Geheimnis & Gewalt

»Geheimnis und Gewalt« ist der Titel der sehr lesenswerten Autobiografie von Georg K. Glaser. Glaser, 1919 in Guntersblum im Rhein-Main-Gebiet geboren, litt in seiner Kindheit unter den Misshandlungen seines sadistischen Vaters, vor dem er bald auf die Straße floh. So wurde Glaser noch als Kind ein Landstreicher und Vagabund. In verschiedenen Heimen, in denen Glaser immer wieder Aufstände anstachelte, geriet er in Kontakt mit den Organisationen der Arbeiterjugendbewegung, zu deren anarchistischem und kommunistischem Flügel er sich besonders hingezogen fühlte. So wurde Glaser ein umtriebiger Revolutionär und Kämpfer, der sich (auch innerhalb der KPD, für die er später organisatorisch und literarisch tätig wurde) stets den eigensinnigen Geist des Vagabunden bewahrte. Infolgedessen lernte er nicht nur Jugendheime und Nachtasyle, sondern auch die Knäste der Weimarer Republik von innen kennen.

In der Verwegenheit des Charakters, aber auch in ihrem Zynismus, ist Glasers Autobiografie durchaus mit den Lebensberichten von Franz Jung und Victor Serge verwandt. Mit beiden hat Glaser einiges gemein – leider auch eine bestimmte Haltung zu Frauen. Dies deutet sich bereits am Anfang des Buches an, als Glaser eine strotzend-symbolisch aufgeladene Situation beschreibt, in der sich in einem Zoo ein verwelktes Fräulein, das »längst jenseits der Hoffnung war, eine vollständige Frau zu werden« und ein riesiger Stier gegenüberstehen. Die Frau ist vom Anblick des Stieres gebannt, der einen Samenerguss auf die Fliesen seines Käfigs verliert und dieses Bild braut sich für Glaser zusammen, »zu einem einzigen, gewaltigen, einmaligen, wie zu Fels gewordenen Schrei, einer urgrundtiefen Auflehnung gegen die Schöpfung.« Seine Haltung gegenüber Frauen wird deutlich, wenn er zahlreiche seiner Beziehungen und zuletzt seine Ehe schildert – die Frauen, denen er begegnet ist, sind im Buch charakterlose, kaum beschriebene Figuren, deren Funktion lediglich darin besteht, Glaser aus einer seiner Krisen herauszuhelfen oder ihm Beistand zu leisten. Im Gegensatz zu seinen männlichen Gefährten bleiben sie blass im Hintergrund.

Das Buch ist dennoch empfehlenswert, insbesondere die Beschreibungen der kommunistischen Bewegung und des antifaschistischen Widerstands sind spannend und lehrreich. Glaser bringt hier Einsicht in ein Milieu – es ist ein heimatloses, subproletarisches und desillusioniertes Milieu –, das entschlossen war, den Nazis mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. In der Weimarer Republik war Glaser an der Organisierung roter Garden beteiligt, schlug sich mit SA-Leuten und reiste im Auftrag der KPD in verschiedene Städte, um dort eine Vormachtstellung der Nazis auf der Straße zu verhindern. Mit der Machtübernahme der Nazis ging er in den Untergrund, verteilte illegal antifaschistische und kommunistische Flugschriften und floh, nachdem er einen SS-Mann erschossen hatte, der ihn beim Flugblattverteilen gestellt hatte, erst ins Saargebiet und dann nach Frankreich. Durch Heirat zum französischen Staatsbürger geworden, zog er dann unter französischer Flagge gegen die Deutschen in den Krieg und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft, wo er sich als Franzose ausgab. Noch im Arbeitslager organisierte Glaser Widerstand und konnte gegen Ende des Krieges fliehen. Die Autobiografie bricht nach dem Kriegsende ab.

Kaum etwas ist in Glasers historischen Schilderungen deutlicher, als seine Enttäuschung von der Arbeiterbewegung und der KPD angesichts deren Versagen vor dem Aufstieg des Faschismus – und diese Reflexionen sind es, die »Geheimnis und Gewalt« vor allem lesenswert machen. Diese Enttäuschung ist vielleicht gut zusammengefasst in der Schilderung einer Szene im Saargebiet kurz vor Glasers Flucht, wo er an der Organisierung der Volksfront beteiligt war. Das Saargebiet stand noch bis 1935 unter französischer Verwaltung und war dementsprechend eines der letzten deutschsprachigen Gebiete, in denen der antifaschistische Widerstand – wenn auch unter erschwerten Bedingungen – legal organisiert werden konnte. Schließlich ließ man die Bewohner per Wahl entscheiden, ob sie den Anschluss an das Dritte Reich wollten oder nicht. Die freien Gewerkschaften riefen dazu auf, für eine Beibehaltung der saarländischen Völkerbundregierung zu stimmen, die KPD plädierte irrsinigerweise für den Anschluss: »Die Partei wollte klug sein; auf der ersten Seite ihrer Zeitung rief sie die klassenbewußten Arbeiter auf, für die Rückkehr ins Reich zu stimmen, während die Spalten aller folgenden Seiten voll waren von Schilderungen über Mißhandlungen und Morde im Reich. Und ein führender Genosse erklärte im Landrat: ›Ich will lieber an einer deutschen Saar gehenkt werden, als an einer welschen leben.‹« Als die Anwohner für den Anschluss entschieden hatten, herrschte unter den Aktiven der antifaschistischen Arbeiterbewegung Ratlosigkeit, die nun einen Rat von den Gewerkschaftsführern und der Parteileitung erwarteten. Bereits aus dem Saarland geflohen, hört Glaser den Bericht eines Genossen über diese Situation:

Die Arbeiterwehren füllten den großen Saal der »Arbeiterwohlfahrt« aus. Hinter dem Tisch des Vorstandes auf der Bühne wartete der Lautsprecher. Alle Leute trugen ihre Armbinden und blieben in Rotten und Hundertschaften geordnet beisammen. Denn keiner wußte, was nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse getan werden mußte.
Zwei Minuten vor sieben wurde der Lautsprecher eingeschaltet. Auch Max Braun trug eine Armbinde. Er stand vor dem Lautsprecher, als die Ziffern ausgeschrien wurden. Ni in meinem Leben habe ich einen Menschen so plötzlich erstarrt, so versteinert gesehen. Er war bleich, kein Tropfen Blut mehr in seinen Lippen. Er zitterte und konnte kaum die Worte herausbringen, um zu sagen: »Genossen, für lange Zeit ist es aus. Singen wir zum letzten Mal gemeinsam auf deutschem Boden: Wohlan, wer Recht und Freiheit achtet --«
Aber schon während des zweiten Verses — wenn auch die Lüge uns noch umnachtet — löste sich die Ordnung auf. Leute traten sich auf die Füße, ohne sich zu entschuldigen. Wir waren kaum noch dreißig Mann, als wir die letzten Worte des Liedes sangen. Die Straßen rings um die »Arbeiterwohlfahrt« waren mit abgerissenen Armbinden übersät. —

Zwei Dinge kommen hier zusammen: Bewaffnete Arbeiter, die bis zuletzt entschlossen waren, auch gegen eine Übermacht Widerstand zu leisten, die jedoch nicht fähig waren, ohne einen Befehl der Arbeiterführer in diesem Sinne zu handeln. Und eine Parteileitung, die im Angesicht der Bedrohung nicht in der Lage ist, überhaupt eine Handlungsrichtlinie auszugeben, die aber dennoch an den diszipliniert eingeübten Traditionen festhält und wenigstens noch einmal das alte Lied singen lässt. Eine streng geordnete Einheit bricht im Moment des Fehlens einer Richtlinie ohne weiteres zusammen. Ob die abgerissenen Armbinden für die unerkannte Flucht oder den Wechsel ins gegnerische Lager stehen, bleibt offen.

An einer anderen Stelle, Glaser befindet sich zu dieser Zeit bereits in Kriegsgefangenschaft, lässt er einen Genossen zu Wort kommen:

»Es wundert mich nicht; ich war in der Partei. Ich habe geglüht, Mann, hätten sie uns befohlen, über eine brennende Mauer zu springen, wir wären gesprungen, nicht aus Gehorsam. Wir hatten Zweifel, aber wir haben uns getröstet: Deutschland ein Rätestaat wäre das Tor in die Welt gewesen. Wir haben die sozialistischen Arbeiter angegriffen, Schulter an Schulter mit den Braunen, nicht leichten Herzens, nein. Wir haben die ›Faschisten geschlagen, wo wir sie trafen‹, dann haben sie uns plötzlich befohlen, sie vor dem Karl-Liebknecht-Haus aufmarschieren zu lassen. Wir haben gehorcht. Wir haben nicht verstanden. Als Hitler noch nicht fest im Sattel saß, hat er gebeten: ›Gebt mir fünf Jahre Zeit‹, und die Genossen von weit her haben uns aufgefordert zu warten: ›Wir sind die Erben des kommenden Zerfalls der Hitlerbewegung.‹ Sie haben die besten Genossen aus der unterirdischen Arbeit gezogen und Kundschafter der Roten Armee aus ihnen gemacht. Dann sind sie Verträge mit den Gaunern eingegangen und haben auf ihren Flugbahnhöfen die Hakenkreuzfahne gehißt, so oft ein hoher Mörder zu Besuch kam, dieselbe Fahne, die über den KZ-Lagern weht. Ein guter Freund von mir hat sich nach Frankreich retten können, wo ihn die Regierung in ein Lager gesperrt hat. Auch daraus hat er sich retten können, als die Deutschen Frankreich besetzten. Dann ist er freiwillig hierher zurückgegangen, weil die Partei allen Genossen anbefohlen hat: »Wer nicht mehr als fünf Jahre zu erwarten hat, geht ins Reich zurück.« Der Narr hat gehorcht. Er hat drei Monate lang gearbeitet, dann haben sie ihn eingesperrt, aus dem Gefängnis heraus ins Afrikakorps gesteckt, um zu bekräftigen, daß der Freundschaftsvertrag, den die hohen Genossen mit unseren Mördern geschlossen hatten, ehrlich gemeint war; genauso wie euer Pétain [der Genosse denkt, Glaser ist ein Franzose] ein paar tausend deutsche Flüchtlinge an den Galgen geliefert hat, so wie man Geschenke unter Freunden austauscht. Wir waren narren, als wir gehofft hatten, daß Deutschland ein Rätestaat und damit Rußland und die ›revolutionäre Provinz‹ und unsere Linie und Kampfweise wieder international werden würde. Wer kann glauben, daß die Herren, die ganze Länder und Völker aufgeopfert haben, wenn es ihrem Land hat nutzen können, gewillt sind, eine Sache vorwärts zu treiben, die aus den allmächtigen Halbgöttern, die sie jetzt sind, Landräte machen würde?

Was hier zum Ausdruck kommt, ist mehr als eine einfache Enttäuschung über die Führer der Arbeiterbewegung. Es wird gezeigt, wie hilflos selbst die da standen, die nicht einmal glühendste Verfechter der aus Moskau an die KPD weitergegebenen Linie waren, sondern es einfach selbst nicht besser gewusst hatten – hilflos, in dem Moment, in dem ihre Führung versagt hat und deren Anweisungen irrational geworden sind. »Wir haben gehorcht. Wir haben nicht verstanden.« – Der Geist der Bereitschaft, äußeren Vorgaben zu folgen, in deren Sinn und Zweck man selbst keine Einsicht hat, hat – so ließe sich Glasers Erfahrung zusammenfassen – die deutsche Arbeiterbewegung im Angesicht des Faschismus entwaffnet. Die Avantgarde der Partei und die damit verbundene Hierarchie hat nach ihrem Wegbrechen keine handlungsfähigen Strukturen hinterlassen, die dem NS etwas hätten entgegensetzen können.

Glasers Buch enthält damit m.E. einige Argumente gegen die Thesen des Aufsatzes „Adornos Leninismus“ von Lars Quadfasel, in dem dieser mit Adorno für eine Avantgarde der Intellektuellen plädiert. Adornos empathische Bezugnahme auf Lenin und seine Konstanierung gegenüber Rätekommunisten, Sozialrevolutionären, Anarchisten begründet er u.a. mit dem blinden Vertrauen in die Selbsttätigkeit des Proletariats, das jene an den Tag gelegt hätten. Lenins Misstrauen gegenüber der Spontaneität des Proletariats habe sich in Adornos Erfahrung des Nationalsozialismus bestätigt. Glaser zeigt, dass kein Avantgarde-Konzept gegen den Faschismus hilft, sondern die, die der Avantgarde gefolgt waren, vor dem Faschismus hilflos standen oder zu ihm übergegangen sind. Wenn Quadfasel an der Äußerlichkeit der Beziehung zwischen Intellektuellen und Proletariat festhält, bleibt die Frage, wie das verhängnisvolle »Wir haben nicht verstanden« überwunden werden soll. Es bleibt die Frage, wie das »Wir haben gehorcht« abgelegt werden kann, wenn die Proletarisierten nicht selbst zu Dialektikern werden. Es waren u.a. die fehlende Fähigkeit zur Selbsttätigkeit im Handeln und Denken und der stattdessen vorhandene Gefolgschaftsgeist, durch die die Arbeiterbewegung so schmählich vor dem Faschismus versagt hat. Es steckt vielleicht aber auch ein anderes, verborgenes Motiv hinter Quadfasels Argumentation: Der Intellektuelle, der auf der Äußerlichkeit der Beziehung zwischen sich selbst und dem Proletariat beharrt, dem er gönnerisch, obwohl es dies kaum verdient, die Wahrheit der Revolution bewahrt – dieser Intellektuelle hält sich damit vielleicht selbst nur die Einsicht in die eigene Proletarisierung vom Hals, also darin, dass er längst selbst zu jener Masse gehört, von der er sich in Distanz wissen will.