erich Mühsam und ein Buch von irgend so einem sowjet-treuen Dada-Typen. Alles DDR-Bücher. Ich guckte mir auch einige schöne Schreibmaschinen an, aber die waren zu teuer. Dann gingen wir zusammen zum Marktplatz, wo der DGB eine Bühne aufgebaut hatte. Weil wir noch nicht so richtig wach waren tranken wir einen Kaffee und dann begann auch schon die Band zu spielen, die sich „Edelweiß – mehr als nur Musik“ nannte. Die guckten zwar total teilnahmslos und spielten irgendwelche Elvis-Presley- und Beatles-Hits, dafür sprachen sie aber in den Pausen total tolle Gedichte. Ich möchte zwei davon zitieren:

1.
Marmor, Stein
und eisen bricht.
Aber die Gewerkschaft
nicht.

2.
Wir kommen hier
gar nicht zum trinken.
Und das hat auch
einen ganz einfachen Grund.

Weil nichts da ist.


Um über diese künstlerische Darbietung ein wenig nachzudenken schlenderten wir gemütlich zu unserem AJZ. Dort wurden wir dann depressiv, weil wir unfreiwillig Youtube-Videos mitgucken mussten. Weil wir so depressiv waren gingen wir dann zu einem Freund um dort ein Plakat für eine Veranstaltung zu machen, aber das machte uns noch depressiver. Als hörten wir Punk-Musik. Und da kam mir eine Idee. Ich könnte meinem Freund einen Iro schneiden. Gesagt (eine halbe Stunde lang Überredungszeit), getan. Die einzige Bedingung war, dass ich auch einen bekomme. Au weia.

Mit den frisch geschnittenen Iros sind wir dann ins Theater gegangen:

Als wir nach diesem sehr aufregenden und verstörenden Theaterstück wieder ins AJZ gingen, traf ich dann dort Schildkroete. Und den musste ich kaum überreden zum Iro-Schneiden. Eine richtige Iro-Schneid-Laune.

Weil im AJZ dann alle besoffen waren und Schildkroete auch wieder los musste, sind wir dann noch zu einem Freund gegangen. Auf dem Weg dorthin sind wir wieder depressiv geworden. Das lag glaub ich an dem Theaterstück. Dann haben wir Ken Park geguckt und danach bin ich eingeschlafen.

Ein aufregender Tag voller Abenteuer und Forschungen.

Der verpasste Tag

Neulich bekam ich einen Brief, in einem selbstgebastelten Umschlag aus einem A4-Blatt mit den typischen DDR-Tabellen, die ich so liebe, in dem sich lediglich ein Zettel befand, auf dem mit Schreibmaschine eine Geschichte geschrieben war:

DER VERPASSTE TAG

Ich besorgte mir alles, was ich dazu brauchte. Im Internet bestellte ich mir eine riesige Kiste chinesischer Silvesterböller, einen Trafo konnte ich mir von meinem Onkel borgen, er hatte seit Jahren eine Eisenbahnplatte im Keller, die er nur zu Weihnachten herraus holte. Klebeband kaufte ich mir bei Obi, da gab es ja eh alles. Die restlichen Kabel nahm ich einfach aus der Sterioanlage meiner Eltern oder sonstwoher, alles war perfekt, wenn dann nicht!
„Junge, komm mal schnell!“, rief meine Mutter ganz aufgeregt. „Vater ist vom Stuhl gefallen.“
So ein Mist, dachte ich, gerade jetzt. „Ich komme gleich!“, rief ich in die Küche. Ich bekam aber das ganze Klebeband gar nicht mehr ab, also zog ich mir einfach ein weites T-Shirt an und ging in die Küche. Vater lag bewusstlos am Boden. Er hatte sich den Kopf aufgeschlagen, blutete aber nicht.
„Er muss sofort ins Krankenhaus“, sagte Mutter.
„Ich rufe einen Krankenwagen.“, sagte ich dann. Aber hatte ich das Telefonkabel nicht auch schon verbaut. Tatsache, das Telefon war ohne Kabel. „Geht nicht!“, rief ich Mutter zu. „Wir müssen ihn mit dem Auto ins Krankenhaus bringen.“
Mutter konnte nicht fahren, außerdem war jetzt eine Notsituation, also beschloss ich selbst den Wagen zu steuern, Vater hatte den Schlüssel ja in der Tasche. Ich rannte schon mal runter, um zu schauen, wo der Wagen stand. Mutter hatte Vater solange in eine dicke Decke gerollt. Wir schliffen ihn gemeinsam zum Fahrstuhl.
„Und was ist mit der Schule?“, fragte ich Mutter.
„Das geht heute nicht! Siehst du nicht, dass Vater stirbt!?“
Natürlich sah ich, dass Vater starb. Was dachte sie denn?
Irgendwie mussten mir hinten noch ein Paar Kabel aus der Hose gehangen haben, das merkte ich aber erst, als wir Vater im Fahrstuhl hatten und das Ding nach unten fuhr. Es zog erst ganz heftig und dann: „RISCHSCH“ , riss es ab. Es hatte mich fast bis zur Fahrstuhldecke geschleudert.
„Was machst denn du, Sohn?“
Oh man, dachte ich, was für ein Tag. Wir räumten Vater ins Auto und ich startete den Wagen und fuhr los. Sicherheitshalber nahmen wir ein paar Schleichwege, am Kanal entlang, durch die Gartenanlage, durch den grpßen Park.
„Da ist es ja endlich!“, rief Mutter.
„Ich fahr lieber von hinten ran.“, sagte ich.
Vater war immernoch bewusstlos. Es sah so aus, als würde er auf der Rückbank schlafen.
„Zur Seite!“, rief Mutter, als wir ihn in die Notaufnahme zogen. Der Arzt wollte dann sofort wiederbeleben. Vater wurde auf eine Liege getan und reanimiert. Mutter und ich nahmen im Wartebereich Platz.
„Mutter“, sagte ich, „ich möchte heute noch unbedingt in die Schule.“
„Du magst doch sonst nicht hingehen!“, sagte Mutter. „Willst du noch abwarten, ob Vater wieder zu sich kommt?“
Sie hatte ja Recht, aber ich hatte andere Pläne. „Na gut.“, sagte ich widerwillig.
Vater kam dann zu sich. Er musste aber noch länger im Krankenhaus bleiben. Die Gehirnblutung ließ sich nicht gleich stoppen.
Am nächsten Morgen wollte ich gleich noch vor dem Frühstück, in die Schule. Als ich dort ankam, war alles voller Polizisten.
„Du kannst wieder nach Hause gehen. Heute ist keine Schule.“, sagte mir einer der Beamten, die hinter einer weitläufigen Absperrung standen. „Gestern ist etwas schreckliches vorgefallen!“
Erst als ich wieder zu Hause war und die Zeitung las, erfuhr ich davon. Einder der Achtklässler war Amog gelaufen, wahrscheinlich einer aus der Parallelklasse. Prima, dachte ich, toll.

rasputin s. rache

Der Absender des Briefes war die Guthsmutsstraße. Wer will, kann mir noch eine Geschichte schicken.

Ein Lob dem Tourismus

Ich habe bereits von meinen Problemen erzählt, die ich habe weil ich in einer Kulturstadt lebe. Doch so sehr einen die dämlichen Touristen auch nerven, die bis zum erbrechen „Herder und Wieland“ schreien aber nichts vom „Kongress der Konstruktivisten und Dadaisten“ wissen, so eignen sie sich doch als hervorragendes Ziel mancher Späße.
Als ich also am letzten Wochenende in Geldnot war und den örtlichen Brunnen nach Geld abgetaucht war, konnte ich nicht anders als nass und nackt durch die Touristengruppe durchzurennen, die sich gerade in der Nähe aufhielt.

Eitentlich wollte ich nur dieses Lied hier posten:

Drei Geschichten

Auch wenn das Reisen einen in aufreibende Umstände hineinwirft, ist es wie eine Aspirin für Kopf und Seele. Und mensch nimmt Geschichten mit. Drei davon:

1. Ein kleines Dorf, jeder kennt jeden. Kaffeetrinken auf der Terasse vorm Haus der Familie, der die Reproduktion erfolgreich gelungen ist. Ein alter Mann fährt mit dem Fahrrad vorbei. Er bleibt stehen, schaut in Richtung der herangreisten Familienmitglieder. „Alles klar?“ Alles klar. Er fährt weiter und ich erfahre seine Geschichte. Er hatte eine harte Kindheit (wenn überhaupt eine), sein Vater ein Menschenquäler, wohlhabend und gute Stellung im Dorf, übliche Bestrafungsmethode: Hand in den Ofen halten. Eines Tages findet die besagte Person zusammen mit ihrem Bruder, den Vater aufgehangen im Schuppen. Die beiden können sich nicht halten vor Freude über die Erlösung, aus Freude jubeln sie und schaukeln ihren Vater hin und her. Anschließend gehen sie in die Dorfkneipe, feiern den Tod ihres Vaters, geben Runden aus und betrinken sich. Seit dem ist die besagte Person verrückt. Die Dorfgemeinschaft akzeptiert ihn trotzdem und hilft ihm, in dem er überall mal arbeiten darf um somit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So wird er nun als Gelegenheits-Jobber von Hand zu Hand gereicht. Er sagt, dass er eine Frau hat. Und auch im Dorf glaubt mensch, dass er eine Frau hat. Doch diese wurde seit zehn Jahren nicht gesehen. Er erzählt, dass sie eine Hautflechte am ganzen Körper hat und deshalb nicht raus kann…

2. Ein Punkermädchen, im Rucksack zwei Frettchen. Sie ist betrunken und mit anderen Straßen-Punks in der Innenstadt unterwegs. In ihrer Betrunkenheit läuft sie gegen eine Schaufensterpuppe, die vor einem Friseursalon steht. Dabei bricht der Arm der Figur ab. Als sich das Mädchen orientieren will, fragt sie sich wo die Frettchen sind und sieht, dass sie auf der Puppe herumklettern. Ein Frettchen kriecht durch das Loch, wo vorher der Arm gewesen ist, klettert in der Puppe herum. Das Punker-Mädchen bekommt einen Nervenzusammenbruch…

Frettchen

3. Mormonen können, im Gegensatz zu Katholiken, wenn sie Mitglied einer Gemeinde ihrer Glaubensrichtung sind, selber Wasser weihen. Jeder Mormone kann also selbst Wasser weihen. Wenn Mormonen eine Taufe vornehmen, dann wird ein ganzer Swimming-Pool geweiht, damit die betroffene Person im Ganzen in das heilige Wasser getunkt werden kann. So sind die Mormonen auch äußerst verwöhnt und haben luxuriöse Trinkgewohnheiten: Auch Trinkwasser wird öfters einfach geweiht. Was wäre wenn die Mormonen lustig wären und Streiche spielen würden? Was wäre, wenn sie beispielsweise einfach mal den Nil weihen würden?