Archiv für Januar 2014

Adorno, Marx und Habermas…

via [danke an S. Rubaschow für den Hinweis]

Heute halten es die Studenten eher mit Sauberkeit.

Geheimnis & Gewalt

»Geheimnis und Gewalt« ist der Titel der sehr lesenswerten Autobiografie von Georg K. Glaser. Glaser, 1919 in Guntersblum im Rhein-Main-Gebiet geboren, litt in seiner Kindheit unter den Misshandlungen seines sadistischen Vaters, vor dem er bald auf die Straße floh. So wurde Glaser noch als Kind ein Landstreicher und Vagabund. In verschiedenen Heimen, in denen Glaser immer wieder Aufstände anstachelte, geriet er in Kontakt mit den Organisationen der Arbeiterjugendbewegung, zu deren anarchistischem und kommunistischem Flügel er sich besonders hingezogen fühlte. So wurde Glaser ein umtriebiger Revolutionär und Kämpfer, der sich (auch innerhalb der KPD, für die er später organisatorisch und literarisch tätig wurde) stets den eigensinnigen Geist des Vagabunden bewahrte. Infolgedessen lernte er nicht nur Jugendheime und Nachtasyle, sondern auch die Knäste der Weimarer Republik von innen kennen.

In der Verwegenheit des Charakters, aber auch in ihrem Zynismus, ist Glasers Autobiografie durchaus mit den Lebensberichten von Franz Jung und Victor Serge verwandt. Mit beiden hat Glaser einiges gemein – leider auch eine bestimmte Haltung zu Frauen. Dies deutet sich bereits am Anfang des Buches an, als Glaser eine strotzend-symbolisch aufgeladene Situation beschreibt, in der sich in einem Zoo ein verwelktes Fräulein, das »längst jenseits der Hoffnung war, eine vollständige Frau zu werden« und ein riesiger Stier gegenüberstehen. Die Frau ist vom Anblick des Stieres gebannt, der einen Samenerguss auf die Fliesen seines Käfigs verliert und dieses Bild braut sich für Glaser zusammen, »zu einem einzigen, gewaltigen, einmaligen, wie zu Fels gewordenen Schrei, einer urgrundtiefen Auflehnung gegen die Schöpfung.« Seine Haltung gegenüber Frauen wird deutlich, wenn er zahlreiche seiner Beziehungen und zuletzt seine Ehe schildert – die Frauen, denen er begegnet ist, sind im Buch charakterlose, kaum beschriebene Figuren, deren Funktion lediglich darin besteht, Glaser aus einer seiner Krisen herauszuhelfen oder ihm Beistand zu leisten. Im Gegensatz zu seinen männlichen Gefährten bleiben sie blass im Hintergrund.

Das Buch ist dennoch empfehlenswert, insbesondere die Beschreibungen der kommunistischen Bewegung und des antifaschistischen Widerstands sind spannend und lehrreich. Glaser bringt hier Einsicht in ein Milieu – es ist ein heimatloses, subproletarisches und desillusioniertes Milieu –, das entschlossen war, den Nazis mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. In der Weimarer Republik war Glaser an der Organisierung roter Garden beteiligt, schlug sich mit SA-Leuten und reiste im Auftrag der KPD in verschiedene Städte, um dort eine Vormachtstellung der Nazis auf der Straße zu verhindern. Mit der Machtübernahme der Nazis ging er in den Untergrund, verteilte illegal antifaschistische und kommunistische Flugschriften und floh, nachdem er einen SS-Mann erschossen hatte, der ihn beim Flugblattverteilen gestellt hatte, erst ins Saargebiet und dann nach Frankreich. Durch Heirat zum französischen Staatsbürger geworden, zog er dann unter französischer Flagge gegen die Deutschen in den Krieg und geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft, wo er sich als Franzose ausgab. Noch im Arbeitslager organisierte Glaser Widerstand und konnte gegen Ende des Krieges fliehen. Die Autobiografie bricht nach dem Kriegsende ab.

Kaum etwas ist in Glasers historischen Schilderungen deutlicher, als seine Enttäuschung von der Arbeiterbewegung und der KPD angesichts deren Versagen vor dem Aufstieg des Faschismus – und diese Reflexionen sind es, die »Geheimnis und Gewalt« vor allem lesenswert machen. (mehr…)

Antifa Info Ostberlin – Weimar, ein Kapitel für sich

Die Homepage „Nazis in der DDR und antifaschistischer Widerstand“ sammelt und dokumentiert umfangreiches Material über neonazistische Organisierung und Subkultur in der DDR. Zu finden sind dort u.a. Scans der insgesamt drei Ausgaben des Antifa Infoblatts Ostberlin, dessen Redaktion nach dem Scheitern des Projekts zum Teil zum heute noch existierenden Antifa Infoblatt übergegangen ist. Über das AIBO ist zu erfahren:

Im Zeitraum Juli 1989 bis Juli 1990 brachte die Ostberliner unabhängige „Antifa in der Kirche von Unten“ (ab Sommer 1990 Autonome Antifa Ostberlin) drei Ausgaben der Zeitschrift „Antifa Infoblatt Ostberlin“ heraus. Auf Grund des Staatlichen Medien- und Druckmonopols in der DDR, konnten die ersten beiden Ausgaben nur halblegal und auf altertümlichen Druckmaschinen im Wachsmatritzendruckverfahren herausgebracht werden. Das Drucken war eine ziemliche Sauerei, und die Kostbare Druckerfarbe musste aus dem Westen ins land geschmuggelt werden. Die Qualität war katastrophal und teilweise waren die Texte nur schwer lesbar. Fotos konnten gar nicht verwendet werden. Die Hefte wurden von Hand gelegt und geheftet. Die Auflage bestand aus jeweils 1500 bzw. 2000 Exemplaren. Die Ausgabe kostete 1 DDR-Mark. Das Heft war schnell vergriffen. [via]

Ein Freund hat mich auf die zweite Ausgabe des AIBO hingewiesen, da dort ein Artikel über Nazi-Umtriebe in Weimar 1989 zu finden ist. Beschrieben wird nicht nur eine rassistische Pogromstimmung, die phasenweise offensichtlich weit über das Nazi-Skin-Milieu hinausschwappte, sondern auch die Situation von kubanischen und mosambiquanischen Gastarbeitern. Diese wurden von staatlicher Seite bewusst isoliert von den ostdeutschen Arbeitern in einem Heim im Kirschbachtal gehalten. … Ich habe den Artikel, der in der Scan-Version eher unleserlich ist, untenstehend abgetippt.

Interessant und bemerkenswert scheint mir, dass schon 1989 auch in Ostdeutschland in antifaschistischen Kreisen über antisemitische und national-sozialistische Tendenzen in der historischen Arbeiterbewegung diskutiert und gestritten wurde – sehr amüsant in diesem Zusammenhang auch die Anmerkungen der Redaktion im Text des „Autonomen Forums Weimar“ (s.u.).

Heute haben sich akute Probleme mit Neonazis eher auf das Weimarer Land verlagert. Es gibt bekanntlich keine Gastarbeiterheime mehr, aber das Flüchtlingsheim ist ebenfalls außerhalb der Stadt angesiedelt. Heute muss man in Weimar als Punk vielleicht eher Angst vor der Polizei, als vor Neonazis haben.

Weimar – Ein Kapitel für sich

ERLEBNISBERICHT ÜBER AUSLÄNDERFEINDLICHE KRAWALLE BEI FDJ-WEIMARTAGEN

Am Freitag, den 11.7.89 betrat ich gegen 23:30 Uhr den Weimarhallenpark. Aus Anlass der Studententage der FDJ fand dort eine Freiluftveranstaltung mit Diskothek etc. statt. Unter den dort Anwesenden beobachtete ich auch vereinzelt Personen mit einem faschistischen bzw. nazistischen Aussehen (Haarschnitt, Stiefel, Bomberjacke, usw.), Jugendliche im Alter zwischen 15 und 25 [?].

Gegen 23.45 Uhr wurde die Veranstaltung beendet. Plötzlich bildete sich eine Menschenansammlung von ca. 100 Personen, die zu einem nicht geringen Teil aus Skinheads und anderen Neonazis bestand. Aber auch viele völlig normal bekleidete Jugendliche und Erwachsene befanden sich darunter. Flaschen, Gläser und Steine flogen durch die Luft. Anfangs konnte ich nicht feststellen was da vor sich ging, bald aber erkannte ich, daß es sich um eine gewalttätige Auseinandersetzung mit Afrikanern oder dunkelfarbigen Kubanern handelte. Soweit ich erkennen konnte, waren dies fünf bis sechs Personen. Sprechchöre, wie „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus“ usw. erklangen aus der Masse der Neonazis. Die Ausländer flüchteten in Richtung Bertuchstraße/Tankstelle. Da ihnen die große Masse jedoch nicht sofort folgten, konnten sie vermutlich einem Lynchen gerade noch so entkommen. Die Zusammengerotteten verließen nun auch den Weimarhallenpark und postierten sich jetzt an der Kreuzung bei der Fachschule für Staatswissenschaften.

In der Zwischenzeit waren ca. zehn Polizeibeamte eingetroffen. Sie taten jedoch weiter nichts, als das Geschehen zu beobachten. Ein paar Personen diskutierten auch kurzzeitig mit den Beamten. Auch als erneut Sprechchöre mit rassistischen und faschistischen Inhalten rumgegrölt wurden (man sang u.a. die faschistische Nationalhymne) passierte zu meiner Verwunderung nichts. Vier bis fünf Beamte verließen dann sogar den Ort des Geschehens auf Nimmerwiedersehen. Anstatt die Zusammenrottung aufzulösen, wurden lediglich andere Ausländer, die sich auf dem Heimweg befanden, vorsichtshalber „umgeleitet“. (mehr…)

Zwischenbericht

Um das Aergernis-Blog ist es in der letzten Zeit ruhig geworden. Mir fehlten die Zeit und der Antrieb, das Blog mit sinnvollen Beiträgen zu bestücken und wenn ich doch schreiberisch tätig war, habe ich dies lieber in kleinen Postillen, Fanzines und Zeitschriften getan, deren Form mir verbindlicher erschien und eine angenehmere Debattenkultur ermöglicht als es in den Blogspalten oftmals der Fall ist. Ich wollte das Blog trotzdem nicht löschen, da es (wenn für niemanden sonst, so doch wenigstens für mich) ein teils interessantes, teils amüsantes Archiv und Abbild früherer Ansichten und Phasen meiner Begriffsbildung ist. Die meisten Posts betrachte ich inzwischen mit Distanz.

Gerade bekomme ich wieder Lust, hier hin und wieder kleinere Kommentare und Hinweise zu platzieren. Wie kontinuierlich ich dem nachgehen kann, wird sich herausstellen. Wahrscheinlich werde ich wenig Zeit haben, die Disussion in den Kommentarspalten zu pflegen – aber wir werden sehen. Ich beginne mit ein paar kleineren Hinweisen.

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In Leipzig hat kurz vor dem Jahreswechsel mit der „Translib“ ein „communistisches Labor“ eröffnet – eine Bibliothek, die ein sehr umfangreiches Sortiment an (zum Teil sehr exklusiver und hochkarätig interessanter) Literatur aufweisen kann. Berichten zufolge wird es noch eine Weile dauern, bis ein Katalog erstellt und das wissenschaftliche Arbeiten in der Translib möglich ist. Trotzdem gibt es bereits ein interessantes Veranstaltungsprogramm. Außerdem hat das Bibliothekskollektiv einen lesenswerten Selbstverständnistext veröffentlicht, der thesenartig ein Kritikprogramm vorstellt. Der Text kann hier gelesen und hier gehört werden:

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Im letzten Jahr ist in Erfurt eine linke Zeitschrift mit dem Titel „Lirabelle“ entstanden, für die ich den Schriftzug entworfen habe (das oben abgebildete Logo fand leider keine Verwendung). In den bisher ersten drei Ausgaben stellt sich eine bunte Mischung dar: Typisch Links (im guten wie im schlechten Sinne), Schülerzeitung, zeckiges Fanzine, Linkskommunistisch, Antideutsch, Thüringisch, Bildungsarbeit, Wütend – das wären Attribute, mit denen ich das Projekt beschreiben würde. Ich selbst habe meinen Senf in einer Theorie-Praxis-Debatte dazu gegeben, die sich durch die ersten drei Hefte zieht. Ich bilde hier den Verlauf der Debatte ab, in der (auch bezüglich meines eigenen Versuchs) noch einige Widersprüche und Unklarheiten vorhanden sind, die sich vielleicht im weiteren Verlauf der Debatte aufklären können:

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Zufällig ist mir die aktuelle Ausgabe der „Mittelungen des Archivs der Arbeiterjugendbewegung“ in die Hände gefallen. In dem darin enthaltenen sehr lesenswerten Text „Antifaschistischer Widerstand von Arbeiterjugendlichen mit der bündischen Jugend, der Sportjugend und dem ›politisierenden Katholizismus‹ in Bremen“ von Jörg Wollenberg bin ich auf ein Zitat gestoßen, das eine These des Textes „Wer nicht wütend ist, kann nicht denken“ bestätigt: Dass eine wissenschaftliche Analyse der Verhältnisse einerseits notwendig ist, da sie die Bedingungen des eigenen Handelns bewusst macht, theoretische Bildung allein aber andererseits kein Garant dafür ist, in der jeweiligen Situation (und insbesondere angesichts des Faschismus oder von Faschisierungstendenzen) das richtige tun zu können. Wollenberg zitiert Nico Rost aus dessen Tagebuch vom 31.08.1944:

Es ist eine Tragödie, die viele von uns nicht sehen und begreifen, dass diese Zehntausende deutscher Sozialdemokraten […] trotz ihres guten Willens und obwohl sie viel belesener und entwickelter waren als die meisten Arbeiter in den anderen Ländern Europas, doch beinahe nichts getan haben, um den nazis den Weg zur Macht zu versperren. Sie hatten ein so großes Wissen, doch in der Praxis – in der revolutionären Praxis wussten sie damit nichts anzufangen. Ich neige oft zu der Annahme, dass den Duetschen, also auch den deutschen Arbeitern, jede politische Intuition fehlt, jedes politische ›Feeling‹.

Die Seminarraumsterilität, die heute der Praxiswut der Linken entgegengestellt wird, wird keine Subjekte hervorbringen, die dazu fähig sind, in der entscheidenden Situation das Richtige tun. Classless Kulla beschreibt das heutige Szenario in seinem Neujahrsgruß m.E. treffend:

Die absolute Demokratie am Ende der Geschichte sorgt sich um die gewählte Königin und ihren Hofstaat. In den Großstädten verdichten sich die nationalistische, gesunde und saubere Bourgeoisie und ihr Anhang. Die Ordnungsmacht bekämpft Widerstand, bevor er entsteht. Und die kritischen Häuflein haben Angst, daß es sie auch erwischt; wundern sich, daß niemand was macht, wenn sie nichts machen; regen sich auf, daß niemand weiß, was sie niemandem sagen; und organisieren sich als rivalisierende Seminare, die über das Hausrecht in nicht mehr vorhandenen Häusern streiten. [via]

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Damit schließe ich für heute erstmal.