Archiv der Kategorie 'Art'

Die Schmach noch schmachvoller machen indem man sie publiziert

*** Auf der Piazza haben ‚Tine und Lena‘ einen Text zur Plakataktion (siehe unten) gepostet, den ich an dieser Stelle dokumentieren möchte. ***

Dass Bauhaus-StudentInnen ihre gestalterische Expertise für politische Agitation an den Mann bringen, ist nicht neu: So entwarfen beispielsweise Dessauer Bauhaus-StudentInnen der kommunistischen Zellen – ein der KPD-nahestehender Studentenverband – kommunistische Wahlplakate in den 30er Jahren.

Der OB-Kandidat der Grünen, Carsten Meyer, wirbt derzeit mit sieben großformatigen Plakaten, die von der Künstlergruppe »Land in Sicht« (StudentInnen der Bauhaus-Universität, betreut von Prof. Joachim Preiss) gestaltet wurden. Eines dieser Plakate zeigt sechs verschiedenfarbige Mülltonnen, im Vordergrund einer abstrahierten Plattenbaulandschaft. Dazwischen ein zwei Tüten tragender Mann, den laut TA »viele Weimarer als Flaschensammler kennen dürften« (TA vom 11. April 2012). Das Plakat trägt den Slogan »Mehr Farben. Mehr Freude«. Der Flaschensammler als stereotype Sozial-Karikatur, der zunehmend polarisierten deutschen Klassengesellschaft, steht hier womöglich nicht nur für „Multikulti“ sonderN insbesondere für sozio-kulturelle Biodiversität. Das Flaschensammlen eine Freude sei, entspringt vermutlich ebenjener spießbürgerlichen Euphorie angesichts jedweder Differenz (ob horizontal oder vertikal). Das ist nicht nur zynisch und geschmacklos, könnte man meinen sondern spricht aus, was den gesellschaftlichen Diskurs seit ein paar Jahren prägt: Unverhohlen aggressiver Klassismus der abstiegsbedrohten Mittelschicht. Damit gesellt sich der Slogan sowohl neben »die spätrömische Dekadenz« eines Westerwelle als auch neben den Unterschichtenrassismus eines Sarrazin. Scheinbar Naiv wird hier mit den Insignien städtischer Armut opperiert und das in einer farbenfroh-infantilen Weise, die an eine romantisiert-heitere Vorstellung sozialer Ungleichheit anknüpft.

Die Situationistische Internationale hatte 1966 in ihrer Schrift »Über das Elend im Studenten-Milieu« die herkunftsspezifische Borniertheit der StudentInnen attackiert: »Wie ein stoischer Sklave glaubt der Student sich um so freier, je mehr alle Ketten der Autorität ihn fesseln. Genau wie seine neue Familie, die Universität, hält er sich für das gesellschaftliche Wesen mit der größten Autonomie, (…) .«1 Scheinbar fühlen sich unsere StudentInnen so frei, dem Kandidaten mittels ihres kreativen Potentials mit peppigen Design unter die Arme zu greifen. Diese Gestaltung bleibt keine Formsache. Armut dient hier als Werbegag und artikuliert daneben im beste Sinne »wohlgemeinten Bürgerrat«. Der Arme ist in der modernen Gesellschaft nicht bloß Manövriermasse sozialpolitischer Verwaltung sondern zieht stets das erzieherische Engagement besser gestellter BürgerInnen auf sich. Er kann nicht nur beraten, begleitet, therapiert, weggesperrt oder geduzt werden – er kann auch ungefragt als großformatige Werbefigur eine Stadt und deren Lokalpolitik präsentieren, die ihm nur in den Arsch tritt.

Die Diagnose Hannes Meyers, seines Zeichens Nachfolger von Gropius am Bauhaus Dessau, dass das Bauhaus von seiner Idee, »für das Volk«, also für die ärmeren Kreise zu gestalten, abgekommen sei, sieht sich aktuell erneut bestätigt. Ärmere Schichten sind schon lange kein Anlass oder gar Trägergruppe sozialen Engagements, sondern dienen vielmehr als Kontrastfolie aufstiegsorientierter Bevölkerungsgruppen.

Das wahrscheinlich nicht zufällig in unmittelbarer Nähe zum Polizeirevier platzierte Plakat wurde mittlerweile solide durch einen durchschlagenden Fusstritt angemessen verziert. Im Namen derer, die mit politischer Plakatkunst den Kampf um ein gutes Leben jenseits von Klassengesellschaften statt der naiv-verklärenden Darstellung hiesigen Elend verbinden: Vielen Dank an Unbekannt!

Von Tine und Lena

(via via)

  1. Situationsistische Internationale: Über das Elend im Studentenmilieu, Straßburg, 1966. [zurück]

Mehr Farben – Mehr Freude?

[via]

Wenn man mich fragen würde, was ich an Weimar verachte, dann würde mir – home is where my hate is – sicherlich eine Menge einfallen. Besonders sichtbar wird der unselige Geist einer solchen Stadt, wenn wieder mal eine Oberbürgermeisterwahl ansteht und manch spießbürgerlicher, weltabgewandter, dumpf heimatverliebter und kleinkarierter OB-Kandidat seinen Charakter auch offen zur Schau stellt, um seine Wähler – die genauso sind – ehrlich erreichen zu können; so etwa Carsten Meyer von den Grünen, dem es nicht peinlich ist, mit dem Spruch »Lass du die große Welt nur sausen, Wir wollen hier im stillen hausen« für seine Wahl zu werben und dies auch noch als Goethe-Zitat auszugeben. Eben jener Carsten Meyer ist sich aber nicht nur darüber bewusst, dass Goethe und Schiller aus Weimar kamen, sondern natürlich weiß er auch vom avantgardistischen Flair, der stets von der Bauhaus-Universität ausging. So hat er (oder einer seiner Wahlhelfer) sich eine »Originelle Plakataktion« [via] ausgedacht: Die Künstlergruppe »Land in Sicht« an der Bauhaus-Uni (betreut vom Kunst-Prof Joachim Preiß) hat sich dafür hergegeben und hat Herrn Meyer mit der Gestaltung von sieben großformatigen Wahlkampfplakaten unterstützt. Neben einigen mehr oder weniger langweiligen Entwürfen, die allesamt von denen manche an den Stil der Leipziger Schule erinnern, wurde am vergangenen Dienstag ein ganz besonders aussagekräftiges Plakat von den Künstlern und Wahlkämpfern enthüllt: Im Vordergrund sieht man eine Reihe von sechs je verschiedenfarbigen Mülltonnen, während sich im Hintergrund die blass-trübe Landschaft einer Plattenbau-Gegend vor den blauen Himmel schiebt. Im Mittelpunkt des Bildes sieht man eine langhaarige, etwas verlotterte Gestalt mit einem Plastik-Beutel in der Hand, die sich unentschlossen den farbigen Mülltonnen nähert – neben dieser Figur prangt der Slogan: »Mehr Farben. Mehr Freude.« Die TA, die wohlwollend über die gelungene Plakataktion schreibt, weiß zu berichten, dass es sich bei dieser Figur um einen Mann handelt, »den viele Weimarer als Flaschensammler kennen dürften«. Und tatsächlich – wer sich öfter in der Weimarer Innenstadt bewegt, erkennt auf dem Bild eindeutig einen Mann, der sich jeden Tag ein paar Cent damit verdient, Papierkörbe und Mülltonnen nach Pfandflaschen zu durchsuchen. Nun, was ist davon zu halten?

Politische Kunst ist meistens peinlich – sich als »Künstlergruppe« an eine etablierte politische Partei anzuschmeißen spricht dagegen nicht nur für einen wirklich schlechten Geschmack, sondern ist zudem gleichzeitig ein doppelter Verrat – an der Autonomie der Kunst, die sich einst von den staatlichen Institutionen emanzipierte, sowie am avantgardistischen Aufhebungsversuch der Kunst (dies gerade an einem Ort, wie dem Bauhaus, das vormals von den Weimarer Spießbürgern vertrieben worden war). Aber sei’s drum. Wie viel schamlose Arroganz gehört dazu, aus einer materiell nicht gerade schlecht gestellten Position (als Kunst-Prof, Student und Stadtrat), einen Menschen, der aus welchen Gründen auch immer (sicher weder aus Zufall, noch selbstgewählt, noch aus Vorliebe für farbige Mülltonnen), vom Müll der anderen leben muss, derart bloßzustellen? Sich so unverhohlen über das Elend, das man sich selbst ganz bestimmt nicht wünscht, lustig zu machen? Es ist die widerliche Klassenarroganz und Distinktion der gut gestellten Mittelschicht, die im Bioladen einkaufen kann, sich im Eigenheim am Rand einer Kulturstadt zur Ruhe gesetzt hat, oder hier verweilt, um das von den Eltern bezahlte Studium zu absolvieren. Hier spricht so ungeschminkt eine – zur Rede gestellt ganz bestimmt überhaupt nicht bös‘ gemeinte – Verachtung für diejenigen, die vom Wohlstand dieser Gesellschaft ausgeschlossen sind und denen man – wenn nicht mit den Polizeiknüppeln der Ordnungsmacht, so doch symbolisch, mit Bildern – noch hinterhertreten muss.

Sicherlich mit Bewusstsein darüber, dass dieser Klassenkampf von oben, von denen, die damit gemeint sind, nicht gerade mit Gegenliebe beantwortet werden wird, haben die Künstler – und das passt ganz zum zwielichtigen Habitus eines Neo Rauch – das Plakat direkt neben der Polizeiwache am Kirschberg aufgestellt. Weil es zu gefährlich wäre, kann man nun kaum dazu aufrufen, dieses Plakat seinerseits künstlerisch umzugestalten – so muss man aufs Ganze gehen und sollte es mit Raoul Hausmann halten:

Wir werden Weimar in die Luft sprengen!

Edit (11:55 Uhr):

Ich habe eben erfahren, dass jemand beherzt genug gewesen ist und schon gestern Nacht (also bevor ich meinen Artikel geschrieben habe) die Nähe zur Polizei nicht gescheut hat. Falls es zu irgendwelchen Repressalien kommt, jetzt schon mal: Aufruf zur Solidarität mit den Betroffenen!

Die Kunst ist…

ok: besser

KSR – aktuelle Veranstaltungen

Ich verweise hier auf das Interview, das ich der Sendung Reibungspunkt über Kunstautonomie und Avantgarde, sowie über die gegenwärtigen Veranstaltungen der Reihe „Kunst, Spektakel und Revolution“ gegeben habe. Im Interview habe ich unzulässigerweise Kunst der Neuzeit und Moderne viel zu wenig voneinander differenziert – man möge es mir verzeihen, es war halt ein Interview:


[via]

Und damit verweise ich auf die nächsten KSR-Veranstaltungen:
23.10.2011 – Tagesseminar mit Martin Dornis zur materialistischen Theorie der Musik
27.10.2011 – Vortrag von Christopher Zwi über Sehen und Bildlichkeit in der Gesellschaft des Spektakels

Die Aufhebung der Avantgarde

»Eine der bisher umfassendsten Untersuchungen der S.I. im deutschsprachigen Raum.« [via]

So zitiert die Homepage des Transcriptverlags meine Rezension über das Buch »Situationistische InternationaleEintritt, Austritt, Ausschluss. Zur Dialektik interpersoneller Beziehungen und Theorieproduktion einer ästhetisch-politischen Avantgarde (1957-1972)« von Max Orlich, die in der aktuellen Ausgabe der Phase 2 zu lesen ist. So wirbt nun meine Rezension, die eigentlich ein Verriss der Dissertation von Orlich sein sollte, für dieses Machwerk akademischer Rekuperation. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch weil der Kürzungsprozess für die Kilby-Redaktion äußerst schmerzlich für mich war, stelle ich hier nun die ungekürzte extended-Version der Rezension zur Verfügung. Irgendwann soll auch ein Verriss der SI-Dissertation von Jörn Etzold folgen.

Die Aufhebung der Avantgarde

Die Situationistische Internationale gehörte von 1957 bis 1972 zu einer der radikalsten Gruppierungen derjenigen Bewegung, die es anstrebt, den jetzigen Zustand aufzuheben. Selbst hervorgegangen aus versprengten Resten der nach dem zweiten Weltkrieg verbliebenen Kunstavantgarde, richtete sich die S.I., ausgehend von Frankreich, gegen die Borniertheit der Künstler-Kreise und die Szene linker Polit-Spezialisten, um außerhalb des akademischen Wissenschaftsbetriebs eine umfassende Kritik der kapitalistischen Gesellschaft auf der Höhe der Zeit zu formulieren und ein Programm der Abschaffungen zu erarbeiten. Während die S.I. vor allem für einen gewissen Stil bekannt wurde, der sich etwa in der Herausgabe einer aufwendig gestalteten Zeitschrift oder in den bekannten Comic-Verfremdungen zeigte, war es jedoch eines ihrer vorrangigen Tätigkeiten, eine von Hegel ausgehende Theorietradition des Marxismus – jedoch nicht mehr als »ismus«– als Theorie der Praxis zu rekonstruieren und hiervon ausgehend eine Kritik der »Gesellschaft des Spektakels« [Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels (1967), dt. Berlin 1996] zu entwickeln. Deren Augenmerk ist besonders auf die Bildhaftigkeit kapitalistischer Warenproduktion und -konsumtion gerichtet, begreift das Alltagsleben als Hauptfeld der Auseinandersetzungen, richtet sich zentral gegen das Prinzip der Repräsentation, setzt sich intensiv mit Zeitstrukturen und Geschichtsschreibung in der Warengesellschaft auseinander und widmet sich der Ordnung des urbanen Raums als einem wichtigen Aspekt der Disziplinierung und Zurichtung rund um die Lohnarbeit und ihre Reproduktion. In ihrer Ablehnung des Staatssozialismus und mit ihrer gnadenlosen Kritik des Marxismus-Leninismus kann die S.I., neben Adorno/Horkheimer in Deutschland, Georg Lukács in Ungarn und den rätekommunistischen Zusammenhängen in den Niederlanden, zu einem der wichtigsten Stränge kritischer Theorie gezählt werden. Da eines der Hauptprobleme der so verstandenen Ansätze kritischer Theorie, die, in voneinander noch isoliert gebliebene Abteilungen oder Parzellen getrennt, jeweils ihre Sehschärfen und blinden Flecken aufweisen (bei der S.I. am gravierendsten ihre Ausblendung von Antisemitismus, NS und Shoa, bei den anderen die radikale Kritik des Staats), jedoch bei ihnen allen das Verhältnis von Theorie und Praxis darstellt, lohnt es einen Blick darauf zu werfen, wie die S.I. dieses Vermittlungsproblem selbst praktisch zu lösen suchte.

Im Transcript-Verlag ist nun eine Arbeit erschienen, die sich zentral mit der Gruppenpraxis der S.I. in ihren verschiedenen Phasen auseinandersetzt. Max Jakob Orlich legt hier ein Buch vor, das mit über 600 Seiten wohl eine der bisher umfassendsten Untersuchungen der S.I. im deutschsprachigen Raum darstellt. In seiner Dissertation, der er eine nützliche Zusammenfassung des bisherigen internationalen Stands der Forschung zur S.I., eine ausführliche Darlegung seiner methodischen Herangehensweise und eine brauchbare Einführung in die Begriffe der S.I. voranstellt, widmet er sich in mehreren Schritten vor allem der organisatorischen und zugleich personellen Gruppenstruktur der S.I. im Spannungsfeld von Theorie und Praxis. Einzigartig dürfte bisher der Versuch sein, die Wechselbedingtheit dieser Theoriebildung einerseits und der Dynamik der Gruppenstruktur andererseits mit solcher Akribie zu rekonstruieren. Ein Gesamtbild dessen, wer die SituationistInnen tatsächlich waren, wie sie miteinander umgingen und wie sie ihre Theorien ausfochten und eine ihr entsprechende Praxis suchten, lag bisher derart mikrologisch-übersichtlich in einer kompakten Buchdarstellung nicht vor. (mehr…)

KSR-Veranstaltungen 2011

Die beiden ersten Termine des Programms der Veranstaltungsreihe „Kunst, Spektakel und Revolution“ in diesem Jahr sind nun online:

»Es rette uns die Kunst!?«
Lukas Holfeld – 31.03.2011 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Von René Descartes bis Immanuel Kant hat sich in der bürgerlichen Philosophie ein Denken durchgesetzt, welches Geist und Sinnlichkeit nur in absoluter Entgegensetzung auffassen kann: geistige Erkenntnis hat sinnlicher Evidenz zu misstrauen, Vernunft besteht in der Beherrschung jeder sinnlichen Natur. Doch die bürgerliche Philosophie reflektiert bald selbst, dass mit der Herabsetzung der Sinnlichkeit etwas nicht in Ordnung ist: Friedrich Schiller fasst in den „Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen“ die Ästhetik als eine philosophische Disziplin, in der sich Sinnlichkeit und geistige Erkenntnis nicht gegenseitig zu zerstören trachten. Kunst ermöglicht hier einen entsprechenden Erfahrungsraum, in dem Sinn und Verstand spielerisch ineinander greifen. Von dieser Erfahrung und dem Ideal der Kunst ergriffen soll die Menschheit in ein besseres Zeitalter gelangen – so marschierten die deutschen Soldaten mit Goethe und Schiller im Handgepäck in den ersten Weltkrieg. Die Avantgardisten antworteten mit dem Vorhaben, die Kunst zerstören zu wollen. Der Vortrag möchte anhand dieser Geschichte der Kunst einige Überlegungen zum Verhältnis von Kunst, Kritik und Sinnlichkeit anstellen.

Kunst und Geschmack
Bersarin – Do, 21.04.2011 – 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar

Der Begriff „Geschmack“ lässt sich in mehrfacher Wortbedeutung verstehen: einmal als Geschmack, welcher auf der unmittelbar sinnlichen Ebene funktioniert – also innerhalb unserer fünf Sinne in der Weise des Schmeckens als passives Vermögen – und als Geschmack in der Bedeutung der stil- und empfindungssicheren Beurteilung bzw. der distinktiven Wertung von aisthetischen und lebensweltlich begegnenden Gegenständen. Hier fungiert Geschmack als aktives Vermögen. Dabei fallen Kunstwerke als spezielle Objekte unter die zweite Bedeutung von Geschmack. Philosophie, Soziologie und die Ästhetik beschäftigen sich in der Regel mit diesem zweiten Aspekt, der dem Geschmack zugrunde liegt. Die Felder reichen vom Kantischen Geschmacksurteil, der Analyse subjektiver Empfindungen bzw. der Idiosynkrasien über den Dandy- und Bohème-Begriff des 19. Jahrhunderts, der Ästhetik Adornos, deren Fokus auf dem Kunstwerk selbst liegt, bis hin zur Konzeption Bourdieus, in welcher der Geschmack als Phänomen der sozialen Ab- und Ausgrenzung interpretiert wird.

Zunächst soll im historischen Rückgriff die Bedeutung aufgezeigt und ein skizzenhafter Überblick zum Geschmack sowie dem ihm innewohnenden emanzipatorischen Potential gegeben werden, das diesem Begriff in der sich entfaltenden bürgerlichen Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts zugrunde liegt. Geschmack konzipierte sich im 18./19. Jahrhundert als eine Möglichkeit von (bürgerlicher) Autonomie jenseits feudaler Fesseln und Reglementierungen und ist als Form der bürgerlichen Selbstvergewisserung auch parallel zum ästhetischen Moment zentrale Kategorie. Es kam diesem Begriff ein objektiver Gehalt zu, der sich unter spätmodernen bzw. -kapitalistischen Bedingungen kaum noch revitalisieren lässt und dort lediglich subjektiv konnotiert ist: Jenes „De gustibus non est disputandum“ gibt mittlerweile die (auch ästhetische) Ideologie des herabgesunkenen Bürgertums ab. Dieser verschüttete objektive Gehalt soll in seinen Grundzügen dargestellt werden, um von dort zur Gesellschaftstheorie sowie zur Ästhetik Adornos überzuleiten. In seiner Ästhetik erfährt der Geschmacksbegriff eine grundsätzliche Kritik, welche einerseits geschichtsphilosophisch, andererseits aber immanent ästhetisch motiviert ist.

Nachdem diese Kritik Adornos kurz dargestellt wurde, soll anhand seiner Ästhetik sowie der Gesellschaftskritik zur sinnlichen Komponente des Geschmacks als Schmecken übergeleitet werden. Dass diese erste Bedeutung des Geschmacksbegriffs genauso ein Feld für die Philosophie und Ästhetik abgeben kann – und dies jenseits der Restaurantkritik oder einer schlechten Unmittelbarkeit – zeigt etwa Prousts „Recherche“: Im Moment des Schmeckens, nachdem der Protagonist jene legendäre Madeleine in den Lindenblütentee tauchte und das Gebäck verspeiste, geschieht jener Vorgang, welcher mit dem Begriff der memoire involontaire verbunden ist. Im Schmecken, im Moment unmittelbarer Sinnlichkeit evoziert sich ein Anderes. In diesem Zusammenhang möchte ich Aspekte aus Detlev Claussens Aufsatz „Kleine Frankfurter Schule des Essens und Trinkens“ aufgreifen und die darin entfalteten Ansätze von Geschmack und Kritischer Theorie in den Zusammenhang mit Adornos „Meditationen zur Metaphysik“ bringen. Denn auch in jenem letzten Teil der „Negativen Dialektik“ geht es um ein sinnliches Moment der Philosophie. Diesem kann zwar innerhalb einer Theorie kein Prius eingeräumt werden, da dialektisches Denken sich nicht auf eine Seite der Opposition schlägt, doch ist es im Rahmen von Kritischer Theorie auch nicht auszuscheiden. „Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebt Moral“, so schreibt Adorno in den „Meditationen“. Dieser Satz lässt sich zugleich im Hinblick auf die Philosophie insgesamt ergänzen, ohne dabei jedoch eine Philosophie der reinen Sinnlichkeit zu kultivieren. Es soll aufgezeigt werden, dass Adornos Philosophie jenes vielfach aus dem Kanon der Philosophie abgesonderte Moment der Sinnlichkeit durchaus aufnimmt. Dies zeigt sich neben den „Meditationen“ auch in seinen „Minima Moralia“ , sowie über die Begriffe des Impulses oder des Somatischen, um dadurch eine Passage hin zu einer Theorie unreglementierter Erfahrung zu öffnen.

Audio-Feature „Unsereiner Kriegsundführerkinder“

In ihrem Roman „Unsereiner Kriegsundführerkinder“ erzählt Heike Schmitz von einer Kontinuität des Nationalsozialismus, die als Haltung, Ich-Zurichtung, Wir-Halluzination und Trauma über die Generationen hinweg weiter gegeben wurde. Die Wiederkehr des Verdrängten äußert sich in diesem Roman, der weniger Erzählung, viel mehr Traumbild ist, in einer rasanten Geschwindigkeit der Sprache – es ist zum einen das leere Vorwärts des Wiederaufbaus, zum Anderen das plötzliche, blitzhafte Aufbrechen von Erinnerungen; eine traumartige Gleichzeitigkeit von Stillstand und Raserei. Am kommenden Freitag, den 03. Dezember 2010, wird Heike Schmitz in der ACC Galerie Weimar aus ihrem Buch lesen. Wir haben uns mit ihr getroffen und uns mit ihr über „Unsereiner Kriegsundführerkinder“ unterhalten:

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Dexter: Der postmoderne Dandy in Gestalt eines serienmordenden Polizisten

Mit Dexter ist es mir passiert, dass mich seit Twin Peaks zum ersten mal eine Serie (ein Format, mit dem ich sonst eigentlich recht wenig anfangen kann) wieder gefesselt hat. Nachdem ich nun die ersten drei Staffeln durchgesehen habe, wollte ich hier fragmentarisch ein paar Reflexionen zu dieser Serie niederschreiben, die vor Allem auf einen Vergleich hinauslaufen: Die Figur Dexters entspricht in wesentlichen Zügen der das Dandys des Ästhetizismus. Die entscheidenden Unterschiede verweisen hingegen auf einige spezifische Merkmale postmoderner Subjektivität.

Dexter Morgan arbeitet in der Spurensicherung der Polizei von Miami und hat als Bulle etwas zu verbergen: Seitdem er als Kind traumatisiert wurde, da er die blutige Ermordung seiner Mutter mit ansehen musste, verspürt er in sich einen unstillbaren Drang zu töten. Sein Adoptivvater, seinerzeit ebenfalls Polizist, hat die mordlüsterne Neigung seines Ziehsohns jedoch früh erkannt und hat ihm beigebracht seinen Trieb zu kanalisieren: zunächst auf Tiere, später auf Schwerverbrecher, die ungestraft durch Gesetzeslücken entschlüpfen konnten. Dexter lernt wie er seine Opfer töten kann ohne Spuren zu hinterlassen und folgt dabei den strengen Anweisungen seines Vaters: niemals einen unschuldigen Menschen zu töten und niemals irgend einen Menschen von seinem düsteren Inneren erfahren zu lassen. Letzteres ist für Dexter die einzige Möglichkeit zu überleben. So dem Kodex seines Vaters folgend, lebt Dexter ein ganzes Leben als Fassade. Er muss selbst vor seinen nahsten Menschen sein wahres Ich ständig und immer wieder verbergen, ist als das Monster, das in seinem Innersten lauert, immer von allen Menschen um ihn herum entrückt und muss ob seiner inneren Leere, die er nur durch das Morden für eine kurze Zeit füllen kann, alle gesellschaftlichen Konventionen und Bräuche , die er nicht nachvollziehen kann, vortäuschen.

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Damit trägt die Serie zum Teil stockreaktionäre Züge. Die ständig präsente Stimme der Vaterfigur wird als gerechte immer wieder geadelt, es gibt keine Möglichkeit für Dexter sich von seinem Familienschicksal zu emanzipieren, das unentrinnbare Band der Familie erscheint zudem oft als einzig mögliche Rettung, das Mörder-Morden ist als korrigierende Aufrechterhaltung einer bürgerlichen Ordnung letztlich okay, Triebverzicht und absolute Selbstkontrolle werden propagiert. Schließlich manifestiert sich in Dexters Freundin Rita – ein Vergewaltigungsopfer, das ohne Dexters Hilfe kaum zurecht kommt, sich weinerlich-hilflos auf dessen starke Schulter stützt und ohne ihn, ihrem kriminellen Ex-Mann hilflos ausgeliefert ist – eine ziemlich sexistische Projektion.

Dennoch gibt es neben diesen Tendenzen eine Ambivalenz in der Serie, die es zu untersuchen lohnt. Gerade das Verhältnis zu seinem Vater und zu seinen Trieben wird gegen Ende der ersten Staffel nicht mehr zu einer eindeutigen Angelegenheit. Dexter entdeckt, dass sein Vater ihm einige wichtige Details über seine Vergangenheit vorenthalten hat und als sein Bruder, von dem er nichts gewusst hatte, plötzlich auftaucht, beginnt er an der Richtigkeit des Codex von Morgan Senior zu zweifeln. Ist es richtig, ständig von sich selbst absehen zu müssen? Dass sich Dexter schließlich doch für sein gespieltes Ich entscheidet, das sich ständig gegen sein ‚wahres Ich‘ richten muss, ist nicht in erster Linie eine Entscheidung für seinen Vater, sondern dafür überhaupt bestehen – ergo überleben – zu können. Damit gibt der Verlauf der Serie möglicherweise einen Verweis darauf, dass Dexters Qualen nicht lediglich dem Schicksal seiner Kindheit entspringen, sondern etwas mit einer Gesellschaft zu tun haben, die alles andere als in Ordnung ist. Nicht nur dass sich während der ersten zwölf Folgen immer wieder Konstellationen entfalten, die von einem gestörten Miteinander erzählen. Dexter begegnet immer wieder Menschen, die ebenfalls mit einer Kraft zu kämpfen haben, die tief in ihrem Inneren lauert. Es ist eigentlich verdammt witzig, wie so ganz nebenbei, sich die Mordlust auch in anderen Mitmenschen zu erkennen gibt, denen Dexter begegnet. Und auch wenn Dexter am Ende allein seinen aufrechten Gang als Fassade geht – hier wird gegenüber den deutschen Fernsehproduktionen eine spezifische Qualität des amerikanischen Fernsehens sichtbar: Könnte es in Deutschland jemals einen Polizisten als Helden geben, der neben seinem Berufsalltag serienweise Menschen um die Strecke bringt, der aus einem Rachemotiv kein verquirlt moralisches Ding macht, sondern es einfach für sich tut? In Deutschland ist die Welt am Ende meistens so heile wie sie vorher war – Dexter hingegen hinterlässt nichts als Verstörung, die von einer verstörten Welt herkommt. (mehr…)

Der Augenblick der Erkennbarkeit

Hier noch einmal der Hinweis auf die Veranstaltung mit Peter Bürger, in der nächsten Woche, am 07.10. um 20:00 Uhr im Jugend- und Kulturzentrum Mon Ami Weimar:

„In Jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“ Benjamins Satz aus seinen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ gilt auch für die Avantgardebewegungen. Ausgehend von einer Kritik an neuerdings zu beobachtenden Tendenzen, die Unterscheidung zwischen Avantgarde und künstlerischer Moderne einzuebnen, sollen im Anschluß an Benjamins Überlegungen zum „Augenblick der Erkennbarkeit“ eines geschichtlichen Phänomens angestellt und auf die historischen Avantgardebewegungen bezogen werden. Daraus wird sich die Überlegenheit des in der „Theorie der Avantgarde“ entwickelten spezifischen Avantgarde-Begriffs gegenüber einer unspezifischen Begriffsverwendung ergeben, die Avantgarde mit künstlerischer Moderne gleichsetzt. Im Anschluß daran soll der Frage nachgegangen werden, wie heute mit den Avantgarden umzugehen wäre.

Fuckparade b/w

Ich möchte hiermit auf die sehr gelungene Fotoreihe von der Fuckparade 2010 auf dem ohnehin sehr empfehlenswerten Fotoblog proteusphotographie (bersarin) hinweisen.

Roger Behrens über FLORIDA

Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen.
[Theodor W. Adorno, „Asyl für Obdachlose“, Minima Moralia]

In Hamburg ist kürzlich eine Zeitung erschienen welche den Titel „FLORIDA – Beiträge für das Leben nach der Stadt“ trägt und zahlreiche Texte, u.a. von Franz Kafka, Aristoteles, Georg Simmel, Henri Lefebvre, Thomas Morus, Edgar Allen Poe, Guy Debord und Friedrich Engels enthält, die sich allesamt mit dem Phänomen der Stadt auseinandersetzen. Neben diesen historischen Texten sind in der Zeitschrift aktuelle Beiträge von und mit Silke Kapp, Wolfgang Bock und Roger Behrens enthalten. Außerdem will sich die Zeitung als künstlerische Arbeit verstanden wissen – Sie wurde gestaltet von „Schroeter und Berger“ und enthält eine Fotostrecke von Daniel Poller. Das Ganze ist ein Projekt des Vereins Maknete e.V. und wurde in Zusammenarbeit von Alexandra Waligorski, Corinna Koch und Roger Behrens verwirklicht. Die Zeitschrift wird kostenlos verteilt und kann unter florida.maknete.org heruntergeladen werden. Ihr hört ein Gespräch mit Roger Behrens, der die Zeitschrift mitinitiiert hat, über das Zeitschriftprojekt, die Begriffe Stadt und (Post-)Urbanismus sowie über das Wohnen im Kapitalismus.

via

Kunst und Geschmack – Leipzig

Kunst und Geschmack.
Über subjektive Emanzipation und ästhetische Autonomie

Veranstaltung mit Vortrag und Diskussion

Montag, 30. August 2010, 19 Uhr – Raum 2.41, Hochschule für Grafik u. Buchkunst, Wächterstr. 11, 04107 Leipzig

Der Begriff des Geschmacks scheint eine für die Ästhetik mittlerweile unbrauchbare Kategorie zu sein. Ihm haftet der Makel einer unhinterfragbaren, ins Diskursive schwierig aufzulösenden Einstellung an, die sich aus subjektiven Quellen speist. Allenfalls spielt dieser Begriff im erweiterten Feld der Ästhetik als Aisthesis eine Rolle, so beim Design, bei Gebrauchsgegenständen, in der Mode und in der populären Musik.
Nun wandelt sich aber das diskursive Gerüst der Ästhetik beständig. Neue Kategorien und Rahmen tauchen darin auf und verschwinden wieder. Auch der Begriff des Geschmacks ist ein solcher zuweilen wiederkehrender Kandidat. Ihm wohnt eine eigentümliche Zwischenstellung inne. Ganz ohne ihn geht es nicht, doch als Instanz der Begründung, warum ein Kunstwerk mit Gründen als ästhetisch gelungen bezeichnet werden kann, taugt er nicht recht.
Bei allem Vorbehalt, den man gegenüber diesem Begriff vorbringen mag, wird jedoch häufig übersehen, daß es sich dabei nicht bloß um eine zufällige Einstellung handelt, über die ein Streit sinnlos ist, sondern der ausgebildete Geschmack erfordert vielmehr ein hohes Maß an Reflexion: mithin Wissen um den (ästhetischen) Gegenstand. Und auch im historischen Rückgriff zeigt sich die Bedeutung des Begriffs: Die Geschmacksbildung des 17., 18. Jahr- hunderts geschieht unabhängig von den vorherrschenden religiösen und staatlichen Regel- werken dieser Zeit und vermochte es, ein eigenes Feld von Geltung auszudifferenzieren.
So konnte sich – insbesondere im deutschsprachigen Raum – die Ästhetik erst im 18. Jahrhundert, unter anderem über den Begriff des Geschmacks, als eigenständige Disziplin herausbilden. Diese Entwicklung, die mit der Entstehung des bürgerlichen Kunstgeschmacks einherging, trug schließlich dazu bei, daß ein – zunächst – freies (modernes) politisches Subjekt sich überhaupt ausbilden konnte. Frei auch von den Zwängen einer antiken und mittelalterlichen Regelpoetik, frei vom Fürstenzwang; den Gesetzen eigener Produktion unterworfen, das alte Gesetz brechend. Und insofern hat nicht nur in der Ästhetik des 18. und frühen 19. Jahrhunderts auch die zunächst aufs äußerste subjektiv erscheinende Kategorie des Geschmacks ihren berechtigten Platz.
Ausgehend von Christoph Menkes Aufsatz „Ein anderer Geschmack. Weder Autonomie noch Massenkonsum“ (Texte zur Kunst, September 2009, Heft 75) soll in der Veranstaltung dieser ästhetisch-politischen Geschichte des Geschmacksbegriffs nachgegangen werden. Anschließend an Kants Analyse des Geschmacksurteils, die eine der umfassendsten Bestimmungen dieses Begriffs darstellt, sollen auch die Positionen moderner Ästhetik zur Sprache kommen – insbesondere die Adornos, bei dem die Kategorie des Geschmacks eine durchaus ambivalente Rolle spielt:

„Autonom ist künstlerische Erfahrung einzig, wo sie den genießenden Geschmack abwirft. Die Bahn zu ihr führt durch Interesselosigkeit hindurch; die Emanzipation der Kunst von den Erzeugnissen der Küche oder der Pornographie ist irrevokabel. (…) Wer Kunstwerke konkretistisch genießt, ist ein Banause; Worte wie Ohrenschmaus überführen ihn. Wäre aber die letzte Spur von Genuß exstirpiert, so bereitete die Frage, wozu überhaupt Kunstwerke da sind, Verlegenheit.“ (Ästhetische Theorie, S. 26 f.)

Wieweit sich die Kategorie des Geschmacks für eine (post-)moderne Ästhetik, die unter den Bedingungen gesellschaftlicher Zerfaserung und Atomisierung stattfindet, überhaupt noch fruchtbar machen läßt, bleibt im Anschluß an den Vortrag zu diskutieren.

Es referiert der Berliner Blogger Bersarin, der das Internet-Blog Aisthesis betreibt.

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Deutschland – Fußball – Männer – Kotzen

Zum Glück ist die Gefahr, dass die deutsche Nationalmannschaft Fußballweltmeister werden könnte, seit gestern gebannt und das ganze Spektakel nun zumindest etwas gedämpft. Ich habe mal von einem Judas-Priest-Konzert in den 80′ern gehört, das riesengroß angekündigt wurde, aber dann kurz vorher abgesagt wurde. Aus Wut haben die angereisten Fans vor der Konzerthalle dann ihre Judas-Priest T-Shirts verbrannt. Es wäre lustig, wenn es bei der WM mal einen ähnlichen Effekt geben würde – alle vormals enthusiastischen Deutschland-Fans zu sehen, wie sie aus Wut über die Niederlage ihrer Mannschaft und laut über die Deutschen schimpfend auf einmal ihre Trikots und Deutschlandfahnen verbrennen würden…

Noch ein paar abschließende Notizen zum WM-Kram:

■ In meinem Hassgesang auf das WM-Spektakel habe ich einen Aspekt nicht in die Betrachtung einbezogen, der in dieses Phänomen doch ganz spezifisch mit hereinspielt: Das Geschlechterverhältnis. Meine Formulierungen zur Einleitung meines Vortrages „Das Bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ über den Männertag (ebenso Kalles Überlegungen auf dem wdn-blog), dürften auf die Fußballereignisse übertragbar sein, wenn es sich hier auch nochmal etwas anders äußert:

Ich würde gern mit einer Überlegung zum Männertag einsteigen, den wir vor wenigen Tagen wieder erlebt haben und ich würde mich gern fragen – was passiert eigentlich am Männertag? Ich denke, dass man grundsätzlich sagen kann, dass es dabei irgendwie darum geht, dass sich an einem solchen Tag Männer gegenseitig darin bestätigen, Mann zu sein. Man schließt an so einem Tag bewusst das andere Geschlecht aus und widmet sich zusammen mit anderen Männern explizit männlichen Tätigkeiten. Ich meine, dass der Männertag für ganz viele Männer tatsächlich sehr wichtig ist – gerade weil wir zur Zeit eine Entwicklung erleben, in der das Geschlechterverhältnis überhaupt nicht mehr starr zu bleiben scheint. Es gibt in einem gewissen Sinne ein Verschwimmen der Geschlechtergrenzen – die Homo-Ehe ist anerkannt, viele vormals geschlechtsspezifische Tätigkeiten können inzwischen von beiden Geschlechtern getätigt werden, ohne dass das zu irgend einem Skandal führen würde. Ich denke, dass gerade diese Entwicklung (auf die ich später noch einmal eingehen werde) für viele Männer eine enorme Verunsicherung bedeutet und dass nun solche Anlässe wie der Männertag für viele Männer die Funktion haben, sich in dieser Zeit der Verunsicherung doch ihres Männlichseins zu vergewissern. Sieht man sich solche Sachen wie den Männertag genauer an, dann kann man feststellen, dass da sehr einfache Dinge passieren: Männer rotten sich zu Horden zusammen, gehen Wandern, grölen dabei rum und besaufen sich. Ich würde sagen, dass dieses Rauschhafte, das in den kollektiven Alkoholexszessen liegt, etwas ganz wichtiges für die männlichen Subjekte ist – nämlich aus einem ganz bestimmten Grund; weil dieser Rausch es den männlichen Subjekten erlaubt, sich auf eine körperliche Nähe zu den anderen männlichen Subjekten einzulassen. Es lässt sich immer wieder beobachten – nicht nur beim Männertag, sondern auch bei Fußballspielen, beim Junggesellenabschied, bei Kneipentouren oder bei Rockkonzerten –, dass bei solchen Anlässen ein Rahmen dafür geschaffen wird, dass sich Männer gegenseitig berühren können. Es handelt sich zum Teil um innige, kameradschaftliche Umarmungen oder dass man sich gegenseitig im Arm liegt – auf jeden Fall scheint es bei solchen Anlässen wichtig zu sein, sich gegenseitig zu spüren. Leider ist es so, dass das männliche Subjekt in solchen Momenten eine gewisse Ahnung davon hat, dass es hier um eine verdrängte homosexuelle Neigung geht und das ist eine Ahnung, die das männliche Subjekt nicht zulassen darf. Deshalb gibt es verschiedene Riten, die es verhindern, dass sich die männlichen Subjekte ihrer Homosexualität bewusst werden und diese Riten enden immer wieder in einem Ausbruch von Gewalt. Die Körperlichkeit darf also nur dann zugelassen werden, wenn es sich um eine harte Körperlichkeit handelt. Die Umarmung endet oftmals in einer Kopfnuss, Körperlichkeit auf dem Rockkonzert besteht oftmals im Pogo, der bald vielmehr einer massenhaften Prügelei gleicht. Im letzten Jahr gab es zum Männertag Schlagzeilen, als sich in mehreren Städten aus den Männertagsumzügen Straßenschlachten entwickelt hatten. Letztendlich entlädt sich die nichteingestandene Homosexualität in Übergriffen gegenüber Frauen. Die Gewalt, die sich Männer täglich antun müssen, weil sie nicht passiv, sinnlich und zärtlich sein dürfen und die ganz offenbar wird, wenn tatsächlich eine Nähe zwischen Männern entsteht, wird am Ende den Anderen angetan.

Die Transkription des vollständigen Vortrages erscheint in Kürze bei Wider Die Natur.

■ Auf die Körperlichleit zwischen Männern hat Johannes Paul Raether in seiner sehr gelungen Fotoreihe von der Fanmeile der WM 2006 in Berlin einen Fokus gelegt:

Sehr zu empfehlen hier auch das Kotz-Video über Deutschland, das Land der Ideen …, es lohnt sich auf der Seite zu stöbern.

■ Bubizitrone weist auf den besonderen Service eines Cafés in Jena hin und ist ebenfalls von zwecklosen Diskussionen frustriert.

■ Anselm Gramschnabels (Gruppe Surpasser) Überlegungen zum Charakter von Massenevents anlässlich des Weimarer Zwiebelmarkts (der uns in Bälde leider wieder auf die Pelle rücken wird) könnten ebenso Aufschluss über den Charakter des Fußballspektakels geben.

■ Der Blog „Im Kopf Lokalisationweist auf ein Buch zur Kritik des Fußballsports hin, das mir nach dem Lesen der Einleitung zumindest als lesenswert erscheint, auch wenn hier mit der klassischen Manipulationsthese aufgewartet wird (Fußball ist Droge fürs Volk, damit das seine Interessen nicht erkennt). Lesen.

■ Im Audioarchiv befindet sich ein Vortrag von Freek Huisken über Fußball und Deutschlandwahn, der unter anderem auch die Manipulationsthese zurückweist:

Die neu­es­te Sen­dung Sach­zwang FM be­inhal­tet einen am 08.​06.​2010 in Ber­lin ge­hal­te­nen Vor­trag von Freek Huis­ken (GSP) über den ak­tu­el­len Deutsch­land­wahn und die Funk­tio­nen der Welt­meis­ter­schaft des Män­n­er­fuß­balls und ähn­li­cher Ver­an­stal­tun­gen für die Staa­ten­kon­kur­ren­zen.

In dem Vortrag sind einige gute Gedanken formuliert, das hören macht trotzdem keinen Spaß – „Das war der erste Punkt, jetzt komme ich zum zweiten Punkt.“ – „Wieso das ganze?“ – „Wozu die ganze Veranstaltung?“ – „Was haben die jetzt davon?“ – „Zu welchem Zweck machen die das jetzt?“ usw. – anstatt mal eine Argumentationsfolge stringent auszuführen, scheint der Referent die Höhrer_innen hier an die Hand des gesunden Menschenverstands nehmen zu wollen, was extrem nervt.

■ Und abschließend ein Zitat von einem Freund: „Wer ein Problem damit hat, wenn ich ‚Scheißdeutsche‘ sage, soll gefälligst wo anders hinziehen.“

Zum 125. Geburtstag von Georg Lukács

Ich habe eben (etwas verspätet) den Text „Transzendental obdachlos“ von Sebastian Bredtmann bei Beatpunk entdeckt – eine gelungene Würdigung und Kritik Georg Lukács‘, anlässlich dessen 125. Geburtstags.

Drei weitere Tips zum Thema:

■ Ein Gespräch mit Zwi über Georg Lukács und die Expressionismusdebatte, via Spektakel:

■ George Lichtheim: Georg Lukács (Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1971, Reihe „moderne theoretiker“) – eine dünne Einführung in das Werk von Lukács mit zahlreichen biographischen Informationen, schön zu lesen. Das Buch ist wahrscheinlich nur noch antiquarisch erhältlich.

■ Peter Bürger: Vermittlung – Rezeption – Funktion (Suhrkamp, FaM 1979) – in diesem sehr empfehlenswerten Buch diskutiert Peter Bürger Lukács‘ ästhetische Theorie der Widerspiegelung gegen andere Theorien der Ästhetik. Leider hat Bürger anscheinend zu diesem Zeitpunkt (wie ich zum jetzigen) noch nicht die „Eigenart des Ästhetischen“ (1972) von Lukács gelesen (zumindest zieht er sie nicht als Quelle heran), die sich von Lukács früheren Schriften zum Realismus doch unterscheiden soll.

Googla Kahlo

Anlässlich des hundertsten Geburtstages von Frida Kahlo hat Google heute eine Kahlo-Grafik auf der Startseite eingebunden:

Deshalb nochmal ein Verweis auf meinen Text zu Frida Kahlo: lesen.

Zur Expressionismusdebatte

Am Donnerstag werden in der ACC Galerie Weimar Kerstin Stakemeier und Roger Behrens einen Vortrag über die Expressionismusdebatte halten. Im Vorfeld wurde schon zahlreiches Material veröffentlicht: Ein Telefoninterview mit Kerstin Stakemeier und Roger Behrens über die Expressionismusdebatte, sowie ein Gespräch mit Christopher Zwi über Georg Lukács und die Expressionismusdebatte gibt es im KSR-Radio. Im Audioarchiv gibt es die Glossen zum Realismus von Bert Brecht, welche dieser während der Expressionismusdebatte verfasst hatte. Es sei auch nochmal auf den Vortrag von Kerstin Stakemeier zum Konstruktivismus hingewiesen, den sie als Realismus verhandelt – am Ende des Vortrages geht sie auch kurz auf die Expressionismusdebatte ein (bei KSR-Radio 2009).

Zum Bild der Frau bei Frida Kahlo

Wie ich im untenstehenden Beitrag schon erwähnte, ist im dschungel-Teil der aktuellen Jungle World ein Artikel von Birgit Schmidt über Frida Kahlo erschienen, was mich zunächst erfreute, da ich eine kritische Auseinandersetzung mit der Lieblings-Künstlerin aller Ethno-Öko-Kunstlehrerinnen sehr begrüße. Allerdings war ich über diesen Artikel dann sehr enttäuscht, der nicht nur inhaltslos ist, sondern an einigen Stellen einfach nur peinlich.

Auch sie hatte ihre unangenehmen Seiten: Auf dem von der Band Cafe Tacuba ins Netz gestellten Musikvideo mit Originalaufnahmen sieht man beispielsweise, wie Frida Kahlo ihren Ehemann Diego Rivera vorführt, ihm, der ganz offensichtlich nicht geküsst werden will, ihre Küsse aufgedrängt und dann triumphierend in die Kamera schaut. Sie war eitel, besitzergreifend, nörglerisch – und was sollte dieses alberne Gebaren, sich als Zugehörige der mexikanischen Oberschicht in indianische Trachten zu hüllen, während das indianische Mädchen unterbezahlt in der Küche schuftete?

Es ist wirklich eine Unverschämtheit wie solch ein Schlag von Frauen ihre Ehemänner vorführt, räusper. Was bei einer Künstlerin als „eitel, besitzergreifend, nörglerisch“ gilt, wird bei Künstlern üblicherweise als elegant, selbstbewusst und immer kritisch anerkannt. Stattdessen wünscht sich die Autorin hier anscheinend eine anständige Frau herbei, die sich zurückhaltend, passiv und einfühlsam verhält und stets lieb zu ihrem Ehemann ist. Weiter:

Die Malerin Frida Kahlo gilt als Symbol Mexikos, als Emblem des Landes, obwohl sie es zu Lebzeiten nur zu einer Einzelausstellung gebracht hat und nicht einmal zu sagen wusste, in welchem Stil sie malte.

Ein toller Anspruch der hier angelegt wird: Gehalt von Kunst ist an Leistung zu erkennen, die sich über die Zahl der Einzelausstellungen messen lässt. Ein Urteil ist überhaupt nur möglich, wenn man einen genauen Stil identifizieren kann. Dass es die Kulturindustrie ist, die Kunstgeschichte als Zerlegung und Konservierung von Kunstobjektivationen in Warensegmente betreibt und dafür Wiedererkennbarkeit über die Einteilung in abgesteckte Stile und Epochen eines der wichtigsten Kriterien ist, scheint der Autorin vollkommen zu entgehen, ebenso dass es zu dieser Zeit als Künstlerin in keiner Weise selbstverständlich gewesen ist überhaupt über eine Einzelausstellung Anerkennung zu erlangen.

So richtig die Kritik an Kahlos Inszenierung ihres Verhältnisses zu den Indigenas ist und hier eine Beschäftigung mit ihrer Biographie notwendig ist, da die Gegenstände ihrer Bilder überwiegend biographische Erfahrungen sind, so unlauter ist es, einfach eine empörende Erzählung zu liefern, ohne am Material zu überprüfen ob sich dies in ihrem Werk überhaupt wiederspiegelt. Während es allgemein anerkannt ist, dass Adornos privater Musikgeschmack nichts an seinen musiktheoretischen Urteilen ändert, hat es die Autorin überhaupt nicht notwendig einzelne Bilder von Kahlo zu analysieren. Einzelne Werke, die gerade in einer Retrospektive im Gropius-Bau in Berlin zu sehen sind, werden zwar aufgezählt und ihnen wird ein morbider und großartiger Reiz zugestanden, in Beziehung zu dem Urteil der Autorin über Kahlo werden sie in keiner Weise gesetzt. Die Frage, warum das Frauenbild Kahlos und ihre Ikonisierung des Leidens eine allgemeine Faszination ausüben versucht die Autorin nicht mal im Ansatz zu beantworten.

Da ich wie gesagt eine Kritik am Frauenbild und an der Weise der Thematisierung indigener Kultur bei Frida Kahlo für notwendig erachte, soll was der Artikel nicht liefert, hier in fragmentarischer Weise anhand von drei Bildern von Frida Kahlo ergänzt werden. Dem sei vorausgeschickt, dass das reaktionäre Frauenbild Kahlos in ihrem Werk zwar obsiegt, dass dies in einigen Bildern jedoch auch durchaus gebrochen wird, etwa in einigen Selbstdarstellungen in denen sie androgyn, stark und selbstbewusst auftritt, ihren Oberlippenbart und ihre Augenbrauen betont oder sich mit Zigarette darstellt, was damals für Frauen sehr unüblich gewesen ist. Dies spiegelt sich in ihren Inszenierungen in der Öffentlichkeit, die die Autorin des Jungle-World-Artikels so empören, durchaus wieder und erklärt vielleicht, wieso Frida Kahlo zeitweise eine wichtige Figur für den Feminismus gewesen ist.

1. Self-Portrait on the Borderline between Mexico and the United States (1932)

Das „Self-Portrait on the Borderline (…)“ zeigt Frida Kahlo vor einer apokalyptischen Landschaft auf einem Sockel stehend. Als Mittelpunkt des Bildes teilt sie dieses in zwei Hälften: Auf der linken Seite sieht man einen Maya-Tempel über dem Mond und Sonne stehen, letztere lässt drei zungenartige Blitze aus ihrem Mund fahren. Auf dem Boden liegen ein Geröllhaufen und vereinzelte Maya-Götzen, aus dem unteren Bildrand wachsen zahlreiche und vielförmige Blumen und andere Pflanzen, deren Wurzeln bis tief in die Erde reichen. Auf der rechten Seite hingegen sieht man kahle Hochhäuser, Industrie, Schornsteine (gekennzeichnet mit dem Schriftzug „Ford“), Maschinen, Turbinen und Lampen. Als Gegenstück zu den Wurzeln verlaufen hier die Kabel der Geräte unter der Erde und statt einer Sonne prangen die Stars and Stripes im versmogten Himmel.

Die Aussage dieses Bildes ist relativ klar: Die kalte, menschenleere Industrie der USA kolonisiert die an sich gute, naturverbundene, bodenwüchsige Kultur der Indigenas. Unter der Grenze verlaufen die Kabel der industriellen Gerätschaften – eine ungleiche Beziehung zwischen zwei Ländern, welche die Religion und die Kultur der indigenen Bevölkerung zerstört. Frida Kahlo, die in der Mitte des Bildes steht bezieht selbst klar Partei: Ihr Blick ist in die linke Hälfte des Bildes gerichtet und sie hält eine Mexiko-Fahne in den Händen. So angebracht eine Kritik an den Folgen der Industrialisierung und der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung wäre, so sehr verfehlt dies Frida Kahlo in ihrem Bild. Es geht nicht um die konkrete Situation von leidenden Menschen, die in diesem Bild nicht zufällig nicht vorkommen, sondern es geht um den drohenden Verlust einer Kultur und eines Mythos, der als naturverbunden einer falschen, naturfremden und künstlichen Kultur entgegen gestellt wird. Eine solche Mystifizierung „altertümlicher Kultur“ hat Menschen noch nie von ihrem Leiden befreit, durch die Subsumierung unter eine Kultur bzw. Ethnie werden diese noch nicht einmal als Individuen anerkannt. Die 2012-Fanatiker hätten sicherlich ihre Freude mit diesem Bild, in dem eine Stimmung der Apokalypse mitschwingt, die niemals irdische Erlösung bedeuten kann.

2. Flower of Life (1943)

Nun zum Frauenbild. Das Bild „Flower of Life“ zeigt in erdigen bis feurigen Rottönen eine organisch gedrungene Pflanze in Form eines Eierstocks. Diese Eierstock-Blume besitzt fleischige Blätter, ist von Adern durchdrungen und aus ihrer Spitze sprießt eine feingliedrige, gold-gelbe Blüte – Staubblätter, bereit zur Befruchtung. Im Hintergrund schwebt symbolträchtig die Venus, aus dem linken oberen Bildrand entfährt ein Blitz.

Weiblichkeit wird hier mystifiziert und fixiert als ein Leben bringendes Prinzip, als Fruchtbarkeit und Erdverbundenheit, eingebettet in eine göttlich-kosmische Ordnung. Kurz und knapp: aus einer kritisch-feministischen Perspektive zurückzuweisen als reaktionärer, esoterischer Scheiß.

3. The Love Embrace of the Universe, the Earth (Mexico), Myself, Diego Und Senor Xolotl (1949)

In diesem Bild kommen schließlich Mystifizierung der indigenen Kultur, Selbstethnisierung Kahlos als Indigena und ein reaktionäres Frauenbild zusammen. Das Bild ist, wie im Titel, in mehreren Schichten aufgebaut: Im Hintergrund befindet sich eine zerfließende, geisterhafte Figur, die nicht eindeutig als weiblich identifizierbar, zumindest aber als androgyn, die Liebesumarmung der Welt darstellen soll. Dabei hat diese Figur eine dunkle und eine helle Seite – Tag und Nacht werden damit symbolisiert. In den Nebeln der Welt schweben schließlich zwei Planeten, von denen zumindest der eine wieder eindeutig als Venus identifiziert werden kann – die Welt als weibliches Prinzip. In der nächsten Ebene ist thronend eine weitere Figur dargestellt – ein indigenes Mädchen mit Dreadlocks, welche die Erde darstellen soll und dem Titel zur Folge mit Mexiko identifiziert wird – anscheinend als ein Ort, an dem Mutter Erde zumindest teilweise noch unbefleckt ist. Eine der vollen Brüste des Mädchens ist entblößt und dieser entrinnt ein Tropfen Milch – die Erde gibt Nahrung und ist sowieso fruchtbar: Überall aus dem Mädchen wachsen Bäume, Blumen und Kakteen, deren Wurzeln bis über die Arme der Welt ragen. Im Schoß der Erde sitzt mit leidendem Blick, in einem Folklore-Kleid Frida Kahlo, welche wiederum ihren Ehemann Diego Rivera im Schoß hält, der in seiner embryonalen Haltung und ganz nackt offensichtlich schutzbedürftig ist. Er blickt ebenfalls leidend und hat ein drittes Auge auf der Stirn (was vermutlich eine religiöse Bedeutung hat, die ich nicht kenne). Obwohl Rivera so schutzbedürftig erscheint, ist er es, als Mann, der in seinen Händen das Feuer hält. Ein weiteres männliches Element im Bild, der Gott Xolotl in Gestalt eines Hundes, symbolisiert (noch friedlich schlafend auf dem Arm der Welt) den Tod.

Um den Gehalt dieses Bildes zusammenzufassen: Die Welt ist ebenso wie die Erde ein weibliches Prinzip aus dem alles wächst und entsteht und das zudem als indigen charakterisiert wird. Dem entgegengesetzt steht der Mann für die Leidenschaft, die Frida Kahlo als schützenswert empfindet, aber auch für das Prinzip des Todes, der sich langsam und zunächst unscheinbar ankündigt. Ihren Mann wie ein Kind zu halten, entspringt vermutlich einem Wunsch, den sie sich im wirklichen Leben nicht erfüllen konnte1. Dieses Bild sollte, wie viele andere Bilder Kahlos, in Martin Büssers Worten wohl „authentische Kunst sein, folkloristische Kunst, radikal subjektiv, schmerzerfüllt, ein Pladoyer für das ‚einfache Leben‘ und ein Apell an Urinstinkte (…)“2. Diese Art der Darstellung von subjektivem Leiden ist eine Verschleierung der Ursachen des Leidens (die etwa in einer patriarchalen Gesellschaft verortet werden könnten), die jede Möglichkeit von Erlösung und Emanzipation verschwinden lässt. Denn das radikal subjektive Leid – Frida Kahlo im Mittelpunkt – ist hier als einer göttlich/kosmischen Ordnung inhärent und von dieser durchdrungen dargestellt.

Dass Weiblichkeit und Leiden tatsächlich real miteinander verbunden sind wird in Kahlos Bildern als weltbestimmendes Prinzip festgesetzt, sie erscheinen weder als gesellschaftlich gemacht, noch als veränderbar. Zum Abschluss noch einmal Martin Büsser:

Frida Kahlos Arbeiten taugen nicht für eine auch nur halbwegs feministische Auseinandersetzung. Der Essentialismus, der zugleich auch den Mangel an künstlerischem Talent legitimierte, ist ihr einziges kulturelles Kapital gewesen: Die Frau als Opfer der Moderne, die sich letztlich nur noch mit Tieren, Pflanzen und den Naturelementen verbünden konnte, pflegte den naiven Stil wie das Privileg einer Auserwählten. Die Anthroposophen dürften an dieser Künstlerin ihre helle Freude haben.3

  1. Ihre Beziehung zu ihrem Mann, die eine schwierige gewesen ist und in der Scheidung endete, sowie eine Todgeburt Kahlos sollen hier vermutlich gleichfalls zur Sprache gebracht werden. [zurück]
  2. Martin Büsser: „Das ewig Weibliche“, in Konkret Heft 08 2006 [zurück]
  3. ebenda [zurück]

Sexarbeit in Kunst und Literatur

Als ich in der aktuellen Jungle World einen Artikel über Frieda Kahlo gelesen habe, musste ich an ein liegen gebliebenes Textfragment über Sexarbeit und ein damit verbundenes Frauenbild in der bildenden Kunst und in der Literatur denken, in dem ich Frieda Kahlo in einer Fußnote erwähnt habe. Wenn ich es irgendwann schaffe, würde ich diese bruchstückhafte Skizze gern irgendwann in einen zusammenhängenderen Text über die Subjektivität des Künstlers, als eine spezifisch männliche, einbetten. Untenstehendem Textfragment müssten genaue Nachweise noch hinzugefügt werden.

Was ist eigentlich das Schlimme an Sexarbeit? Der Sex oder die Arbeit? Spricht man über Sexualität und Kapitalismus scheint es auf der Hand zu liegen, auch über Sexarbeit zu reden. Schwierig – denn kaum ein Thema ist so beladen mit Mythen, Skandalen und Vorurteilen wie dieses. In der Kunst schienen uns zwei Tendenzen der Betrachtung dieses Themas hervorzustechen:

1.Expressionismus: Die Expressionisten (frühes 20. Jh.) erfuhren die Großstadt als ein Gebilde der brutalen Entfremdung – alles ist künstlich, feindlich, schnell und laut, die Eindrücke stürmten auf den Künstler1 als etwas brutales, gar giftiges ein – das Produkt einer Verfallsgeschichte der Menschheit. Das verzauberte Licht des Mondes wird ersetzt durch das kalte Scheinen der Gaslaterne. In diesem Gebilde der Großstadt taucht die Prostituierte als eine zentrale Figur auf. In vielen expressionistischen Bildern versuchen Prostituierte, den hilflosen Mann an sich zu reißen, der – noch widerstrebend – in der Gefahr begriffen ist, sich kaum noch loslösen zu können und im falschen Rausch verloren zu gehen. Schminke, Verkleidung und sich Anbieten erscheinen in den expressionistischen Bildern oft als Perversion der absoluten Entfremdung. Dass hier Weiblichkeit und Lüge zusammengehören entspringt einem reaktionären Frauenbild und es ist kein Zufall, dass die Expressionisten der Entfremdung die spirituellen Prinzipien einer höheren kosmischen Ordnung entgegensetzten.2

2.Surrealismus: Auch bei den Surrealisten gehören Großstadt und Prostitution zusammen. Auch hier ist die Erfahrung der Großstadt zwar von Entfremdung geprägt, doch geht der Surrealist nicht lediglich ablehnend und leidend mit dieser Erfahrung um. Entgegen der üblichen Bewegungen innerhalb der Stadt, die von rationalen Gängen, etwa dem zur Arbeit, geprägt ist, eignet sich der Surrealist die Stadt als Areal an, in dem er sich passiv den Eindrücken hingeben kann, die er zulässt und damit einen Zugang zu den tieferliegenden Schichten des menschlichen Bewusstseins erlangt. Der surrealistische Flaneur streift mit einem Bewusstsein für das Zufällige und Seltsame durch die Stadt, erlebt dabei Abenteuer, gibt sich den Assoziationen hin, die die Begegnung mit den Dingen in ihm auslösen. Über die Erfahrung von trivialen und Alltags-gegenständen bekommt er Zugang zu den Mythen der modernen Gesellschaft. Mehr oder weniger zufällig begegnen die Surrealisten bei ihrem Gang durch die Stadt auch den Prostituierten3. Die Erfahrungen die sie dabei machen ist ihnen dabei nicht etwas Feindliches wie bei den Expressionisten, aber dennoch findet auch hier eine Mystifizierung von Weiblichkeit statt: Die Prostituierte ermöglicht ihnen einen Zugang zu den tiefer liegenden Geheimnissen der Liebe und ermöglicht ihnen Erlebnisse, die sie in der bürokratischen und rationalen Gesellschaft nicht finden können. Zusätzlich reizt sie das Anrüchige und Zwielichtige. Auch wenn der Surrealist sich passiv dieser Erfahrung hingibt, er ist derjenige der sie macht – die Prostituierten als Personen spielen nur als Auslöser eine Rolle und erscheinen während des Streifzugs lediglich als eine Zwischenstation; sie bleiben Randfiguren und kommen selbst kaum zu Wort.

An diesen Beispielen – Expressionismus: Ablehnung der Prostitution und Surrealismus: positive Konnotation der Prostitution – bestätigt sich, was die Debatten über Prostitution zutiefst prägt: Ob Prostitution verdammt wird oder ob den Prostituierten geholfen werden soll – stets sind SexarbeiterInnen Projektionsfläche und mal mehr, mal weniger eingestandene Wunschbilder, hinter denen etwa die konkrete Situation oder die Forderungen der Sexarbeiter_innen verschwinden.

Literatur zum Thema:

Christiane Schönfeld: Dialektik und Utopie. Die Prostitutierte im deutschen Expressionismus. Würzberg, 1996.

Xaviere Gauthier: Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit. Berlin, 1980

Uwe M. Schneede (Hrsg): Begierde im Blick. Surrealistische Photographie. Ostfildern-Ruit, 2005

  1. Künstler ist hier explizit in der männlichen Schreibweise geschrieben. Zentral müsste hier in der Beschäftigung mit der Kunst eine Kritik des genialischen Künstlerbildes sein. Es ist kein Zufall, dass Künstler lange Zeit meist Männer waren, ist doch die Fähigkeit etwas neues aus sich selbst heraus zu schaffen eine Fähigkeit, die immer Männern zugesprochen wurde. Bei den wenigen expressionistischen Künstlerinnen, etwa Frida Kahlo, fällt auf, dass sie dem Frauenbildern der Expressionisten oftmals ebenfalls eine Mystifizierung des Weiblichen entgegensetzen. Vgl. Martin Büsser: „Das ewig Weibliche“, in Konkret Heft 08 2006 [zurück]
  2. Ein Beispiel wären die Bilder von Ludwig Kirchner. Als ergänzendes Gegenbild zur Prostituierten gehört bei den Expressionisten natürlich auch die Frau als Muse – umgesetzt im Akt-Bild, meist in harmonischer Natur, oft zusammen mit Tieren. Die naturverbundene Indígena-Frau ist hier eine zentrale Figur. [zurück]
  3. Vgl. hierzu „Pariser Landleben“ von Louis Aragon, oder das Gedicht „Die Nacht wirkt“ von Antonin Artaud. [zurück]

Mai, o Mai

Der Infoladen Sabotnik schreibt wissenswertes über den 1. Mai und gibt strategische Tips in negativer Form für den 1. Mai in Erfurt. Die Gruppe AG17 hofft, dass es am 1. Mai in Erfurt knallt und schrammt vor lauter Knallern in ihrem Aufruf knapp am Begriff der abstrakten Arbeit vorbei. Aftershow hat (bis jetzt) erfolglos versucht eine Debatte über Sinn und Unsinn der Aktivitäten am 1. Mai in Erfurt anzuzetteln. Ich kam aus dem Lachen nicht mehr raus, als ich meinen Bericht über den 1. Mai vor zwei Jahren einem Freund für’s Radio vorgelesen habe. Die wirklich sehr unheimliche Gruppe Public Movement erklärt den 1. Mai in Berlin (- wir haben alle darauf gewartet -) zur Performance:

Edit: Es gab eine erfreuliche Reaktion (bis auf die Berufung auf den gesunden Menschenverstand) von Rosa Perutz:

Sehr geehrte Künstler x,

hiermit untersagen wir Ihnen aus Gründen des gesunden politischen Menschenverstandes/grundlos/unter religiös-moralischem Vorbehalt Ihre für den 1. Mai 2010 geplante Micky-Mausierung des öffentlichen Protestes/der universellen Emanzipation … usw..

Wir weisen Sie darauf hin, dass sie sich des Verrats an der Kunst schuldig machen, sofern Sie Ihre Anliegen unter den Primat der performativen Beliebigkeit und des performance-lifestyles stellen (denn alles ist ja irgendwie performativ in den letzten Jahren, von der Politik zur Spielzeugeisenbahn) und somit eine Art politischen Tourismus betreiben, der zur allgemeinen Verblödung beiträgt … usw..

Sie haben bis zum 30. April 2010 die Möglichkeit Beschwerde gegen diese Auflage/dieses Verbot/ästhetische Urteil einzulegen unter: mail@rosaperutz.com

Gez. Allgemeine Deutsche Zensurbehörde (die sich natürlich auch schon selbst verboten hat), aufgegangen in der

Zensurbehörde von Rosa Perutz
Dieses Schreiben wurde automatisch erstellt.

via

Sieg über die Sonne

Wie es aussieht machen sich gerade ein paar Leute daran die suprematistische Oper „Sieg über die Sonne“ in Form eines Ausstellungs- und Fanzine-Projektes zu bearbeiten. Neben der Faszination, die ich für den Konstruktivismus habe, kann ich mich nicht des Gefühls erwehren, dass daran etwas höchst problematisch ist. Grund genug, sich damit noch einmal näher zu beschäftigen. [Dabei sei noch einmal auf den Vortrag über Konstruktivismus von Kerstin Stakemeier hingewiesen – KSR Radio]

*Anfang gut, alles gut. Beginning good. All good.*
Actualization of „Pobeda nad solncem“, 1913 (Victory over the Sun) with contributions by Thomas Baldischwyler, Mareike Bernien & Kerstin Schroedinger, Nine Budde, Ruth May, Avigail Moss, Peter Wächtler, Susanne M. Winterling

*Thursday, April 29, 2010, 6.30h pm
Presentation of the first Fanzine with a short introduction and sound recordings
Motto, Skalitzer Str. 68, Hinterhof, 10997 Berlin*

The futurist opera *Victory over the Sun*, which was written and staged in 1913 in Petersburg wanted to “establish a collective work on the basis of word, painting and music”. Those are the words of the opera’s authors, the painter Kasimir Malewitsch, the musician Michail Matjuschin and the poets Alexeij Krutschenych and Welimir Chlebnikov, who wanted to create an ‚antiharmonious’ work – against the spirit of their times.

*Beginning good. All good*, an actualization of „*Pobeda nad solncem*“ (Victory over the Sun), will translate this programmatic on the basis of the historical text and documentation of its stagings and reception into the present. The project brings together about 30 artists, musicians, theoreticians and people from other disciplines in order realise the exhibition project in May 2011.

Participants (until now):
Katrin Bahrs, Thomas Baldischwyler, Roger Behrens, Mareike Bernien, Nine Budde, Robert Burkhardt, Natalie Czech, Damn‘it Janet, Kirsten Forkert, Fox Hysen, Oliver Jelinski, Christiane Ketteler, Nicholas Matranga, Ruth May, Michaela Mélian, Jan Molzberger, Avigail Moss, Ulrike Müller, Orakel, P.O.G., Johannes Paul Raether, David Riff, Kerstin Schroedinger, SchröterundBerger, Jessica Sehrt, Amy Sillman, Tillmann Terbuyken, Peter Thiessen, Dimitry Vilensky, Jeronimo Voss, Peter Wächtler, Patricia Wedler, Susanne M. Winterling

With the project we would like to dismantle the opera’s self-enclose form into those artistic fragments and traces, which seem to correspond with the present, to than reconstruct them as actualized reformulations. To make the pre-production visible, we will produce a series of three subsequent fanzines for may 2010, october 2010 and january 2011.

The project is initiated by Nina Köller and Kerstin Stakemeier.