Archiv der Kategorie 'Geflattert'

Mythos ‚Mitte‘

Im letzten Jahr ist im Verlag Bertz+Fischer (in dem immer wieder sehr interessante Bücher erscheinen, oft auch im kleineren Format) ein Buch mit dem Titel „Mythos ‚Mitte‘ – Oder: Die Entsorgung der Klassenfrage“ erschienen. Der Autor Ulf Kadritzke kritisiert darin einerseits eine gesellschaftliche Selbstwahrnehmung als „Mittelstandsgesellschaft“ und weist andererseits Widersprüche in gängigen soziologischen Theorien zum Mittelstand nach. Vor dem Hintergrund von Forschungen zum Angestellten-Milieu in der Weimarer Republik (u.a. von Theodor Geiger, Carl Dreyfuss, Siegfried Kracauer) skizziert er, was eine Analyse der Klassengesellschaft heute leisten müsste. Dabei beharrt Kaditzke auf dem Klassencharakter der bestehenden Gesellschaft, wobei er sich auch gegen einen „Klassenreduktionismus“ wendet: Eine kritische Gesellschaftstheorie, die nicht jenseits der Klassen denkt, hätte auch zu erklären, warum sich so viele Lohnabhängige als „Mittelstand“ begreifen. Das Buch ist m.E. als Anregung zu lesen – es ist mehr eine methodische Vorüberlegung als eine gegenwärtige Zuwendung zur Klassengesellschaft selbst. Nimmt man es als solche, enthält es auch einige Argumente gegen linke/linksradikale Theorien, die sich von der Klasse verabschiedet haben.

Die weitere Arbeit an einer Klassenanalyse, die der Marx’schen Theorie verpflichtet bleibt, wäre ein notwendiger Schritt im Versuch, die Rolle der modernen lohnabhängigen Mittelklassen zu klären. Gegenüber klassenreduktionistischen Vorstellungen ist daran zu erinnern, dass im Verhältnis von Arbeit und Kapital die gemeinsame ökonomische Klassenlage zwar den Raum der objektiven Interessen konstituiert, aber ‚nicht unmittelbar‘ das gesellschaftliche Bewusstsein oder gar das politische Handeln bestimmt. (73)

Machte sich die Phrase von der Mitte zur Tat auf, könnte sie wieder leicht bei der ‚Volksgemeinschaft‘ anlangen.“ (84)

Ich habe ein Interview mit Ulf Kadritzke geführt, wobei ich ihn zunächst gefragt habe, wie er das öffentliche Sprechen über die Mitte wahrnimmt und was der Anlass zur Veröffentlichung seines Buches gewesen ist:

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Das doppelte Gesicht des Sozialstaats

In der Februar/März-Ausgabe der Programmzeitschrift von Radio Corax habe ich einen kleinen Text zur Kritik des Sozialstaats formuliert. Untenstehend findet sich eine ungekürzte Version des Artikels. Im Heft (das in wenigen Tagen auch online einsehbar ist) sind außerdem weitere Texte enthalten: Zum Bafög, zu aktuellen Entwicklungen des Sozialstaats und zur Debatte um die Sozialstaatskritik.

Skizzenartige Ausführungen zur Geschichte und Kritik des Sozialstaats

Der Bezug auf den Sozialstaat ist so selbstverständlich, wie das Prinzip der Sozialstaatlichkeit umkämpft ist. Linke Aktivist*innen rufen zu seiner Verteidigung auf, Politiker*innen von Union und SPD führen zu seiner Rettung Sparmaßnahmen durch, besorgte Bürger*innen sehen ihn von Flüchtlingsströmen bedroht, während rechte Libertäre den Sozialstaat als sozialistisch-autoritären Eingriff in die Freiheit des Individuums geißeln. In einer solch widersprüchlichen Gemengelage lohnt es sich, einen Blick in die Geschichte zu werfen, um zu einem Begriff des Sozialstaats zu gelangen – hier skizzenhaft versucht in Einschränkung auf seine deutsche Version.

Die Ursprünge des Sozialstaats sind in den Folgen der Industrialisierung zu suchen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich auch in Deutschland Städte, die von den enormen Auswirkungen der industriellen Arbeitswelt geprägt waren: Wohnungsnot, Pauperismus, physisch zerschundene und moralisch verwahrloste Arbeiter*innen, Arbeitslosigkeit. Die Tendenz ging dahin, dass industrielle Kapitalist*innen derart auf Arbeitskräfte zugriffen, dass das Überleben eines großen Bevölkerungsteils – oder: einer ganzen Klasse – infrage gestellt war: Arbeiter*innen wurden regelrecht verheizt. Auf diesen Umstand reagierten zwei gesellschaftliche Kräfte: (mehr…)

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Extrablatt No 6

Soeben erschienen, wieder mit sehr lesenswerten Texten, u.a. Sonja Witte „Über die Kunst der Ware keine sein zu wollen“ und die Künstler Santiago Sierra und Donald Jodd.

Viel zu viel…

[…find ich auch!] Aus dem kleinen Schnipsel-Zine „Geschriebenes gegen die Normalität“ aus Hamburg. Zugeschickt bekommen in einer netten Post (Danke, Purzel!).

Erinnerungen an wilde Party mit harmloser Musik, nackte Hedonisten-Menschen mit Bier beschmiert, Kater. Nicht so harmlose Musik:

Nochwas ins Haus geflattert

Gestern habe ich die 20. Ausgabe der Literaturzeitschrift „Bella Triste“ zugeschickt bekommen. Bella Triste erscheint seit sieben Jahren und bietet junger Literatur eine Plattform. Bella Triste ist vielleicht nicht revolutionär, es lässt sich aber immer wieder Aufreibendes und Verstörendes in dieser Zeitschrift finden (vor allem im Prosa-Bereich) und auch die Auseinandersetzung mit Sprache und Literatur, die in dieser Zeitschrift stattfindet ist nicht uninteressant. Außerdem gibt es immer wieder interessante Zeichnungen, Fotografie und andere gestalterische Schmackhaftigkeiten. Es lohnt sich also mal einen Blick reinzuwerfen…
In der aktuellen Ausgabe gibt es neben Lyrik und Prosa auch eine theoretische Auseinandersetzung mit Lyrik in Form von Email-Gesprächen und einige ziemlich coole Fotografien…

Kürzlich ins Haus geflattert

testcard #17: Sex

Sex jenseits des Patriarchats – geht das? testcard stellt die alte Frage nach einem besseren Sex für eine bessere Gesellschaft neu.

Editorial

Die Linke und der Sex … Pornographie gar? Jahrelang wurde über das Thema geschwiegen. Über »linken Sex« in den 1990ern lässt sich überhaupt nichts sagen, er scheint nicht existent gewesen zu sein, erklärt Massimo Perinelli im testcard-Artikel Im Bett mit Marcuse. Wurden Sexualität und gesellschaftliche Befreiung Anfang der 1970er noch in einem untrennbaren Zusammenhang miteinander gedacht, ist linker Umgang mit Sex schon ein Jahrzehnt später immer stärker von Sexismus-Debatten überlagert worden. »Wenn ich an die Zeck denke, die Zeitschrift der Roten Flora in Hamburg«, so Dagmar Brunow, »kann ich mich an keinen Artikel erinnern, in dem lustvoll über Sexualität geschrieben wurde. Körper und Sex erscheinen seit den 1980ern in linksradikalen Kreisen als vermintes Gelände.« Massimo Perinelli ergänzt: »Öffentlich wurde nur über Sexismus geredet. Paradoxerweise wurde dies mit dem Slogan getan, das Private sei politisch. Aber nur die Gewalt in der Sexualität war politisch, alles Schöne (…) war absolut off topic, also strikt privat.«[…]“

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