Für das Ende der Schüchternheit

Folgender Text ist ein Redebeitrag, den ich am 15.07. auf einer Demonstration für Freiräume gehalten habe.

Im Januar 2016 haben einige Leute in Halle etwas getan, was den üblich geltenden Regeln widerspricht. Sie haben die Tür eines leerstehenden Hauses aufgebrochen, eines Hauses, das sich im Besitz der städtischen Wohnungsgesellschaft befindet – und sie haben öffentlich Anspruch auf die selbstbestimmte Nutzung dieser Räume angemeldet. Eine Hausbesetzung in Halle. Hausbesetzungen unterscheiden sich dahingehend von anderen üblichen Aktionsformen der Linken, als dass hier eine unmittelbare Aneignung stattfindet. Der symbolisch-politische Raum wird verlassen, ein Stück weit werden die herrschenden Eigentumsregeln gebrochen und im Rahmen der angeeigneten Räumlichkeiten beginnt die bewusste Bestimmung über den eigenen Wohn- und Lebensraum. Aus dem Akt einer solchen Regelverletzung, wie es eine Hausbesetzung ist, kann etwas entstehen. Ein Stützpunkt vielleicht, im Anliegen, der totalen Verwaltung zu entgehen. Seit dem die Hafenstraße 7 im letzten Jahr besetzt wurde, ist sie für mich zu einem wichtigen Ort geworden. Die hier anzutreffende Gesellschaft ist meistens angenehm, es ist ein Ort, an dem man mit Sicherheit Leute trifft – auch wenn man am Sonntag Nachmittag verkatert ist, kann man hier Leute treffen, denen es vielleicht ähnlich geht. Die Hafenstraße 7 ist Punkrock – auch, aber nicht nur im musikalischen Sinn – der Ort strahlt eine Art von Energie aus, die sich gegen eine Domestizierung sträubt. Die Hafenstraße 7 ist gleichzeitig hippiesk – darin häufig politisch naiv, dafür aber angenehm unverkrampft im Vergleich zu anderen linken Hausprojekten, in denen allzuoft Dresscodes und Sprachregelungen über den Zugang entscheiden. Das Milieu der Hafenstraße 7 ist angenehm heterogen zusammengesetzt – sowohl was die soziale Herkunft, als auch das Alter betrifft. Kurz: Es ist ein Ort, an dem man angenehm Zeit verbringen kann.

Der Akt der Hausbesetzung ist eine Regelverletzung. Im Kontrast dazu schien mir jedoch die Argumentation zu sein, mit der die Hafenstraße 7 [HaSi] sich von Anfang an in der Öffentlichkeit zu Wort meldete. Die HaSi könne einen Beitrag zur Stadtteilentwicklung leisten, wo kulturelle und soziale Angebote fehlten. Die Hasi könne Räumlichkeiten für verschiedene Vereine in der Stadt zur Verfügung stellen und so einen Beitrag zur Vernetzung leisten. Die Hasi wolle ein Angebot für Geflüchtete schaffen. Die Hasi biete örtlichen Sozialarbeitern die Zusammenarbeit an und könne insgesamt gut für die Stadt sein. All das mögen sicherlich keine grundverkehrten Dinge sein, aber es fällt doch eines auf: In der Argumentation ist nicht das eigene Interesse an einem Haus wie der Hasi der Ausgangspunkt, sondern es wird auf ein allgemeines Interesse verwiesen. Das Viertel, die Stadt, die Allgemeinheit – sie sollen etwas von der Hausbesetzung in der Hafenstraße haben. Dass man sich zunächst natürlich selbst etwas davon erhofft, ist nicht Ausgangspunkt des öffentlichen Sprechens. Genau das ist übrigens der wesentliche Charakter von bürgerlicher Politik: Die Abstraktion, das Absehen vom eigenen Interesse – um zur Formulierung eines allgemeinen Interesses zu kommen. Diese Art von Allgemeinheit ist aber sehr konkret bestimmt von Voraussetzungen, die in der Sphäre der Politik nicht zur Verhandlung stehen: Im Namen des Allgemeininteresses lassen sich vorzugsweise diejenigen Interessen verwirklichen, die vom Standpunkt der kapitalistischen Privatwirtschaft ausgehen. Dass die HaSi ebenfalls versucht, ihr eigenes Anliegen im Namen des Allgemeininteresses zu vermitteln, hat nun natürlich seine guten Gründe. Denn üblicherweise wird auf eine Regelverletzung, wie es die Hausbesetzung ist, mit dem Einsatz der exekutiven Gewalt reagiert. Eigentum ist Eigentum – wer diese Grenze überschreitet wird geräumt und in diesem Vorgang liegt eine enorme Ungleichheit der Machtmittel. Vor dem Hintergrund dieser Ungleichheit hat die Hasi auf einen gewissen Spielraum spekuliert: Dass die Immobilie in der Hafenstraße schwer auf dem Markt verwertbar ist und dass der liberale Oberbürgermeister ein Wort für die Besetzer einlegen könnte. Um diesen Spielraum gewinnen zu können, hat die Hasi strategisch argumentiert – indem sie versucht hat glaubhaft zu machen, dass das Projekt auch im Interesse der Stadt liegen könnte. Diese Strategie ist aufgegangen, die Besetzung wurde zu einer Duldung, die Duldung wurde später durch einen Nutzungsvertrag abgesichert. Von diesem Resultat her ist auch die strategische Argumentation gerechtfertigt.

Und trotzdem sei ein Einwand fragend formuliert. Ist es nicht ein Problem, dass wir öffentlich kaum noch über die eigenen Interessen sprechen? Zementiert es nicht noch unsere Defensive wenn das eigene Interesse kaum noch im öffentlichen Diskurs vorkommt? Verlernen wir nicht so, die eigenen Bedürfnisse und Einschränkungen zu thematisieren oder gar zu politisieren? Müsste angesichts einer verlogenen Allgemeinheit anstatt des Allgemeininteresses nicht der Konflikt der Ausgangspunkt der Politisierung sein?

Hier ein Versuch, zu formulieren, wie sich eine Hausbesetzung vielleicht jenseits der quasi-sozialarbeiterischen Integration rechtfertigt. Eine Hausbesetzung ist eine praktische Kritik des Mietverhältnisses. Die Miete ist Ausdruck dessen, dass in unserer Gesellschaft das Grundbedürfnis des Wohnens ein Mittel zur Verwertung ist. Nicht, weil Leute wohnen müssen, werden hier Häuser gebaut und Wohnungen zur Verfügung gestellt, sondern weil dies eine probate Möglichkeit ist, aus Geld mehr Geld zu machen. Das Geld ist gleichzeitig das einzige Mittel, das einem Zugang zum Wohnen verschafft. Weil das so ist, muss jeder, der wohnen will – und das wollen die meisten – lohnarbeiten, um das notwendige Geld zu beschaffen. Die Miete verzehrt dabei einen erheblichen Teil des Geldes, das man sich monatlich erarbeitet. Das Mietverhältnis ist eine Erpressung, die uns lebenslang zur Lohnarbeit zwingt – entweder wir malochen oder wir wohnen nicht.

Das, wozu wir durch die Miete gezwungen werden, die Lohnarbeit, ist durch Vereinzelung geprägt. Auf dem Arbeitsmarkt ist jeder für sich alleine verantwortlich, jeder ist mit seiner eigenen Reproduktion allein gelassen – und dass auf der Arbeit nicht irgendeine Art von sinnvoller Kollektivität entsteht, dafür sorgt schon gründlich das moderne Betriebsmanagement. Um dieser Vereinzelung zu entkommen, bräuchte es einen Raum jenseits der Maloche. Aber wo finden wir solche Räume? Der urbane Raum ist schon längst nach privatwirtschaftlichen Maßgaben zugerichtet. Der urbane Raum ist interessant für Leute, die nach Kapital-Anlage-Möglichkeiten suchen. Aber für uns? Der urbane Raum ist längst ein steriles, abgedichtetes Territorium geworden. Waren etwa Bahnhofshallen früher seltsame Zwischenorte, an denen nicht nur Reisende warteten, sondern die gleichzeitig Treffpunkt für allerlei seltsames Völkchen waren (Penner, Punks, Leute nach Feierabend) – heute sind sie hoch überwachte Orte, an denen man nichts anderes darf außer einkaufen. Bahnhöfe sind kurzlebige Durchgangsorte an denen man nebenbei sein Geld lassen soll. Öffentlichen Raum gibt es aber auch im Rest der Stadt so gut wie nicht mehr. Wenn sich in einem Viertel alternative Zentren oder Wohnprojekte festsetzen konnten, was selten genug passiert, dann haftet ihnen sogleich der Verdacht an, dass sie nur als Funktion geduldet sind. Als Funktion, das vorzubereiten, was unter dem Namen „Gentrifizierung“ bekannt geworden ist – und das heißt, dass das mittelfristige Ende dieser Viertel, dieser Projekte schon abzusehen ist. Kurzum: Auch wenn wir uns inzwischen längst daran gewöhnt haben: Die Städte sind für uns zu feindlichen Territorien geworden.

All das könnte Grund genug zu sein – wir brauchen Orte, die anders sind. Wir brauchen Orte, an denen wir einerseits ein Entkommen vor der Lohnarbeit denken können – und die gleichzeitig anders funktionieren als die zugerichtete Urbanität des Kapitalismus. Orte, an denen Kollektivität gelingen kann, Orte, an denen die Ahnung wachsen kann, dass Warenförmigkeit und produktive Tätigkeit nicht zwingend zusammengehören. Wenn wir uns aber vergegenwärtigen, was wir uns schüchtern erkämpft haben – es ist nicht sehr viel. Der Charme des Randständigen und Verwegenen ist nicht zu verachten – dieser Charme entspringt aber auch der Not, dass es heute höchstens noch möglich ist, an ein paar Abrissbuden heranzukommen. Verglichen mit dem Reichtum, den unsere Gesellschaft produziert und an dessen Produktion wir beteiligt sind, haben wir kaum mehr als nichts. Es ist uns aber von dieser Gesellschaft beinahe bis ins Innere eingeschrieben worden, dass uns kaum etwas zusteht. Wer sich etwas nimmt, ohne zu fragen, der versündigt sich an einer Gesellschaft, in der Lohnarbeit und Selbstverwirklichung angeblich verschwistert sind. Das allgemeine Interesse ist der Wärter dieser verlogenen Einheit.

Orte wie die Hafenstraße können die Möglichkeit sein, die Lust daran zu entdecken, sich am allgemeinen Interesse zu versündigen – und das eigene Interesse zu entdecken.

In diesem Sinne:
Für das Ende der Schüchternheit!


1 Antwort auf “Für das Ende der Schüchternheit”


  1. 1 Da 20. Juli 2017 um 13:07 Uhr

    würd ich mal einen Punkt dahinter setzen, ausdrucken, einfärben und unter die Leute bringen. Klasse!

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