Archiv der Kategorie 'Geschichten'

Aspekte des Fußballs

Alle reden vom Wetter. Ich nicht. Und als die Fußball-EM in Frankreich vorbei war – da habe ich angefangen über Fußball zu sprechen und mich in einem dreistündigen Magazin auf Radio Corax ganz dem Rasensport gewidmet. Es ging um innenpolitische Maßnahmen während der Fußball-EM in Frankreich, um Fußball-Diskurse im deutschen Kaiserreich, antifaschistischen Fußball, um die Kritik der Fußball-Ideologie und um die Rolle der Ultras in den Revolten der letzten Zeit. Untenstehend stelle ich alle Beiträge und Interviews zur Verfügung, die ich im Rahmen dieses Magazins gesendet habe. (mehr…)

Antifa Info Ostberlin – Weimar, ein Kapitel für sich

Die Homepage „Nazis in der DDR und antifaschistischer Widerstand“ sammelt und dokumentiert umfangreiches Material über neonazistische Organisierung und Subkultur in der DDR. Zu finden sind dort u.a. Scans der insgesamt drei Ausgaben des Antifa Infoblatts Ostberlin, dessen Redaktion nach dem Scheitern des Projekts zum Teil zum heute noch existierenden Antifa Infoblatt übergegangen ist. Über das AIBO ist zu erfahren:

Im Zeitraum Juli 1989 bis Juli 1990 brachte die Ostberliner unabhängige „Antifa in der Kirche von Unten“ (ab Sommer 1990 Autonome Antifa Ostberlin) drei Ausgaben der Zeitschrift „Antifa Infoblatt Ostberlin“ heraus. Auf Grund des Staatlichen Medien- und Druckmonopols in der DDR, konnten die ersten beiden Ausgaben nur halblegal und auf altertümlichen Druckmaschinen im Wachsmatritzendruckverfahren herausgebracht werden. Das Drucken war eine ziemliche Sauerei, und die Kostbare Druckerfarbe musste aus dem Westen ins land geschmuggelt werden. Die Qualität war katastrophal und teilweise waren die Texte nur schwer lesbar. Fotos konnten gar nicht verwendet werden. Die Hefte wurden von Hand gelegt und geheftet. Die Auflage bestand aus jeweils 1500 bzw. 2000 Exemplaren. Die Ausgabe kostete 1 DDR-Mark. Das Heft war schnell vergriffen. [via]

Ein Freund hat mich auf die zweite Ausgabe des AIBO hingewiesen, da dort ein Artikel über Nazi-Umtriebe in Weimar 1989 zu finden ist. Beschrieben wird nicht nur eine rassistische Pogromstimmung, die phasenweise offensichtlich weit über das Nazi-Skin-Milieu hinausschwappte, sondern auch die Situation von kubanischen und mosambiquanischen Gastarbeitern. Diese wurden von staatlicher Seite bewusst isoliert von den ostdeutschen Arbeitern in einem Heim im Kirschbachtal gehalten. … Ich habe den Artikel, der in der Scan-Version eher unleserlich ist, untenstehend abgetippt.

Interessant und bemerkenswert scheint mir, dass schon 1989 auch in Ostdeutschland in antifaschistischen Kreisen über antisemitische und national-sozialistische Tendenzen in der historischen Arbeiterbewegung diskutiert und gestritten wurde – sehr amüsant in diesem Zusammenhang auch die Anmerkungen der Redaktion im Text des „Autonomen Forums Weimar“ (s.u.).

Heute haben sich akute Probleme mit Neonazis eher auf das Weimarer Land verlagert. Es gibt bekanntlich keine Gastarbeiterheime mehr, aber das Flüchtlingsheim ist ebenfalls außerhalb der Stadt angesiedelt. Heute muss man in Weimar als Punk vielleicht eher Angst vor der Polizei, als vor Neonazis haben.

Weimar – Ein Kapitel für sich

ERLEBNISBERICHT ÜBER AUSLÄNDERFEINDLICHE KRAWALLE BEI FDJ-WEIMARTAGEN

Am Freitag, den 11.7.89 betrat ich gegen 23:30 Uhr den Weimarhallenpark. Aus Anlass der Studententage der FDJ fand dort eine Freiluftveranstaltung mit Diskothek etc. statt. Unter den dort Anwesenden beobachtete ich auch vereinzelt Personen mit einem faschistischen bzw. nazistischen Aussehen (Haarschnitt, Stiefel, Bomberjacke, usw.), Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 [?].

Gegen 23.45 Uhr wurde die Veranstaltung beendet. Plötzlich bildete sich eine Menschenansammlung von ca. 100 Personen, die zu einem nicht geringen Teil aus Skinheads und anderen Neonazis bestand. Aber auch viele völlig normal bekleidete Jugendliche und Erwachsene befanden sich darunter. Flaschen, Gläser und Steine flogen durch die Luft. Anfangs konnte ich nicht feststellen was da vor sich ging, bald aber erkannte ich, daß es sich um eine gewalttätige Auseinandersetzung mit Afrikanern oder dunkelfarbigen Kubanern handelte. Soweit ich erkennen konnte, waren dies fünf bis sechs Personen. Sprechchöre, wie „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus“ usw. erklangen aus der Masse der Neonazis. Die Ausländer flüchteten in Richtung Bertuchstraße/Tankstelle. Da ihnen die große Masse jedoch nicht sofort folgten, konnten sie vermutlich einem Lynchen gerade noch so entkommen. Die Zusammengerotteten verließen nun auch den Weimarhallenpark und postierten sich jetzt an der Kreuzung bei der Fachschule für Staatswissenschaften.

In der Zwischenzeit waren ca. zehn Polizeibeamte eingetroffen. Sie taten jedoch weiter nichts, als das Geschehen zu beobachten. Ein paar Personen diskutierten auch kurzzeitig mit den Beamten. Auch als erneut Sprechchöre mit rassistischen und faschistischen Inhalten rumgegrölt wurden (man sang u.a. die faschistische Nationalhymne) passierte zu meiner Verwunderung nichts. Vier bis fünf Beamte verließen dann sogar den Ort des Geschehens auf Nimmerwiedersehen. Anstatt die Zusammenrottung aufzulösen, wurden lediglich andere Ausländer, die sich auf dem Heimweg befanden, vorsichtshalber „umgeleitet“. (mehr…)

Das ærgerliche Tierlexikon zum Hören #3

Ist die Mücke gedankenloses Objekt? Denkt sie ihre gedankenlose Objekthaftigkeit? Kann sie überhaupt denken, ist ihr Zustand denkbar, ist uns ihre Erfahrungswelt erschließbar und was ergibt sich aus dieser Biegung des Blicks auf die Natur? Diese Fragen beschäftigen successless und ærgernis bei ihren Forschungsarbeiten für das animalische Audiolexikon. Um der Beantwortung dieser Fragen ein Stück weit näher zu kommen, wollen wir uns in dieser Folge mit einem Verhältnis beschäftigen, welches für die grundlegenden Fragen des Menschen in seiner Natur seit jeher von immenser Bedeutung war: dem Verhältnis von Sein und Nicht-sein, von Leben und Tod. Die Chaoboridae, auch genannt Büschelmücke – ein äußerst friedliebendes Tier; es saugt kein Blut – warnt noch im Augenblick ihres Todes ihre Artgenossen vor der Bedrohung. Hieraus ergibt sich: in der Welt der Mücken siegt noch im Angesicht des Todes das zur höheren Einheit strebende Prinzip des Eros. Die Büschelmücke der Lust:

Das ærgerliche Tierlexikon zum Hören #2

Ærgernis und successless erklären die Natur. Schon Nietzsche hatte geschrieben: „Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, dass auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende Zentrum dieser Welt fühlt.“ (Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn, 1873) Ob dieser Wichtigkeit dieser fliegenden Zentren der Welt wollen wir noch ein wenig im Reich der Mücken verbleiben und ihre Signale zu verstehen suchen. In dieser Folge beschäftigen wir uns mit der Chironomus Atroviridis, auch genannt Zuckmücke:

Das ærgerliche Tierlexikon zum Hören #1

Tiere um uns – was wär‘n wir ohne sie“, so sang es schon Jochen Distelmeyer und da successless und ich Freunde des Projekts „Versöhnung mit der Natur“ sind, haben wir uns gedacht, diese eigene Welt, in der die Tiere leben, der Blogsport-Gemeinde etwas näher zu bringen. Da der gemeine Blogsportler sehr lesefaul ist, sind wir mit unserem Aufnahmegerät in die Natur gegangen, haben die Geräusche der unterschiedlichsten Tiere aufgenommen und naturgetreue Zeichnungen der selbigen angefertigt. Niemand soll nun mehr sagen können, das da draußen sei das Unbekannte, Ungeheuerliche, das gar beherrscht werden müsse.

In der ersten Folge stellen wir euch die Brüllmücke vor:

Über das Lachen

- Réa sagte sie, du hast recht. Hab Mitleid jetzt, bring mich zum Lachen!
Réa lehnte sich zu mir herüber. Sie machte mir einen so obszönen Vorschlag, daß ich in dem Gewirr von Reaktionen, die uns alle drei krank machten, nicht mehr an mich halten konnte und in Gelächter ausbrach.
- Sag es mir noch einmal, sagte meine Mutter zu mir.
- Komm, sagte Réa, ich sage es dir ins Ohr.
Meine Mutter beugte sich zu Réa hinüber. Dasselbe kindische Lachen kitzelte uns so heftig, Réas obszöner Vorschlag war von so närrischer Ungereimtheit, daß wir uns krümmten und die Bäuche verrenkten, mitten zwischen den anderen Leuten. Die Gäste begannen zu uns herüberzuschauen, aber da sie selbst schon heiter waren und nichts verstehen konnten, glotzten sie nur.
Einige stutzten. Trotz furchtbarer Anstrengungen waren wir außer Rand und Band, wir waren verrückt, unser Gelächter verstärkte sich noch durch das Stutzen, das wir ringsum spürten: dann fing das ganze Restaurant zu lachen an, ohne zu wissen warum, aber es war ein Lachen, das fast weh tat und in Wut umschlagen konnte. Schließlich verebbte dieses ungehörige Lachen, aber in dem eingetretenen Schweigen brach plötzlich ein Mädchen, das nicht mehr an sich halten konnte, von neuem los: noch einmal bemächtigte sich das Lachen des Saales. Schließlich tauchten die Gäste, die Nase noch in der Serviette, verstohlen aus ihrer Verzauberung, wagten es nicht mehr einander anzusehen.1

Dieser Auszug aus dem Roman „Meine Mutter“ von Georges Bataille zeigt eine der Stärken des Surrealismus (aus dem Bataille ohnehin herausragte, der mehr war als Surrealist): Das tiefsinnige Gespür für mikrosoziale Prozesse und Reaktionen. Als ob mit dem Hinabsteigen zur Obszönität ein Gewässer in Bewegung versetzt wäre, das tiefer ist als die Einzelne, weil die Entladung einer Spannung sich verselbstständigt und am Ende nicht die einzelnen Leute, sondern – wie sonderbar scheint dies: – das Reastaurant, der Saal lachen. Und wer kennt nicht die Ratlosigkeit, wenn nach einem gemeinsamen Lachkrampf die Puste raus ist?

  1. Georges Bataille: Meine Mutter, in Jürgen Manthey (Hrsg.): Georges Bataille. Das obszöne Werk. Reinbek bei Hamburg 1977. [zurück]

Reinkarnation gelungen: Adorno live in Fulda

Der beliebte Sozialphilosoph und Komponist Theodor W. Adorno (Mitte) spielt am kommenden Samstag live in Fulda. Mit dabei sind (v.l.n.r.) Alfred Sohn-Rethel, Siegfried Kracauer, Erich Fromm und Herbert Marcuse. Max Horkheimer wird das Orchester dirigieren.

Zustande kam das späte Comeback durch einen Zufall. Eine Gruppe von Linksradikalen hatte in einer synergetischen Reinkarnations-Gruppentherapie nach Ursachen für die häufigen Spaltungen antideutscher Gruppen gesucht. Durch einen falsch geerdeten Reinkarnationskanal manifestieren sich dabei Adorno und seine Kollegen in der Praxis von Reinkarnationstherapeut Rainer Vollmar in Dietershan bei Fulda. Schwer enttäuscht vom heutigen Zustand Kritischer Theorie entschieden sich die frisch Inkarnierten nach kurzer Diskussion dazu, sich in ihrem zweiten Leben ganz auf die Musik zu konzentrieren.

Jürgen Habermas und Axel Honneth wollten sich zu den Vorgängen nicht äußern.

via; via

Naja – ganz aufgegeben haben die guten die Kritische Theorie doch nicht – darauf weisen Songtitel wie „Fetishized Facts“ und „Theoretically Driven“ (Adorno) hin.

Deutschland – Fußball – Männer – Kotzen

Zum Glück ist die Gefahr, dass die deutsche Nationalmannschaft Fußballweltmeister werden könnte, seit gestern gebannt und das ganze Spektakel nun zumindest etwas gedämpft. Ich habe mal von einem Judas-Priest-Konzert in den 80′ern gehört, das riesengroß angekündigt wurde, aber dann kurz vorher abgesagt wurde. Aus Wut haben die angereisten Fans vor der Konzerthalle dann ihre Judas-Priest T-Shirts verbrannt. Es wäre lustig, wenn es bei der WM mal einen ähnlichen Effekt geben würde – alle vormals enthusiastischen Deutschland-Fans zu sehen, wie sie aus Wut über die Niederlage ihrer Mannschaft und laut über die Deutschen schimpfend auf einmal ihre Trikots und Deutschlandfahnen verbrennen würden…

Noch ein paar abschließende Notizen zum WM-Kram:

■ In meinem Hassgesang auf das WM-Spektakel habe ich einen Aspekt nicht in die Betrachtung einbezogen, der in dieses Phänomen doch ganz spezifisch mit hereinspielt: Das Geschlechterverhältnis. Meine Formulierungen zur Einleitung meines Vortrages „Das Bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ über den Männertag (ebenso Kalles Überlegungen auf dem wdn-blog), dürften auf die Fußballereignisse übertragbar sein, wenn es sich hier auch nochmal etwas anders äußert:

Ich würde gern mit einer Überlegung zum Männertag einsteigen, den wir vor wenigen Tagen wieder erlebt haben und ich würde mich gern fragen – was passiert eigentlich am Männertag? Ich denke, dass man grundsätzlich sagen kann, dass es dabei irgendwie darum geht, dass sich an einem solchen Tag Männer gegenseitig darin bestätigen, Mann zu sein. Man schließt an so einem Tag bewusst das andere Geschlecht aus und widmet sich zusammen mit anderen Männern explizit männlichen Tätigkeiten. Ich meine, dass der Männertag für ganz viele Männer tatsächlich sehr wichtig ist – gerade weil wir zur Zeit eine Entwicklung erleben, in der das Geschlechterverhältnis überhaupt nicht mehr starr zu bleiben scheint. Es gibt in einem gewissen Sinne ein Verschwimmen der Geschlechtergrenzen – die Homo-Ehe ist anerkannt, viele vormals geschlechtsspezifische Tätigkeiten können inzwischen von beiden Geschlechtern getätigt werden, ohne dass das zu irgend einem Skandal führen würde. Ich denke, dass gerade diese Entwicklung (auf die ich später noch einmal eingehen werde) für viele Männer eine enorme Verunsicherung bedeutet und dass nun solche Anlässe wie der Männertag für viele Männer die Funktion haben, sich in dieser Zeit der Verunsicherung doch ihres Männlichseins zu vergewissern. Sieht man sich solche Sachen wie den Männertag genauer an, dann kann man feststellen, dass da sehr einfache Dinge passieren: Männer rotten sich zu Horden zusammen, gehen Wandern, grölen dabei rum und besaufen sich. Ich würde sagen, dass dieses Rauschhafte, das in den kollektiven Alkoholexszessen liegt, etwas ganz wichtiges für die männlichen Subjekte ist – nämlich aus einem ganz bestimmten Grund; weil dieser Rausch es den männlichen Subjekten erlaubt, sich auf eine körperliche Nähe zu den anderen männlichen Subjekten einzulassen. Es lässt sich immer wieder beobachten – nicht nur beim Männertag, sondern auch bei Fußballspielen, beim Junggesellenabschied, bei Kneipentouren oder bei Rockkonzerten –, dass bei solchen Anlässen ein Rahmen dafür geschaffen wird, dass sich Männer gegenseitig berühren können. Es handelt sich zum Teil um innige, kameradschaftliche Umarmungen oder dass man sich gegenseitig im Arm liegt – auf jeden Fall scheint es bei solchen Anlässen wichtig zu sein, sich gegenseitig zu spüren. Leider ist es so, dass das männliche Subjekt in solchen Momenten eine gewisse Ahnung davon hat, dass es hier um eine verdrängte homosexuelle Neigung geht und das ist eine Ahnung, die das männliche Subjekt nicht zulassen darf. Deshalb gibt es verschiedene Riten, die es verhindern, dass sich die männlichen Subjekte ihrer Homosexualität bewusst werden und diese Riten enden immer wieder in einem Ausbruch von Gewalt. Die Körperlichkeit darf also nur dann zugelassen werden, wenn es sich um eine harte Körperlichkeit handelt. Die Umarmung endet oftmals in einer Kopfnuss, Körperlichkeit auf dem Rockkonzert besteht oftmals im Pogo, der bald vielmehr einer massenhaften Prügelei gleicht. Im letzten Jahr gab es zum Männertag Schlagzeilen, als sich in mehreren Städten aus den Männertagsumzügen Straßenschlachten entwickelt hatten. Letztendlich entlädt sich die nichteingestandene Homosexualität in Übergriffen gegenüber Frauen. Die Gewalt, die sich Männer täglich antun müssen, weil sie nicht passiv, sinnlich und zärtlich sein dürfen und die ganz offenbar wird, wenn tatsächlich eine Nähe zwischen Männern entsteht, wird am Ende den Anderen angetan.

Die Transkription des vollständigen Vortrages erscheint in Kürze bei Wider Die Natur.

■ Auf die Körperlichleit zwischen Männern hat Johannes Paul Raether in seiner sehr gelungen Fotoreihe von der Fanmeile der WM 2006 in Berlin einen Fokus gelegt:

Sehr zu empfehlen hier auch das Kotz-Video über Deutschland, das Land der Ideen …, es lohnt sich auf der Seite zu stöbern.

■ Bubizitrone weist auf den besonderen Service eines Cafés in Jena hin und ist ebenfalls von zwecklosen Diskussionen frustriert.

■ Anselm Gramschnabels (Gruppe Surpasser) Überlegungen zum Charakter von Massenevents anlässlich des Weimarer Zwiebelmarkts (der uns in Bälde leider wieder auf die Pelle rücken wird) könnten ebenso Aufschluss über den Charakter des Fußballspektakels geben.

■ Der Blog „Im Kopf Lokalisationweist auf ein Buch zur Kritik des Fußballsports hin, das mir nach dem Lesen der Einleitung zumindest als lesenswert erscheint, auch wenn hier mit der klassischen Manipulationsthese aufgewartet wird (Fußball ist Droge fürs Volk, damit das seine Interessen nicht erkennt). Lesen.

■ Im Audioarchiv befindet sich ein Vortrag von Freek Huisken über Fußball und Deutschlandwahn, der unter anderem auch die Manipulationsthese zurückweist:

Die neu­es­te Sen­dung Sach­zwang FM be­inhal­tet einen am 08.​06.​2010 in Ber­lin ge­hal­te­nen Vor­trag von Freek Huis­ken (GSP) über den ak­tu­el­len Deutsch­land­wahn und die Funk­tio­nen der Welt­meis­ter­schaft des Män­n­er­fuß­balls und ähn­li­cher Ver­an­stal­tun­gen für die Staa­ten­kon­kur­ren­zen.

In dem Vortrag sind einige gute Gedanken formuliert, das hören macht trotzdem keinen Spaß – „Das war der erste Punkt, jetzt komme ich zum zweiten Punkt.“ – „Wieso das ganze?“ – „Wozu die ganze Veranstaltung?“ – „Was haben die jetzt davon?“ – „Zu welchem Zweck machen die das jetzt?“ usw. – anstatt mal eine Argumentationsfolge stringent auszuführen, scheint der Referent die Höhrer_innen hier an die Hand des gesunden Menschenverstands nehmen zu wollen, was extrem nervt.

■ Und abschließend ein Zitat von einem Freund: „Wer ein Problem damit hat, wenn ich ‚Scheißdeutsche‘ sage, soll gefälligst wo anders hinziehen.“

Hilferuf aus Weimar

Hier wird dringend Hilfe benötigt:

Vom Dorfe her

Ich habe eben die recht erdrückenden Gedanken von Bubi Zitrone zur Lebenswelt auf dem Dorf gelesen und musste dabei an meine Fotosammlung von Kriegsdenkmälern denken, die sich im Laufe meiner Erkundungen des Weimarer Landes angesammelt hat. Hier einige Impressionen, die denke ich für sich stehen:

Daasdorf

Mattstedt

Nähe Liebstedt

[“Den Gefallenen zum unvergänglichen Ruhme, den Lebenden zur Erhebung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheifrung“ (!)]

Kromsdorf:

[“Wir machen die Necher platt“]

Jugendclub (irgendwo in Thüringen):

Beim Zusammenstellen der Fotos ist es mir irgendwie seltsam aufgefallen, dass ich mich doch immer wieder auf mein Fahrrad setze um Erkundungsfahrten durch die umliegenden Dörfer zu machen. Ich bin mir nicht sicher was mich dazu treibt – vielleicht eine Mischung aus Abstoßung und Faszination, die ich sicher nur mit der Gewissheit ertragen kann selbst dem Dorf entkommen zu sein. Eine solcher Erkundungen habe ich vor einigen Jahren zusammen mit drei Freunden bewusst inszeniert und in einem Hörspiel dokumentarisch festgehalten, welches hier angehört werden kann.

Bubi Zitrones Resümee, „dass solche Erfahrungen und Konflikte keine Einzelfälle sind, es den jeweiligen Menschen in entsprechenden Situationen beschissen geht und sie häufig alleine da stehen“ und dass sich dies keinesfalls nur auf bestimmte Gebiete im Erzgebirge beschränkt, kann ich aus meinen Erfahrungen auf dem Dorf bestätigen. […]

Drei Literatur-Hinweise zum Thema:

1. Im ersten Teil von „Das Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch („Bericht – Tagträume“) schreibt dieser über kindliche und jugendiche Wunschträume in der Provinz. Diese Berichte decken sich zum Teil 100%ig mit meinen damaligen Wunschphantasien.

2. In Thomas Bernhards Roman „Verstörung“ erzählt dieser von einem Tag, an dem er seinen Vater, der der zuständige Amtsarzt für einen provinziellen Landstrich gewesen ist, an einem seiner Rundfahrten durch die dörfliche Landschaft begleitet. In diesem Bericht wird das Elend und die Grausamkeit des Dorfes in einer unerträglichen Intensität beschrieben.

3. Ein Aufruf zur Landflucht als Redebeitrag von Ag No Tears for Krauts zur Situation im ostzonalen Köthen. Dabei musste ich an einen geradezu gegenteiligen Aufruf von Heidegger denken, der glaube ich „Wir bleiben in der Provinz“ heißt, was schon im Titel die Unmenschlichkeit seiner Philosophie entlarvt.

Ps: Wenn ich mich recht erinnere ist die Figur des Sexualmörders Moosbrugger im „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil ein Typ, der in seinem Wahn ständig über die Dörfer streift und selbst von der Erfahrung des Dorfes geprägt ist. Das müsste ich aber nochmal nachlesen…

Es gibt kein gesundes Leben im Kranken

a: Aber du kannst doch nicht immer an allem zweifeln.
b: Aber warum denn nicht?
a: Das ist doch nicht gesund.

via

Als ich so 14, 15 Jahre alt war begann ich mich langsam für den Anarchismus zu interessieren und hatte von einem Bekannten dann tatsächlich das Buch „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus?1“ von Erich Mühsam bekommen, welches ich mit großem Interesse verschlang. Nachdem ich Blut geleckt hatte besorgte ich mir weitere Bücher von Mühsam – kleine Pamphlete aus den typischen Anarcho-Verlagen, seine Gedichte und die unpolitischen Erinnerungen. Meine Deutschlehrerin, die sehr an meiner Lektüre interessiert war, bemerkte bald, dass ich ein Interesse am Anarchismus hegte. Eines Tages, als sie mich wieder bei meiner Mühsam-Lektüre erwischt hatte, sprach sie mich an und fragte mich, was mich denn ausgerechnet am Anarchismus interessieren würde. Wir begannen eine Diskussion – ich argumentierte gegen den Staat und für die Anarchie, sie mit der Natur des Menschen. Schließlich meinte sie, dass meine Ansichten sicher von edlem Charakter wären, dass eine solche Gegnerschaft zu allen Konventionen aber nur krank machen würde. Ich konterte mit einem Autoritätsargument; auch Schiller sei für das Ende des Staates gewesen und in diesem Sinne wohl als Anarchist zu bezeichnen. „Kein Wunder“ meinte sie, „dass Schiller 1805 an einer Bauchfellentzündung gestorben ist.“

  1. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe eigentlich ein schreckliches Buch – der Staat steckt wie ein Stachel im Fleisch der von sich aus immer schon guten Gesellschaft… [zurück]

Schöner reisen

Am Wochenende hat das Trampen wunderbar funktioniert:

Nun bin ich wie eine kleine Spinne mit sehr kleinen Beinen. Müsste sie auf ihren Beinen laufen, würde sie nur langsam vorwärts kommen. Darum spinnt sie einen Faden so lang, dass er sie hochhalten kann, lässt den Faden los und springt aus in freien Fall. Der Wind greift den Faden und trägt die Spinne los. So bin ich nun, ich weiss nicht wo ich landen werde, ich weiss bloss dass meine Beine klein sind, und dass es schneller geht wenn ich trämpe.

(XN28, 2003)

Dabei musste ich an ein Erlebnis denken, das ich neulich in einer Kneipe hatte. Ich wollte nur kurz noch ein Bier trinken und dann schnell nach Hause gehen, doch dann kam ein Typ auf uns zu, der uns einfach die Hand gab und sich vorstellte. Um uns einen Eindruck von sich zu vermitteln erzählte er uns von einer imaginären Situation, die er interessant fand: Es ging um einen Philosophen auf LSD, der auf einer Brücke steht und irgendetwas verzwicktes passiert – ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern. Obwohl das Zeug was er erzählte ziemlich irre war, fand ich es sehr angenehm ihm zuzuhören – er hatte eine sehr angenehme Sprache (einen leicht schwäbischen Dialekt – nur leicht), eine wohlklingende Stimme und seine Mimik war munter und sympathisch. Normalerweise kann ich es nicht ausstehen von Besoffenen zugelabert zu werden – aber dieser Mann redete trotz offensichtlichem Einfluss von Drogen auf eine Weise, die mich irgendwie ansprach. Ich konnte ihm nicht die ganze Zeit folgen – wir diskutierten über Variation als Aufhebung von Dogma und Beliebigkeit, über das Verhältnis in einer Kneipensituation als Beobachter oder als jemand der darin vollkommen aufgeht, über die Schwierigkeit die in der Kommunikation bei einer solchen Situation besteht. Was jetzt wie typisches, langweiliges Kneipen-Philosophentum klingt, war hier doch irgendwie anders, vielleicht war es aber auch wirklich nur die angenehme Art wie dieser Typ redete. Zwischendurch versuchte er uns über seltsame Bewegungen, geradezu ein Schauspiel, begreiflich zu machen was er uns zu sagen hatte. Und dann erzählte er uns das, was mir am besten im Gedächtnis geblieben ist: Er beschrieb uns ein seltsames Zell-Wesen – halb pflanzlich, halb organisch, nierenförmig, in der Größe eines Sitzkissenes, oder eines kleinen Sofas. Ein Wesen, das sich auf rätselhafte Weise in Schwingung befindet und einige Zentimeter über dem Boden schwebt. Dies sei seine Vorstellung von zukünftigem Reisen – du begegnest einem solchen Wesen und es bietet dir an, dich mitzunehmen. Wohin du willst.

Bubizitrone hat gerade ein neues Wort erfunden: Eintagsflucht. Zu bezeichnend für eine Situation, die nicht aufhören will.

Zwei kleine Gedanken

1. Über den Grusel des absoluten Konsens

Würden alle Menschen auf der ganzen Welt sich absolut einig sein, würde also ein einziger Konsens herrschen, dann würde, so stelle ich es mir vor, ein einziger, unbeschreiblich heftiger und betäubender Ruck durch die ganze Welt gehen. Es würde wie in einem Traum sein, den ich oft bekomme, wenn ich Fieber habe: Mein Körper ist mit einem mal so groß, wie das größte was meine Vorstellungskraft erlaubt. Als Kind war dies die Sonne – hatte ich eben noch um einen klitzekleinen Kieselstein gewettet. Diese Größe ist so betäubend, dass ich jedesmal panisch und schweißgebadet aufwachte. Diese Größe walzt alles nieder, was einmal klein und filigran war. Wir sollten wissen, dass Konsens niemals zum Zwang werden darf.

2. Über Regenwetter

Wenn es draußen regnet, so wie heute, sammelt sich manchmal Wasser in den Zwischenräumen lockerer Gehwegplatten (meistens sind es Baumwurzeln, welche den Weg verformen und die einzelnen Platten voneinander lösen). Tritt man dann auf eine solche Platte wird das Wasser herausgedrückt und spritzt willkürlich in den Schuh. Ein Aergernis.

Rasend

Zum Schreien könnte man stets auf einen Bahnsteig gehen: Wenn ein Güterzug vorbeikommt, ist das Getöse so laut, dass niemand die lauthalse Tobsucht bemerkt.

Glubschaugen und Fangzähne

Habe hier einen Text entdeckt, den ich vor sieben Jahren über einen Besuch der Documenta 11 geschrieben habe…

Als wir nach einer längeren Zugfahrt in Kassel ankamen, wollten wir gleich Karten für die Dokumenta 11 kaufen. Also gingen wir zum nächsten Infostand der deutschen Bahn und fragten, wo man die Eintrittskarten kaufen könne. Die drei Damen starrten uns erst ratlos an, bis eine meinte: „Da vorne rechts“.
Also liefen wir bis zum Ende der Bahnhofshalle, und dann rechts. Doch leider konnten wir nirgends eine Verkaufsstelle für die Karten der großen Kunstausstellung finden. Also gingen wir zurück in die Bahnhofshalle und suchten uns einen anderen Infostand der DB. Hier konnte uns wenigstens gleich eine Frau sagen, dass es die Karten nicht hier, sondern im Hauptbahnhof gebe. Also machten wir uns auf in Richtung Innenstadt und fragten uns zum Hauptbahnhof durch, den wir nach einem längeren Fußmarsch erreichten. Vor dem „Kulturbahnhof“ ragte eine schräge Säule in die Höhe, an der ein Mensch hoch lief, als würde es die Erdanziehungskraft gar nicht geben: Das erste Zeichen der 11. Dokumenta! Doch auch hier war nichts ausgeschildert, wo es denn Karten geben könnte, und erst als wir wieder zu einem Infostand gerannt waren, erfuhren wir, dass es die Tickets am Gleis drei zu kaufen gebe. Endlich sahen wir eine Frau aus dem Fenster einer Verkaufsstelle der Dokumenta gucken. Wir zückten schon unser Geld, als wir durch die Frau erfuhren, dass es die Karten „da drüben“ gibt. Auch meine Ratte, die ich mitgenommen hatte, kotzte das wohl ziemlich an, denn sie verkroch sich schnell in meinem Ärmel. O.k.! Endlich hatten wir die Karten und einen Stadtplan. Wir waren gespannt, ob die Ausstellung auch etwas interessantes für uns bieten würde und betraten den ersten Ausstellungsraum am Bahnhof. (mehr…)

Blutgeil

Zum Jahreswechsel Polizeigewalt in Leipzig, Weimar und Rostock, ein Mensch von Polizisten erschossen in Berlin. Diese Ereignisse lassen mich an ein Filmprojekt denken, welches in der Schweiz unter dem Eindruck massiver Polizeigewalt entstand. Zufällig stieß ich darauf, als ich mit einem Freund in ein Gespräch über die Kulturgeschichte von Pfefferspray und Tränen-Gas vertieft war und wir hierzu Details im Internet suchten.

Der Film Blutgeil wurde von Züricher Hausbesetzer_innen gedreht, zu einem Zeitpunkt als sich die Repression gegen die squatter immer weiter erhöhte und es immer wieder Räumungen und Straßenschlachten in der Schweizer Hauptstadt gegeben hatte. Der Splatter-Film zeigt zunächst blutige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und einer Drogenbande. Schließlich will die Polizei dann auch in ein besetztes Haus eindringen, wo sich das Schicksal jedoch wendet: Die Hausbesetzer_innen misshandeln die Polizisten und essen sie schließlich auf.

Wie beabsichtigt erregte der Film einen Skandal und es wurde eine öffentliche Debatte über Gewalt, Polizeigewalt, Darstellung von Gewalt und Zensur geführt. Der Film wurde schließlich verboten und die Filmemacher_innen mussten eine Geldstrafe abtreten. Einer der Künstler, der sich sympathisch Seelenlos nennt, weigerte sich diese zu bezahlen und wurde daher zu einer Haftstrafe verurteilt, die er mit einer spektakulären Inszenierung antrat:

Nachdem Seelenlos also hingerichtet worden war, trat er all seiner Kleidung beraubt und blutüberströmt die Haftstrafe an. Die ganze Zeit während der Haftstrafe inszenierte er als Performance, dokumentierte diese und setzte somit seine eigene Verurteilung in den Kontext der Geschichte von Blutgeil. Schade, dass das Splatter-Genre in den Hausbesetzer-Kreisen kein Mittel mehr ist und immer mehr verbissen und humorlos auf die Repression reagiert wird. Angesichts immer größerer Einschränkung und Marginalisierung von linken Projekten und Räumen oder gar angesichts der Toten, sind Ernst und Wut sehr verständlich – leider führt sich die Linke dabei aber allzuoft selber vor. In jene Rolle des Vorgeführten sollte der Staat gedrängt werden – wie es dem Gesamtkunstwerk Blutgeil gelungen ist.

Informationen zum Film und Projekt Blutgeil
Offizielle Homepage | Blutgeil bei Wikipedia | Rezension bei IMD

Anti-Tisch-Pong

Es begann mit einem gewöhnlichen Tischtennis-Spiel (chinesisch).1 Wir hatten die Regel, dass keiner rausfliegen kann. Als wir eine Weile spielten, gerieten wir in eine gewisse Routine und die ständige Kreisbewegung löste eine gewisse Betäubung aus. Daher sagten wir uns irgendwann, dass es sinvoll wäre die Richtung zu ändern und andersherum um den Tisch zu spielen, damit der Dreh rausgeht. Der Effekt war verwirrend: Im ersten Moment wusste nun keiner mehr, in welche Richtung er laufen sollte. Dies brachte uns derart zum Lachen, dass wir uns überlegten, bei jedem Fehlschlag die Richtung zu wechseln. Der Effekt bereitete erst Verwirrung, bis sich alle auf den nötigen Grad an Konzentration und Aufmerksamkeit eingelassen hatten und das Ganze somit Freude bereitete.

Als nächstes fragte jemand: Wollen wir nicht Ping-Pong2 spielen? Also spielten wir Ping Pong: Zur Eingewöhnung vorerst nur in eine Richtung. Als es relativ flüssig lief, entschieden wir uns wieder bei jedem Fehlschlag die Richtung zu wechseln, wofür wir wieder eine gewisse Zeit der Eingewöhnung benötigten. Nun war der Hunger nach mehr gewachsen und wir entschieden uns nach jedem Fehlschlag die Spielart zu wechseln: Spielten wir Ping-Pong und der Ball landete verkehrt, mussten wir zu Tischtennis wechseln und umgekehrt. Auch diesmal spielten wir zur Eingewöhnung zunächst nur in eine Richtung. Nach der nötigen Einspielzeit wurde nun nach einem Fehlschlag sowohl die Spielart, als auch die Richtung gewechselt, was eine hohe Stufe der Konzentration erforderte.

Nachdem dies einigermaßen flüssig seine Runden lief, begann ein Freund, ohne dass es einen Fehlschlag gegeben hatte, mitten im Spiel in die andere Richtung zu laufen, was uns zunächst verwirrte. Er erklärte uns, dass er nicht willkürlich die Richtung wechselte, sondern lediglich einen anderen Weg nahm um sich schließlich wieder hinter seine_r Vorgänger_in einzuordnen. An dieser Stelle war die Kreisbewegung und die Richtung des Spiels aufgehoben: Einziges Kriterium war, dass man sich merken musste, nach welcher Person man den Ball annehmen nusste, was bedeutete, dass das Spiel an Übersicht verlor, an Tempo gewann und wiederum ein höheres Maß an Konzentration erforderte.

Was nicht bedeutete, dass keine Steigerung mehr möglich war. Zunächst begann der Wechsel zwischen den Spielarten [vermeintlich] willkürlich zu werden: Nach einem Fehlschlag wurde die Spielart zwar immer noch gewechselt, aber diejenige Person, die den Ball zuletzt berührt hatte, durfte (wenn ihr die Laune danach war) diejenige Spielart festlegen, die anschließend weiter gespielt werden sollte. Außerdem kam eine Spielart hinzu, die wir liebevoll „Direkt“ nannten, was bedeutete, dass der Ballkontakt nicht zwischen Tisch und Kelle wechselte, sondern direkt zwischen den Kellen (wie beim Federball). Das ganze bedeutete also: Das Spiel wechselt nach einem Fehlschlag die Richtung (wobei die Richtung inzwischen egal war, da jeder seinen eigenen Weg wählen durfte) und diejenige Person, die den Ball zuletzt berührt hatte, durfte eine Spielart [von dreien] festlegen

Die nächste Steigerung kam dadurch zustande, dass eine weitere Person den Raum betrat und Lust verspürte in das Spiel einzusteigen. Da wir vorher zu siebt gewesen waren, aber nur sieben Tischtennis-Kellen zur Verfügung standen, mussten wir ein Wechselsystem einführen: Wenn jemand Lust verspürte eine kurze pause zu machen und seine Kelle zu übergeben, dann konnte er seine Kelle derjenigen Person in die Hand geben, die gerade am Rande stand und sozusagen frei war; musste aber (um das Spiel nicht durcheinanderzubringen) den Namen seines Vorgängers rufen. Dies bedeutete, dass diejenige Person, die diejenige Person, die gerade ausgestiegen war, sich zuvor in ihrem Bezugssystem als Vorgänger_in merken musste, sich nun auf eine neue Person konzentrieren musste.

An dieser Stelle wurde mir klar: Das ist die Aufhebung des Tisch-Tennis-Spiels. Falls ihr das nicht verstanden habt und Nachfrage besteht, würde ich versuchen die Spielabläufe zu visualisieren.

  1. Erfahrungen mit dem Spiel und der Veränderung von Spielregeln hatte ich bereits vorher gemacht. Aus meiner Ablehnung vin Gesellschaftsspielen (Brettspiel, Kartenspiel) habe ich inzwischen eine äußerste Zuneigung zum freien Spiel entwickelt und ich hatte durchaus entzückende Erlebnisse beim Verändern und Verkehren von bekannten und allgemein anerkannten Spielregeln. Wenn man Mitmenschen findet, die sich darauf einlassen, dann kann man seinen Horizont auf wundersam zweckfreie Art und Weise erweitern. So geschehen beispielsweise an einem außerordentlich langweiligen Seminar-Abend, an dem ich mich darauf einließ, eine Runde Memory mitzuspielen. Schon nachdem die Karten vermischt waren, verließ mich die Lust und ich legte fest, dass nicht mehr das Ziel sei, zwei gleiche Bildchen zu finden, sondern eine Geschichte zu erzählen, die zwei aufgedeckte unterschiedliche Bilder miteinander verbinden sollte. Das Ergebnis war entzückend. Anschließend spielten wir eine Runde Mensch Aergernis dich, bei dem man nicht seine Gegner schlagen durfte. Wenn man mit seiner Figur auf ein Feld rückte, auf der bereits eine eigene Figur stand, musste man diese auf die Startfelder zurücksetzen. Dabei war man verpflichtet, diese Art von Spielzug zu spielen, wenn es möglich war. Die Spieldauer wuchs damit ins Uneremessliche, was den Alkoholpegel steigerte und zur Kreation weiterer neuer Regeln anregte. [zurück]
  2. Zum Unterschied zwischen Tischtennis und Ping-Pong: Beim Tischtennis muss diejenige Person, die den Ball annimmt, den Ball über das Netz spielen, damit der nächste Ballkontakt auf der Tischseite des Gegners stattfindet. Beim Pingpong wird der Kontakt zwischen Ball und Tisch sozusagen verdoppelt: Diejenige Person, die den Ball annimt, muss diesen zunächst auf die eigene Tischseite spielen, damit der Ball anschließend über das Netz fliegt und die gegnerische Tischseite berührt. [zurück]

Komm und liebe mich

Heute Nacht habe ich mit meinem Punker-Freund in einer unglaublichen Geschwindigkeit eine Flasche Vodka geleert, bis wir letztendlich auf dem Motorrad saßen, welches an der Wand in unserem AJZ hängt und uns geküsst haben. Außerdem habe ich Vogelfutter produziert und eben habe ich mitbekommen, dass ich an ganz viele Leute diese Email geschrieben habe:

Betreff: Komm und liebe mich

http://de.indymedia.org/2007/06/186388.shtml

alte falterin, dieser artikel ist ein muss in der geschichte der pluralistischen formel der progressiven muskelprolls und onkelfans aus der provinz mit der unglaublichen spaltung der unglaublichen kommentare aus den kommentaren der indy-media-artikel die in der provinz und in der bedeutenden geschichte der kreuzberger anti-imps vorkommen und herzlich geküsst werden oder nur mit „gute nacht“ verabschiedet werden. dies ist ein zeugnis der dörflichen verklemmtheit und der kleinstädtischen unerfülltheit der postmoderne. prost.

Edit: Eine Chronologie der kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb der deutschen Anifa gibt es auf dem Chefblog.

Edit II: Als ich vorhin noch halb betütelt aus dem AJZ gestolpert bin, hat mich jemand gefragt ob ich noch ne Band kenne, die heute Abend spielen könnte und ich sagte spontan, dass ich in einer solchen Band singen würde, dass wir aber erst 5 Lieder und diese lange nicht mehr geprobt haben. Dies sollte aber kein Hindernis sein, deshalb heute Abend:

Marmor, Stein und Eisen bricht…

…aber die Gewerkschaft nicht!
oder: Mein schönster 1. Mai

Mein erster Mai begann in diesem Jahr mit einem Traum. Ich hatte zwei Tage zuvor eine sehr auf- und anregende Diskussion mit einem Gewerkschafter geführt. In meinem Traum war ich mit einigen Freunden bei diesem Gewerkschafter zu Hause, wo eine Party war. Er wohnte in einer riesigen Villa, mit riesigen Zimmern, hohen Decken und mit einer noblen Einrichtung. Es waren ziemlich viele Menschen auf der Party. Aber eben dieser Gewerkschafter war nicht da. Irgendwann waren wir in der Küche, saßen auf dem Boden und unterhielten uns, woraufhin wir schließlich Hunger bekamen. Da der Gewerkschafter nicht zu Hause war suchten wir in den Küchenschränken und fanden auch ein paar Aufback-Brötchen. Wir packten sie auß und wollten sie in den Herd legen, aber die Brötchen waren zu klein: Sie fielen durch den Rost durch. Irgendwie machte mich das panisch. Aber wir suchten weiter und fanden glücklicherweise größere Brötchen. Doch als wir auch die ausgepackt hatten, stellten wir fest dass sie zu groß waren: Sie passten gar nicht in den Herd rein. Wieder ein Anflug von Panik. Nach längerer Sucherei haben wir dann aber endlich Brötchen gefunden, die in den Herd reingepasst haben und die haben wir uns dann auch schmecken lassen. Doch als wir da so saßen, mit unseren Tellern und mit den Brötchen, kam auf einmal der Gewerkschafter zur Küchentür rein. Erneut ein Anflug von Panik: Wir haben niemanden gefragt und uns einfach so an den Brötchen bedient. Ich schaffte es schnell noch meinen Teller mit dem Brötchen unter einen Schrank zu schieben, aber es war zu spät. Der Gewerkschafter hatte es bemerkt und er war sichtlich empört über unser Verhalten. Peinlich. Schließlich ging die Oma von dem Gewerkschafter mit einer Mütze rum und sammelte Geld für die geklauten Brötchen ein…

Dann wachte ich auf, es war der erste Mai und ich lag in einer Scheune an einem Feuer und war von oben bis unten mit Asche beschmiert. Hier hatte ich am Vorabend eine wunderschöne Party erlebt, am Arsch der Welt bei irgend einem Kack-Nest. Nach kurzem Frühstück (Aufbackbrötchen über dem Feuer geröstet), fuhr ich mit einigen Freunden mit dem Fahrrad wieder in die Stadt. Auf dem Weg trafen wir schon einige alkoholisierte Bollerwagen-Männertags-Männer, die mir ein bisschen Angst machten und die uns als Fotzen beschriehen, weil wir ihnen nicht zuprosteten. Ich fuhr noch mal kurz nach Hause, stellte mich unter die Dusche und dann stürzte ich mich in den revolutionären ersten Mai…

Zu erst traf ich mich mit einem guten Freund und wir schlenderten zusammen über den Flohmarkt. Dort kauften wir ein Gedichte-Buch von dem alten Anarchisten Erich Mühsam und ein Buch von irgend so einem sowjet-treuen Dada-Typen. Alles DDR-Bücher. Ich guckte mir auch einige schöne Schreibmaschinen an, aber die waren zu teuer. Dann gingen wir zusammen zum Marktplatz, wo der DGB eine Bühne aufgebaut hatte. Weil wir noch nicht so richtig wach waren tranken wir einen Kaffee und dann begann auch schon die Band zu spielen, die sich „Edelweiß – mehr als nur Musik“ nannte. Die guckten zwar total teilnahmslos und spielten irgendwelche Elvis-Presley- und Beatles-Hits, dafür sprachen sie aber in den Pausen total tolle Gedichte. Ich möchte zwei davon zitieren:

1.
Marmor, Stein
und eisen bricht.
Aber die Gewerkschaft
nicht.

2.
Wir kommen hier
gar nicht zum trinken.
Und das hat auch
einen ganz einfachen Grund.

Weil nichts da ist.

Um über diese künstlerische Darbietung ein wenig nachzudenken schlenderten wir gemütlich zu unserem AJZ. Dort wurden wir dann depressiv, weil wir unfreiwillig Youtube-Videos mitgucken mussten. Weil wir so depressiv waren gingen wir dann zu einem Freund um dort ein Plakat für eine Veranstaltung zu machen, aber das machte uns noch depressiver. Als hörten wir Punk-Musik. Und da kam mir eine Idee. Ich könnte meinem Freund einen Iro schneiden. Gesagt (eine halbe Stunde lang Überredungszeit), getan. Die einzige Bedingung war, dass ich auch einen bekomme. Au weia.

Mit den frisch geschnittenen Iros sind wir dann ins Theater gegangen:

Als wir nach diesem sehr aufregenden und verstörenden Theaterstück wieder ins AJZ gingen, traf ich dann dort Schildkroete. Und den musste ich kaum überreden zum Iro-Schneiden. Eine richtige Iro-Schneid-Laune.

Weil im AJZ dann alle besoffen waren und Schildkroete auch wieder los musste, sind wir dann noch zu einem Freund gegangen. Auf dem Weg dorthin sind wir wieder depressiv geworden. Das lag glaub ich an dem Theaterstück. Dann haben wir Ken Park geguckt und danach bin ich eingeschlafen.

Ein aufregender Tag voller Abenteuer und Forschungen.

Der verpasste Tag

Neulich bekam ich einen Brief, in einem selbstgebastelten Umschlag aus einem A4-Blatt mit den typischen DDR-Tabellen, die ich so liebe, in dem sich lediglich ein Zettel befand, auf dem mit Schreibmaschine eine Geschichte geschrieben war:

DER VERPASSTE TAG

Ich besorgte mir alles, was ich dazu brauchte. Im Internet bestellte ich mir eine riesige Kiste chinesischer Silvesterböller, einen Trafo konnte ich mir von meinem Onkel borgen, er hatte seit Jahren eine Eisenbahnplatte im Keller, die er nur zu Weihnachten herraus holte. Klebeband kaufte ich mir bei Obi, da gab es ja eh alles. Die restlichen Kabel nahm ich einfach aus der Sterioanlage meiner Eltern oder sonstwoher, alles war perfekt, wenn dann nicht!
„Junge, komm mal schnell!“, rief meine Mutter ganz aufgeregt. „Vater ist vom Stuhl gefallen.“
So ein Mist, dachte ich, gerade jetzt. „Ich komme gleich!“, rief ich in die Küche. Ich bekam aber das ganze Klebeband gar nicht mehr ab, also zog ich mir einfach ein weites T-Shirt an und ging in die Küche. Vater lag bewusstlos am Boden. Er hatte sich den Kopf aufgeschlagen, blutete aber nicht.
„Er muss sofort ins Krankenhaus“, sagte Mutter.
„Ich rufe einen Krankenwagen.“, sagte ich dann. Aber hatte ich das Telefonkabel nicht auch schon verbaut. Tatsache, das Telefon war ohne Kabel. „Geht nicht!“, rief ich Mutter zu. „Wir müssen ihn mit dem Auto ins Krankenhaus bringen.“
Mutter konnte nicht fahren, außerdem war jetzt eine Notsituation, also beschloss ich selbst den Wagen zu steuern, Vater hatte den Schlüssel ja in der Tasche. Ich rannte schon mal runter, um zu schauen, wo der Wagen stand. Mutter hatte Vater solange in eine dicke Decke gerollt. Wir schliffen ihn gemeinsam zum Fahrstuhl.
„Und was ist mit der Schule?“, fragte ich Mutter.
„Das geht heute nicht! Siehst du nicht, dass Vater stirbt!?“
Natürlich sah ich, dass Vater starb. Was dachte sie denn?
Irgendwie mussten mir hinten noch ein Paar Kabel aus der Hose gehangen haben, das merkte ich aber erst, als wir Vater im Fahrstuhl hatten und das Ding nach unten fuhr. Es zog erst ganz heftig und dann: „RISCHSCH“ , riss es ab. Es hatte mich fast bis zur Fahrstuhldecke geschleudert.
„Was machst denn du, Sohn?“
Oh man, dachte ich, was für ein Tag. Wir räumten Vater ins Auto und ich startete den Wagen und fuhr los. Sicherheitshalber nahmen wir ein paar Schleichwege, am Kanal entlang, durch die Gartenanlage, durch den grpßen Park.
„Da ist es ja endlich!“, rief Mutter.
„Ich fahr lieber von hinten ran.“, sagte ich.
Vater war immernoch bewusstlos. Es sah so aus, als würde er auf der Rückbank schlafen.
„Zur Seite!“, rief Mutter, als wir ihn in die Notaufnahme zogen. Der Arzt wollte dann sofort wiederbeleben. Vater wurde auf eine Liege getan und reanimiert. Mutter und ich nahmen im Wartebereich Platz.
„Mutter“, sagte ich, „ich möchte heute noch unbedingt in die Schule.“
„Du magst doch sonst nicht hingehen!“, sagte Mutter. „Willst du noch abwarten, ob Vater wieder zu sich kommt?“
Sie hatte ja Recht, aber ich hatte andere Pläne. „Na gut.“, sagte ich widerwillig.
Vater kam dann zu sich. Er musste aber noch länger im Krankenhaus bleiben. Die Gehirnblutung ließ sich nicht gleich stoppen.
Am nächsten Morgen wollte ich gleich noch vor dem Frühstück, in die Schule. Als ich dort ankam, war alles voller Polizisten.
„Du kannst wieder nach Hause gehen. Heute ist keine Schule.“, sagte mir einer der Beamten, die hinter einer weitläufigen Absperrung standen. „Gestern ist etwas schreckliches vorgefallen!“
Erst als ich wieder zu Hause war und die Zeitung las, erfuhr ich davon. Einder der Achtklässler war Amog gelaufen, wahrscheinlich einer aus der Parallelklasse. Prima, dachte ich, toll.

rasputin s. rache

Der Absender des Briefes war die Guthsmutsstraße. Wer will, kann mir noch eine Geschichte schicken.