Gegen Stirner

Eben habe ich den Text »Stirner und der Materialismus« von Jörg Finkenberger gelesen, der mir sehr lesenswert erscheint und auf leidenschaftliche Weise ein redliches Anliegen vorträgt, den ich aber in seinem Kernpunkt verkehrt finde und der mich daher zum unmittelbaren Widersprechen anregt. Wenn ich hier kurz und knapp etwas zu Stirner schreibe, muss ich vorausschicken, dass meine Stirner-Lektüre einige Jahre zurück liegt und ich daher nicht alle Thesen textsicher belegen kann. »Der Einzige und sein Eigentum« steht jedoch erneut auf meinem Lektüreplan – daher ist Folgendes vielleicht als Ankündigung zu lesen; ich werde mich sicher nochmal ausführlicher zu Stirner & co äußern.

Jörg Finkenberger behauptet, dass Stirner, im Gegensatz zu Marx, der den Widerspruch zwischen idealistischem und materialistischem Flügel des Junghegelianismus harmonisch (geradezu diktatorisch) aufgehoben habe, einen entscheidenden Punkt markiert habe: das auf keinen Begriff reduzierbare, einzelne, leibliche Individuum. In Finkenbergers Worten:

Dieser Punkt besteht aber traurigerweise genau darin, dass sowohl Bauers Begriff des Selbstbewusstseins, als auch Feuerbachs Begriff des Menschen daran scheitern, dass die Menschen, die darunter verstanden werden sollen, notwendig einzelne, notwendig leibliche, notwendig auf Begriffe nicht reduzible sind; sie gehen sowenig im Begriff auf die alle anderen Naturdinge, die Machinationen der philosophischen Kritik werden daran zuschanden.

Aus diesem Grund habe Stirner den Begriff der Menschheit, als eine Abstraktion, selbst der Religionskritik überführt, dagegen den Einzelnen stark gemacht und von dieser Warte aus, käme der Staat, der Marx notwendig entgangen sei, in das Blickfeld der Kritik.

Die Annahme, Stirner wäre es um das konkrete, leibliche Individuum gegangen, ist jedoch verkehrt. Der Fluchtpunkt von Stirners Kampf gegen Begriffe (anstatt gegen wirkliche Verhältnisse), die er als Namen nimmt, der sich im letzten Satz seines Buches – »Ich hab mein Sach auf nichts gestellt.« – konzentriert, ist nämlich eine Befreiung des Einzelnen von jeglicher Bestimmtheit. Auf diese Weise verkehrt sich das Gefecht gegen Allgemeinheiten und Abstraktionen und wird am Ende ein Kampf gegen Bestimmtheit und Bestimmungen überhaupt. Der Einzelne ist auf nichts gestellt – er ist vollkommen voraussetzungslos, unbestimmt, unbedingt – er ist ein Nichts. Somit hat aber Stirners Individualismus mit konkreter Leiblichkeit und Individualität nichts zu tun, vielmehr zielt sie auf die Vernichtung dieser. Der Einzige ist ein Mann ohne Eigenschaften – er ist daher nicht das Nichtidentische, das sich dem Begriff entzieht, sondern reine und daher leere Identität. Und so nimmt Stirner auch keine Vermittlung zwischen Idealismus (dem die menschliche Selbsttätigkeit der Geist ist) und mechanischem Materialismus vor – in seinen Worten: der Einzelne muss als Dritter das Ideale und das Reale gleichermaßen zerstören, um endlich Mensch (nicht mehr Menschheit) zu sein.

Es ist sicher kein Zufall, dass Stirnerianer und Individualanarchisten außerhalb und gegen die moderne Arbeiterbewegung standen, gegen soziale Revolution und Generalstreik das individuelle, nomadische Sich-Entziehen stellten und das Privateigentum verteidigten – so etwa John Henry Mackay, neben dem jungen Rudolph Steiner einer der wenigen deutschsprachigen Individualanarchisten, der Stirner überhaupt erst in den Anarchismus eingeführt hat, der dort vorher zurecht keine Rolle spielte. Denn Stirner markiert nicht das Unabgegoltene, das in der historischen Trennung zwischen Anarchisten und Kommunisten in der IAA liegt. Die Kritik an einigen Ausprägungen des Anarchismus, die Joachim Bruhn in seinen lesenswerten »Thesen über das Verhältnis von anarchistischer und marxistischer Staatskritik« formuliert, die Finkenberger heranzieht, trifft m.E. genau Stirner, mit dem Finkenberger jenes Unabgegoltene identifiziert: Stirner will lediglich den Bourgeois vom Citoyen befreien und entfesselt damit dessen unmenschliche Gestalt. Mit dem Citoyen wird auch der Begriff der Menschheit und damit jede gattungsmäßige Solidarität getötet und der Bourgeois wird zum Raubmörder, dem nur noch das Recht des Stärkeren gilt. Dies bringt Ahlrich Meyer in seinem lesenswerten Nachwort in der Reclam-Ausgabe des »Einzigen« mit Moses Hess auf den Punkt:

„Moses Heß, der Stirner auf den Standpunkt der bürgerlichen Gesellschaft bringt, bemerkt, daß hier an der freien Konkurrenz allein kritisiert wird, daß sie »kein unmittelbarer Raubmord ist«: »Die ›Konsequenz‹ des ›Einzigen‹, rationell ausgedrückt, ist der kategorische Imperativ: Werdet Tiere!«“ (S.449)

Für eine Staatskritik ist damit m.E. wenig gewonnen. Im Gegenteil – mir scheint Stirners Individualismus eher mit einem soldatischen Individualismus ala Ernst Jünger einherzugehen, der ideengeschichtlich die Voraussetzung für den nationalsozialistischen Volksstaat war: Das Individuum muss erst zum isolierten, voraussetzungslosen, eigenschaftslosen Einzelnen werden, bevor es widerspruchslos in der Volksgemeinschaft aufgehen kann.

Wie gesagt – die hier vorgestellten Thesen sind noch mit Textbelegen zu versehen. Ich werde sie in der nächsten Zeit bringen.

Bis dahin noch zwei Empfehlungen, beide mit Einschränkungen versehen:

■ Peter Bierl zu den aktuellen Ausprägungen des Individualanarchismus, in seinem Text „Der Geheimbund der Revolutionäre“ – der Text ist insgesamt lesenswert, hat aber wie viele Texte Bierls das Problem, dass er sich an einem gewissen Punkt in der kriminalistischen Frage verliert, wer hier mal mit wem rumgehangen hat und wer wo publizieren darf obwohl er sich in einer Fußnote mal auf den und den bezogen hat (sich also mit Problemen der Verwandtschaftsschuld herumschlägt).

■ Das Buch „Die Ideologie der anonymen Gesellschaft“ untersucht die untergründige Wirkungsgeschichte Max Stirners. Ich kann es nur leider nicht kompetenter Weise empfehlen, weil ich es noch nicht gelesen habe. Klappentext und erste Seiten lassen es mir aber als eine lohnende Lektüre erscheinen, die eine Debatte über Stirner sicher anregen kann.


2 Antworten auf “Gegen Stirner”


  1. 1 einer von jenen 24. Februar 2014 um 22:08 Uhr

    Der Text von Finkenberger ist im Ansatz nicht verkehrt, auch wenn leider verdammt wenig über Stirner drinsteht. Ich würde aber seine Interpretation für richtig und deine für falsch halten, und als Beleg mal Stirners Kritik an Bruno Bauers Äußerungen zur „Judenfrage“ zitieren (im Kapitel über den „humanen Liberalismus“):

    Wie kann man aber, fragt der Kritiker zugleich Jude und Mensch sein? Erstens antworte ich, kann man überhaupt weder Jude noch Mensch sein, wenn „man“ und Jude oder Mensch dasselbe bedeuten sollen. „Man“ greift immer über jede Bestimmung hinaus, und Schmul sei noch so jüdisch, Jude, nichts als Jude vermag er nicht zu sein, schon weil er dieser Jude ist. Zweitens kann man allerdings als Jude nicht Mensch sein, wenn Mensch sein heißt, nichts Besonderes sein. Drittens aber – und darauf kommt es an – kann ich als Jude ganz sein, was ich eben sein – kann. […] Weil ihr die Idee der Menschheit entdeckt habt, folgt daraus, daß jeder Jude sich zu ihr bekehren könnte? Wenn er es kann, so unterlässt er´s nicht, und unterlässt er es, so – kann er´s nicht. Was geht ihn eure Zumutung an, was der Beruf, Mensch zu sein, den ihr an ihn ergehen lasset?

    Ist soweit ein ganz sympathischer und guter Gedanke. Um „Vernichtung“ irgendeiner „konkreten Individualität“ scheint es für Stirner da nicht zu gehen. Und so wie er am Schluss auf´s Können oder Nicht-Können abhebt, scheint er sich auch der Bedingtheit seines eigenen „Ichs“ durchaus bewusst gewesen zu sein.
    Mal ganz abgesehen davon, dass die Zurückweisung jedes übergeordneten Ideals mit einer „soldatischen“ Aufopferung á la Ernst Jünger – für „Volk“, „Ehre“, „Nation“ usw. – schlicht nicht zusammengeht. Stirner zum Vordenker des Dritten Reichs machen zu wollen, ist einfach Blödsinn.

  1. 1 ask.fm tutorial Trackback am 08. Oktober 2014 um 18:47 Uhr
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