Archiv der Kategorie 'Fundstück'

Mein Beitrag zur Thüringer Landtagswahl

Eine Erinnerung an Zeiten, in denen Teile des Proletariats einmal kämpferischer unterwegs waren:

Du sollst nicht wählen ...

Dafür gibt es heutzutage zumindest vereinzelte Meldungen, die auf sympathische Zeitgenossen schließen lassen:

Gesichter nicht ertragen – Alkoholisierter 27-Jähriger reißt Wahlplakate herunter

Leipzig. Ein stark alkoholisierter 27-Jähriger hat am Sonntagmorgen auf dem Connewitzer Teil der Karl-Liebknecht-Straße 38 Wahlplakate abgerissen und dabei stark beschädigt. Wie die Polizei mitteilte, zog er sich eine blutende Wunde an einem Finger zu. Gegenüber den Beamten sagte er, er habe die Gesichter der Kandidaten nicht ertragen können.

„Sie schauen, als wäre die Welt in Ordnung“, soll er der Polizei erklärt haben. Ein Atemalkoholtest zeigte, dass der 27-Jährige mindestens 1,72 Promille im Blut hatte. Bei seiner Attacke auf die Wahlwerbung habe der Mann laut Polizei keine bestimmte Partei bevorzugt, sondern gleichermaßen Plakate aller Kandidaten beschädigt.

LVZ-Online, 11.08.2014, 18:12 Uhr

Diese Notiz, als eine leichte Korrektur des mittleren Absatzes dieses Artikels gedacht, habe ich im September letztes Jahr mal aufgeschrieben:

Für wen ist die Funktion der Wahlen selbst ein Gegenstand der Kritik? Für alle diejenigen, die erkannt haben, dass in der bürgerlichen Gesellschaft die Beziehungen zwischen den Menschen durch die Beziehung der Waren wesentlich bestimmt werden; für alle diejenigen, die es satt haben, im Überleben abhängig davon zu sein, für den Gewinn Anderer arbeiten zu müssen und dadurch nicht über das eigene Leben bestimmen zu können; für alle diejenigen, die erkannt haben dass die Warenförmigkeit der Bildung mit der Ausdifferenzierung des Wissenssektors in den kapitalistischen Zentren zusammenhängt, der wiederum als Verwaltungsabteilung einer globalen Ordnung unersetzbar ist, in der die Menschen in der Peripherie notwendig weder eine gute Bildung noch ausreichend zu Essen genießen können; für alle diejenigen, die es für keine gute Alternative halten, dass die gesellschaftliche Reproduktion entweder durch ein scheußliches Geschlechterverhältnis oder durch den Staat reguliert wird; für alle diejenigen, die es für absurd halten, „dem Rechtsstaat“ zu vertrauen, was selbst einem liberalen Bürger als widersinnig erscheinen müsste; für alle diejenigen, die wissen, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nur bedingt von tagespolitischen Entscheidungen abhängen, sondern sehr eng verbunden sind, mit dem was konsensual nicht angezweifelt wird: Volk, Staat und Nation – und die wissen, dass es Flucht und Migration in einer globalen, sich in Norden und Süden gliedernden kapitalistischen Wirtschaftsordnung immer geben wird und die wissen, dass es Elend, Ausschluss und Unfreiheit solange geben wird, solange eine Herrschaft besteht, die es nötig hat, sich durch Grenzen abzusichern; für alle diejenigen, die nicht nur ihre Miete nicht bezahlen können, sondern es darüber hinaus für unmenschlich halten, dass man für ein Grundbedürfnis wie das Wohnen bezahlen muss und auch dadurch in Arbeitsverhältnisse gezwungen wird, über die man selbst nicht bestimmen kann. Für all diejenigen, die wissen, dass alle oben beschriebenen Probleme nicht zur Wahl stehen und denen es zu blöd ist, der Herrschaft über sich auch noch mit einem Wahlkreuz bekenntnismäßig zuzustimmen. Und dann schließlich für all jene, für die die „Ich möchte lieber oder lieber nicht“-Debatte einfach nur scheußlich moralisch ist, die mit der Logik des kleineren Übels Schluss machen wollen und endlich wieder eine andere Perspektive als mögliche und realistische Option ins Gespräch bringen wollen: die revolutionäre Aneignung der Produtkionsmittel durch die Produzenten selbst.

Zur Kritik an den Wahlen sei außerdem dieser Text empfohlen: Association Antiallemande Berlin – Frieden, Freiheit und Bürgerrechte wählen! – Für eine Politik die dem Volk nützt.

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Apropos KAPD – am Donnerstag den 18.09.2014 findet ab 20:00 Uhr im „Laden“ (Trierer Straße 5, Weimar) eine Lesung aus der Autobiografie des KAPD-Mitbegründers Franz Jung statt: Link.

Adorno, Marx und Habermas…

via [danke an S. Rubaschow für den Hinweis]

Heute halten es die Studenten eher mit Sauberkeit.

Antifa Info Ostberlin – Weimar, ein Kapitel für sich

Die Homepage „Nazis in der DDR und antifaschistischer Widerstand“ sammelt und dokumentiert umfangreiches Material über neonazistische Organisierung und Subkultur in der DDR. Zu finden sind dort u.a. Scans der insgesamt drei Ausgaben des Antifa Infoblatts Ostberlin, dessen Redaktion nach dem Scheitern des Projekts zum Teil zum heute noch existierenden Antifa Infoblatt übergegangen ist. Über das AIBO ist zu erfahren:

Im Zeitraum Juli 1989 bis Juli 1990 brachte die Ostberliner unabhängige „Antifa in der Kirche von Unten“ (ab Sommer 1990 Autonome Antifa Ostberlin) drei Ausgaben der Zeitschrift „Antifa Infoblatt Ostberlin“ heraus. Auf Grund des Staatlichen Medien- und Druckmonopols in der DDR, konnten die ersten beiden Ausgaben nur halblegal und auf altertümlichen Druckmaschinen im Wachsmatritzendruckverfahren herausgebracht werden. Das Drucken war eine ziemliche Sauerei, und die Kostbare Druckerfarbe musste aus dem Westen ins land geschmuggelt werden. Die Qualität war katastrophal und teilweise waren die Texte nur schwer lesbar. Fotos konnten gar nicht verwendet werden. Die Hefte wurden von Hand gelegt und geheftet. Die Auflage bestand aus jeweils 1500 bzw. 2000 Exemplaren. Die Ausgabe kostete 1 DDR-Mark. Das Heft war schnell vergriffen. [via]

Ein Freund hat mich auf die zweite Ausgabe des AIBO hingewiesen, da dort ein Artikel über Nazi-Umtriebe in Weimar 1989 zu finden ist. Beschrieben wird nicht nur eine rassistische Pogromstimmung, die phasenweise offensichtlich weit über das Nazi-Skin-Milieu hinausschwappte, sondern auch die Situation von kubanischen und mosambiquanischen Gastarbeitern. Diese wurden von staatlicher Seite bewusst isoliert von den ostdeutschen Arbeitern in einem Heim im Kirschbachtal gehalten. … Ich habe den Artikel, der in der Scan-Version eher unleserlich ist, untenstehend abgetippt.

Interessant und bemerkenswert scheint mir, dass schon 1989 auch in Ostdeutschland in antifaschistischen Kreisen über antisemitische und national-sozialistische Tendenzen in der historischen Arbeiterbewegung diskutiert und gestritten wurde – sehr amüsant in diesem Zusammenhang auch die Anmerkungen der Redaktion im Text des „Autonomen Forums Weimar“ (s.u.).

Heute haben sich akute Probleme mit Neonazis eher auf das Weimarer Land verlagert. Es gibt bekanntlich keine Gastarbeiterheime mehr, aber das Flüchtlingsheim ist ebenfalls außerhalb der Stadt angesiedelt. Heute muss man in Weimar als Punk vielleicht eher Angst vor der Polizei, als vor Neonazis haben.

Weimar – Ein Kapitel für sich

ERLEBNISBERICHT ÜBER AUSLÄNDERFEINDLICHE KRAWALLE BEI FDJ-WEIMARTAGEN

Am Freitag, den 11.7.89 betrat ich gegen 23:30 Uhr den Weimarhallenpark. Aus Anlass der Studententage der FDJ fand dort eine Freiluftveranstaltung mit Diskothek etc. statt. Unter den dort Anwesenden beobachtete ich auch vereinzelt Personen mit einem faschistischen bzw. nazistischen Aussehen (Haarschnitt, Stiefel, Bomberjacke, usw.), Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 [?].

Gegen 23.45 Uhr wurde die Veranstaltung beendet. Plötzlich bildete sich eine Menschenansammlung von ca. 100 Personen, die zu einem nicht geringen Teil aus Skinheads und anderen Neonazis bestand. Aber auch viele völlig normal bekleidete Jugendliche und Erwachsene befanden sich darunter. Flaschen, Gläser und Steine flogen durch die Luft. Anfangs konnte ich nicht feststellen was da vor sich ging, bald aber erkannte ich, daß es sich um eine gewalttätige Auseinandersetzung mit Afrikanern oder dunkelfarbigen Kubanern handelte. Soweit ich erkennen konnte, waren dies fünf bis sechs Personen. Sprechchöre, wie „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus“ usw. erklangen aus der Masse der Neonazis. Die Ausländer flüchteten in Richtung Bertuchstraße/Tankstelle. Da ihnen die große Masse jedoch nicht sofort folgten, konnten sie vermutlich einem Lynchen gerade noch so entkommen. Die Zusammengerotteten verließen nun auch den Weimarhallenpark und postierten sich jetzt an der Kreuzung bei der Fachschule für Staatswissenschaften.

In der Zwischenzeit waren ca. zehn Polizeibeamte eingetroffen. Sie taten jedoch weiter nichts, als das Geschehen zu beobachten. Ein paar Personen diskutierten auch kurzzeitig mit den Beamten. Auch als erneut Sprechchöre mit rassistischen und faschistischen Inhalten rumgegrölt wurden (man sang u.a. die faschistische Nationalhymne) passierte zu meiner Verwunderung nichts. Vier bis fünf Beamte verließen dann sogar den Ort des Geschehens auf Nimmerwiedersehen. Anstatt die Zusammenrottung aufzulösen, wurden lediglich andere Ausländer, die sich auf dem Heimweg befanden, vorsichtshalber „umgeleitet“. (mehr…)

Zwischenbericht

Um das Aergernis-Blog ist es in der letzten Zeit ruhig geworden. Mir fehlten die Zeit und der Antrieb, das Blog mit sinnvollen Beiträgen zu bestücken und wenn ich doch schreiberisch tätig war, habe ich dies lieber in kleinen Postillen, Fanzines und Zeitschriften getan, deren Form mir verbindlicher erschien und eine angenehmere Debattenkultur ermöglicht als es in den Blogspalten oftmals der Fall ist. Ich wollte das Blog trotzdem nicht löschen, da es (wenn für niemanden sonst, so doch wenigstens für mich) ein teils interessantes, teils amüsantes Archiv und Abbild früherer Ansichten und Phasen meiner Begriffsbildung ist. Die meisten Posts betrachte ich inzwischen mit Distanz.

Gerade bekomme ich wieder Lust, hier hin und wieder kleinere Kommentare und Hinweise zu platzieren. Wie kontinuierlich ich dem nachgehen kann, wird sich herausstellen. Wahrscheinlich werde ich wenig Zeit haben, die Disussion in den Kommentarspalten zu pflegen – aber wir werden sehen. Ich beginne mit ein paar kleineren Hinweisen.

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In Leipzig hat kurz vor dem Jahreswechsel mit der „Translib“ ein „communistisches Labor“ eröffnet – eine Bibliothek, die ein sehr umfangreiches Sortiment an (zum Teil sehr exklusiver und hochkarätig interessanter) Literatur aufweisen kann. Berichten zufolge wird es noch eine Weile dauern, bis ein Katalog erstellt und das wissenschaftliche Arbeiten in der Translib möglich ist. Trotzdem gibt es bereits ein interessantes Veranstaltungsprogramm. Außerdem hat das Bibliothekskollektiv einen lesenswerten Selbstverständnistext veröffentlicht, der thesenartig ein Kritikprogramm vorstellt. Der Text kann hier gelesen und hier gehört werden:

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Im letzten Jahr ist in Erfurt eine linke Zeitschrift mit dem Titel „Lirabelle“ entstanden, für die ich den Schriftzug entworfen habe (das oben abgebildete Logo fand leider keine Verwendung). In den bisher ersten drei Ausgaben stellt sich eine bunte Mischung dar: Typisch Links (im guten wie im schlechten Sinne), Schülerzeitung, zeckiges Fanzine, Linkskommunistisch, Antideutsch, Thüringisch, Bildungsarbeit, Wütend – das wären Attribute, mit denen ich das Projekt beschreiben würde. Ich selbst habe meinen Senf in einer Theorie-Praxis-Debatte dazu gegeben, die sich durch die ersten drei Hefte zieht. Ich bilde hier den Verlauf der Debatte ab, in der (auch bezüglich meines eigenen Versuchs) noch einige Widersprüche und Unklarheiten vorhanden sind, die sich vielleicht im weiteren Verlauf der Debatte aufklären können:

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Zufällig ist mir die aktuelle Ausgabe der „Mittelungen des Archivs der Arbeiterjugendbewegung“ in die Hände gefallen. In dem darin enthaltenen sehr lesenswerten Text „Antifaschistischer Widerstand von Arbeiterjugendlichen mit der bündischen Jugend, der Sportjugend und dem ›politisierenden Katholizismus‹ in Bremen“ von Jörg Wollenberg bin ich auf ein Zitat gestoßen, das eine These des Textes „Wer nicht wütend ist, kann nicht denken“ bestätigt: Dass eine wissenschaftliche Analyse der Verhältnisse einerseits notwendig ist, da sie die Bedingungen des eigenen Handelns bewusst macht, theoretische Bildung allein aber andererseits kein Garant dafür ist, in der jeweiligen Situation (und insbesondere angesichts des Faschismus oder von Faschisierungstendenzen) das richtige tun zu können. Wollenberg zitiert Nico Rost aus dessen Tagebuch vom 31.08.1944:

Es ist eine Tragödie, die viele von uns nicht sehen und begreifen, dass diese Zehntausende deutscher Sozialdemokraten […] trotz ihres guten Willens und obwohl sie viel belesener und entwickelter waren als die meisten Arbeiter in den anderen Ländern Europas, doch beinahe nichts getan haben, um den nazis den Weg zur Macht zu versperren. Sie hatten ein so großes Wissen, doch in der Praxis – in der revolutionären Praxis wussten sie damit nichts anzufangen. Ich neige oft zu der Annahme, dass den Duetschen, also auch den deutschen Arbeitern, jede politische Intuition fehlt, jedes politische ›Feeling‹.

Die Seminarraumsterilität, die heute der Praxiswut der Linken entgegengestellt wird, wird keine Subjekte hervorbringen, die dazu fähig sind, in der entscheidenden Situation das Richtige tun. Classless Kulla beschreibt das heutige Szenario in seinem Neujahrsgruß m.E. treffend:

Die absolute Demokratie am Ende der Geschichte sorgt sich um die gewählte Königin und ihren Hofstaat. In den Großstädten verdichten sich die nationalistische, gesunde und saubere Bourgeoisie und ihr Anhang. Die Ordnungsmacht bekämpft Widerstand, bevor er entsteht. Und die kritischen Häuflein haben Angst, daß es sie auch erwischt; wundern sich, daß niemand was macht, wenn sie nichts machen; regen sich auf, daß niemand weiß, was sie niemandem sagen; und organisieren sich als rivalisierende Seminare, die über das Hausrecht in nicht mehr vorhandenen Häusern streiten. [via]

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Damit schließe ich für heute erstmal.

Mehr Farben – Mehr Freude?

[via]

Wenn man mich fragen würde, was ich an Weimar verachte, dann würde mir – home is where my hate is – sicherlich eine Menge einfallen. Besonders sichtbar wird der unselige Geist einer solchen Stadt, wenn wieder mal eine Oberbürgermeisterwahl ansteht und manch spießbürgerlicher, weltabgewandter, dumpf heimatverliebter und kleinkarierter OB-Kandidat seinen Charakter auch offen zur Schau stellt, um seine Wähler – die genauso sind – ehrlich erreichen zu können; so etwa Carsten Meyer von den Grünen, dem es nicht peinlich ist, mit dem Spruch »Lass du die große Welt nur sausen, Wir wollen hier im stillen hausen« für seine Wahl zu werben und dies auch noch als Goethe-Zitat auszugeben. Eben jener Carsten Meyer ist sich aber nicht nur darüber bewusst, dass Goethe und Schiller aus Weimar kamen, sondern natürlich weiß er auch vom avantgardistischen Flair, der stets von der Bauhaus-Universität ausging. So hat er (oder einer seiner Wahlhelfer) sich eine »Originelle Plakataktion« [via] ausgedacht: Die Künstlergruppe »Land in Sicht« an der Bauhaus-Uni (betreut vom Kunst-Prof Joachim Preiß) hat sich dafür hergegeben und hat Herrn Meyer mit der Gestaltung von sieben großformatigen Wahlkampfplakaten unterstützt. Neben einigen mehr oder weniger langweiligen Entwürfen, die allesamt von denen manche an den Stil der Leipziger Schule erinnern, wurde am vergangenen Dienstag ein ganz besonders aussagekräftiges Plakat von den Künstlern und Wahlkämpfern enthüllt: Im Vordergrund sieht man eine Reihe von sechs je verschiedenfarbigen Mülltonnen, während sich im Hintergrund die blass-trübe Landschaft einer Plattenbau-Gegend vor den blauen Himmel schiebt. Im Mittelpunkt des Bildes sieht man eine langhaarige, etwas verlotterte Gestalt mit einem Plastik-Beutel in der Hand, die sich unentschlossen den farbigen Mülltonnen nähert – neben dieser Figur prangt der Slogan: »Mehr Farben. Mehr Freude.« Die TA, die wohlwollend über die gelungene Plakataktion schreibt, weiß zu berichten, dass es sich bei dieser Figur um einen Mann handelt, »den viele Weimarer als Flaschensammler kennen dürften«. Und tatsächlich – wer sich öfter in der Weimarer Innenstadt bewegt, erkennt auf dem Bild eindeutig einen Mann, der sich jeden Tag ein paar Cent damit verdient, Papierkörbe und Mülltonnen nach Pfandflaschen zu durchsuchen. Nun, was ist davon zu halten?

Politische Kunst ist meistens peinlich – sich als »Künstlergruppe« an eine etablierte politische Partei anzuschmeißen spricht dagegen nicht nur für einen wirklich schlechten Geschmack, sondern ist zudem gleichzeitig ein doppelter Verrat – an der Autonomie der Kunst, die sich einst von den staatlichen Institutionen emanzipierte, sowie am avantgardistischen Aufhebungsversuch der Kunst (dies gerade an einem Ort, wie dem Bauhaus, das vormals von den Weimarer Spießbürgern vertrieben worden war). Aber sei’s drum. Wie viel schamlose Arroganz gehört dazu, aus einer materiell nicht gerade schlecht gestellten Position (als Kunst-Prof, Student und Stadtrat), einen Menschen, der aus welchen Gründen auch immer (sicher weder aus Zufall, noch selbstgewählt, noch aus Vorliebe für farbige Mülltonnen), vom Müll der anderen leben muss, derart bloßzustellen? Sich so unverhohlen über das Elend, das man sich selbst ganz bestimmt nicht wünscht, lustig zu machen? Es ist die widerliche Klassenarroganz und Distinktion der gut gestellten Mittelschicht, die im Bioladen einkaufen kann, sich im Eigenheim am Rand einer Kulturstadt zur Ruhe gesetzt hat, oder hier verweilt, um das von den Eltern bezahlte Studium zu absolvieren. Hier spricht so ungeschminkt eine – zur Rede gestellt ganz bestimmt überhaupt nicht bös‘ gemeinte – Verachtung für diejenigen, die vom Wohlstand dieser Gesellschaft ausgeschlossen sind und denen man – wenn nicht mit den Polizeiknüppeln der Ordnungsmacht, so doch symbolisch, mit Bildern – noch hinterhertreten muss.

Sicherlich mit Bewusstsein darüber, dass dieser Klassenkampf von oben, von denen, die damit gemeint sind, nicht gerade mit Gegenliebe beantwortet werden wird, haben die Künstler – und das passt ganz zum zwielichtigen Habitus eines Neo Rauch – das Plakat direkt neben der Polizeiwache am Kirschberg aufgestellt. Weil es zu gefährlich wäre, kann man nun kaum dazu aufrufen, dieses Plakat seinerseits künstlerisch umzugestalten – so muss man aufs Ganze gehen und sollte es mit Raoul Hausmann halten:

Wir werden Weimar in die Luft sprengen!

Edit (11:55 Uhr):

Ich habe eben erfahren, dass jemand beherzt genug gewesen ist und schon gestern Nacht (also bevor ich meinen Artikel geschrieben habe) die Nähe zur Polizei nicht gescheut hat. Falls es zu irgendwelchen Repressalien kommt, jetzt schon mal: Aufruf zur Solidarität mit den Betroffenen!

Danke, Wind

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Die Kunst ist…

ok: besser

Es gibt kein gesundes Leben im Kranken #3

Klar, wer „Kunde“ beim „Jobcenter“ ist, der muss sich fit halten, um das vielfältige Vermittlungsangebot wahrnehmen zu können. Deshalb wird man in der Arge Weimar am Aufzug darauf hingewiesen, dass Treppen laufen effektiver wäre. Wobei? Die engagierte Bürokratie kennt das Gleichheitsgebot und Gesundheit ist natürlich nicht nur im Interesse von HartzIV-Empfängern eine anstrebenswerte Sache, sondern im Interesse der Allgemeinheit – als betriebsinterne Aktion und der Grafik zufolge, ist der Aufruf an die MitarbeiterInnen adressiert:

Im Studentenkiez gentrifiziert man nicht ohne Stolz

Uni Jena, Semsterbeginn – Zeit für die Wohnungssuche. Wie gut, dass die extra aufgelegte Broschüre des Stura Jena darauf hinweist, wie wohnlich doch das studentische Leben im Plattenbau ist. Diese sind mit positiven Standortbezug dank der Elite von morgen nämlich schon gereinigt von „Bettlern, Landstreichern, Obdachlosen, Prostituierten, Zuhältern, Fürsorgeempfängern, Suchtkranken (z. B. Alkoholikern), Homosexuellen, Zigeunern und andere Unangepassten“ (so der Inhalt bis heute des Begriffes der Asozialen (wikipedia)).

[via kinky / bubizitrone]

Atomstaat, Ökostaat

Die Berichterstattung über das Atom-Unglück in Fukushima, die Einschätzungen der Spezialisten, sowie die eigenen Versuche der kritischen Theoretisierung der Katastrophe, erscheinen als der hilflose Versuch einer Rationalsierung von etwas, das man nicht einschätzen kann, dessen Folgen nicht absehbar sind. Günther Anders bringt dies auf den Punkt, wenn er meint, dass die Nutzung der Kernenergie die Ding-Kategorie, sowie jede Zweck-Mittel-Konstellation vollständig aushebelt. Seine Texte, vor allem über die militärische Nutzung der Atomkraft, haben seit Ihrem Erscheinen nicht an Aktualität verloren – und sie beschrieben schon damals den Hohn der jetzigen staatsmännisch kalkulierenden und taktischen Debatte über den Atomausstieg:

Günther Anders: Gebote des Atomzeitalters (1957)

Ein polemischer Schlag gegen diejenigen, die jetzt von der Katastrophe profitieren und sich mit erhobenem Zeigefinger an den taktischen Diskussionen beteiligen, ist der „beste [mittlerweile von den Indymedia-Moderatoren versteckte, Anm. Æ] Indy-Beitrag seit langem“ (Nada):

Kommando de Sade: Eine Verarbeitung in neun Punkten zur Unfähigkeit der kritischen Massen das Elend der Menschen in Japan und anderswo zu reflektieren

Ebenfalls mit einem Bezug auf Günther Anders setzte sich Roger Behrens schon Ende des letzten Jahres in einem Artikel mit der Geschichte der Atomkraft und ihrer Gegner auseinander und argumentiert dort gegen die Unterscheidung von ziviler und militärischer Nutzung der Atomkraft, sowie von Atomstaat und Ökostaat:

Roger Behrens: Steinzeit? Nein Danke!

Durch die Ereignisse in Japan und die darauf folgende Diskussion in Deutschland musste ich wieder an einen Text denken, der Anfang der 90′er Jahre in einer kleinen autonomen Zeitung („Projekte Utopie. Info 4″) erschienen ist. Es handelt sich um eine Streitschrift von P.M. (libertärer Kommunist, utopistischer Romanautor und Historiker) zur Kritik der Öko-Linken, in dem er sich damit auseinandersetzt, wie wenig der Öko-Staat einer Alternative zum „Beton/Blech/Atomstaat“ ist. Auch wenn der Text einige Seltsamkeiten enthält, finden sich in ihm doch treffende Beobachtungen, die erstaunlich aktuell sind. Ich habe den Text zur Dokumentation abgeschrieben. Den praktischen Teil, in dem die Bolos (kleinere, kommuneartige „organische Gemeinschaften“) als Alternative zum Öko-Staat vorgestellt werden habe ich rausgelassen, da hier P.M. trotz seiner ziemlich passenden Kritik an der Linken, zum Teil einige ihrer gruseligen Aspekte weiter trägt (auf die Formung neuer kultureller Identitäten, „z.B. in einem Quartier“, habe ich dann doch keine Lust):

Gegen den Ökostaat

- Für ein Netz selbstbestimmter Gemeinschaften -

(Ein Beitrag von P.M. Zunächst veröffentlicht in der schweizer Zeitschrift „Alpenzeiger“)

Seit die Industriezivilisation spürbarer an die ökologischen Grenzen gestoßen ist, hat der ‚Fortschritt‘, auf den auch die Linke gesetzt hat, viel von seinem Glanz verloren. Es ist nicht mehr möglich, auf die vom Klassenkampf vorangetriebene „Entfaltung der Produktivkräfte“ zu hoffen, die trotz des irrationalen Kapitalsystems so viel Überfluss schaffen würde, daß die Fessel des Leistungs/Lohn-Systems sozusagen von selbst zerbrechen müsste. Das Kapital wird nicht im eigenen Überfluss ersaufen, weil der Planet ein Gleichgewichtssystem ist, das nicht alles erträgt. Ging es ursprünglich darum, „gesellschaftlichen Reichtum“ zu erobern, so hat sich die Linke bald auf den Ausweg des gesteigerten individuellen Konsums (Wohlstand, Wohlfahrt, „staatlich garantierte sozialistische Kleinfamilie“) eingelassen.

Die Weichen zu dieser Entwicklung wurden verhältnismäßig früh, etwa vor 100 Jahren gestellt. Der Kampf um kommunitäre Selbstorganisation der Arbeiter wurde aufgegeben und durch einen gewerkschaftlich/politischen verdrängt – manchmal gegen den Widerstand der Arbeiter. Die sog. „Utopien“ sind nicht von selbst gescheitert, sie wurden von der Linken geopfert, um ins politische Spiel eingelassen zu werden. (Selbst Marx war in diesem Punkt nicht ganz klar. In seiner beißenden Kritik des „Gothaer Programms“ zeigt es sich, dass er für eine Identifikation von Sozialismus und Staat nicht viel übrig hatte. Im Gegensatz zu Lenin hielt er auch die Entfaltung der russischen Obschtschinas – bolos – zu kommunistischen Gemeinschaften für möglich.) Seit dieser Weichenstellung jedenfalls ist die Linke in der Rolle des ewigen Sparring-Partners des Kapitals geraten und drehen sich die inneren Linienkämpfe nur noch um die Methoden dieses Boxmatches: Soll man mit (Reformismus) oder ohne (Leninismus, bewaffneter Reformismus) Handschuhe kämpfen. In diesem Zusammenhang tauchte die verhängnisvolle Illusion des „revolutionären Gebrauchs der Form Staat“ auf. Die Diktatur des Proletariats war sicher eine gut gemeinte und sehr demokratische Idee (90% herrschen über 10%). Lenin war aufrichtig, als er den Staat einfach so machen wollte, dass jede Köchin ihn mitmanagen konnte. Denn auch wenn uns Köchinnen, Gärtner und Fräser als olitisches Personal sympathischer sind als Unternehmer, Adelige und Professoren und auch ihre Kompetenz sicher höher ist, so bleibt doch die Tatsache, dass sie als „Einzelbürger“ ohne Hausmacht auftreten, also den organisatorischen Bürokratien (Partei, Gewerkschaft etc.) auf Gedeih und Verderb ausgeliefert bleiben. Damit eine Klasse herrschen kann, braucht sie innere Disziplin (kein Problem für die in „großen Familien“ organisierte und zahlenmäßig überschaubare Bourgeoisie) und die Erfordernisse dieser Kohäsion müssen alle kommunitären Lebensformen zerstören. Die proletarischen Diktatoren blieben so gesellschaftlich schnell „allein“ und mussten sich folglich immer mehr auf die entfremdeten Machtorgane der Staatsmaschine (Polizei, Armee) stützen. Statt dass die Köchin sich mit den Bauern (Lebensmittelzulieferer) und Essern organisiert, sitzt sie bald allein im Büro und muss – sicher gegen ihre Willen – die Polizei rufen, um Lebensmitteldiebe zu fangen. Der Braten wird nicht zum Anlass von selbstbestimmter Gesellschaftlichkeit (wer isst mit wem in welcher Ambiance?), sondern zu einer Aufgabe anonymer Verteilung eines idealen (und darum immer defekten) Versorgungsstaates. Was entsteht ist kaum mehr als eine vituelle Aktiongesellschaft aller Arbeiter, die durch die Form Staat sich selbst gegenüber das Kapital reproduzieren und repräsentieren. Die Arbeiterklasse spielt mit sich selber Schach – und das macht keinen Unterschied, denn Kapitalismus ist nicht eine Frage des jeweiligen historischen Personals.
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Freunde

Ich habe neulich diese Aufkleber der Jenenser Gruppe „Freunde der Differenz“ in einem Hausflur gefunden:

… woraufhin ich das Bedürfnis bekam selbst eine Gruppe zu gründen, die sich nun stolz mit diesem Aufkleber präsentiert:

Notizen

■ Geschichten und Fotos von der Straße, lesenswert, nicht romantisch: crustypunks (via wendy)

■ Sehenswerte Fotoreihe, New York HC, 80′er: Old New York Hardcore Photos

■ Sehenswerte Fotoreihe, Detroit, etwas romantisch: Verlassenes Detroit

Geschichten der Freundschaft

Auf Arte plus 7 gibt es gerade eine sehr sehenswerte Dokumentation über Walter Benjamin:

Was ist ein Sarrazin?

via | via

Fuckparade b/w

Ich möchte hiermit auf die sehr gelungene Fotoreihe von der Fuckparade 2010 auf dem ohnehin sehr empfehlenswerten Fotoblog proteusphotographie (bersarin) hinweisen.

Reinkarnation gelungen: Adorno live in Fulda

Der beliebte Sozialphilosoph und Komponist Theodor W. Adorno (Mitte) spielt am kommenden Samstag live in Fulda. Mit dabei sind (v.l.n.r.) Alfred Sohn-Rethel, Siegfried Kracauer, Erich Fromm und Herbert Marcuse. Max Horkheimer wird das Orchester dirigieren.

Zustande kam das späte Comeback durch einen Zufall. Eine Gruppe von Linksradikalen hatte in einer synergetischen Reinkarnations-Gruppentherapie nach Ursachen für die häufigen Spaltungen antideutscher Gruppen gesucht. Durch einen falsch geerdeten Reinkarnationskanal manifestieren sich dabei Adorno und seine Kollegen in der Praxis von Reinkarnationstherapeut Rainer Vollmar in Dietershan bei Fulda. Schwer enttäuscht vom heutigen Zustand Kritischer Theorie entschieden sich die frisch Inkarnierten nach kurzer Diskussion dazu, sich in ihrem zweiten Leben ganz auf die Musik zu konzentrieren.

Jürgen Habermas und Axel Honneth wollten sich zu den Vorgängen nicht äußern.

via; via

Naja – ganz aufgegeben haben die guten die Kritische Theorie doch nicht – darauf weisen Songtitel wie „Fetishized Facts“ und „Theoretically Driven“ (Adorno) hin.

Now Playing

Positive Stimmung

Neonazi-Randale, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und drei Tote: so die Bilanz des „fröhlichen Partyotismus“ bis zum Aus der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußball-WM. Aus gegebenem Anlaß präsentiert KONKRET diese Spezialausgabe der Chronik aus dem ganz normalen „Fußball-Deutschland“. --- lesen

Waiting ergänzt die Liste

In Schwäbisch-Gmünd machen sie es doch wie bei Judas Priest:

In Schwäbisch-Gmünd schlägt ein Mann auf ein Ehepaar ein, das ihn daran hindern will, sein Deutschland-Trikot an ihrem Zaun zu verbrennen.

Deutschland – Fußball – Männer – Kotzen

Zum Glück ist die Gefahr, dass die deutsche Nationalmannschaft Fußballweltmeister werden könnte, seit gestern gebannt und das ganze Spektakel nun zumindest etwas gedämpft. Ich habe mal von einem Judas-Priest-Konzert in den 80′ern gehört, das riesengroß angekündigt wurde, aber dann kurz vorher abgesagt wurde. Aus Wut haben die angereisten Fans vor der Konzerthalle dann ihre Judas-Priest T-Shirts verbrannt. Es wäre lustig, wenn es bei der WM mal einen ähnlichen Effekt geben würde – alle vormals enthusiastischen Deutschland-Fans zu sehen, wie sie aus Wut über die Niederlage ihrer Mannschaft und laut über die Deutschen schimpfend auf einmal ihre Trikots und Deutschlandfahnen verbrennen würden…

Noch ein paar abschließende Notizen zum WM-Kram:

■ In meinem Hassgesang auf das WM-Spektakel habe ich einen Aspekt nicht in die Betrachtung einbezogen, der in dieses Phänomen doch ganz spezifisch mit hereinspielt: Das Geschlechterverhältnis. Meine Formulierungen zur Einleitung meines Vortrages „Das Bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ über den Männertag (ebenso Kalles Überlegungen auf dem wdn-blog), dürften auf die Fußballereignisse übertragbar sein, wenn es sich hier auch nochmal etwas anders äußert:

Ich würde gern mit einer Überlegung zum Männertag einsteigen, den wir vor wenigen Tagen wieder erlebt haben und ich würde mich gern fragen – was passiert eigentlich am Männertag? Ich denke, dass man grundsätzlich sagen kann, dass es dabei irgendwie darum geht, dass sich an einem solchen Tag Männer gegenseitig darin bestätigen, Mann zu sein. Man schließt an so einem Tag bewusst das andere Geschlecht aus und widmet sich zusammen mit anderen Männern explizit männlichen Tätigkeiten. Ich meine, dass der Männertag für ganz viele Männer tatsächlich sehr wichtig ist – gerade weil wir zur Zeit eine Entwicklung erleben, in der das Geschlechterverhältnis überhaupt nicht mehr starr zu bleiben scheint. Es gibt in einem gewissen Sinne ein Verschwimmen der Geschlechtergrenzen – die Homo-Ehe ist anerkannt, viele vormals geschlechtsspezifische Tätigkeiten können inzwischen von beiden Geschlechtern getätigt werden, ohne dass das zu irgend einem Skandal führen würde. Ich denke, dass gerade diese Entwicklung (auf die ich später noch einmal eingehen werde) für viele Männer eine enorme Verunsicherung bedeutet und dass nun solche Anlässe wie der Männertag für viele Männer die Funktion haben, sich in dieser Zeit der Verunsicherung doch ihres Männlichseins zu vergewissern. Sieht man sich solche Sachen wie den Männertag genauer an, dann kann man feststellen, dass da sehr einfache Dinge passieren: Männer rotten sich zu Horden zusammen, gehen Wandern, grölen dabei rum und besaufen sich. Ich würde sagen, dass dieses Rauschhafte, das in den kollektiven Alkoholexszessen liegt, etwas ganz wichtiges für die männlichen Subjekte ist – nämlich aus einem ganz bestimmten Grund; weil dieser Rausch es den männlichen Subjekten erlaubt, sich auf eine körperliche Nähe zu den anderen männlichen Subjekten einzulassen. Es lässt sich immer wieder beobachten – nicht nur beim Männertag, sondern auch bei Fußballspielen, beim Junggesellenabschied, bei Kneipentouren oder bei Rockkonzerten –, dass bei solchen Anlässen ein Rahmen dafür geschaffen wird, dass sich Männer gegenseitig berühren können. Es handelt sich zum Teil um innige, kameradschaftliche Umarmungen oder dass man sich gegenseitig im Arm liegt – auf jeden Fall scheint es bei solchen Anlässen wichtig zu sein, sich gegenseitig zu spüren. Leider ist es so, dass das männliche Subjekt in solchen Momenten eine gewisse Ahnung davon hat, dass es hier um eine verdrängte homosexuelle Neigung geht und das ist eine Ahnung, die das männliche Subjekt nicht zulassen darf. Deshalb gibt es verschiedene Riten, die es verhindern, dass sich die männlichen Subjekte ihrer Homosexualität bewusst werden und diese Riten enden immer wieder in einem Ausbruch von Gewalt. Die Körperlichkeit darf also nur dann zugelassen werden, wenn es sich um eine harte Körperlichkeit handelt. Die Umarmung endet oftmals in einer Kopfnuss, Körperlichkeit auf dem Rockkonzert besteht oftmals im Pogo, der bald vielmehr einer massenhaften Prügelei gleicht. Im letzten Jahr gab es zum Männertag Schlagzeilen, als sich in mehreren Städten aus den Männertagsumzügen Straßenschlachten entwickelt hatten. Letztendlich entlädt sich die nichteingestandene Homosexualität in Übergriffen gegenüber Frauen. Die Gewalt, die sich Männer täglich antun müssen, weil sie nicht passiv, sinnlich und zärtlich sein dürfen und die ganz offenbar wird, wenn tatsächlich eine Nähe zwischen Männern entsteht, wird am Ende den Anderen angetan.

Die Transkription des vollständigen Vortrages erscheint in Kürze bei Wider Die Natur.

■ Auf die Körperlichleit zwischen Männern hat Johannes Paul Raether in seiner sehr gelungen Fotoreihe von der Fanmeile der WM 2006 in Berlin einen Fokus gelegt:

Sehr zu empfehlen hier auch das Kotz-Video über Deutschland, das Land der Ideen …, es lohnt sich auf der Seite zu stöbern.

■ Bubizitrone weist auf den besonderen Service eines Cafés in Jena hin und ist ebenfalls von zwecklosen Diskussionen frustriert.

■ Anselm Gramschnabels (Gruppe Surpasser) Überlegungen zum Charakter von Massenevents anlässlich des Weimarer Zwiebelmarkts (der uns in Bälde leider wieder auf die Pelle rücken wird) könnten ebenso Aufschluss über den Charakter des Fußballspektakels geben.

■ Der Blog „Im Kopf Lokalisationweist auf ein Buch zur Kritik des Fußballsports hin, das mir nach dem Lesen der Einleitung zumindest als lesenswert erscheint, auch wenn hier mit der klassischen Manipulationsthese aufgewartet wird (Fußball ist Droge fürs Volk, damit das seine Interessen nicht erkennt). Lesen.

■ Im Audioarchiv befindet sich ein Vortrag von Freek Huisken über Fußball und Deutschlandwahn, der unter anderem auch die Manipulationsthese zurückweist:

Die neu­es­te Sen­dung Sach­zwang FM be­inhal­tet einen am 08.​06.​2010 in Ber­lin ge­hal­te­nen Vor­trag von Freek Huis­ken (GSP) über den ak­tu­el­len Deutsch­land­wahn und die Funk­tio­nen der Welt­meis­ter­schaft des Män­n­er­fuß­balls und ähn­li­cher Ver­an­stal­tun­gen für die Staa­ten­kon­kur­ren­zen.

In dem Vortrag sind einige gute Gedanken formuliert, das hören macht trotzdem keinen Spaß – „Das war der erste Punkt, jetzt komme ich zum zweiten Punkt.“ – „Wieso das ganze?“ – „Wozu die ganze Veranstaltung?“ – „Was haben die jetzt davon?“ – „Zu welchem Zweck machen die das jetzt?“ usw. – anstatt mal eine Argumentationsfolge stringent auszuführen, scheint der Referent die Höhrer_innen hier an die Hand des gesunden Menschenverstands nehmen zu wollen, was extrem nervt.

■ Und abschließend ein Zitat von einem Freund: „Wer ein Problem damit hat, wenn ich ‚Scheißdeutsche‘ sage, soll gefälligst wo anders hinziehen.“

Zum 125. Geburtstag von Georg Lukács

Ich habe eben (etwas verspätet) den Text „Transzendental obdachlos“ von Sebastian Bredtmann bei Beatpunk entdeckt – eine gelungene Würdigung und Kritik Georg Lukács‘, anlässlich dessen 125. Geburtstags.

Drei weitere Tips zum Thema:

■ Ein Gespräch mit Zwi über Georg Lukács und die Expressionismusdebatte, via Spektakel:

■ George Lichtheim: Georg Lukács (Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1971, Reihe „moderne theoretiker“) – eine dünne Einführung in das Werk von Lukács mit zahlreichen biographischen Informationen, schön zu lesen. Das Buch ist wahrscheinlich nur noch antiquarisch erhältlich.

■ Peter Bürger: Vermittlung – Rezeption – Funktion (Suhrkamp, FaM 1979) – in diesem sehr empfehlenswerten Buch diskutiert Peter Bürger Lukács‘ ästhetische Theorie der Widerspiegelung gegen andere Theorien der Ästhetik. Leider hat Bürger anscheinend zu diesem Zeitpunkt (wie ich zum jetzigen) noch nicht die „Eigenart des Ästhetischen“ (1972) von Lukács gelesen (zumindest zieht er sie nicht als Quelle heran), die sich von Lukács früheren Schriften zum Realismus doch unterscheiden soll.