Der Pädophile als Menschentyp

An den Diskussionen über die Ermittlungen gegen den Ex-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy lässt sich vor allem lernen, dass Sexualität in der bürgerlichen Gesellschaft nach wie vor ein Schnittpunkt der Herrschaft ist. Wenn die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen und Hausdurchsuchungen damit begründet, dass Edathy zwar kein illegales Material besessen habe, dass der Besitz von Bildern mit nackten Jungs jedoch erfahrungsgemäß darauf schließen lässt, dass er auch illegales Material besessen haben dürfte1, dann bedeutet dies auf einer allgemeineren Ebene: Wenn jemand Lust an der Darstellung von nackten Jungs findet, dann ist dies keine Eigenschaft von vielen, die man verwerflich finden kann oder nicht, mit der man einen Umgang finden kann oder nicht – sondern eine Eigenschaft, die einen Menschentypen ganz und gar ausmacht. Der Pädophile als Charakter gilt den Ermittlungsbehörden als grundlegend verdächtig, allein das Wissen über seine Vorliebe ersetzt einen hinreichenden Tatverdacht und ist Grund für Ermittlungen und Hausdurchsuchungen.

Warum das so ist? Vielleicht, weil auch Heterosexualität und heterosexualisierte Homosexualität nicht einfach Vorlieben sind, die mit bestimmten Sex-Praxen verbunden sein können (oder nicht), sondern Identitäten und Lebensmodelle – Konzepte von Gesundheit, Normalität, Erfolg und Funktionieren werden an ihnen mitverhandelt. Die gesunde, normale, erfolgreiche und funktionierende Sexualität als Identität braucht jedoch immer eine Grenze, die markiert werden kannn, einen Gegenpol, ein „ganz Anderes“. Nachdem die Homosexualität der Heterosexualität rechtlich einigermaßen gleichgestellt worden ist, nimmt diese Funktion heute oft nicht mehr der Schwule Mann, sondern häufig der Pädophile als Projektionsfläche ein. Früher noch im Ressentiment von der Homosexualität enthalten, tritt die Pädophilie so als Minuspol der gesunden Sexualität gesondert hervor.

Auffällig an der Berichterstattung über Edathy: Obwohl sich Edathy nach Bekanntwerden der gegen ihn gerichteten Vorwürfe nicht vor Kameras gezeigt hat, ist die Berichterstattung begleitet von Fotos, auf denen Edathy mit betroffenem, besorgtem und ertapptem Gesichtsausdruck zu sehen ist. Auch bildlich erweist sich so die Schuld nicht in der Erkenntnis über einen Straftatbestand, sondern im Wissen über die pädophile Neigung.

■ eine rechtliche Bewertung der Ermittlungen gegen Edathy gibt Monika Frommel im Interview

■ [edit; 17.02.2014] eine Einschätzung, die ich größtenteils teile, gibt der Blog „Exportabel“

  1. Heribert Prantl in der SZ: „Man hat keine festen Anhaltspunkte für eine Straftat, durchsucht aber, um feste Anhaltspunkte zu finden – und dann damit die vorherige Durchsuchung zu begründen.“ [zurück]