Handgranaten in der Nationalversammlung

Eine weitere empfehlenswerte Autobiografie heißt »Ein Prolet erzählt. Lebensschilderung eines deutschen Arbeiters« von Ludwig Turek. Das Buch erschien erstmals 1929 und enthält damit eher die Jugendschilderungen eines deutschen Arbeiters. Turek, dessen Eltern im Norden Deutschlands auf der Suche nach Arbeit von Ort zu Ort zogen, war früh in der SAJ organisiert, wo er aufmüpfig gegenüber den Jugendleitern und im Widerspruch gegenüber den Führern der Sozialdemokratie war. Im ersten Weltkrieg als Artillerist eingezogen, entzog er sich größenteils den ihm zugedachten Aufgaben und beschloss, nachdem ihn die Kriegsrealität eingeholt hatte und er durch einen Granatsplitter am Bein verletzt worden war, nie wieder an die Front zu gehen – verkleidet als polnischer Landstreicher versuchte er unentdeckt zu bleiben, was einige Zeit gut ging, bis er beim Versuch, über die holländische Grenze zu gelangen, als Deserteur entdeckt wurde und so die Festung Spandau von innen kennen lernen durfte. Durch die Novemberrevolution kam er frei, wurde im Zuge der Kämpfe zu einem Sympatisant des Spartakusbundes, kämpfte in verschiedenen roten Einheiten und trat später der KPD bei. Im Zuge des Kapp-Putsches schloss er sich der Roten Ruhr-Armee an und entkam knapp den Gemetzeln, die im Zuge deren Entwaffnung stattfanden. Als kurz darauf Sowjetrussland von Polen angegriffen wurde, wollte er sich den Bolschewisten als Soldat anschließen, wurde jedoch auf dem Weg festgenommen und musste so eine Tour durch die litauischen Gefängnisse machen.

Tureks Lebensgeschichte ist eine einzige Wanderung – er muss tausende von Kilometern zu Fuß zurückgelegt haben. Stendal scheint der einzige Fixpunkt seines Lebens gewesen zu sein, wo er immer mal wieder zu seiner Mutter zurückkehrte. Die Erzählung ist von Bitterkeit und Zynismus geprägt, von Hass auf das Soldaten- und Proletendasein, auf das Geplacke und den Hunger; darüber verliert Turek aber nicht seinen spöttischen und beißenden Witz, der das Buch durchaus auch unterhaltsam macht.

Eine Passage, die in Weimar spielt, ließ mich daran denken, dass man sich einmal eine Geschichtsschreibung derjenigen historischen Ereignisse vornehmen müsste, die nur knapp nicht geschehen sind. Turek erzählt von einem solchen nur zufällig verhinderten Ereignis, als Ebert die Nationalversammlung gegen die Arbeiter- und Soldatenräte durchgesetzt hatte und Noske zur Sicherung der Nationalversammlung in Weimar Einheiten hatte zusammenstellen lassen, die sich Größtenteils aus Freiwilligen rekrutierten. So kamen auch einige Spartakisten zu der ehrenvollen Aufgabe, das Weimarer Nationaltheater zu sichern, während darin die Weimarer Republik aus der Taufe gehoben werden sollte:

Die Sozialdemokraten propagierten die Nationalversammlung.
Noske organisierte Zeitfreiwilligenformationen und ließ Freikorps vom Stapel. Mit den Freikorps ging’s fix wie das Brezelbacken. Man nehme eine Zeitung, gleichgültig ob aus Berlin oder Hinterpommern, aus der noskitischen Glanzzeit und lese im Inseratenteil nach: jeder Generalesel wurde ermächtigt zur Bildung eines Freikorps und suchte auf dem Inseratenwege Freiwillige.
Die Nationalversammlung musste beschützt werden. Diesen Dienst versah das Freikorps Maerker. Auch ich fühlte mich verpflichtet, die Nationalversammlung zu „beschützen“. Ich ließ mich bei Maerker anwerben. Eine ganze Anzahl anderer Genossen kam auf dieselbe gute Idee. In Erfurt hatte am 19. Februar die Unabhängige Sozialdemokratische Partei bei der Wahl zur Nationalversammlung etwa 15 000 Stimmen erhalten. Das schien den Leuten in Weimar gefährlich. Alle Dörfer um Weimar, wo man im Neuen Theater die Versammlung eröffnet hatte, wurden von den Maerkertruppen besetzt. Auf dem Bahnhof in Weimar herrschte strengste Kontrolle. Kein Mensch durfte den Bahnhof verlassen, ohne sich ausweisen zu können. Verhaftungen „verdächtiger“ Elemente waren an der Tagesordnung. Noch mehr und noch vorsichtiger gesiebt wurde die Zuhörerschaft der Tribüne in der Nationalversammlung. Und da saßen nun wir, ein Dutzend Spartakisten, sechs Handgranaten am Koppel und noch mehr Eierhandgranaten in der Tasche, und warteten auf ein Signal. Das silberne Eichenblatt als Abzeichen des Freikorps Maerker und v. Lüttwitz am Kragen. Wir trugen es zu Recht, denn wir waren laut Militärpass Freiwillige des Korps.
Hättet ihr da unten auf der Bühne — Erzberger, Ebert, Scheidemann, Noske und ihr anderen alle —, hättet ihr gewusst, dass hoch über euch im dritten Rang einige Dutzend Handgranaten abzugsbereit warteten, wie wäre euch da zumute gewesen! Als Signal zum Losdonnern sollte, so war mit dem Verbindungsmann zu den USP-Leuten verabredet, gelten, dass die Unabhängigen bei einer Abstimmung den Saal verließen und dann hatte ein Elektriker den Hauptlichtschalter abzudrehen. Wir saßen wie auf Kohlen, aber die Unabhängigen gingen nicht raus und das Licht ging nicht aus. Nichts ereignete sich. Die Sache verlief im Sande; enttäuscht verließen wir das Theater. Ob die Unabhängigen nicht alle unterrichtet waren oder Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen hatten, weiß ich nicht. Wo stände die Revolution heute, wenn damals das Licht ausgedreht worden wäre?

Den letzten Satz hat Turek in einer der späteren Auflagen hinzugefügt. Wer Bücher am Bildschirm lesen kann, findet Tureks Lebenserinnerungen hier.