Archiv für Februar 2014

Der Pädophile als Menschentyp

An den Diskussionen über die Ermittlungen gegen den Ex-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy lässt sich vor allem lernen, dass Sexualität in der bürgerlichen Gesellschaft nach wie vor ein Schnittpunkt der Herrschaft ist. Wenn die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen und Hausdurchsuchungen damit begründet, dass Edathy zwar kein illegales Material besessen habe, dass der Besitz von Bildern mit nackten Jungs jedoch erfahrungsgemäß darauf schließen lässt, dass er auch illegales Material besessen haben dürfte1, dann bedeutet dies auf einer allgemeineren Ebene: Wenn jemand Lust an der Darstellung von nackten Jungs findet, dann ist dies keine Eigenschaft von vielen, die man verwerflich finden kann oder nicht, mit der man einen Umgang finden kann oder nicht – sondern eine Eigenschaft, die einen Menschentypen ganz und gar ausmacht. Der Pädophile als Charakter gilt den Ermittlungsbehörden als grundlegend verdächtig, allein das Wissen über seine Vorliebe ersetzt einen hinreichenden Tatverdacht und ist Grund für Ermittlungen und Hausdurchsuchungen.

Warum das so ist? Vielleicht, weil auch Heterosexualität und heterosexualisierte Homosexualität nicht einfach Vorlieben sind, die mit bestimmten Sex-Praxen verbunden sein können (oder nicht), sondern Identitäten und Lebensmodelle – Konzepte von Gesundheit, Normalität, Erfolg und Funktionieren werden an ihnen mitverhandelt. Die gesunde, normale, erfolgreiche und funktionierende Sexualität als Identität braucht jedoch immer eine Grenze, die markiert werden kannn, einen Gegenpol, ein „ganz Anderes“. Nachdem die Homosexualität der Heterosexualität rechtlich einigermaßen gleichgestellt worden ist, nimmt diese Funktion heute oft nicht mehr der Schwule Mann, sondern häufig der Pädophile als Projektionsfläche ein. Früher noch im Ressentiment von der Homosexualität enthalten, tritt die Pädophilie so als Minuspol der gesunden Sexualität gesondert hervor.

Auffällig an der Berichterstattung über Edathy: Obwohl sich Edathy nach Bekanntwerden der gegen ihn gerichteten Vorwürfe nicht vor Kameras gezeigt hat, ist die Berichterstattung begleitet von Fotos, auf denen Edathy mit betroffenem, besorgtem und ertapptem Gesichtsausdruck zu sehen ist. Auch bildlich erweist sich so die Schuld nicht in der Erkenntnis über einen Straftatbestand, sondern im Wissen über die pädophile Neigung.

■ eine rechtliche Bewertung der Ermittlungen gegen Edathy gibt Monika Frommel im Interview

■ [edit; 17.02.2014] eine Einschätzung, die ich größtenteils teile, gibt der Blog „Exportabel“

  1. Heribert Prantl in der SZ: „Man hat keine festen Anhaltspunkte für eine Straftat, durchsucht aber, um feste Anhaltspunkte zu finden – und dann damit die vorherige Durchsuchung zu begründen.“ [zurück]

Gegen Stirner

Eben habe ich den Text »Stirner und der Materialismus« von Jörg Finkenberger gelesen, der mir sehr lesenswert erscheint und auf leidenschaftliche Weise ein redliches Anliegen vorträgt, den ich aber in seinem Kernpunkt verkehrt finde und der mich daher zum unmittelbaren Widersprechen anregt. Wenn ich hier kurz und knapp etwas zu Stirner schreibe, muss ich vorausschicken, dass meine Stirner-Lektüre einige Jahre zurück liegt und ich daher nicht alle Thesen textsicher belegen kann. »Der Einzige und sein Eigentum« steht jedoch erneut auf meinem Lektüreplan – daher ist Folgendes vielleicht als Ankündigung zu lesen; ich werde mich sicher nochmal ausführlicher zu Stirner & co äußern.

Jörg Finkenberger behauptet, dass Stirner, im Gegensatz zu Marx, der den Widerspruch zwischen idealistischem und materialistischem Flügel des Junghegelianismus harmonisch (geradezu diktatorisch) aufgehoben habe, einen entscheidenden Punkt markiert habe: das auf keinen Begriff reduzierbare, einzelne, leibliche Individuum. In Finkenbergers Worten:

Dieser Punkt besteht aber traurigerweise genau darin, dass sowohl Bauers Begriff des Selbstbewusstseins, als auch Feuerbachs Begriff des Menschen daran scheitern, dass die Menschen, die darunter verstanden werden sollen, notwendig einzelne, notwendig leibliche, notwendig auf Begriffe nicht reduzible sind; sie gehen sowenig im Begriff auf die alle anderen Naturdinge, die Machinationen der philosophischen Kritik werden daran zuschanden.

Aus diesem Grund habe Stirner den Begriff der Menschheit, als eine Abstraktion, selbst der Religionskritik überführt, dagegen den Einzelnen stark gemacht und von dieser Warte aus, käme der Staat, der Marx notwendig entgangen sei, in das Blickfeld der Kritik.

Die Annahme, Stirner wäre es um das konkrete, leibliche Individuum gegangen, ist jedoch verkehrt. Der Fluchtpunkt von Stirners Kampf gegen Begriffe (anstatt gegen wirkliche Verhältnisse), die er als Namen nimmt, der sich im letzten Satz seines Buches – »Ich hab mein Sach auf nichts gestellt.« – konzentriert, ist nämlich eine Befreiung des Einzelnen von jeglicher Bestimmtheit. Auf diese Weise verkehrt sich das Gefecht gegen Allgemeinheiten und Abstraktionen und wird am Ende ein Kampf gegen Bestimmtheit und Bestimmungen überhaupt. Der Einzelne ist auf nichts gestellt – er ist vollkommen voraussetzungslos, unbestimmt, unbedingt – er ist ein Nichts. Somit hat aber Stirners Individualismus mit konkreter Leiblichkeit und Individualität nichts zu tun, vielmehr zielt sie auf die Vernichtung dieser. Der Einzige ist ein Mann ohne Eigenschaften – er ist daher nicht das Nichtidentische, das sich dem Begriff entzieht, sondern reine und daher leere Identität. Und so nimmt Stirner auch keine Vermittlung zwischen Idealismus (dem die menschliche Selbsttätigkeit der Geist ist) und mechanischem Materialismus vor – in seinen Worten: der Einzelne muss als Dritter das Ideale und das Reale gleichermaßen zerstören, um endlich Mensch (nicht mehr Menschheit) zu sein.

Es ist sicher kein Zufall, dass Stirnerianer und Individualanarchisten außerhalb und gegen die moderne Arbeiterbewegung standen, gegen soziale Revolution und Generalstreik das individuelle, nomadische Sich-Entziehen stellten und das Privateigentum verteidigten – so etwa John Henry Mackay, neben dem jungen Rudolph Steiner einer der wenigen deutschsprachigen Individualanarchisten, der Stirner überhaupt erst in den Anarchismus eingeführt hat, der dort vorher zurecht keine Rolle spielte. Denn Stirner markiert nicht das Unabgegoltene, das in der historischen Trennung zwischen Anarchisten und Kommunisten in der IAA liegt. Die Kritik an einigen Ausprägungen des Anarchismus, die Joachim Bruhn in seinen lesenswerten »Thesen über das Verhältnis von anarchistischer und marxistischer Staatskritik« formuliert, die Finkenberger heranzieht, trifft m.E. genau Stirner, mit dem Finkenberger jenes Unabgegoltene identifiziert: Stirner will lediglich den Bourgeois vom Citoyen befreien und entfesselt damit dessen unmenschliche Gestalt. Mit dem Citoyen wird auch der Begriff der Menschheit und damit jede gattungsmäßige Solidarität getötet und der Bourgeois wird zum Raubmörder, dem nur noch das Recht des Stärkeren gilt. Dies bringt Ahlrich Meyer in seinem lesenswerten Nachwort in der Reclam-Ausgabe des »Einzigen« mit Moses Hess auf den Punkt:

„Moses Heß, der Stirner auf den Standpunkt der bürgerlichen Gesellschaft bringt, bemerkt, daß hier an der freien Konkurrenz allein kritisiert wird, daß sie »kein unmittelbarer Raubmord ist«: »Die ›Konsequenz‹ des ›Einzigen‹, rationell ausgedrückt, ist der kategorische Imperativ: Werdet Tiere!«“ (S.449)

Für eine Staatskritik ist damit m.E. wenig gewonnen. Im Gegenteil – mir scheint Stirners Individualismus eher mit einem soldatischen Individualismus ala Ernst Jünger einherzugehen, der ideengeschichtlich die Voraussetzung für den nationalsozialistischen Volksstaat war: Das Individuum muss erst zum isolierten, voraussetzungslosen, eigenschaftslosen Einzelnen werden, bevor es widerspruchslos in der Volksgemeinschaft aufgehen kann.

Wie gesagt – die hier vorgestellten Thesen sind noch mit Textbelegen zu versehen. Ich werde sie in der nächsten Zeit bringen.

Bis dahin noch zwei Empfehlungen, beide mit Einschränkungen versehen:

■ Peter Bierl zu den aktuellen Ausprägungen des Individualanarchismus, in seinem Text „Der Geheimbund der Revolutionäre“ – der Text ist insgesamt lesenswert, hat aber wie viele Texte Bierls das Problem, dass er sich an einem gewissen Punkt in der kriminalistischen Frage verliert, wer hier mal mit wem rumgehangen hat und wer wo publizieren darf obwohl er sich in einer Fußnote mal auf den und den bezogen hat (sich also mit Problemen der Verwandtschaftsschuld herumschlägt).

■ Das Buch „Die Ideologie der anonymen Gesellschaft“ untersucht die untergründige Wirkungsgeschichte Max Stirners. Ich kann es nur leider nicht kompetenter Weise empfehlen, weil ich es noch nicht gelesen habe. Klappentext und erste Seiten lassen es mir aber als eine lohnende Lektüre erscheinen, die eine Debatte über Stirner sicher anregen kann.

Handgranaten in der Nationalversammlung

Eine weitere empfehlenswerte Autobiografie heißt »Ein Prolet erzählt. Lebensschilderung eines deutschen Arbeiters« von Ludwig Turek. Das Buch erschien erstmals 1929 und enthält damit eher die Jugendschilderungen eines deutschen Arbeiters. Turek, dessen Eltern im Norden Deutschlands auf der Suche nach Arbeit von Ort zu Ort zogen, war früh in der SAJ organisiert, wo er aufmüpfig gegenüber den Jugendleitern und im Widerspruch gegenüber den Führern der Sozialdemokratie war. Im ersten Weltkrieg als Artillerist eingezogen, entzog er sich größenteils den ihm zugedachten Aufgaben und beschloss, nachdem ihn die Kriegsrealität eingeholt hatte und er durch einen Granatsplitter am Bein verletzt worden war, nie wieder an die Front zu gehen – verkleidet als polnischer Landstreicher versuchte er unentdeckt zu bleiben, was einige Zeit gut ging, bis er beim Versuch, über die holländische Grenze zu gelangen, als Deserteur entdeckt wurde und so die Festung Spandau von innen kennen lernen durfte. Durch die Novemberrevolution kam er frei, wurde im Zuge der Kämpfe zu einem Sympatisant des Spartakusbundes, kämpfte in verschiedenen roten Einheiten und trat später der KPD bei. Im Zuge des Kapp-Putsches schloss er sich der Roten Ruhr-Armee an und entkam knapp den Gemetzeln, die im Zuge deren Entwaffnung stattfanden. Als kurz darauf Sowjetrussland von Polen angegriffen wurde, wollte er sich den Bolschewisten als Soldat anschließen, wurde jedoch auf dem Weg festgenommen und musste so eine Tour durch die litauischen Gefängnisse machen.

Tureks Lebensgeschichte ist eine einzige Wanderung – er muss tausende von Kilometern zu Fuß zurückgelegt haben. Stendal scheint der einzige Fixpunkt seines Lebens gewesen zu sein, wo er immer mal wieder zu seiner Mutter zurückkehrte. Die Erzählung ist von Bitterkeit und Zynismus geprägt, von Hass auf das Soldaten- und Proletendasein, auf das Geplacke und den Hunger; darüber verliert Turek aber nicht seinen spöttischen und beißenden Witz, der das Buch durchaus auch unterhaltsam macht.

Eine Passage, die in Weimar spielt, ließ mich daran denken, dass man sich einmal eine Geschichtsschreibung derjenigen historischen Ereignisse vornehmen müsste, die nur knapp nicht geschehen sind. Turek erzählt von einem solchen nur zufällig verhinderten Ereignis, als Ebert die Nationalversammlung gegen die Arbeiter- und Soldatenräte durchgesetzt hatte und Noske zur Sicherung der Nationalversammlung in Weimar Einheiten hatte zusammenstellen lassen, die sich Größtenteils aus Freiwilligen rekrutierten. So kamen auch einige Spartakisten zu der ehrenvollen Aufgabe, das Weimarer Nationaltheater zu sichern, während darin die Weimarer Republik aus der Taufe gehoben werden sollte:

Die Sozialdemokraten propagierten die Nationalversammlung.
Noske organisierte Zeitfreiwilligenformationen und ließ Freikorps vom Stapel. Mit den Freikorps ging’s fix wie das Brezelbacken. Man nehme eine Zeitung, gleichgültig ob aus Berlin oder Hinterpommern, aus der noskitischen Glanzzeit und lese im Inseratenteil nach: jeder Generalesel wurde ermächtigt zur Bildung eines Freikorps und suchte auf dem Inseratenwege Freiwillige.
Die Nationalversammlung musste beschützt werden. Diesen Dienst versah das Freikorps Maerker. Auch ich fühlte mich verpflichtet, die Nationalversammlung zu „beschützen“. Ich ließ mich bei Maerker anwerben. Eine ganze Anzahl anderer Genossen kam auf dieselbe gute Idee. In Erfurt hatte am 19. Februar die Unabhängige Sozialdemokratische Partei bei der Wahl zur Nationalversammlung etwa 15 000 Stimmen erhalten. Das schien den Leuten in Weimar gefährlich. Alle Dörfer um Weimar, wo man im Neuen Theater die Versammlung eröffnet hatte, wurden von den Maerkertruppen besetzt. Auf dem Bahnhof in Weimar herrschte strengste Kontrolle. Kein Mensch durfte den Bahnhof verlassen, ohne sich ausweisen zu können. Verhaftungen „verdächtiger“ Elemente waren an der Tagesordnung. Noch mehr und noch vorsichtiger gesiebt wurde die Zuhörerschaft der Tribüne in der Nationalversammlung. Und da saßen nun wir, ein Dutzend Spartakisten, sechs Handgranaten am Koppel und noch mehr Eierhandgranaten in der Tasche, und warteten auf ein Signal. Das silberne Eichenblatt als Abzeichen des Freikorps Maerker und v. Lüttwitz am Kragen. Wir trugen es zu Recht, denn wir waren laut Militärpass Freiwillige des Korps.
Hättet ihr da unten auf der Bühne — Erzberger, Ebert, Scheidemann, Noske und ihr anderen alle —, hättet ihr gewusst, dass hoch über euch im dritten Rang einige Dutzend Handgranaten abzugsbereit warteten, wie wäre euch da zumute gewesen! Als Signal zum Losdonnern sollte, so war mit dem Verbindungsmann zu den USP-Leuten verabredet, gelten, dass die Unabhängigen bei einer Abstimmung den Saal verließen und dann hatte ein Elektriker den Hauptlichtschalter abzudrehen. Wir saßen wie auf Kohlen, aber die Unabhängigen gingen nicht raus und das Licht ging nicht aus. Nichts ereignete sich. Die Sache verlief im Sande; enttäuscht verließen wir das Theater. Ob die Unabhängigen nicht alle unterrichtet waren oder Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen hatten, weiß ich nicht. Wo stände die Revolution heute, wenn damals das Licht ausgedreht worden wäre?

Den letzten Satz hat Turek in einer der späteren Auflagen hinzugefügt. Wer Bücher am Bildschirm lesen kann, findet Tureks Lebenserinnerungen hier.