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Die Gewalt und ihre Grenzen

Ein Bericht über einige Vorfälle in Weimar (erschienen im Heft „Stadt der Vielfalt? – Rassismus, soziale Ausgrenzung und Nazigewalt in Erfurt

Gewalt, Sadismus, Bandenwesen und Willkür der Stärkeren sind nicht das ganz Andere zum Rechtsstaat, gegen das Recht und Gesetz einfach regulativ in Stellung zu bringen sind. Dass dies so scheinen kann, liegt daran, dass diese Phänomene an Orten stattfinden, die oftmals kaum sichtbar sind. Jede Rechtsstaatlichkeit und die dazugehörige Zurichtung der Individuen zu Rechtssubjekten basiert auf Gewalt1 – eine Banalität, die nicht ausgesprochen werden müsste, wenn es nicht so große Unterschiede in der Art und Weise geben würde, wie Menschen aufgrund unterschiedlicher Stellungen in der Gesellschaft von dieser Gewalt betroffen sind. Denn die Tatsache, dass die Zurücknahme unmittelbarer Gewalt in die Vermittlung der Institutionen nicht ohne eine gewisse alltägliche Konformität zu haben ist, macht die andere Tatsache unsichtbar, dass es keine Gewaltpotenz geben kann, ohne dass diese immer wieder umschlägt in ihren tatsächlichen Vollzug. So wie die Gewalt unsichtbar wird, wenn eine Institution auf ihrer bloßen Möglichkeit basiert (im Bezug auf den Staatssouverän ist dies nach Carl Schmitt die Fähigkeit, über den Ausnahmezustand entscheiden zu können), so muss sie doch an irgend einer Stelle des Institutionengefüges wieder ausbrechen und kann in der Vermittlung nicht ganz verschwinden. Es ist nur eine Ebene dieses Problems angesprochen, wenn man darauf verweist, dass beispielsweise die Polizei auf Subjekte angewiesen ist, welche die Fähigkeit zur Gewaltanwendung erlernen müssen – Subjekte, für die der Vollzug von Gewalt und ihre Einübung sowie Routinierung zu ihrem Berufsalltag gehören und die nicht funktionieren können, ohne eine gewisse Abhärtung und einer programmatischen Empathielosigkeit gegenüber den Objekten dieser Gewalt. Das Polizeiwesen setzt eine Charakterdisposition voraus, der Mitgefühl und das Bewusstsein für die Grenzen des Gegenübers tendenziell verloren gehen müssen. Der Möglichkeit der eingeübten Gewaltanwendung sind nun freilich institutionelle Grenzen gesetzt – ihre Systematik wäre nicht möglich, ohne ein genau definiertes Regelwerk, das festlegt in welchem Maß und in welchen Fällen Gewalt angewendet werden muss. Wäre die institutionalisierte Gewalt nicht in solche Grenzen gebannt, würde sie die Rechtsstaatlichkeit, die auf dieser Gewalt beruht, selbst gefährden und sich auflösen in miteinander konkurrierende Rackets. Doch eine solche Begrenzung der Gewalt ist nie ganz möglich – schon aus dem Grund, dass Gewalt per se eine Grenzüberschreitung ist. Sie würde ihre regulative Funktion nicht erfüllen können, wenn sie ihrem Objekt nicht real mit dem Grenzverlust drohen würde. So wie es keine Gewalt ohne Grenzüberschreitung gibt, so ist die institutionell organisierte Potenz von Gewalt nicht zu haben ohne einen Graubereich, in dem die Gewalt das Regelsystem verlässt und von der geregelten Potenz in den entregelten Vollzug übergeht – und dies nicht erst im Ausnahmezustand. Gewalt ist nie gänzlich zu kontrollieren. Dies bekommen vor allem Menschen zu spüren, die aus unterschiedlichen Gründen kaum in der Lage sind, ihre gesetzlich verbrieften Rechte, welche jene Begrenzung der Gewalt garantieren, geltend zu machen. Wenden wir unseren Blick von der weltoffenen Landeshauptstadt auf die nachbarlich gelegene Kulturstadt Weimar. Die folgende Geschichte aus Weimar handelt von einer solchen Grauzone, in der die eingeübte Gewalt der Polizei sich ungehemmt ausleben konnte. (mehr…)

Polizei-Brutalität in Weimar

Offensichtlich muss man sich in Weimar als Punk oder obdachloser Jugendlicher nicht nur vor Nazi-Übergriffen fürchten (eine Tatsache, die leicht am studentischen oder kulturbürgerlichen Alltag vorbei geht), sondern ebenso vor Übergriffen von der Polizei. Folgender Bericht ist schon seit dem 2. Mai auf links.unten-Indymedia zu lesen und betrifft Ereignisse vom 20. April 2012 – in Weimar hat das trotz der Ungeheuerlichkeit der Vorfälle kaum für Schlagzeilen gesorgt, was u.a. auch daran liegt, dass das Umfeld der Betroffenen kaum organisiert ist.

Schwerer polizeilicher Übergriff

Verfasst von: Solidarität mit den Betroffenen. Verfasst am: 02.05.2012 – 20:40. Geschehen am: Freitag, 20. April 2012.

In der Nacht vom 19.04. zum 20.04. gegen 1.00 Uhr wurde eine vierköpfige Personengruppe (zwei männliche und zwei weibliche) von insgesamt einem Streifenwagen, einem Sixpack und einer Zivikarre angehalten und auf aggresive Art und Weise in Gewahrsam genommen. Im Folgenden ereigneten sich Vorfälle, die nicht nur die zur Norm gewordenen repressiven Vorgehensweisen der Bullen wieder einmal offenlegt, sondern die genau diesen Repressalien eine neue, brutale Qualität verleihen.

Trotz ungeklärten Tatvorwurfs wurden die vier Personen zur Polizeiinspektion Weimar gefahren und dort jeweils in einer Einzelzelle festgehalten. Ungewöhnlich war, dass alle Einzelzellen und die Sammelzelle mit Personen gefüllt waren und somit alle Kapazitäten, nach Aussage der Bullen zum ersten Mal, erreicht waren. Bis auf die vier Menschen waren die restlichen Gefangenen nicht dem linken Spektrum zuzuordnen.

Schon kurz nach der Ankunft wurden eine männliche und eine weibliche Person genötigt, sich vollkommen auszuziehen. Da sich die weibliche Person verwehrte wurden ihr die Klamotten und Körperschmuck durch die Beamt_innen abgenommen.

Während des gesamten Aufenthalts in den Zellen sahen sich die Betroffenen mit etlichen Diskriminierungen auf sämtlichen Ebenen konfrontiert. So wurden Personen von den Beamt_innen bespuckt, geschlagen und an den Haaren gezerrt. Begleitet wurde dies von permanenten rassistischen und sexistischen Aussagen, Witzen und Beleidigungen, wie z.B.: „Dir gehts als Ausländer in Deutschland viel zu gut, wir zeigen dir mal, was man mit dir in deinem Land machen würde.“, bis hin zum Immitieren der Bewegung beim Onanieren.

Zum wiederholten Male vergnügten sich die Bullen über den Tod zweier linkspolitischer Menschen, die sich im April 2010 in Weimar das Leben nahmen.

All die Diskriminierungen spitzten sich zum Nachteil einer der weiblichen Personen in der Zelle zu. Abgesehen vom ewigen, regelmäßigen Erscheinen in der Zelle ohne ersichtlichen Grund und das ebenfalls ewig andauernde An- und wieder Ablegen der Handschellen, das insgesamt 10-Stündige Verwehren von Wasser und den daraus resultierenden Schlafentzug, kam es zu weiteren Schlägen in das Gesicht der Betroffenen.

Anschließend wurden der Person die Oberarme auf den Rücken gefesselt und sie wurde an den Handschellen von einem Bullen minutenlang durch die Zelle gezerrt. Dann wurde von mehreren Beamt_innen auf die am Boden liegende Person eingetreten. Durch diese Handlungen von Seiten der Bullen kam es zu mehreren inneren und äußeren Verletzungen.

Gegen 10.00 Uhr am Morgen wurden alle vier Betroffenen der Gruppe verhört. Ihnen wurden sämtliche Vorfälle der vergangen Nacht vorgewurfen. So z.B. diverse Sachbeschädigungen, schwerer Eingriff in den Straßenverkehr, ein entstandenes Graffito u.a. …

Alle Personen verweigerten die Aussage. Anschließend durften sie die PI verlassen.

Über das Ausmaß physischer und psysischer Gewalt von Seiten der Bullen hier in Weimar sind wir nicht verwundert, vielmehr ist es ein Vorfall, der wieder einmal unverschöhnt darstellt, dass das machtideologische Vorgehen der Cops und damit des Staates vor nichts Halt macht. Genau aus diesem Grund ist es nunmehr notwendig der Staatsmacht die scheinbare Allmächtigkeit abzusprechen, bzw. deren Strukturen geziehlt und geplant anzugreifen.

Wir rufen auf sich mit den Betroffenen hier in Weimar und auf der ganzen Welt zu solidarisieren, organisiert Widerstand!

via

Notizen

■ In Erfurt hat kürzlich ein unterstützenswertes Laden-Projekt mit dem Namen „Veto“ eröffnet (Pressemitteilung), das gleich zu mehreren Veranstaltungen im Rahmen der „Hände-hoch-Haus-her“-Tage lädt.

■ Zu einem Vortrag zur Kritik der realexistierenden Demokratie laden das BiKo und die Offene Arbeit Erfurt am 07.04. ab 20:30 Uhr – Link.

■ Außerdem gibt es am 12.04. ab 18:00 Uhr einen Vortrag über „Leben ohne Staat und Arbeit – bolo-bolo, eine Utopie“ im Predigerkeller in Erfurt. [Ich habe kürzlich hier einen Text von p.m. – dem Autoren des Buches „bolo-bolo“ – dokumentiert.]

Willy, Willy, merry me!

Wir freuen uns auf die Hochzeit – Katzenpunk, wow:

Ernst Bockelmeyer über Atomkraft

Wutpilger-Streifzüge: Bargan lässt es sein

In der Neujahrssendung der Sendereihe „Wutpilger-Streifzüge“ hört ihr am kommenden Sonntag ab 22:00 Uhr ein frühes Prosastück von Bertolt Brecht: Bargan lässt es sein. Die Flibustier-Geschichte handelt von einer Männerliebe und lässt noch zwischen Schmutz, Vergewaltigung und Blut Menschlichkeit aufblitzen – eine Neigung, die in der Verlorenheit des todbringenden Meeres endet…

Die Sendung wird am 09.01. auf Radio Corax um 18:00 Uhr wiederholt und kann jeweils per stream gehört werden:

http://www.radio-lotte.de/
http://www.radiocorax.de/

TEENITUS

Das Scheitern der Sprache #6

Franz Kafka

Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich.

(Kafka 1966, 19)
Brief an Oskar Pollak, 8. November 1903

»Es ist wahrlich ein Prügelmarkt…«

… so der Kommentar eines Freundes, als wir uns gestern beklommen gegenüber saßen, nachdem wir notgedrungen einen kurzen Weg durch die Innenstadt Weimars gehen mussten. Jedes Jahr am ersten [edit: entschuldigt, liebe Leserinnen; am zweiten] Oktoberwochenende, wenn hier der traditionelle ‚Zwiebelmarkt‘ begangen wird und sich die Einwohnerzahl der Stadt mit einem Schlag verdreifacht, schiebt sich der Stumpfsinn in zäher Masse, in Gestalt eines indolent-seligen Grinsens durch die Straßen und es gibt kein Entkommen. Die Gewalt ist hier nicht nur andauernd gegenwärtig, weil der Zwiebelmarkt jedes Jahr Anziehungspunkt für organisierte und nicht-organisierte Nazis ist – wenn sich die provinzielle Kulturstadt an diesem Wochenende in ein Zentrum der Unkultur verwandelt, dann können sich die gemeinen Familienväter in der Masse für kurze Zeit als Zentrum der Welt fühlen und diese Stärke muss gemessen werden. Es wundert mich, dass es auf dem Zwiebelmarkt noch nicht zu Toten kam. Ich verweise im Folgenden auf einen Text, den ich im letzten Jahr über den Zwiebelmarkt geschrieben habe, der deswegen nicht mehr ganz aktuell ist, weil ich inzwischen Zweifel an dem psychoanalytischen Kurzschluss von der individuellen auf eine kollektive Psyche hege, der m.E. aber dennoch einige Punkte dessen ganz gut trifft, was hier jedes Jahr passiert. Besonders ein Punkt ist in diesem Jahr noch einmal besonders widerwärtig hervorgetreten: ich schrieb von dem libidinös besetzten Symbol der Zwiebelkönigin. Dieses Jahr wird ein „Zwiebel-Luder“ gekührt werden, das sich dann auf der Top-40-Bühne entblößen darf.

Ein Wutgesang auf den Zwiebelmarkt

Die Buden sind inzwischen wieder abgebaut und nachdem der Zwiebelmarkt (8.10. – 11.10.2009) nun vorbei ist, bereiten sich die Weimarer Bürger auf den Winter vor und freuen sich schon auf den Weihnachtsmarkt. Solche Events gehören zu dieser Stadt und sie sind hier etwas besonders: Nicht umsonst ist Weimar eine Kulturstadt mit einem Kulturbahnhof.

Wie jedes Jahr wertet die Weimarer Presse das Wochenende des Zwiebelmarktes aus, was bedeutet dass sie sich darüber freut, dass dieses Jahr wieder mehr BesucherInnen aus ganz Deutschland am traditionellen Zwiebelfest teilgenommen haben.
Ereignisse anderer Art finden in der Auswertung jedoch kaum eine Beachtung: Etwa, dass sich am Freitag den 9. Oktober vor der Bühne des „Zwiebel Assault“ (ein Metal-Konzert auf dem Zwiebelmarkt) die gesamten Kameradschaften aus Thüringen versammelt hatten, die dann wohl daran beteiligt waren am Samstag einen 23-Jährigen halb tot zu prügeln. Das Opfer musste im Krankenhaus notoperiert werden, die Diagnose stellte einen Milzriss und innere Blutungen fest.

Einen Hassgesang auf den Zwiebelmarkt zu singen, ließe sich jedoch nicht allein dadurch rechtfertigen, dass der Zwiebelmarkt jedes Jahr zum Nazi-Treffpunkt wird. Die Auswahl des Opfers war in diesem Jahr wohl ebenso willkürlich, wie die Täter nur eine Stimmung zum überlaufen brachten, die sowieso jedes Jahr vorhanden ist.

Um eine genauere Bestimmung dessen vorzunehmen, was sich jedes Jahr am ersten Oktober-Wochenende auf Weimars Straßen abspielt, muss der Zwiebelmarkt zunächst als das betrachtet werden was er in erster Linie ist: Ein Massenevent. Sammeln sich Menschen in einer Masse, geschieht es oft, dass über individuelles Empfinden und einzelne Bedürfnisse hinweg gegangen wird. Massenveranstaltungen wie der Zwiebelmarkt tendieren dazu eine Stimmung zu entwickeln, die eine absolute Gleichförmigkeit der Bedürfnisse der Teilnehmenden geradezu erfordert: weiter lesen

Kriegstheaters Podcast online

K’s Kriegstheater eröffnet seinen Podcast mit einem Gespräch über das Verhältnis von Theologie und historischem Materialismus bei Walter Benjamin. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema soll in den nächsten Folgen, die von nun an jeden ersten Freitag im Monat erscheinen, vertieft werden.

Podcast 1 – Anselm Gramspan über Walter Benjamins Verhältnis zur Theologie

Lyrik ist nicht das Schlechteste

Texte, die nicht voraussetzungslos verstehbar sind, sind Lyrik.

Das war nach einer zweistündigen Diskussion die Aussage eines Anhängers des GSP-Verlages, auf die ich nichts mehr erwiderte. Schon das Ressentiment gegenüber der Lyrik – also jenem Umgang mit Begriffen, in dem diese am wenigsten fest sind – lässt erahnen wie erstarrt das Begriffsgebäude dieser Adepten ist. Wenn es keinen Gegenstand der Erkenntnis außerhalb der Geschichte gibt, kann es keinen Text geben der voraussetzungslos verstehbar wäre. Die Binsenweisheit, dass man es lernen muss zwischen den Zeilen zu lesen, enthält eine Wahrheit darüber, dass Begriffe ihre Bedeutung erst in Bezug zu den sich in einem Prozess befindlichen Dingen und in einer je spezifischen Konstellation zueinander bekommen. Als Buchstabenmarxist hat man seine Grammatik zu lernen, alles andere ist Lyrik.

Martin Büsser ist tot

Soeben die traurige Nachricht erhalten.

Nachruf des Ventilverlags | Nachruf von Linus Volkmann

Was würde besser passen als ein Antifolk-Song (via nation of swine) … roll, bus, roll:

„Wo ist das Gewehr, her damit…“

Monotekktoni, 03.09.2010, Offene Arbeit Erfurt

Positive Stimmung

Neonazi-Randale, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und drei Tote: so die Bilanz des „fröhlichen Partyotismus“ bis zum Aus der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußball-WM. Aus gegebenem Anlaß präsentiert KONKRET diese Spezialausgabe der Chronik aus dem ganz normalen „Fußball-Deutschland“. --- lesen

Waiting ergänzt die Liste

In Schwäbisch-Gmünd machen sie es doch wie bei Judas Priest:

In Schwäbisch-Gmünd schlägt ein Mann auf ein Ehepaar ein, das ihn daran hindern will, sein Deutschland-Trikot an ihrem Zaun zu verbrennen.

Deutschland – Fußball – Männer – Kotzen

Zum Glück ist die Gefahr, dass die deutsche Nationalmannschaft Fußballweltmeister werden könnte, seit gestern gebannt und das ganze Spektakel nun zumindest etwas gedämpft. Ich habe mal von einem Judas-Priest-Konzert in den 80′ern gehört, das riesengroß angekündigt wurde, aber dann kurz vorher abgesagt wurde. Aus Wut haben die angereisten Fans vor der Konzerthalle dann ihre Judas-Priest T-Shirts verbrannt. Es wäre lustig, wenn es bei der WM mal einen ähnlichen Effekt geben würde – alle vormals enthusiastischen Deutschland-Fans zu sehen, wie sie aus Wut über die Niederlage ihrer Mannschaft und laut über die Deutschen schimpfend auf einmal ihre Trikots und Deutschlandfahnen verbrennen würden…

Noch ein paar abschließende Notizen zum WM-Kram:

■ In meinem Hassgesang auf das WM-Spektakel habe ich einen Aspekt nicht in die Betrachtung einbezogen, der in dieses Phänomen doch ganz spezifisch mit hereinspielt: Das Geschlechterverhältnis. Meine Formulierungen zur Einleitung meines Vortrages „Das Bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ über den Männertag (ebenso Kalles Überlegungen auf dem wdn-blog), dürften auf die Fußballereignisse übertragbar sein, wenn es sich hier auch nochmal etwas anders äußert:

Ich würde gern mit einer Überlegung zum Männertag einsteigen, den wir vor wenigen Tagen wieder erlebt haben und ich würde mich gern fragen – was passiert eigentlich am Männertag? Ich denke, dass man grundsätzlich sagen kann, dass es dabei irgendwie darum geht, dass sich an einem solchen Tag Männer gegenseitig darin bestätigen, Mann zu sein. Man schließt an so einem Tag bewusst das andere Geschlecht aus und widmet sich zusammen mit anderen Männern explizit männlichen Tätigkeiten. Ich meine, dass der Männertag für ganz viele Männer tatsächlich sehr wichtig ist – gerade weil wir zur Zeit eine Entwicklung erleben, in der das Geschlechterverhältnis überhaupt nicht mehr starr zu bleiben scheint. Es gibt in einem gewissen Sinne ein Verschwimmen der Geschlechtergrenzen – die Homo-Ehe ist anerkannt, viele vormals geschlechtsspezifische Tätigkeiten können inzwischen von beiden Geschlechtern getätigt werden, ohne dass das zu irgend einem Skandal führen würde. Ich denke, dass gerade diese Entwicklung (auf die ich später noch einmal eingehen werde) für viele Männer eine enorme Verunsicherung bedeutet und dass nun solche Anlässe wie der Männertag für viele Männer die Funktion haben, sich in dieser Zeit der Verunsicherung doch ihres Männlichseins zu vergewissern. Sieht man sich solche Sachen wie den Männertag genauer an, dann kann man feststellen, dass da sehr einfache Dinge passieren: Männer rotten sich zu Horden zusammen, gehen Wandern, grölen dabei rum und besaufen sich. Ich würde sagen, dass dieses Rauschhafte, das in den kollektiven Alkoholexszessen liegt, etwas ganz wichtiges für die männlichen Subjekte ist – nämlich aus einem ganz bestimmten Grund; weil dieser Rausch es den männlichen Subjekten erlaubt, sich auf eine körperliche Nähe zu den anderen männlichen Subjekten einzulassen. Es lässt sich immer wieder beobachten – nicht nur beim Männertag, sondern auch bei Fußballspielen, beim Junggesellenabschied, bei Kneipentouren oder bei Rockkonzerten –, dass bei solchen Anlässen ein Rahmen dafür geschaffen wird, dass sich Männer gegenseitig berühren können. Es handelt sich zum Teil um innige, kameradschaftliche Umarmungen oder dass man sich gegenseitig im Arm liegt – auf jeden Fall scheint es bei solchen Anlässen wichtig zu sein, sich gegenseitig zu spüren. Leider ist es so, dass das männliche Subjekt in solchen Momenten eine gewisse Ahnung davon hat, dass es hier um eine verdrängte homosexuelle Neigung geht und das ist eine Ahnung, die das männliche Subjekt nicht zulassen darf. Deshalb gibt es verschiedene Riten, die es verhindern, dass sich die männlichen Subjekte ihrer Homosexualität bewusst werden und diese Riten enden immer wieder in einem Ausbruch von Gewalt. Die Körperlichkeit darf also nur dann zugelassen werden, wenn es sich um eine harte Körperlichkeit handelt. Die Umarmung endet oftmals in einer Kopfnuss, Körperlichkeit auf dem Rockkonzert besteht oftmals im Pogo, der bald vielmehr einer massenhaften Prügelei gleicht. Im letzten Jahr gab es zum Männertag Schlagzeilen, als sich in mehreren Städten aus den Männertagsumzügen Straßenschlachten entwickelt hatten. Letztendlich entlädt sich die nichteingestandene Homosexualität in Übergriffen gegenüber Frauen. Die Gewalt, die sich Männer täglich antun müssen, weil sie nicht passiv, sinnlich und zärtlich sein dürfen und die ganz offenbar wird, wenn tatsächlich eine Nähe zwischen Männern entsteht, wird am Ende den Anderen angetan.

Die Transkription des vollständigen Vortrages erscheint in Kürze bei Wider Die Natur.

■ Auf die Körperlichleit zwischen Männern hat Johannes Paul Raether in seiner sehr gelungen Fotoreihe von der Fanmeile der WM 2006 in Berlin einen Fokus gelegt:

Sehr zu empfehlen hier auch das Kotz-Video über Deutschland, das Land der Ideen …, es lohnt sich auf der Seite zu stöbern.

■ Bubizitrone weist auf den besonderen Service eines Cafés in Jena hin und ist ebenfalls von zwecklosen Diskussionen frustriert.

■ Anselm Gramschnabels (Gruppe Surpasser) Überlegungen zum Charakter von Massenevents anlässlich des Weimarer Zwiebelmarkts (der uns in Bälde leider wieder auf die Pelle rücken wird) könnten ebenso Aufschluss über den Charakter des Fußballspektakels geben.

■ Der Blog „Im Kopf Lokalisationweist auf ein Buch zur Kritik des Fußballsports hin, das mir nach dem Lesen der Einleitung zumindest als lesenswert erscheint, auch wenn hier mit der klassischen Manipulationsthese aufgewartet wird (Fußball ist Droge fürs Volk, damit das seine Interessen nicht erkennt). Lesen.

■ Im Audioarchiv befindet sich ein Vortrag von Freek Huisken über Fußball und Deutschlandwahn, der unter anderem auch die Manipulationsthese zurückweist:

Die neu­es­te Sen­dung Sach­zwang FM be­inhal­tet einen am 08.​06.​2010 in Ber­lin ge­hal­te­nen Vor­trag von Freek Huis­ken (GSP) über den ak­tu­el­len Deutsch­land­wahn und die Funk­tio­nen der Welt­meis­ter­schaft des Män­n­er­fuß­balls und ähn­li­cher Ver­an­stal­tun­gen für die Staa­ten­kon­kur­ren­zen.

In dem Vortrag sind einige gute Gedanken formuliert, das hören macht trotzdem keinen Spaß – „Das war der erste Punkt, jetzt komme ich zum zweiten Punkt.“ – „Wieso das ganze?“ – „Wozu die ganze Veranstaltung?“ – „Was haben die jetzt davon?“ – „Zu welchem Zweck machen die das jetzt?“ usw. – anstatt mal eine Argumentationsfolge stringent auszuführen, scheint der Referent die Höhrer_innen hier an die Hand des gesunden Menschenverstands nehmen zu wollen, was extrem nervt.

■ Und abschließend ein Zitat von einem Freund: „Wer ein Problem damit hat, wenn ich ‚Scheißdeutsche‘ sage, soll gefälligst wo anders hinziehen.“

Deutschland und Ich

„Warum faltest du die Hände – ist es Angst oder Dankbarkeit?“
(Bierbeben)

I.

Ereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft verwandeln einen großen Teil der deutschen Bevölkerung regelmäßig in einen Haufen von penetranten Barbaren, der es jenen Menschen, die für Fußball, Massenaufläufe, unmusikalische Chorgesänge, dilettantisches Fachgesimpel und feucht-warmes Wir-Gefühl nichts übrig haben, kaum möglich macht sich dieser Belästigung der Sinne zu entziehen. Das anti-musikalische Tröten mit Fußballtrompeten aus Plastik, das heisere Geschrei von artikulationsunfähigen Deutschlandfans, das orgiastische Aufschreien, das sich nach jedem Tor der Nationalmannschaft über die ganze Stadt erhebt und die penetrante Eindringlichkeit der laut aufgedrehten Sportmoderatorenstimmen macht vor keiner Haustür halt, dringt in jedes Schlafzimmer und in jedes heimliche Versteck ein, als wäre die kollektive Anspannung zu einer all-anwesenden Stimme geworden, die jedem Einzelnen den Imperativ einträufeln will: sei gefälligst unverkrampft und ausgelassen fröhlich mit uns, denn Wir sind Wir und du gehörst dazu. Jegliche Bestimmungen über Lärmbelästigung, Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen, sowie die Straßenverkehrsordnung werden bei Anlässen wie den sogenannten „Public Viewings“ und den anschließenden Auto-Konvois faktisch außer Kraft gesetzt und es scheint niemanden zu geben, der daran Anstoß nimmt. Auffällig ist, dass hier nicht nur ordnungsbehördliche Regelungen kollektiv überschritten werden (die Polizei übernimmt sogar die Koordination und Sicherung der Auto-Konvois), sondern dass auch sonst wirksame soziale Abgrenzungsmechanismen einfach verschwinden. In den Fußball-Kneipen sitzen Bauarbeiter, Universitätsprofessoren, Hartz-Vier-Empfänger und Großunternehmer nebeineinander und unterhalten sich auf einmal in der selben Sprache über das selbe Thema. Was die Möglichkeit dafür wäre, sich endlich einmal über die gesellschaftlichen Trennungen hinweg zu verständigen, ist in dieser Form der „Kommunikation“ jedoch von Anfang an liqudiert. Der Gegenstand des Gesprächs ist auf das Fachgesimpel über die Konkurrenz der Nationalmannschaften beschränkt, die gleichen auf den Sport konzentrierten Banalitäten werden bis zum erbrechen wiedergekäut, Sätze verkommen zu Parolen und Worte verschleißen zum Gestammel. Am Abend der Spiele verwandelt sich ein Teil der Fans in zombie-artige Zusammenrottungen, die sich amöbenhaft durch die Stadt bewegen, sich wahlweise vereinigen oder wieder in kleinere Gruppen zerfließen und von jedem Passanten erwarten, dass er die primitive Begeisterung teilt. Bleibt die erwartete Reaktion aus – üblicherweise das Erwidern der Fangesänge oder einfach nur die Wiederholung des gleichen Gestammels und Gestöhnes – reagieren die berauschten, zu fließenden Einheiten Verschmolzenen mit begriffsstutzigem Unverständnis, das mitunter in Aggressivität und Gewalt umschlägt. Selbst wenn die Übergriffigkeit der beflaggten Deutschen ausbleibt – dann bleibt es eine Frage des guten Geschmacks, diese widerliche Unkultur abzulehnen und die damit verbundenen Zumutungen, denen man sich dieser Tage kaum entziehen kann, zurückzuweisen.

II.

Wenn man seinen Unmut gegenüber diesen Belästigungen äußert, begegnet einem immer wieder Unverständnis – oft selbst von Menschen, die man bisher für intelligentere und einfühlsamere Zeitgenossen gehalten hat. Man bekommt Phrasen zu hören, – „Was ist denn so schlimm daran für seine eigene Nationalmannschaft zu sein?“ – „Man muss doch Nationalismus und gesunden Patriotismus voneinander unterscheiden können.“ – „Was ist denn verkehrt an so ein bisschen Gemeinschaftsgefühl?“ – „Du bist doch selber deutsch.“ – „Es ist doch total verkrampft, bei solchen unverkrampften Anlässen immer wieder mit der deutschen Vergangenheit anzukommen.“ – denen man kaum etwas erwidern kann, weil ihnen jede gemeinsame Diskussionsbasis entbehrt. Was solche Diskussionen stets durchdringt, ist die Überzeugung, dass man – ob freiwillig durch das Bekenntnis, oder zufällig qua Geburt – einem (nationalen) Kollektiv angehört. Diese Angehörigkeit ist stets positiv besetzt, hat man ihr doch eine institutionalisierte Infra- und Kommunikationsstruktur, eine gemeinsame Sprache und Kultur zu verdanken. Es gibt ein Bedürfnis, dieser Gemeinsamkeit mit den auf einem staatlichen Territorium lebenden Menschen, freudig Ausdruck zu verleihen. In diesem Bedürfnis entpuppt sich der politische Charakter von Events, in denen die „eigene Mannschaft“ gegen jene anderer Nationen antritt, Events die doch immer als so unpolitisch gelten, wo es doch angeblich nur um den Sport geht. Nicht nur, dass die am Event beteiligten Sportler nicht einfach als Sportler, sondern stets als Vertreter jenes Staats zum Wettkampf antreten, dessen Pass sie haben; die Verteidigung dieser kulturindustriellen Stumpfsinnigkeit entpuppt sich als ein Bedürfnis, sich selbst als Einzelnen einem übergeordneten – in diesem Fall dem nationalen – Kollektiv unterzuordnen. Es bedarf hier keiner Manipluation, etwa einer nationalen Bourgeoisie, die dem Volk Spiele liefern wöllte, damit das Volk von seinen eigenen Interessen abgelenkt wird, sondern es ist das Bedürfnis der Vereinzelten selbst, die es kaum noch denken können, dass das Allgemeinwohl nichts mit dem Wohl der Individuen zu tun hat. In Verhältnissen, die immer mehr dazu tendieren Individualität oder Besonderheit zu liquidieren und die die Einzelnen in der Konkurrenz stetig mit sozialem Abstieg und Entwertung bedrohen, bemerken die Einzelnen ihre eigene Bedeutungslosigkeit. Aber anstatt gegen diese Verhältnisse aufzubegehren und eigene, individuelle Wünsche und Bedürfnisse gegen die Allgemeinheit geltend zu machen, wirft man sich einer übergeordneten, abstrakten Einheit an den Hals – vielleicht um selbst an etwas teil haben zu können, das im Gegensatz zur eigenen Person offensichtlich Bedeutung hat. So gefolgert, hängen sich die Bewohner des deutschen Territoriums die Nationalfahne an`s Auto, an`s Haus und an den Körper, um das Gefühl der eigenen Nichtigkeit zu kompensieren. Das Partialinteresse war den Deutschen stets etwas Fremdes – hatte Freud den Prozess des Bewusstwerdens mit dem Satz beschrieben „Wo Es war soll Ich werden“, kann der nationale Taumel, der sich nicht nur in Fußballevents immer wieder Bahn bricht, als eine regressive Bewusstlosigkeit beschrieben werden: Wo Ich war, soll Wir werden. Dem gilt es einen Individualismus, individuelle Interessen entgegenzusetzen, ein Misstrauen gegen alles Vereinheitlichende und ein Bewusstsein darüber, dass die real hergestellte Einheit der Nation ein Zwang ist. Meine Nationalmannschaft, wäre nicht national, weil ich keine Lust darauf habe diese Form der Vergesellschaftung zu akzeptieren und mich dieser Form der Repräsentation unterzuordnen und sie wäre keine Mannschaft, weil mir Sportsgeist, körperliche Ertüchtigung und Geschlechtersegregation zuwider sind. Vielleicht würde diese nicht-nationale Nicht-Mann-Schaft sich im Versteckspiel in den Ruinen des Stadtrands ereifern oder im Wettbewerb um das Zubereiten der besten Reisplatte gegen andere solche „Schaften“ antreten, um anschließend diese Zubereitungen gemeinsam zu verzehren.

Wenn es um Ehre geht…

… dann fließt auch schnell mal Blut:

Deutscher Fan schießt Italiener nieder

Von Julia Jüttner

Wie oft hat Italien die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen? Darüber sollen ein Deutscher und zwei Italiener in einer Kneipe in Hannovers Rotlichtviertel in Streit geraten sein. Am Ende schoss der Deutsche beiden in den Kopf. Einer von ihnen starb, der andere schwebt in Lebensgefahr.

Hamburg – Tageslicht ist im Columbus unerwünscht. Über den Schaufenstern einer der ältesten Kneipen Hannovers, am Rande des Rotlichtviertels gelegen, prangt in knallroten Lettern der Name. Hinter den großen Scheiben hängen schwere, blickdichte Vorhänge. Rund um die Uhr hat das Lokal mit der langen Holztheke geöffnet. Wer hier reingeht, braucht kein Licht.

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I really hate sundays!

Wenn ich nicht hier bin…

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Was ist Materialismus?

Folgende Gedanken kamen mir heut bei der Kant-Lektüre. Ich bin mir noch etwas unsicher, vielleicht findet sich ja jemand, der mich herausfordert oder ergänzt…

Im allgemeinen Gebrauch des Begriffs „Materialismus“ wird dieser verstanden als ein Gegensatz zum Idealismus, der darin bestehe, dass der Idealismus davon ausgeht, dass die materielle Wirklichkeit ein Produkt der Ideen sei, während der Materialismus diese Bestimmung umdrehe und dagegen setzt, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Folglich analysiere der Materialist die Produktionsverhältnisse, aus denen die Ideen resultieren. Nun sind letztere Bestimmungen in Hinsicht auf Marx nicht unbedingt verkehrt – in etwa werden diese in der „Deutschen Ideologie“ so formuliert, doch ich meine, dass damit überhaupt nicht gesagt ist, was Materialismus ist. Aufschluss darüber, was Marx mit Materialismus meint, könnte der Idealist Kant in der Kritik der praktischen Vernunft geben. Als Grundsatz der reinen praktischen Vernunft wird dort formuliert, dass ein praktischer Grundsatz nur dann ein praktisches Gesetz sein kann, wenn der Bestimmungsgrund des Willens weder auf Lust/Unlust begründet ist, noch auf eine begehrte Wirkung hinziehlt. Glück als Bestimmungsgrund ist für ein praktisches Gesetz somit ausgeschlossen, weil ein praktisches Gesetz allgemein gelten muss, das Streben nach Glückseligkeit jedoch bei jedem Individuum etwas anderes bedeutet:

Worin nämlich jeder seine Glückseligkeit zu setzen habe, kommt auf jedes sein besonderes Gefühl der Lust und Unlust an, und selbst in einem und demselben Subjekt auf die Verschiedenheit der Bedürnis, nach den Abänderungen dieses Gefühls, und ein subjektiv notwendiges Gesetz (als Naturgesetz) ist also objektiv ein gar sehr zufälliges praktisches Prinzip, das in verschiedenen Subjekten sehr verschieden sein kann und muß, mithin niemals ein Gesetz abgeben kann, weil es, bei der Begierde der Glückseligkeit, nicht auf die Form der Gesetzmäßigkeit, sondern lediglich auf die Materie ankommt ob und wie viel Vergnügen ich in der Befolgung des Gesetzes habe. [I. Kant: Kritik der praktischen Vernunft, in: I. Kant: Die Kritiken, Zweitausendeins, Frankfurt a.M. 2008, S. 726]

Wenn nun Marx eine Gesellschaft fordert, die nach den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist, in der die Entfaltung des Einzelnen Grundlage für die Entfaltung aller ist, dann bedeutet dies, dass er darauf beharrt, dass es durchaus auf die Materie ankommt. Eine Gesellschaft ist dementsprechend daraufhin zu überprüfen, ob es den Einzelnen in der Verschiedenheit ihrer Bedürfnisse gut geht – was mit dem Aufstellen von der Form nach objektiven und verallgemeinerbaren Gesetzen nichts zu tun hat, sehr wohl aber damit ob ich ein Vergnügen daran habe oder nicht wie die Gesellschaft gestaltet ist. Vernunft ist demnach nichts, was vom Materiellen unbeschmutzt bliebe, sondern etwas, das es in der materiellen Welt zu verwirklichen gilt. Wenn das Materialismus ist, dann ist aber der Satz von Marx, dass alle Verhältnisse umzuwerfen seien, in denen der Mensch ein geknechtes, verächtliches (…) Wesen ist, alles andere als ein kategorischer Imperativ, wie Stephan Grigat diesen Satz öfters nennt. Denn ein kategorischer Imperativ ist gerade dadurch bestimmt, dass er unabhängig von Bedürftigkeit sowie Lust/Unlust, der Form nach verallgemeinerbar ist und nicht auf eine begehrte Wirkung ziehlt. Ich bin aber nur für den Kommunismus, wenn ich davon auch etwas habe.