Archiv der Kategorie 'Art'

Das Scheitern der Sprache #3

Lettrismus

An dieser Stelle nur einige fragmenthafte Überlegungen zum frühen Lettrismus – als Material liegt mir ausschließlich das Buch „Phantom der Avantgarde“ von Roberto Ohrt vor, der sich darin allzuoft in kunsthistorischen Anekdoten verliert, aber dennoch zahlreiches, nützliches Material zusammenstellt.

Isodore Isou, mit bürgerlichem Namen Jean Isidore Goldstein, der gerade mal mit 17 Jahren die Grundlagen seiner Theorie entwickelt hatte, ging 1945 nach Paris, mit dem Wunsch seine neuen Methoden der Dichtung bekannt zu machen und als bedeutender Dichter berühmt zu werden. Diesen neuen Methoden, mit denen sich Isou rühmte, lag vor Allem die Annahme zu Grunde, dass die Sprache als kreatives Mittel erschöpft sei. Deshalb sollte die ästhetische Produktion auf ein reineres und tiefgründigeres Element des Poesie-machens gründen: auf den Buchstaben. (Lettrismus; lettre = Buchstabe) Damit nimmt der frühe Lettrismus ein zentrales Motiv der Dadaisten auf – die ohnehin gescheiterte Sprache soll zerstört werden – Isou zerlegte sie in ihre kleinsten Bestandteile und legte damit Silben und Buchstaben frei, in denen er ein revolutionäres Potential zu erblicken glaubte.

Ta ra ta ta + koum bal koum bal + kim piki ta ra ta ta + koum bal koumbal + kim pi ki ta ra bal + koum bal kim pi ki + koum bal kim piki + ta ra ta ta ta ra ta ta + kam kam + kim ra ta …1

Man könnte meinen, dass hier ein klassisches dadaistisches Gedicht vorliegt – nichts neues, eine Wiederholung der Lautgedichte a la Hugo Ball. Nicht nur in ihrem Selbstverständnis grenzten sich die Lettristen jedoch von Dada ab, sondern auch in der Herangehensweise an Sprache lassen sich durchaus Unterschiede ausmachen. Man wollte die Zertrümmerung der Sprache nicht ausschließlich ekstatisch, rauschhaft betreiben, sondern dabei wissenschaftlich und analytisch vorangehen. Ausgehend von der Annahme, dass mit der gesamten abendländischen Kultur, auch die Sprache erschöpft sei, wollten die Lettristen die Sprache analysieren, sie zerlegen um dann daraus etwas neues entstehen lassen. Roberto Ohrt schreibt über das lettristische Experimentieren:

Wir sind bei dem Material der lettristischen Poesie angelangt, bei den „lettres“, außerhalb ihres Dienstes für die Worte. Erneut befindet sich die Poesie an einem Wendepunkt, der mit dem letzten, unvermeidbar zerstörerischen Impuls der zuendegehenden Epoche zum Zerbrechen der Worte und ihrer anekdotischen Lasten geführt habe und hinausweise in ein neues Reich unendlicher Schöpfung und Bereicherung des Ausdrucks, auf der Grundlage des noch nie genutzten Potentials der Buchstaben selbst.2

Es ging den frühen Lettristen nicht um das einzelne Gedicht und um die direkt praktizierte Poesie, sondern viel mehr um die Methode. So meinte Isidore Isou, dass er durch die Erfindung der lettristische Methode nicht nur der Dichter seiner eigenen Gedichte gewesen wäre, sondern „behauptet sich folgerichtig und vorsorglich als der Schöpfer auch von Gedichten, die andere nach seinen Anweisungen anfertigen werden.“4. An dieser Stelle schüttet er meines Erachtens das Kind mit dem Bade aus – ist die Sprache erschöpft, negiert Isou jede schöpferische, dichterische Subjektivität und damit die Grundlage für eine Emanzipation von jenem Zustand, der Subjektivität selbst immer schon tendenziell negiert und innerhalb dessen die Sprache scheitern musste. Dennoch ist gerade dieses Scheitern immer wieder Gegenstand seiner Reflexion – so setzte er sich selbst in eine Linie, die bei Baudelaire beginnt und bei Isodore Isou endet. In dieser Selbstbhistorisierung steckt eine kluge Analyse, wie sich eine Reflexion des Scheiterns der Sprache in der modernen Literatur vollzieht:

[Ch. Baudelaire → Zerstörung der Erzählung für die Form des Gedichts; P. Verlaine → Vernichtung des Gedichts für die Form des Verses; A. Rimbaud → die Zerstörung des Verses für das Wort; St. Mallarme → das Arrangement des Wortes und seine Verfollkommnung; T. Tzara → die Zerstörung des Wortes für das Nichts; I. Isou → das Arrangement für das Nichts – der Buchstabe für die Schöpfung der Erzählung]

Der frühe Lettrismus verleiht der herkömmlichen Kultur der Nachkriegszeit einen Todesstoß, vollzieht die Reflexion dieses Scheiterns in der modernen Dichtung Frankreichs nach und trat mit dem Anspruch auf – und dies ist meines Erachtens ein wesentlicher Unterschied zum Dadaismus – aus ihren Trümmern etwas neues aufzubauen.

Auch hier wird das Scheitern der Sprache als einhergehend mit der Katastrophe des 20. Jahrhunderts reflektiert:

[Klick zur größeren Ansicht]

Roberto Ohrt schreibt, dass hier das Bild „einer tiefen Irritation [entsteht], die verkündet, dass auch die Sprache nicht unbeschädigt aus der Katastrophe zurückgekommen ist.“ …

  1. Zit. nach: Roberto Ohrt: Phantom Avantgarde. Eine Geschichte der Situationistischen Internationale und der modernen Kunst. Hamburg 1990, S. 15 [zurück]
  2. ebenda, S. 19 [zurück]
  3. ebenda, S. 20 [zurück]

Das Scheitern der Sprache #2

Dada

Peter Bürger schreibt dem Dadaismus in seinem Buch „Der französische Surrealismus“ zu, nicht bloß unmittelbarer Protest gewesen zu sein, sondern eine aufhebende Bewegung:

Dada begreift sich als totale Negation der bürgerlichen Daseins- und Denkweise; aussprechen kann sich jedoch die totale Negation jedoch nur, indem sie etwas bestimmtes verneint; die bestimmte Negation ist aber immer zugleich Affirmation des Gegenteils des Negierten. Um diesem Dilemma zu entkommen, muß Tzara, wo immer das möglich ist, die eigene Aussage wiederum aufzuheben suchen. Aus derartigen Stellen wird deutlich, daß der Dadaismus keineswegs ein bloß kabarettistischer Protest ist, sondern – aller Theoriefeindlichkeit zum Trotz – eine zumindest im Ansatz durchaus theoretisch fundierte Bewegung. Die Dadaisten begreifen, daß die Negation notwendig dem veraftet bleibt, was sie negiert. Sie verstehen sich daher nicht als Verkünder von etwas Neuem, sondern als Teil dessen, was es zu negieren gilt. […] War bislang jede neue künstlerische Bewegung nicht nur für eine Sache, sondern auch für sich selbst als Vertreterin dieser Sache eingetreten, so wird ebendieses Engagement vom Dadaismus gekündigt. Er ist eine Bewegung, die ihrem Wesen nach zur Selbstaufhebung tendiert. 1

So richtig es ist, die Liebhaber des Dadaismus darauf hinzuweisen, dass Dada etwas anderes gewesen ist als übereifriger Tumult und toll gewordene Sprachspielerei, drängt sich mir der Eindruck auf, dass Peter Bürger an dieser Stelle den Dadaismus des Tristan Tzara als Projektionsfläche für seine eigene Begriffs-Arbeit benutzt. Dass die Dadaisten sich selbst als Verkünder immer wieder zu negieren suchten („Nieder mit Dada!“), liegt in der Konsequenz des radikalen Gestus der Negation – gerade aber das Bewahrende, das in der Aufhebungsbewegung enthalten sein müsste, fehlt bei Dada. Dass es bei einem radikalen Gestus und die Negation eine inkonsequente blieb, wird deutlich wenn die Dadaisten dann doch zu Verkünder von etwas Neuem wurden. Richard Huelsenbeck beschreibt auf die Entstehung von Dada rückblickend 1918 in seiner „Ersten Dadarede in Deutschland“:

Wir waren etwas Neues, wir waren die Dadas, Ball-Dada, Huelsenbeck-Dada, Tzara-Dada. Dada ist ein Wort, das in allen Sprachen existiert – es drückt nichts weiter aus als die Internationalität der Bewegung, mit dem kindlichen Stammeln, auf das man es zurückführen wollte, hat es nichts zu tun. Was ist nun der Dadaismus, für den ich heute abend hier eintreten will? Er will die Fronde der großen internationalen Kunstbewegungen sein. Er ist die Überleitung zu der neuen Freude an den realen Dingen. […] Der Dadaismus ist etwas, was die Elemente des Futurismus oder der kubistischen Theoreme in sich überwunden hat. Er muß etwas Neues sein, denn er steht an der Spitze der Entwicklung, und die Zeit ändert sich mit den Menschen, die fähig sind, verändert zu werden.2

Auch wenn man von sich behauptet Futurismus und Kubismus „in sich überwunden“ zu haben, ist an dieser Stelle von einer Negation von etwas, dessen Teil man ist keine Spur. Es wird etwas Neues verkündet, dessen Teil man ist. Damit bleibt Dada einem verzweifelten Ist-Zustand verhaftet, wie noch zu zeigen sein wird. Einen anderen Deutungsansatz legt Magnus Klaue in seinem Text „Performative Mobilmachung. Über die Verschmelzung von Politik und Kunst im ästhetischen »Ereignis«“ vor, in dem es ebenfalls um ein Scheitern der Sprache geht:

Erkennen lässt sich dies [dass Performance zu einem antizivilisatorischen, irrationalistischen Konzept geworden ist, Anm. AE] an der Verkümmerung des analytischen, destruktiven Elements der dadaistischen Performances. Kurt Schwitters‘ „Ursonate“ etwa, die inzwischen als finaler Schenkelklopfer zum selbstverständlichen Teil des Reportoirprogramms gewesen ist3, hat ihr zeitgenössisches Publikum gerade nicht durch Rückgriff auf Archaismen gegen sich aufgebracht, sondern, indem sie das bürgerliche Theater als das vorführte, was es geworden war: als Ort sinnfreien Geplappers, in dem elaborierte Sprache zum Urlaut, Bildungszitate zum Schrott und Konversation zur unmittelbaren Aggression herabgesunken sind. Im Unterschied zu gewissen Tendenzen im Expressionismus mit seinem „Oh Mensch“ – und Urschrei-Pathos, ging es den Dadaisten nie um eine „Befreiung“ des sinnlichen Urlauts der Sprache, des eigentlich Menschlichen, das von Diskursivität und Logizität geknebelt werde, sondern um die denunziatorische Entlarvung des in Hoch- und Populärkultur, in Politik und Kunst gleichermaßen omnipräsent gewordenen Geschwätzes, des Jargons der grinsenden Inhumanität, der die „Kultur“, die er im Mund führt, längst verraten und die Bürger wieder zu jenen „sprechenden Tieren“ erniedrigt hat, als welche diese die „Naturvölker“ empfanden. Der Dadaismus war polemisch, herätisch und negativ und hat noch in seinen aggressivsten antibürgerlichen Aktionen die Erinnerung an das bewahrt, was in der bürgerlichen Revolution einst versprochen war; in der betont zivilen, bürgerlichen Kleidung seiner Protagonisten ist dieser Doppelcharakter festgehalten. Wenn er die Grenze zwischen Publikum und Bühne „performativ“ durchbrochen hat, dann nicht, um sich endlich mit den Massen eins zu fühlen, sondern um sie besser angreifen zu können. Das Publikum wollte er nicht von seinen bürgerlichen Rollenzwängen erlösen, sondern brüskieren und auf die eigene Inferiorität verweisen. Im Dadaismus haben die letzten Bürger mit höhnischem Ernst vorgeführt, wozu sie geworden sind – jedoch nicht, um sich an solcher Regression zu weiden, sondern um sich gegen sie zu empören. Ihr brutal reduziertes Gestammel verdankt sich nicht dem Hass auf Sprache und Humanität, sondern enttäuschter Liebe.4

Auch hier kann ich mich nicht dem Eindruck erwehren, dass Dada als Gegenstand einer Projektion dient – Zufall, dass Magnus Klaue den bürgerlichen Anzug, der in zahlreichen Texten von ihm immer wieder auftaucht und dessen Doppelcharakter er in Anlehnung an die Mode-Texte von Georg Simmel darin verortet, dass er sowohl Kälte und Distanziertheit hervorruft, auf der anderen Seite aber auch eine Schutzfunktion innehat, gerade bei den Dadaisten wieder findet, wenn er diese gegen die postmoderne Performance verteidigt? Gleichwohl Dada Protest gewesen ist, war er in letzter Konsequenz kein Verteidiger der Humanität. Huelsenbeck gibt in der gleichen Rede in Deutschland zum Zeitpunkt des Krieges bekannt:

Wir waren für den Krieg, und der Dadaismus ist heute noch für den Krieg. Die Dinge müssen sich stoßen: es geht noch lange nicht grausam genug zu.

Diese Aussage zeugt davon, wie sehr Dada dem Futurismus von Marinetti und Russolo verhaftet geblieben ist, denen der Krieg eine wahre Freude im Kampf für das Neue und die Abschüttelung des Alten gewesen war. In den „Negerliedern“ des Tristan Tzara wird deutlich, dass dieser dann durchaus doch eine Faszination am Urlaut, am Archaischen hegte. Ein meines Erachtens zentrales Moment des Dadaismus benennt Magnus Klaue in der Denunziation des Geplappers – es ist die Reflexion eines Scheiterns der Sprache. Gerade im Krieg wird dieses Scheitern am brutalsten offenbar – er ist das Scheitern und die Zerstörung jeglicher Verständigung und Vermittlung durch Sprache. Während Worte zwar verletzen können, wird im Kampf und in der Tötung jegliche Grundlage für eine Übereinkunft, die durch Sprache vermittelt werden könnte, vernichtet. Dada reflektiert wie in der Situation des Krieges auch im Hinterland Sprache zur Farce wird, wie die Sätze, die im Namen der Humanität formuliert wurden, ihres Sinnes entledigt werden, wenn sie zur Rechtfertigung des Krieges herangezogen werden. Raoul Hausmann schreibt in seinem „Pamphlet gegen die Weimarische Lebensauffassung“:

Ich bin nicht nur gegen den Geist des Potsdam – ich bin vor allem gegen Weimar. Noch kläglichere Folgen als der alte Fritz zeitigten Goethe und Schiller – die Regierung Ebert-Scheidemann war ene Selbstverständlichkeit aus der dummen und habgierigen Haltlosigkeit des dichterischen Klassizismus. Dieser Klassizismus ist eine Uniform, die metrische Einkleidungsfähigkeit für Dinge, die nicht das Erleben streifen. Außerhalb aller Strudel des realen Geschehens hüllen ernsthafte Dichter, Mehrheitssozialisten, Demokraten, die Belanglosigkeit in die starren Faltenwürfe würdiger Verordnungen; militärische Versfüße wechseln ab mit Arien der Güte und Menschlichkeit – aus dem sicheren Hinterhalt, den der Besitz einer Anzahl Banknoten oder ein Pfund Butter verleiht, taucht auf das Ideal aller Schwachköpfe: Goethes zweiter Faust. Es ist schlechterdings alles darin enthalten, was nicht in Schillers Räubern vorkommt. Wie die Werke dieser feierlichen Klassiker das einzige Gepäck der deutschen Soldaten und Tag und Nacht ihre einzige Sorge waren, so war es heute der Regierung unmöglich, die Geschäfte anders als im Geiste Schillers und Goethes zu führen.5

Dies ist ohne Zweifel Protest gegen den Krieg, in dem das Scheitern der Sprache offenbar wird – doch Dada hatte nichts zu retten, nichts zu verteidigen, sondern war Teil des Scheiterns – im Stammeln und Stottern der Lautgedichte wird das gestoßen, was ohnehin im Fall begriffen war. Schmerzhaft nimmt Dada teil am Sterben, das auch ein Sterben der Sprache ist, mit dem verzweifelten Bewusstsein selbst Teil des Niedergangs zu sein.

Um zu Peter Bürgers Motiv der Aufhebung zurückzukommen, das er den Dadaisten unterstellt, sei ein kurzer Zeitsprung unternommen. 1967 trat Guy Debord in seiner theoretischen Hauptschrift „Die Gesellschaft des Spektakels“ dazu an, zwei Pole zu einer tatsächlichen Aufhebungsbewegung zusammenzuführen, die sich in der Geschichte getrennt voneinander vollzogen hatten:

Der Dadaismus und der Surrealismus sind zugleich geschichtlich miteinander verknüpft und stehen im Gegensatz zueinander. In diesem Gegensatz, der für jede der beiden Strömungen auch den konsequentesten und radikalsten Teil ihres Beitrags bildet, erscheint die innere Unzulänglichkeit ihrer Kritik, die von der einen wie von der anderen nur einseitig entwickelt wurde. Der Dadaismus wollte die Kunst wegschaffen, ohne sie zu verwirklichen; und der Surrealismus wollte die Kunst verwirklichen, ohne sie wegzuschaffen. Die seitdem von den Situationisten erarbeitete kritische Position hat gezeigt, daß die Wegschaffung und die Verwirklichung der Kunst die unzertrennlichen Aspekte ein und derselben Aufhebung der Kunst sind.6

Es ist zurecht immer wieder darauf hingewiesen worden, dass die Situationisten es versäumt haben, sich mit der antisemitischen Konterrevolution und dem Geschichtsbruch Auschwitz auseinanderzusetzen und dies in der Theorie angemessen zu reflektieren. Im Bezug auf das Scheitern der Sprache, scheint mir hier jedoch ein Schritt in die richtige Richtung getan worden zu sein, wenn es der S.I. um einen Kampf mit den spektakulären Begriffen und um eine Neuerfindung der Sprache ging. Die S.I. blieb dem Dadaismus jedoch dann verfangen, wenn sie eine gnadenlose Beschleunigung der Moderne forderten – dem ist gerade angesichts der Katastrophe des 20. Jahrhunderts das benjaminsche Motiv der Notbremse entgegenzuhalten.

  1. Peter Bürger: Der französische Surrealismus. Studien zur avantgardistischen Literatur, Um neue Studien erweiterte Ausgabe. Frankfurt 1996, S. 44 [zurück]
  2. Karl Riha und Jörgen Schäfer (Hrg.): DADA total. Manifeste Aktionen Texte Bilder. Stuttgart 1994, S. 96 ff [zurück]
  3. Besonders ärgerlich stieß mir diese Tatsache in der Dokumentation „Max Bill – das absolute Augenmaß“ von Erich Schmid auf, in dem Max Bill als glücklicher Greis zu einem runden Geburtstag glückselig die Ursonate vor versammeltem Promi-Freundeskreis aufführt. (Anm. AE) [zurück]
  4. Magnus Klaue: Performative Mobilmachung. Über die Verschmelzung von Politik und Kunst im ästhetischen „Ereignis“, in Bahamas Nr. 58, Herbst 2009 [zurück]
  5. Karl Riha und Jörgen Schäfer (Hrg.): DADA total. Manifeste Aktionen Texte Bilder. Stuttgart 1994, S. 101 ff [zurück]
  6. Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin 1996, S. 164 [zurück]

Das Scheitern der Sprache #1

Das Scheitern der Sprache ist eines derjenigen Motive in Literatur und Film, die ich am intensivsten, aufreibendsten, verstörendsten und auch am interessantesten empfinde. Nicht sprechen können, stottern, vergessen von Wörtern, das nicht zustande kommen von Verständigung, das stecken bleiben von Wörtern. Das Scheitern verbaler und schriftlicher Kommunikation scheint mir ein zentrales Moment in einer Zeit zu sein, in der Form und Inhalt voneinander getrennt sind und das Bild an die oberste Stelle jeder sinnlichen Wahrnehmung getreten ist. Die Verbildlichung und Raffung von Sprache in Form von Signalen, Verkehrsschildern, Smileys und Abkürzungen1 ersetzt immer mehr das Bedürfnis Bilder in Sprache auszudrücken. Um so wichtiger und sinnvoller scheint es mir zu sein sich mit dem Punkt auseinanderzusetzen, an dem Sprache scheitert. Historisch wird dieser Punkt meines Erachtens am intensivsten in der avantgardistischen und experimentellen Literatur reflektiert – hier vor Allem in der Situation des Krieges. An dieser Stelle will ich in nächster Zeit über einige solcher Reflexionen des Scheiterns von Sprache schreiben.

Ernst Jandl

Ernst Jandl wurde 1925 in Wien geboren und als wichtiger Vertreter der deutschsprachigen experimentellen Lyrik bekannt. Zweifelsohne sind seine Gedichte von einer gewissen Komik geprägt, doch sollte Jandl nicht als Spaßmacher2 missverstanden werden. Nicht nur aus seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen, welche unter dem Titel „Das Öffnen und Schließen des Mundes“ erschienen sind, geht hervor, dass es ihm um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Sprache ging. In seinen Gedichten kommen immer wieder andauernde Wiederholungen von einzelnen Wörtern vor, während dieser Wiederholungen verschwinden die Wörter und werden zu einzelnen Silben oder Lauten. Aus dieser lyrischen Form spricht ein Verschleiß der Sprache, eine Unfähigkeit zu sprechen, was in Jandls Gedichten mitunter schmerzhaft und brutal zum Ausdruck kommt. Ein Verschleiß, ein Scheitern der Sprache ist auch in dem Gedicht mit dem Titel „Deutsches Gedicht“ implizit Gegenstand. Jandl thematisiert darin nicht nur die Nichtbegreifbarkeit der Shoa und der Vernichtung, sondern auch seine eigene Schuld. Das Gedicht spricht zudem davon, dass auch die Sprache nicht unbeschadet aus dem Grauen hervergegangen ist. Das Gedicht wurde von Ernst Jandl selbst eingesprochen und es ist 1988 auf der LP „vom vom zum zum“ erschienen. Begleitet wird Jandl von der Sängerin Lauren Newton, Uli Scherer am Klavier und von Wolfgang Pusching an diversen Holzblasinstrumenten.

Auf ubu.com stehen die Alben „bist eulen“ (1984) und „vom vom zum zum“ (1988) zur Verfügung.

  1. Wenn ich hdgdl nicht sagen kann, wozu brauche ich noch die Abkürzung dieser ohnehin schon standardisierten Formel? Die Rede von Soli (-gruppe, -konzert, -beitrag, -spende usw.) erweckt in mir den Eindruck, dass in der routinierten Polit-Macherei überhaupt kaum noch eine Idee davon vorhanden ist, was Solidarität denn meint. [zurück]
  2. Besonders ärgerlich finde ich eine Auseinandersetzung mit Jandl, die ihn geradezu als Sprach-Clown missversteht. [zurück]

Brimboria Kongress

Werde am Samstag dort anwesend sein:

Siehe auch das Interview mit Max vom Brimboria-Institut mit durchaus kritischen Fragen zum Konzept des Fake.

Extrablatt No 6

Soeben erschienen, wieder mit sehr lesenswerten Texten, u.a. Sonja Witte „Über die Kunst der Ware keine sein zu wollen“ und die Künstler Santiago Sierra und Donald Jodd.

Anarchopower Berlin

Ich habe soeben folgendes Video entdeckt, welches ich als sehr gut einschätzen musste:

Während ich das sah (und dabei einfach zugeben musste, dass hier jemand genau den Nerv getroffen hat), überlegte ich ob es sich bei dieser Gruppe wohl um eine Neugründung der Greifswalder Gruppe „Anarchopower“ um Bert Papenfuß handelt, was ich für sehr unwahrscheinlich hielt. Als ich dann aber weiter recherchierte gelangte ich auf eine Seite, auf der man folgendermaßen willkommen geheißen wird:

Auf dieser Homepage, die auf jeden Fall ausgezeichnet gestaltet ist, entdeckte ich dann, dass es sich bei der neuen Anarchopower-Gruppe tatsächlich um einen Nachfolger der Greifswalder Gruppe handelt und sogar, dass Bert Papenfuß selbst daran beteiligt ist. Auf der Seite können die Manifeste von Anarchopower gelesen werden, die auf jeden Fall auch sehr gut sind, bis auf das letzte Traktat zum G8-Gipfel. Das ist wirklich schlecht, das hättet ihr euch wirklich sparen können, das ist ungefähr so wie die Texte des Schwachkopfs Wenzel.

KSR – Neues Programm

Nun ist das Programm für den Part 2.2 von Kunst | Spektakel | Revolution online:

Utopie, Spiel, Menschenmaschine

Charles Fourier und die surrealistische Avantgarde
Tilman Reitz • Do 15.04.2010

Lautreamont & Detournement

Lautreamonts Plagiatkunst als Destruktionsmodell der Moderne
Christopher Zwi & R.G. Dupius • Do 22.04.2010

Realismus, Antifaschismus, Expressionismus

Die Expressionismus-Debatte und das Konzept des Realismus
Kerstin Stakemeier & Roger Behrens • Do 13.05.2010

SARKASMEN

Überlegungen zum poetischen Interventionismus in Paul Celans Spätwerk
Magnus Klaue • Do 17.06.2010

Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 20:00 Uhr in der ACC Galerie Weimar (Burgplatz 1). Weitere Infos auf: spektakel.blogsport.de

Note this

Habe soeben in dem sehr lesens- und sehenswerten Buch Zine Soup das Foto-Zine JSBJ entdeckt, das ich kalt weiter empfehlen kann. Ungewöhnlich, verstörend, reflexiv.



JSBJ
| JSBJ Blog

Das Leben des Sid Vicious

Danke, Schröter!

Beuys Beuys Beuys

… der alte Nazi-Unteroffizier:

Bauhaus ist überall. Nur nicht in Weimar.

In der aktuellen Ausgabe der Jungle World findet sich ein sympathischer Artikel von Roger Behrens über das Bauhaus und Weimar, eine hübsch, aber billig inszenierte Touristenstadt (via):

90 Jahre Bauhaus

Bauhaus ist überall. Nur nicht in Weimar.

VON ROGER BEHRENS

Wer etwas über das Bauhaus wissen will, muss sich auf die museale Kunstgeschichte einlassen und nach Berlin fahren: Im Martin-Gropius-Bau gibt es noch bis 4. Ok­tober »Modell Bauhaus – Die Ausstellung« zu sehen. In Berlin gibt es zwar auch das Bauhaus-Archiv, doch für die stets gemeinte Geschichte der Institution »Bauhaus« ist Berlin nur die kurze Schlussstation: Mies van der Rohe hatte hier im Herbst 1932 die Räume einer leer stehenden Telefonfabrik bezogen; wenige Monate später, am 13. April 1933, wurde das Bauhaus von den Nazis geschlossen. Es kam nach Berlin, nachdem es in Dessau vertrieben worden war; nach Dessau war das Bauhaus gegangen, nachdem es Weimar hatte verlassen müssen.

Weimar, Dessau, Berlin: Das sind die drei Stationen, wenn man das, womit das Bauhaus kunstgeschichtlich identifiziert wird, auf das Bauhaus als faktische Institution bezieht – »Bauhausstil«. Doch damit fängt der Mythos an, der sich schließlich in der absurden Gleichsetzung von Bauhaus = Moderne = Avantgarde kristallisiert. (mehr…)

Glubschaugen und Fangzähne

Habe hier einen Text entdeckt, den ich vor sieben Jahren über einen Besuch der Documenta 11 geschrieben habe…

Als wir nach einer längeren Zugfahrt in Kassel ankamen, wollten wir gleich Karten für die Dokumenta 11 kaufen. Also gingen wir zum nächsten Infostand der deutschen Bahn und fragten, wo man die Eintrittskarten kaufen könne. Die drei Damen starrten uns erst ratlos an, bis eine meinte: „Da vorne rechts“.
Also liefen wir bis zum Ende der Bahnhofshalle, und dann rechts. Doch leider konnten wir nirgends eine Verkaufsstelle für die Karten der großen Kunstausstellung finden. Also gingen wir zurück in die Bahnhofshalle und suchten uns einen anderen Infostand der DB. Hier konnte uns wenigstens gleich eine Frau sagen, dass es die Karten nicht hier, sondern im Hauptbahnhof gebe. Also machten wir uns auf in Richtung Innenstadt und fragten uns zum Hauptbahnhof durch, den wir nach einem längeren Fußmarsch erreichten. Vor dem „Kulturbahnhof“ ragte eine schräge Säule in die Höhe, an der ein Mensch hoch lief, als würde es die Erdanziehungskraft gar nicht geben: Das erste Zeichen der 11. Dokumenta! Doch auch hier war nichts ausgeschildert, wo es denn Karten geben könnte, und erst als wir wieder zu einem Infostand gerannt waren, erfuhren wir, dass es die Tickets am Gleis drei zu kaufen gebe. Endlich sahen wir eine Frau aus dem Fenster einer Verkaufsstelle der Dokumenta gucken. Wir zückten schon unser Geld, als wir durch die Frau erfuhren, dass es die Karten „da drüben“ gibt. Auch meine Ratte, die ich mitgenommen hatte, kotzte das wohl ziemlich an, denn sie verkroch sich schnell in meinem Ärmel. O.k.! Endlich hatten wir die Karten und einen Stadtplan. Wir waren gespannt, ob die Ausstellung auch etwas interessantes für uns bieten würde und betraten den ersten Ausstellungsraum am Bahnhof. (mehr…)

FUCK Musée du Louvre

Alle, die eine Verachtung für sterile Museums-Räume verspüren, sollten schleunigst einen Psychologen aufsuchen:

Anschlag auf „Mona Lisa“

Leonardo da Vincis Meisterwerk „Mona Lisa“ hat schon oft für Schlagzeilen gesorgt. Nun ist eine russische Touristin der berühmten Dame im Pariser Louvre mit Porzellan zu Leibe gerückt.

Sie lächelt versonnen wie immer – der Wurf mit einer Teetasse hat der „Mona Lisa“ nichts anhaben können. Das weltberühmte Gemälde von Leonard da Vinci ist durch Panzerglas geschützt und stark bewacht. So blieb die Mona Lisa völlig unversehrt, als eine russische Touristin vor einer Woche die leere Tasse nach ihr schleuderte.

Die Gründe für den Angriff seien unklar, berichtete die Zeitung „Le Parisien“ am Dienstag. Die Frau wurde festgenommen und psychologisch untersucht. Das Museum reichte Klage ein. Möglicherweise leidet die Frau am sogenannten Stendhal-Syndrom, das Menschen zwingt, sich an Kunstwerken zu vergehen.


via

Max Klebb & Friends

Am 3. Oktober feierte sich Deutschland in Hamburg als Kulturnation, und läutete damit das Superjubiläumsjahr 2009 ein. Die Feiern zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes (23. Mai) und zum 20. Jahrestag des ‘Mauerfalls’ (9. November) werden flankiert von den Bundestagswahlen am 27. September. Die Kritik der Nation braucht zwar keine feierlichen Anlässe, bekommt sie aber 2009 in Serie. Im Mai wird Deutschland als Friedensmacht, Kulturnation und Freiheitsweltmeister gefeiert. Und am 09. November die Auferstehung als einiges und freies Volk von Brüdern und Schwestern.

TOP Berlin und das UmsGanze!-Bündnis begegnen dieser nationalen Mobilisierung mit einer antinationalen Kampagne unter dem Motto “Staat. Nation. Kapital. Scheiße. Gegen die Herrschaft der falschen Freiheit!”. In einer Reihe von Veranstaltungen über das gesamte Jahr sollen Diskussionen, Podien, ein großes Konzert und andere Aktionen die herrschende Einheit und Freiheit als falsche Freiheit und falsche Einheit denunzieren.

In diesem Jahr wird die Inszenierung Deutschlands als Kulturnation historisch neu verortet: Im bald wieder errichteten Berliner Schloß wird das neue Humboldt-Forum Deutschland als kosmopolitische Nation und Hüterin der Weltkultur präsentieren. Ob in den Ausstellungshallen renommierter Kunsthochschulen oder in der Glotze: In den letzten Jahren hat sich eine neue Form der Nationalisierung in der Kultur durchgesetzt. Das Schlagwort “Kultur” als identitätsbildende, nationale Kraft ist dem “Weltmeister der Herzen” an eben dieses gewachsen. Darum beginnt T.O.P. Berlin den Angriff auf das Jubiläumsjahr mit zwei Veranstaltungen, die sich mit dem Stand der nationalen Kulturschau auseinandersetzen, mit Initiativen gegen sie und der Frage nach einer radikalen Kulturkritik der Gegenwart.

Am 19. Februar 2009 veranstaltet TOP Berlin eine Diskussionsveranstaltung zu den Grundlagen marxistischer Kulturkritik. In einer zweiten Veranstaltung am 23. April 2009 soll es konkreter um die Kritik der aktuellen deutschen Geschichtsmythologien innerhalb der Massenkultur gehen. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen findet ihr hier: (mehr…)

Erfurt Blutgeil

Blutgeil sind erfreulicher Weise wohl einige Genoss_innen aus Erfurt. Hintergrund ist die Entführung von Bernd dem Brot. Die „Kultfigur“ vom Kinderkanal, unter anderem Wahrzeichen von Erfurt, war im Januar von seinem angestammten Platz am Erfurter Fischmarkt verschwunden. Nachdem daraufhin ein (inzwischen zensiertes) Youtube-Video aufgetaucht war, in dem das Brot die Nutzer_innen des Besetzten Hauses in Erfurt, welches in naher Zukunft geräumt werden soll unterstützt und von taz bis BILD die gesamte Schweinepresse darüber berichtet hatte, wurde nun Bernd das Brot in einer Industriebrache von der Polizei geborgen. Einige Sympathisant_innen äußerten gegenüber Indymedia nun ihre beabsichtigen Gräueltaten:

Die vorzeitige Befreiung der Kult-Figur trifft die Hausbesetzer-Szene sehr hart. Das Beutestück war der letzte große Trumpf um die anstehende Räumung abzuwehren. Gerüchten zu Folge sollte die Figur bei anstehender Räumung mit einer Sprengladung auf dem Dach des Hausgeländes angebracht und dessen Zünder an den Eingangstüren und Mauern verkabelt werden. Es hätte so schön sein können: Während draußen Bereitschaftsbullen das Gelände stürmen, fliegt drinnen eines DER Wahrzeichen der Hauptstadt in die Luft. Viele Sympatisanten und Freunde zeigen sich nun verärgert über die vorzeitige Entdeckung.

„Es ist sehr schade, dass die Geisel ohne Verletzungen befreit wurde“, äußert sich ein 19 Jähriger in der Nähe des Geländes. „Dumm, dass ausgerechnet jetzt der mexikanische Suppenkoch El Pozolero festgenommen wurde. Ich hätte den Klotz gerne in Säure vor sich hinblubbernd gesehen!“, so die Kunststudentin Christina.

Nach Angaben des Kinderkanals soll die Figur so schnell wie möglich wieder aufgestellt werden. Inzwischen gibt es Aufrufe zu Racheakten. Eine erneute Entführung wäre wünschenswert, eher vorstellbar seien jedoch Beschädigungen in Form von Amputationen. Unter dem Titeln „Schlag dem Mistvieh die Hände ab!“ und „Das Brot muss sterben, damit wir leben können!“ finden ab dem 15. Februar Aktionstage geplant.

via

Splatter gegen Häuser-Räumung!

Ist Musik eine Ware wie Fischmehl oder Schrauben?

Ja!

In der aktuellen Ausgabe der Spex weiß der Vorstandsvorsitzende des „Bundesverband Musikindustrie“, Dieter Gorny, Adorno für sich in seinem Kampf für das Urheberrecht zu gebrauchen:

[…] Kunst ist immer eine Leistung von Individuen. Also gehören die Individuen auch entlohnt. Ganz im Sinne Adornos übrigens, der ja ebenfalls gesagt hat, dass die Künstler Individuen sind, die spüren, dass sie die Kunst weitertreiben müssen. […]

Und vorher sagte er:

[…] Es mag also paradox erscheinen, dass Inhalte, die unser gesellschaftliches Leben reflektieren und mitgestalten, auch Wirtschaftsgüter sind. Aber so ist es nun einmal. […]

Naturgesetz eben. Er hat aber nicht nur von Adorno gelernt, sondern auch von der RAF. Einer wird getroffen, alle sind gemeint:

[…] Wichtig jedoch ist, dass die Botschaft [von Gerichtsverfahren gegen Raubkopierer, Anm. ae] ankommt und die lautet: „Tu’s nicht!“ […]

Und zum Schluss:

[…] Da wird die Industrie pauschal kritisiert – und übersehen, dass der Großteil der Industrie aus Mittelstand, gefährdeten Arbeitsplätzen und entgegen aller Vorurteile aus inhaltlicher Vielfalt besteht. Die ganze Debatte ist eine Katastrophe! […]

Das stimmt. Und zwar weil in dieser Debatte keine_r den Kapitalismus abschaffen will.

Blutgeil

Zum Jahreswechsel Polizeigewalt in Leipzig, Weimar und Rostock, ein Mensch von Polizisten erschossen in Berlin. Diese Ereignisse lassen mich an ein Filmprojekt denken, welches in der Schweiz unter dem Eindruck massiver Polizeigewalt entstand. Zufällig stieß ich darauf, als ich mit einem Freund in ein Gespräch über die Kulturgeschichte von Pfefferspray und Tränen-Gas vertieft war und wir hierzu Details im Internet suchten.

Der Film Blutgeil wurde von Züricher Hausbesetzer_innen gedreht, zu einem Zeitpunkt als sich die Repression gegen die squatter immer weiter erhöhte und es immer wieder Räumungen und Straßenschlachten in der Schweizer Hauptstadt gegeben hatte. Der Splatter-Film zeigt zunächst blutige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und einer Drogenbande. Schließlich will die Polizei dann auch in ein besetztes Haus eindringen, wo sich das Schicksal jedoch wendet: Die Hausbesetzer_innen misshandeln die Polizisten und essen sie schließlich auf.

Wie beabsichtigt erregte der Film einen Skandal und es wurde eine öffentliche Debatte über Gewalt, Polizeigewalt, Darstellung von Gewalt und Zensur geführt. Der Film wurde schließlich verboten und die Filmemacher_innen mussten eine Geldstrafe abtreten. Einer der Künstler, der sich sympathisch Seelenlos nennt, weigerte sich diese zu bezahlen und wurde daher zu einer Haftstrafe verurteilt, die er mit einer spektakulären Inszenierung antrat:

Nachdem Seelenlos also hingerichtet worden war, trat er all seiner Kleidung beraubt und blutüberströmt die Haftstrafe an. Die ganze Zeit während der Haftstrafe inszenierte er als Performance, dokumentierte diese und setzte somit seine eigene Verurteilung in den Kontext der Geschichte von Blutgeil. Schade, dass das Splatter-Genre in den Hausbesetzer-Kreisen kein Mittel mehr ist und immer mehr verbissen und humorlos auf die Repression reagiert wird. Angesichts immer größerer Einschränkung und Marginalisierung von linken Projekten und Räumen oder gar angesichts der Toten, sind Ernst und Wut sehr verständlich – leider führt sich die Linke dabei aber allzuoft selber vor. In jene Rolle des Vorgeführten sollte der Staat gedrängt werden – wie es dem Gesamtkunstwerk Blutgeil gelungen ist.

Informationen zum Film und Projekt Blutgeil
Offizielle Homepage | Blutgeil bei Wikipedia | Rezension bei IMD

Einmal Haina und zurück…

Ich verweise an diese Stelle auf den Aufsatz „Eisnteins Sichtweise und Interpretationsversuche auf Tony Blairs fleischliches Werk“ von Erna Klein aus dem Kampagnen-Reader „Ghost Ill – Turning Wheel“.

Seltsame Seilschaften

Eine schöne Street Art (siehe Bild) und eine gute Nachicht: Ja König Ja haben ein neues Album herausgebracht, welches sich Die Seilschaft der Verflixten nennt. Ein Lied davon könnt ihr hier hören. Wunderbar!

Antifaschistische Aktion!

[Deutsche Zustände Angreifen!]