Now they‘ve changed their tune

„Katie Cruel“ von Karen Dalton gehört meines Erachtens zu einem der schönsten Songs der Country- bzw. Folk-Geschichte um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Allein die raue Stimme von Karen Dalton erzählt etwas von dem Leben, das sie geführt hat: ein Leben voll Armut in Bars und Spelunken, enttäuschende Liebesbeziehungen, der ausbleibende musikalische Erfolg, Alkohol, Heroin und Exzess, das Leben auf der Straße – all das ist in ihre ausdrucksstarke Stimme eingegangen, als ein Instrument, das so unmittelbar mit dem eigenen Körper verbunden ist. Auch der Text von „Katie Cruel“ – ein traditioneller schottischer Folk-Song, der in seiner amerikanischen Version die Ereignisse des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs verarbeit – erzählt etwas von diesen Erfahrungen: Die Desituiertheit einer Frau, der es nicht gelingt, sich in die geltenden Regeln einzufügen, die deshalb keinen festen Ort finden kann, deren Örtlichkeit durch die Vergeblichkeit des Wünschens auf seltsame Weise raum-zeitlich verschoben ist: Oh that I was where I would be, Then I would be where I am not, Here I am where I must be, Go where I would, I can not. So ist diese Frau auf doppelte Weise getrieben: Von den anderen Menschen und von ihrem eigenen Verlangen (als zurückblickende Fliehende ist Karen Dalton auch auf dem Cover ihres Albums „In my own time“ zu sehen). Zuerst war diese Frau für ihre Schönheit bewundert worden – dann jedoch wird sie von den Leuten in Katie Cruel umbenannt. Diese Umbenennung markiert ein Ereignis – vielleicht ein Verbrechen, das sie begangen hat oder etwas, das ihr selbst angetan wurde, ihr aber als Schande angehängt wird? –, das selbst nicht aussprechbar ist. So ist Katie die Grausame in Ungnade gefallen und läuft durch den Wald und das Moor, schließlich die Straße herunter, als ob sie verfolgt würde, aber doch auch ihrer eigenen Liebe nach. Diese Gleichzeitigkeit von Flucht und Verlangen drückt sich in der Version von Karen Dalton auch auf der musikalischen Ebene aus: Ihre Stimme läuft beinahe hastend über die Banjo-Klänge, die selbst wie ein kieselig-unebener Boden klingen. Ein unglaublich schönes, trauriges Lied – Karon Dalton stand in der Rezeption zu Unrecht hinter Folk-Größen wie Bob Dylan zurück.


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