Archiv für Mai 2016

Die negative Universität

Primo Moroni und Nanni Balestrini berichten in ihrem Buch „Die Goldene Horde – Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien“ von den Auseinandersetzungen an der Universität Trient in den Jahren 1965-67. In diesem Abschnitt zitieren sie Auszüge aus dem Manifest für eine negative Universität von 1967:

Universität und Gesellschaft

Heute stellt sich die Universität strukturell als eine Organisation dar, deren Funktion es ist, die unterschiedlichsten technischen Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen. Die Universität stellt die auf den neuesten Stand gebrachten (technischen) Instrumente zur Verfügung, um die Organisation der Herrschaft einer Klasse über die anderen Klassen weiter auszubauen. Der so ausgebaute, potenzierte technologische Apparat kann endlich an die Stelle des »Terrors« in der Bändigung der zentrifugalen gesellschaftlichen Kräfte treten und gibt der Klasse, die über ihn verfügt, eine immense Überlegenheit über den Rest der Gesellschaft.

Die Universität als Herrschaftsinstrument

Die Universität ist ein Klasseninstrument. Auf ideologischer Ebene hat sie die Aufgabe, eine bestimmte Ideologie zu produzieren und zu vermitteln – jene der herrschenden Klasse – die sich aber als objektive Wissenschaft präsentiert und Verhaltensweisen – bestimmte Verhaltensweisen – jene der herrschenden Klasse, die sie aber als notwendig und universell darstellt.

Universität und Unterdrückung

Manchmal aber genügen die technischen Instrumente nicht, um den Status quo aufrechtzuerhalten. Das ist dann der Fall, wenn nicht-integrierte Gruppen das ruhige, manipulierte politische Universum stören. In den Universitäten wird den Studenten das Recht verweigert, sich zu grundsätzlichen (oder weniger wichtigen) Problemen der nationalen und internationalen Politik zu äußern … UNTERDRÜCKUNG UND GEWALT bilden in unserer Gesellschaft ein zusammenhängendes Geflecht. Aber wir stellen die Hypothese auf, daß es noch eine konkrete Möglichkeit gibt, dieses reife kapitalistische System durch neue Formen des inneren und äußeren (nationalen und internationalen) Klassenkampfes radikal umzustülpen. Wir propagieren die Idee einer NEGATIVEN UNIVERSITÄT, die innerhalb der offiziellen Universität, aber in Widerspruch zu ihr, die Notwendigkeit eines theoretischen, kritischen und dialektischen Denkens begründet. Ein Denken, welches das, was die Marktschreier Vernunft nennen, entlarvt und so die Voraussetzungen für eine politisch kreative, antagonistische und alternative Arbeit schafft.

Politischer Protest

… Nur der Umsturz des Staates wird eine reale Umstrukturierung des Bildungssystems möglich machen … Der Student muß daher – über seinen aktuellen Status hinaus – in einer langfristigen Perspektive an der Herausbildung (Stimulierung) einer revolutionären Bewegung der unteren Klassen arbeiten, die sich eine dem neuen Kampftypus angemessene organisatorische Form gibt. Wir haben die Negative Universität als den Ort bestimmt, der Politik und die kritische Analyse der Anwendung wissenschaftlicher Instrumente integriert, Instrumente, wie sie sonst von der Schicht der intellektuellen der herrschenden Klasse an unserer Universität propagiert werden.
Einem kapitalistischen Gebrauch der Wissenschaften muß man einen sozialistischen Gebrauch der entwickelsten Techniken und Methoden gegenüberstellen. (mehr…)

Sich um Inhalte herum organisieren

Herr Feeper, der hier und da seine Spuren hinterlässt, hat einen Kommentar für die März-Ausgabe des Transmitter™ geschrieben. Hier zum Nachlesen:

Der Grund, ein freies Radio – wie etwa FSK oder Radio Corax – zu betreiben, liegt in dem Bedürfnis nach Verständigung. Auch wenn solche Projekte meist nicht auf einem ausgearbeiteten, einheitlichen Programm basieren, geht es doch um mehr als um bloße Berichterstattung. Es geht um eine grundlegende Kritik der Gesellschaft, es geht darum, zu artikulieren, nicht akzeptieren zu können, dass es bleibt wie es ist, es geht um die Artikulation einer Feindschaft gegenüber den herrschenden Institutionen, um die Entfaltung subversiver Tätigkeiten, um die Wiederaneignung des eigenen Lebens. Das sind große Ansprüche. Und viele, die heute an solchen Ansprüchen festhalten, fühlen sich allein und marginalisiert. Man sieht sich in seinem Bedürfnis nach Veränderung mit einer Übermacht der Verhältnisse konfrontiert und in linksradikalen Kreisen herrscht eine allgemeine Ratlosigkeit darüber, wie und wo man heute praktisch ansetzen könnte. Wenn man die eigene Marginalisierung feststellt, liegt es nahe, darüber zu diskutieren, wie sich die Marginalisierten zusammenschließen können, wie sie sich besser organisieren können. Ein Beispiel eines größeren Organisierungsversuchs ist etwa das kommunistische Um’s-Ganze-Bündnis, das bundesweit mittlerweile 11 linksradikale Gruppen zusammenschließt. Ein weiteres Beispiel ist die Interventionistische Linke. Die Motivation, sich in solchen Bündnissen zusammenzuschließen, liegt in der Hoffnung, so einen Weg zu finden, um nicht mehr nur vereinzelt herzumzuwurschteln, die Fähigkeiten der Beteiligten zusammenwirken zu lassen und so auch überregional handlungsfähig zu werden. Allerdings stellt sich für mich die Frage, ob mit der Quantität der in einer Gruppe oder in einem Bündnis organisierten Personen automatisch eine größere Handlungsfähigkeit oder Wirksamkeit verbunden ist. Mir scheint es oftmals so zu sein, dass ein größerer Organisierungsrahmen die Fähigkeiten und Potentiale der beteiligten Individuen eher absorbiert, als sie zu potenzieren. Ich habe es oft erlebt, dass der Aufruf eines Bündnisses inhaltlich unbestimmt und leidenschaftslos blieb, obwohl ich wusste, dass einzelne beteiligte Personen zum betreffenden Gegenstand viel klugere und treffendere Dinge zu sagen gewusst hätten. Der Zwang, eine gemeinsame Bündnis-Position finden zu müssen, führt so mitunter zu einer inhaltlichen Verwässerung. Überhaupt scheint es mir so zu sein, dass der Zusammenschluss in einem Bündnis die Gefahr in sich birgt, sich vor allem auf die eigene Darstellung nach außen und die Beschäftigung mit sich selbst konzentrieren. So verringert sich aber die Aufmerksamkeitsspanne und man droht in Schematismus zu verfallen. So fällt meines Erachtens etwa das Um’s-Ganze-Bündnis nicht durch bestechende Analysen und gelungene praktische Coups auf, sondern vor allem durch bestimmte Schlagwörter und ein gewisses Auftreten auf Demonstrationen.

Mein Misstrauen gegenüber Polit-Bündnissen soll dabei nicht falsch verstanden werden. Ich möchte nicht die Vereinzelung hochleben lassen und sehe selbst eine Notwendigkeit darin, sich zusammenzutun und sich auszutauschen. Nur glaube ich nicht, dass die große Veränderung damit beginnt, eine große Organisation zu schaffen. Die Marginalisierung ist nicht durch einen Sprung zu überwinden – wer glaubt, dass eine Organisation oder ein Bündnis die Sache reißen könnte, hängt einem gewissen Voluntarismus oder einem Erlösungsglauben an. Die Organisation wird uns ins gelobte Land führen. Eine qualitative Veränderung der Gesellschaft hängt aber weniger davon ab, wie groß die Bündnisse sind, in denen sich ihre Gegner zusammenschließen, sondern eher davon, wie sich der Bodensatz der Gesellschaft entwickelt – welche Risse darin aufbrechen, welche Konflikte sich daraus ergeben und welche Möglichkeitsräume sich aus der Überkommenheit ihrer politischen Formen ergeben. Die marginalisierten radikalen Kräfte müssen ihre Aufmerksamkeit auf diese Dinge lenken. Veränderungsmöglichkeiten entstehen oftmals nicht dort, wo man sie erwartet – sie entstehen aber sicherlich nicht in den Kreisen linker Polit-Profis. Um die Aufmerksamkeit für solche Möglichkeiten zu schärfen und sich daran zu üben, sie zu ergreifen, ist es sicherlich notwendig, sich auch überregional auszutauschen und informelle Verbindungen zu schaffen. Um ein Gespür für die untergründigen Entwicklungen und Verschiebungen der Gesellschaft zu entwickeln, müssen diese Netzwerke aber verzweigter sein und an randständigere Orte reichen, als dies in der Trägheit und vereindeutigenden Kraft eines Bündnisses möglich wäre, in denen man doch immer nur die gleichen Leute trifft. Wenn die Organisation wichtiger ist, als das, was mann konkret in den Blick nimmt, wird sie in dem Moment im Weg stehen, in dem es notwendig wird, eine schnelle Entscheidung zu fällen. Deshalb ist es m.E. eher notwendig, sich erst einmal zeitlich befristet um bestimmte Interessen und Vorhaben herum zu organisieren und zu schauen, wie von dort aus weiter gegangen werden kann. Oder wie es Johannes Agnoli einmal formulierte:

Gerade in dieser desolaten Situation muß man vielleicht doch den Mut haben, nicht nach Organisationsformen zu suchen, sondern sich gewissermaßen um Inhalte herum organisieren. Ich kann mir denken, daß in der heutigen Situation lose miteinander verbundene, aber inhaltlich wirklich geklärte und vernunftbegabte Kollektive den ersten Schritt darstellen. Nicht etwa in den alten Fehler verfallen: zuerst schaffen wir ein Zentralkomitee, die Massen werden dann kommen. Offensichtlich ist das der falsche Weg. Es ist viel wichtiger, an der Basis zu arbeiten und kleine, in sich konsistente Gruppierungen zu schaffen. Wie sie dann zueinander in Verbindung kommen, das hängt zum Teil auch von der gesellschaftlichen Entwicklung ab. Ich bin da keineswegs Pessimist. Die Wissenschaft beweist, daß es zu keiner Revolution mehr kommen wird. Und ich sage eben: die Menschheit ist viel flexibler, als es die Wissenschaft manchmal glaubt. Auf einmal ist eine Explosion da. Und wenn eine Explosion da ist, so ist die Möglichkeit dieser Kollektive, miteinander in Verbindung zu treten und tatsächlich etwas gemeinsam zu schaffen, durchaus gegeben.

Sicherlich muss man im Moment eher Angst vor den vorhandenen Explosivkräften haben, wie man an den täglichen Nachrichten über Angriffe auf Asylunterkünfte ablesen kann. Aus diesem Grund erhält der Zusammenschluss antifaschistischer Zusammenhänge eine größere Notwendigkeit. Meinem Eindruck nach können aber große überregionale Bündnisse, wie Um’s Ganze, kaum einspringen, wenn es um die Reaktion auf lokale Vorkommnisse geht. Ob das große Antifa-Bündnis-Treffen in Frankfurt angemessen auf das Nazi-Problem in Chemnitz reagieren kann oder ob regionale, dezentrale Vernetzungen – die sich wohl oftmals andere Gedanken machen (müssen), ob sie nach außen nun wahlweise als antideutsch oder antionational wahrgenommen werden – hier wesentlich effektiver agieren können, wird sich praktisch herausstellen. Bis dahin sollten wir uns über diverse Ansätze und verschiedene Erfahrungen austauschen. Freie Radios könnten eine Plattform für einen solchen Austausch sein.

■ Literaturhinweis: Mikrostrategischer Versuch (enthalten in: Gift. Zeitschrift für Linke mit Problemen, No.2)

Zum 40. Todestag von Ulrike Meinhof

Am 9. Mai 2016 jährt sich der Todestag von Ulrike Meinhof zum 40. mal. Sie ist am Morgen des 9. Mai 1976 im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim tot aufgefunden worden – über den Vorgang ihres Todes gibt es unterschiedliche Versionen. Andere können besser einschätzen als ich, welche Rolle Ulrike Meinhof gespielt hat – erst als linke Journalistin und Autorin für Konkret, später als Mitglied der ersten Generation der Roten Armee Fraktion. Über die RAF seien etwa empfohlen das Buch „Stadtguerilla und soziale Revolution“ von Emile Marenssin und der Band „Rote Armee Fiktion“ von Joachim Bruhn und Jan Gerber (Hg.), beide erschienen bei ça ira. Ich möchte hier nur den Film „Bambule (Fernsehspiel)“ von Ulrike Meinhof empfehlen. Der Film ist von 1970 und zeigt die Situation in einem autoritären Mädchen-Erziehungsheim. Der Film zeigt, wie Konflikte zwischen den Heiminsassinnen und den Erzieherinnen aufbrechen, ein Mädchen haut ab, ein Mädchen wird bestraft, schließlich proben einige einen Aufstand. Der Aufstand scheitert und endet mit der Überlegung darüber, wie man weiter machen kann. Weil die Befreiung von Andreas Baader dazwischen kam, durfte der Film im Westfernsehen nicht gezeigt werden. Die Erstausstrahlung war erst im Jahr 1994 möglich. Der Film ist Realismus im besten Sinne und weist über sein Ende hinaus in die Realität hinein.

Ich habe aus der Tonspur des Films eine Art Hörspielcollage zusammengestellt – in der Hoffnung, dass die zusammengestellten Töne auch unabhängig vom Film als kleine Aufstands-Geschichte funktionieren. Hier hörbar:

Download (22 MB)

Bei freie-radios.net gibt es eine Sendung über Ulrike Meinhof – habe sie noch nicht gehört, aber wird schon gut sein.

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