Die negative Universität

Primo Moroni und Nanni Balestrini berichten in ihrem Buch „Die Goldene Horde – Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien“ von den Auseinandersetzungen an der Universität Trient in den Jahren 1965-67. In diesem Abschnitt zitieren sie Auszüge aus dem Manifest für eine negative Universität von 1967:

Universität und Gesellschaft

Heute stellt sich die Universität strukturell als eine Organisation dar, deren Funktion es ist, die unterschiedlichsten technischen Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen. Die Universität stellt die auf den neuesten Stand gebrachten (technischen) Instrumente zur Verfügung, um die Organisation der Herrschaft einer Klasse über die anderen Klassen weiter auszubauen. Der so ausgebaute, potenzierte technologische Apparat kann endlich an die Stelle des »Terrors« in der Bändigung der zentrifugalen gesellschaftlichen Kräfte treten und gibt der Klasse, die über ihn verfügt, eine immense Überlegenheit über den Rest der Gesellschaft.

Die Universität als Herrschaftsinstrument

Die Universität ist ein Klasseninstrument. Auf ideologischer Ebene hat sie die Aufgabe, eine bestimmte Ideologie zu produzieren und zu vermitteln – jene der herrschenden Klasse – die sich aber als objektive Wissenschaft präsentiert und Verhaltensweisen – bestimmte Verhaltensweisen – jene der herrschenden Klasse, die sie aber als notwendig und universell darstellt.

Universität und Unterdrückung

Manchmal aber genügen die technischen Instrumente nicht, um den Status quo aufrechtzuerhalten. Das ist dann der Fall, wenn nicht-integrierte Gruppen das ruhige, manipulierte politische Universum stören. In den Universitäten wird den Studenten das Recht verweigert, sich zu grundsätzlichen (oder weniger wichtigen) Problemen der nationalen und internationalen Politik zu äußern … UNTERDRÜCKUNG UND GEWALT bilden in unserer Gesellschaft ein zusammenhängendes Geflecht. Aber wir stellen die Hypothese auf, daß es noch eine konkrete Möglichkeit gibt, dieses reife kapitalistische System durch neue Formen des inneren und äußeren (nationalen und internationalen) Klassenkampfes radikal umzustülpen. Wir propagieren die Idee einer NEGATIVEN UNIVERSITÄT, die innerhalb der offiziellen Universität, aber in Widerspruch zu ihr, die Notwendigkeit eines theoretischen, kritischen und dialektischen Denkens begründet. Ein Denken, welches das, was die Marktschreier Vernunft nennen, entlarvt und so die Voraussetzungen für eine politisch kreative, antagonistische und alternative Arbeit schafft.

Politischer Protest

… Nur der Umsturz des Staates wird eine reale Umstrukturierung des Bildungssystems möglich machen … Der Student muß daher – über seinen aktuellen Status hinaus – in einer langfristigen Perspektive an der Herausbildung (Stimulierung) einer revolutionären Bewegung der unteren Klassen arbeiten, die sich eine dem neuen Kampftypus angemessene organisatorische Form gibt. Wir haben die Negative Universität als den Ort bestimmt, der Politik und die kritische Analyse der Anwendung wissenschaftlicher Instrumente integriert, Instrumente, wie sie sonst von der Schicht der intellektuellen der herrschenden Klasse an unserer Universität propagiert werden.
Einem kapitalistischen Gebrauch der Wissenschaften muß man einen sozialistischen Gebrauch der entwickelsten Techniken und Methoden gegenüberstellen.

Formen des ideologischen Protests

Der ideologische Protest drückt sich in unterschiedlichen Formen aus:

    a) Gegenvorlesungen und weiße Besetzungen. Die Gegenvorlesungen finden in der Regel zur selben Zeit statt wie die offiziellen Vorlesungen, sie behaneln den universitären Lehrstoff und versuchen, wenn es für opportun gehalten wird, den offiziellen Vorlesungen die gesamte Zuhörerschaft zu entziehen …
    b) Gegenseminare: organischere Formen des Protests mit weniger unmittelbaren und spektakulären Zielen; sie bestehen in einer bewußteren und gründlicheren politischen Sozialisation der bereits sensibilisierten Studenten.

Gewerkschaftlicher Protest

Schließlich möchten wir anmerken …, daß unser Interesse für die Studentenbewegung keinesfalls ihre Überbewertung einschließt. Unserer Meinung nach kann die Studentenschaft in keiner Weise als eine »Klasse« angesehen werden, deren Interessen objektiv und potentiell dem herrschenden ökonomisch-sozialen System gegenüber antagonistisch sind … Wir sehen deshalb die Universität zwar als ein Kampfzentrum an, aber es ist nicht das einzige und nicht das wesentlichste; die Universität sollte aber auch nicht unterbewertet werden, da in ihr die vom Kapital programmierte Nivellierung Gestalt annimmt …
Eine Art, sich gegen diese Nivellierung zu wehren, ist der Versuch, mit den von uns herausgefundenen Instrumenten potentiellen antagonistische Kräfte (ANTI-PROFESSIONSITEN) entgegen ihrer technokratischen Karriere zu uns herüberzuziehen, um sie, nicht nur vorübergehend, an die Seite anderer antagonistischer Kräfte in unserer Gesellschaft zu stellen. Aus diesem Grund verfolgen wir das Projekt einer NEGATIVEN UNIVERSITÄT, die an den italienischen Universitäten in neuer Form jene revolutionäre Tendenz ausdrückt, die allein unsere Gesellschaft von der Vorgeschichte zur GESCHICHTE führen kann.

Das Manifest markiert den Punkt, an dem die Studenten in einer Phase der Prosperität, in der der Kapitalismus auf nationaler Momente zentraler Planung in sich aufnimmt, damit beginnen, ihre eigene Funktion im Gesamt(re)produktionsprozess zu verweigern. Im darauffolgenden Jahr wird sich die Tendenz der studentischen Kämpfe zunehmend gegen die Universität richten. Wem liegt eine vollständige Übersetzung des Manifests vor? Von Interesse wäre außerdem der Text „Gegen die Universität“, der 1968 in den „Quaderni Piacentini“ erschienen ist.