Über Positivität in Religion und Philosophie

Anlässlich einiger Diskussionen über Religion und Religionskritik, die ich im Rahmen der Mobilisierung gegen den Papst-Besuch in Erfurt geführt habe, will ich hier einen kurzen, etwas älteren Text von mir zur Verfügung stellen, der vermutlich etwas formal geschrieben ist, aber hoffentlich deutlich macht: dass es sinnvoll ist, sich Hegel zuzuwenden. Der Text kann als Einleitung, Einführung gelesen werden – ansonsten empfehle ich sehr die Lektüre des besprochenen Textes „Glauben und Wissen“ von Hegel selbst.

Über Positvität in Religion und Philosophie

Hegels Kritik an der verkehrten Trennung von Vernunft und Religion in seinem Aufsatz „Glauben und Wissen“

Ob Hegel eine frühe „theologische Phase“ durchlaufen habe oder ob er in seinen Frühschriften als vehementer Religionskritiker auftritt ist bis heute eine mitunter heftig umstrittene Frage in der Hegelrezeption. Im Gegensatz dazu möchte ich hier anhand der Einleitung seines Textes von 1802 „Glauben und Wissen oder die Reflexionsphilosophie der Subjektivität in der Vollständigkeit ihrer Formen als Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie“ herausarbeiten wie Hegel zwar das bloße Sehnen des Glaubens nach Unendlichkeit als Unzulänglichkeit und letztlich als eine Verhaftung im Endlichen kritisiert, jedoch den bisherigen Aufklärern vorwirft in ihrer bloßen Entgegensetzung zur Religion den selben Fehler zu machen. Wenn der Philosophie des frühen Hegels ein religionskritisches Motiv zugrunde liegt, dann nur in der Weise, dass er den geschichtlichen Schritt, der sich in ihr äußert, zu würdigen weiß und anstatt sie einfach wegzuschaffen – ebenso wie die Philosophie – über sich hinaus treiben will und in diesem Sinne ihren Impetus zur Unendlichkeit ausdrücklich würdigt.

Am Beginn des Textes konstatiert Hegel, dass der Kampf zwischen Vernunft und Glauben inzwischen zu Gunsten der Vernunft entschieden gilt, sodass die Philosophie den Gegenstand der Religion nicht mehr ernst nimmt und sich über ihn erhaben dünkt. Er zieht jedoch in Zweifel, ob dieser Sieg der Vernunft tatsächlich gewonnen ist: „Es ist aber die Frage, ob die Siegerin Vernunft nicht eben das Schicksal erfuhr, welches die siegende Stärke barbarischer Nationen gegen die unterliegende Schwäche gebildeter zu haben pflegt, der äußeren Herrschaft nach die Oberhand zu behalten, dem Geiste nach aber dem Überwundenen zu erliegen.“ [S.287f]1 Schon in der Charakterisierung der Religion als zwar unterlegen, dafür aber gebildeter, macht deutlich, dass er an die Religion im Modus der rettenden Kritik herantritt. Er konstatiert, dass nach dem vermeintlichen Sieg der Aufklärung und mit der bloßen Entgegensetzung von Glauben und Vernunft, beide ihrer jeweils spezifischen Qualität beraubt werden: „Der glorreiche Sieg, welchen die aufklärende Vernunft über das, was sie nach dem geringen Maße ihres religiösen Begreifens als Glauben sich entgegengesetzt betrachtete, davongetragen hat, ist beim Lichte besehen kein anderer, als daß weder das Positive, mit dem sie sich zu kämpfen machte, noch daß sie, die gesiegt hat, Vernunft blieb und die Geburt, welche auf diesen Leichnamen triumphierend als das gemeinschaftliche, beide vereinigende Kind des Friedens schwebt, ebensowenig von Vernunft als echtem Glauben an sich hat.“ [S.288] In diesem Satz ist Hegels Stellung zu Religion und Aufklärung zusammengefasst: In der verkehrten Entgegensetzung von Vernunft und Glauben verbleiben beider auf einer Ebene – gewissermaßen in einer verkehrten und unbewussten Versöhnung – stehen. Ich möchte im Folgenden herausarbeiten warum a.) bei Hegel die Religion in Gestalt des Protestantismus eine Tendenz in die richtige Richtung darstellt, als solche jedoch befangen bleibt und warum b.) die Philosophie lediglich die Tendenz und mit dieser die Befangenheit der Religion bzw. des Eudämonismus weiter treibt, aber nicht über sie hinaus gelangt.

a.) Hegel beschreibt die Religion in ihrem Stadium des Protestantismus, lokal verortet als eine Äußerung des „Prinzips des Nordens“, als eine historische Form des Weltgeistes, der sich dem Subjekt zuwendet. Sie ist „die Subjektivität, in welcher Schönheit und Wahrheit in Gefühlen und Gesinnungen, in Liebe und Verstand sich darstellt“ [S.289] und hat ihren Ort „im Herzen des Individuums“. Im Grunde ist also der Protestantismus diejenige notwendige Stufe der geschichtlichen Entwicklung, in der sich überhaupt erst ein Subjekt herausbildet und ist damit notwendige Voraussetzung für jenes künftige Stadium der Geschichte, in der die Trennung von Subjekt und Objekt aufgehoben ist, in der das Reich der Freiheit und das Reich der Notwendigkeit identisch sind und ewiger Frieden herrscht. Obwohl der Protestantismus nun nur eine Seite dieses Prozesses darstellt – die des Subjektiven – findet sich schon in ihm eine Tendenz dahin objektiv zu werden. Denn als religiöse Praxis muss sich das subjektive Prinzip verobjektivieren, „muß auch das Innere äußerlich werden, die Absicht in der Handlung Wirklichkeit erlangen, die unmittelbare religiöse Empfindung sich in äußerer Bewegung ausdrücken und der die Objektivität der Erkenntnis fliehende Glaube sich in Gedanken, Begriffen und Worten objektiv werden […].“ [S.290] Doch die Tendenz zur Objektivität muss der Protestantismus mit allen Mitteln bekämpfen und er tut es, in dem er Subjektives und Objektives strikt voneinander trennt und ihm das Objektive als dasjenige gilt „was keinen Wert hat und nichts ist […].“ [ebenda] Doch warum erblickt der protestantische Subjektivismus in der Möglichkeit des Objektivwerdens überhaupt eine solche Gefahr? Das Objektive steht dem entgegen, wonach sich der Protestantismus subjektiv sehnt: Der Schönheit, der Wahrheit, der Ewigkeit und dem Absoluten in der Gestalt Gottes. Würde das Sehnen hiernach sich verobjektivieren, bestünde die Gefahr, dass es zum Gegenteil würde: zur trivialen Endlichkeit und bloßen Gegebenheit der empirischen Wirklichkeit und damit zu einem Aberglauben. So sehr es Hegel nun auch die Tendenz des Sehnens der Subjektivität schätzt – es ist eine Macht „welche dem Verstand durch die subjektive Schönheit gegeben wird“ und die in ihrer Sehnsucht „über das Endliche hinwegfliegt“ [ebenda] – doch es ist nach Hegel überhaupt erst die „Flucht vor dem Endlichen und das Festsein der Subjektivität, wodurch ihr das Schöne zu Dingen überhaupt, der Hain zu Hölzern, die Bilder zu Dingen […], zu Erdichtungen werden und jede Beziehung auf sie als wesenloses Spiel oder als Abhängigkeit von Objekten und als Aberglaube erscheint.“ [ebenda] Es ist als ob sich der Protestantismus im Subjekt einschließt, sich dort versteckt und von hier aus nur noch sehnen kann, eine Sehnsucht die jedoch nie eine Erfüllung findet, weil sie sich das Objektive als etwas Schlechtes, von sich Getrenntes setzen muss und nicht erkennt, dass sie das, wonach sie sich sehnt, in der Beziehung auf das Objektive erlangen könnte – eine Beziehung in der sich herausstellen könnte, dass das Sein nicht eines ist in dem Endlichkeit (das was gegeben ist, Sinnliches, Materielles) und Unendlichkeit (das was sein soll, Übersinnliches, Geistiges) voneinander getrennt sind.

b.) An dieser Stelle müsste – so könnte man mit Hegel denken – die Philosophie als eine Tochter der Religion auf den Plan treten und sich dem Gegenstand der Religion, dem diese sich nur im Modus des Sehnens nähern kann – widmen und zu einer Sache der Vernunft machen. So könnte die Philosophie die verkehrten Trennungen überwinden und die bloßen Versprechungen der Religion einlösen. Die Philosophie in Gestalt der Aufklärung, so konstatierte es Hegel, tat aber gerade dies nicht – im Gegenteil: Sie stellt dahingehend nur ein weiteres Rennen in Richtung der Subjektivität dar, dass sie den Erkenntnisprozess nur vom Subjekt her denken kann und somit ebenso in der Endlichkeit verharrt: „Hiernach ist denn das an sich und einzig Gewisse, daß ein denkendes Subjekt, eine mit Endlichkeit affizierte Vernunft ist, und die ganze Philosophie besteht darin, das Universum für diese endliche Vernunft zu bestimmen.“ [S.298] Nach Hegel hat die Philosophie „nichts besseres tun können, als nach dem Kampfe nunmehr auf sich zu sehen, zu ihrer Selbstkenntnis zu gelangen und ihr Nichtssein dadurch anzuerkennen, daß sie das Bessere, als sie ist, da sie nur Verstand ist, als ein Jenseits in einem Glauben außer und über sich setzt, wie in den Philosophien Kants, Jacobis und Fichtes geschehen ist, und daß sie sich wieder zu einer Magd des Glaubens macht.“ [S.288] Die Philosophien Kants, Jacobis und Fichtes sind für Hegel in diesem Sinne in erster Linie Philosophien der Selbstbeschränkung. Sie halten die Vernunft dahingehend am Zügel, dass sie ihr von mehreren Seiten Grenzen setzen: Im Bezug auf die Erkennbarkeit der objektiven Wirklichkeit, sowie im Bezug auf die Erkenntnis Gottes. Die objektive Wirklichkeit bleibt dahingehend als mit dem Subjekt unvermittelt und getrennt vom ihm stehen, als dass diese Philosophien die Dinge nur als Erscheinung im Subjekt denken können und damit keine sichere Aussage über das „Ding an sich“ getroffen werden kann. Ebenso wie das Ding an sich wird Gott aus dem Bereich des Erkennbaren ausgeschlossen und als eine Annahme postuliert, deren vernunftmäßige Durchdringung nicht Aufgabe der Philosophie sei. An das Ding an sich als Ursache für unsere Sinneseindrücke, sowie an Gott als ursachelose Wirkung kann man somit wieder nur glauben – es bleibt jenes Hoffen und Sehnen, in dem schon der Protestantismus befangen war. In ihrer Selbstbeschränkung – anders ausgedrückt: in dieser Mäßigung des Anspruchs der Philosophie – bleibt diesen Philosophien nichts anderes übrig als sich auf das Subjekt zu konzentrieren: Es geht ihnen um „reine Erkenntnis“, um die „Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis“, um die Frage was man mit Sicherheit über den Vorgang der Erkenntnis wissen kann. Dies ist es was Hegel „Reflexionsphilosophie“ nennt, die nur die Sicherheit über die Existenz eines denkendes Subjekts haben kann und in diesem Sinne zu einer Selbstkenntnis gelangt, damit jedoch im endlichen Wissen über das Subjektive befangen bleibt, ein Wissen das nicht Vernunft sein kann, denn: „Es bleibt über dieser absoluten Endlichkeit und absoluten Unendlichkeit das Absolute als eine Leerheit der Vernunft und der fixen Unbegreiflichkeit und des Glaubens, der, an sich vernunftlos, vernünftig darum heißt, weil jene auf ihre absolute Entgegensetzung eingeschränkte Vernunft ein Höheres über sich erkennt, aus dem sie sich ausschließt.“ [S.295] Doch auch in dieser Form des Subjektivismus gibt es, wie im Protestantismus, eine Tendenz zum Objektiven, die Hegel vor Allem bei Kant verortet: „Die Kantische Philosophie stellt die objektive Seite dieser ganzen Sphäre auf: der absolute Begriff, schlechthin für sich seiend als praktische Vernunft, ist die höchste Objektivität im Endlichen, absolut als die Idealität an und für sich postuliert.“ [S.296] Der Versuch zur Objektivität im absoluten Begriff zu gelangen, geschieht in Kants Moralphilosophie jedoch dadurch, dass er versucht diesen von jeglicher Subjektivität und Empirie rein zu halten, somit also von jeglichem Inhalt befreit. Übrig bleibt dabei ein leerer Begriff, die reine Form, die erst im Nachhinein mit der vom negativen Begriff unbefleckten Empirie gefüllt werden kann. Somit verbleibt auch Kant als objektive Seite des Subjektivismus in der Positivität, der reinen Gegebenheit. Seiner Feststellung, dass Begriffe ohne Anschauung leer und Anschauungen ohne Begriffe blind sind, hält seine eigene Philosophie somit nicht stand.

Zusammenfassend kann man konstatieren, dass ein grundlegendes Motiv Hegels in der Bestimmung des Verhältnisses von Religion und Philosophie darin besteht, dass er ihnen eine historische Dimension gibt: Als verschiedene Formen des Weltgeistes sind sie die Äußerungen und Ausformulierungen der Erkenntnis- und Seinsmöglichkeit einer bestimmten Epoche. Als solche bleiben sie im Endlichen verhaftet: Beide gehören einer Tendenz zum Subjektiven an und schaffen es daher nicht Subjekt und Objekt miteinander vermittelt zu denken. Die Aufhebung dieser Trennung wäre aber nicht nur ein rein erkenntnismäßiger Vorgang, sondern ist für Hegel mit einem bestimmten gesellschaftlichen Stadium verbunden, in das die menschliche Gattung eintreten wird, in der die Einzelnen nicht mehr zur Welt und zu den anderen abgetrennte Subjekte wären, sondern gesellschaftliche Individuen. Auf dem Weg dorthin wirtschaftet Hegel Religion und Aufklärung jedoch nicht einfach ab, sondern er nimmt beide ernst, dringt im Modus des dialektischen Denkens in sie ein, weist damit ihre Unzulänglichkeit nach und treibt sie über sich hinaus.

  1. Alle Zitate aus: Glauben und Wissen oder die Reflexionsphilosophie der Subjektivität in der Vollständigkeit ihrer Formen als Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie, in: G.W.F. Hegel Werke Bd. II, Frankfurt am Main 1986, S.287ff [zurück]