Stonewall was a Riot!

In Halle fand der Christopher Street Day dieses Jahr etwas verspätet im September statt. Radio Corax hat aus diesem Anlass eine Themenzeitung zum CSD herausgegeben, in der es um den Stand der LGBTI-Bewegung geht. Ich habe einen kleinen Text dazu beigesteuert:

Stonwall was a Riot!

CSD – Zwischen Revolte und Anpassung

Am 28. Juni 1969 ist es in New York zu einem folgenreichen Aufstand gekommen. Die Polizei hat damals, vor 47 Jahren, versucht, eine Bar mit dem Namen „Stonewall Inn“ zu stürmen – eine Bar, in der vor allem Schwule und Lesben, Drags und Prostituierte einkehrten. Solche Leute hatten in jenen Jahren nichts zu lachen – Demütigungen und Schikane standen auf der Tagesordnung. Am 28. haben sie es sich nicht weiter gefallen lassen. Sie haben zurückgeschlagen. Diese Gegengewalt hat einen unumkehrbaren Prozess in Gang gesetzt – zum Glück. Dass dieser Prozess aber sehr widersprüchlich war und ist, zeigt ein Vergleich der Anfänge des CSD mit den heutigen Paraden. Heute finden lokale CSD-Paraden unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeistern statt, linke Sozialdemokraten demonstrieren einträchtig mit dem Schwulen- und Lesbenverband der CDU, oftmals steht die Forderung nach der gleichgeschlechtlichen Ehe im Zentrum1. Ein Freund von mir hat einmal gesagt: Wozu denn die Ehe für Schwule – dann kann ich doch auch gleich hetero sein. Vom Aufstand gegen die heterosexuelle Gesellschaft2, hin zur Angleichung an sie – so lässt sich vielleicht die Entwicklung eines Teils der CSD-Bewegung beschreiben. Natürlich gibt es auch kritische Teile der Homo-Bewegung3 (die etwa alternative, radikale CSD‘s organisieren). Und von da ist etwa die Analyse zu hören, dass es seit 1969 in der westlichen Welt zwar einige (nicht gering zu schätzende) Verbesserungen für Homosexuelle gegeben hat, dies aber zu dem Preis der Heterosexualisierung der Homosexualität. Anders ausgedrückt: Je mehr Homosexuelle rechtlich und gesellschaftlich gleichgestellt sind, um so mehr unterliegen sie dem Druck, einem bestimmten Bild der Homosexualität entsprechen zu müssen. Eine Homosexualität, die in ihren Normvorstellungen denen der Heterosexualität gleicht: Angepasst, sauber, gesund, mit jeweils einem Partner, Kindern, regulärer Lohnarbeit und Steuererklärung. Eben, weil in der bürgerlichen Gesellschaft anhand der Sexualität immer auch Konzepte von Gesundheit, Funktionieren, Gesellschaftsfähigkeit mitverhandelt werden – das Funktionieren in einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz und Verwertbarkeit basiert. Disparate Sexualitäten, Vorlieben, Lebensweisen, die nicht diesem Bild der angepassten, sauberen, gesunden, erfolgreichen Homosexualität entsprechen, geraten um so mehr unter Druck, ziehen vielleicht noch verschärftere Projektionen auf sich, die früher dem schwulen Mann als Bürgerschreck vorbehalten waren. Dass das an der heterosexuellen Kleinfamilie orientierte Modell von Homosexualität nicht unbedingt immer das Ziel der Homo-Bewegung gewesen ist, das wird etwa durch einen genaueren Blick auf die Ursprungsereignisse des CSD deutlich. In Reaktion auf den Stonewall-Riot hat sich 1969 in den USA etwa die „Gay Liberation Front“ gegründet4. An der GLF ist hervorzuheben, dass sie klar erkannte, dass die Frage der Sexualität mit der ganzen Gesellschaft verknüpft ist. In einem Zeitungsinterview antwortete sie auf die Frage, was die GLF ist, mit folgender Ausführung:

Wir sind eine revolutionäre homosexuelle Gruppe von Männern und Frauen, die sich mit der Erkenntnis gebildet hat, dass komplette sexuelle Befreiung für alle Menschen nicht verwirklicht werden kann, wenn nicht die existierenden sozialen Institutionen abgeschafft werden. Wir lehnen den Versuch der Gesellschaft ab, uns sexuelle Rollen und Definitionen unserer Natur aufzuerlegen. Wir treten aus diesen Rollen und simplistischen Mythen heraus. Wir werden sein, wer wir sind. Zur gleichen Zeit schaffen wir neue soziale Formen und Beziehungen, das bedeutet Beziehungen, die auf Brüderlichkeit, Kooperation, menschlicher Liebe und ungehinderter Sexualität basieren. Babylon hat uns gezwungen, uns einer Sache zu verpflichten … der Revolution.

Zur inhaltlichen Schärfung der Bewegung hat etwa das Gay-Liberation-Front-Mitglied Carl Wittman wichtige Beiträge geschrieben. 1970 veröffentlichte der das „Gay Manifesto“ – ein Traktat, in dem er etwa die Notwendigkeit formulierte, sich mit der feministischen und antirassistischen Bewegung zusammenzutun und reflektierte, dass Homosexuelle trotz ihrer Unterdrückung auch von der heterosexuellen Gesellschaft geprägt sind – dass also eine Befreiung als ein sehr vielschichtiger Prozess gedacht werden muss. Und Carl Wittman hatte im Gay Manifesto zur Institution der Ehe nichts Gutes zu sagen. Es heißt dort:

Marriage is a prime example of a straight institution fraught with a role playing. Traditional marriage is a rotten, oppressive institution. Those of us who have ben in heterosexual mariages too often have blamed our gayness on the brakeup of the marriage. No. They broke up because marriage is a contract whitch smothers both people, denies needs, and places impossible demands on both people. And we had the strength, again, to refuse to capitulate to the roles which were demanded of us.

Das Gay Manifesto macht eine Suchbewegung deutlich – auf der einen Seite wird darin eine Kritik am eigenen, schwulen Ghetto formuliert, auf der anderen Seite wird die Notwendigkeit einer revolutionären Überwindung der bestehenden Gesellschaft gefordert. Wie eine andere, nicht-heterosexuelle Gesellschaft aussehen könnte und was das für eine Neuorganisierung aller gesellschaftlicher Bereiche bedeuten müsste, wird als offene Frage formuliert. Mit Skepsis wird die kommunistische Bewegung betrachtet, da in ihr allzu oft entweder selbst ein homophobes Ressentiment vorherrschte oder die Frage der Gay Liberation als zu vernachlässigendes Problem behandelt wurde. Hervor sticht eine anti-staatliche Haltung. Vielleicht bietet das Gay Manifesto, zumindest in seiner Stoßrichtung, einen Orientierungspunkt, wenn man heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen einen rechts-konservativen Backlash feststellt – und damit klar wird, dass die Bewegungstendenzen innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft immer wieder zum Nachteil für jene werden, die von ihr Anerkennung und Gleichstellung gefordert haben.

  1. Ich will hier gar nicht kritisieren, dass der CSD nur noch Party sei, wie es manchmal vorgebracht wird. Einen Anlass dafür zu haben, einmal ausgelassen und fröhlich zu sein, sich jenseits des Alltags einmal am Leben zu freuen, mit den Vorlieben und Ausdrucksweisen, die man hat – daran kann ich nichts Verkehrtes erkennen. Wenn der CSD aber selbst politisch daher kommt, muss er sich aber an seinen eigenen Maßstäben messen lassen. [zurück]
  2. Gemeint war und ist nicht die Gegenerschaft gegen Männer, die Frauen begehren und umgedreht – sondern die Gegnerschaft zu einer Gesellschaft, die die Heterosexualität als Norm setzt und dabei weitaus mehr meint als eine bloße Vorliebe. [zurück]
  3. Wenn ich im Folgenden von Homo-Bewegung, Homosexualität oder Homosexuellen spreche, dann meine ich Transen, Queers und Intersexuelle mit. Der Einfachheit halber. [zurück]
  4. Für die Gay Liberation Front gilt sicherlich, was für die meisten Gruppierungen der Neuen Linken der 60er Jahre gilt: dass man sie sich kritisch aneignen sollte, dass nicht Alles der damals erarbeiteten Inhalte fraglos übernommen werden kann. [zurück]

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