Die Aufhebung der Avantgarde

»Eine der bisher umfassendsten Untersuchungen der S.I. im deutschsprachigen Raum.« [via]

So zitiert die Homepage des Transcriptverlags meine Rezension über das Buch »Situationistische InternationaleEintritt, Austritt, Ausschluss. Zur Dialektik interpersoneller Beziehungen und Theorieproduktion einer ästhetisch-politischen Avantgarde (1957-1972)« von Max Orlich, die in der aktuellen Ausgabe der Phase 2 zu lesen ist. So wirbt nun meine Rezension, die eigentlich ein Verriss der Dissertation von Orlich sein sollte, für dieses Machwerk akademischer Rekuperation. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch weil der Kürzungsprozess für die Kilby-Redaktion äußerst schmerzlich für mich war, stelle ich hier nun die ungekürzte extended-Version der Rezension zur Verfügung. Irgendwann soll auch ein Verriss der SI-Dissertation von Jörn Etzold folgen.

Die Aufhebung der Avantgarde

Die Situationistische Internationale gehörte von 1957 bis 1972 zu einer der radikalsten Gruppierungen derjenigen Bewegung, die es anstrebt, den jetzigen Zustand aufzuheben. Selbst hervorgegangen aus versprengten Resten der nach dem zweiten Weltkrieg verbliebenen Kunstavantgarde, richtete sich die S.I., ausgehend von Frankreich, gegen die Borniertheit der Künstler-Kreise und die Szene linker Polit-Spezialisten, um außerhalb des akademischen Wissenschaftsbetriebs eine umfassende Kritik der kapitalistischen Gesellschaft auf der Höhe der Zeit zu formulieren und ein Programm der Abschaffungen zu erarbeiten. Während die S.I. vor allem für einen gewissen Stil bekannt wurde, der sich etwa in der Herausgabe einer aufwendig gestalteten Zeitschrift oder in den bekannten Comic-Verfremdungen zeigte, war es jedoch eines ihrer vorrangigen Tätigkeiten, eine von Hegel ausgehende Theorietradition des Marxismus – jedoch nicht mehr als »ismus«– als Theorie der Praxis zu rekonstruieren und hiervon ausgehend eine Kritik der »Gesellschaft des Spektakels« [Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels (1967), dt. Berlin 1996] zu entwickeln. Deren Augenmerk ist besonders auf die Bildhaftigkeit kapitalistischer Warenproduktion und -konsumtion gerichtet, begreift das Alltagsleben als Hauptfeld der Auseinandersetzungen, richtet sich zentral gegen das Prinzip der Repräsentation, setzt sich intensiv mit Zeitstrukturen und Geschichtsschreibung in der Warengesellschaft auseinander und widmet sich der Ordnung des urbanen Raums als einem wichtigen Aspekt der Disziplinierung und Zurichtung rund um die Lohnarbeit und ihre Reproduktion. In ihrer Ablehnung des Staatssozialismus und mit ihrer gnadenlosen Kritik des Marxismus-Leninismus kann die S.I., neben Adorno/Horkheimer in Deutschland, Georg Lukács in Ungarn und den rätekommunistischen Zusammenhängen in den Niederlanden, zu einem der wichtigsten Stränge kritischer Theorie gezählt werden. Da eines der Hauptprobleme der so verstandenen Ansätze kritischer Theorie, die, in voneinander noch isoliert gebliebene Abteilungen oder Parzellen getrennt, jeweils ihre Sehschärfen und blinden Flecken aufweisen (bei der S.I. am gravierendsten ihre Ausblendung von Antisemitismus, NS und Shoa, bei den anderen die radikale Kritik des Staats), jedoch bei ihnen allen das Verhältnis von Theorie und Praxis darstellt, lohnt es einen Blick darauf zu werfen, wie die S.I. dieses Vermittlungsproblem selbst praktisch zu lösen suchte.

Im Transcript-Verlag ist nun eine Arbeit erschienen, die sich zentral mit der Gruppenpraxis der S.I. in ihren verschiedenen Phasen auseinandersetzt. Max Jakob Orlich legt hier ein Buch vor, das mit über 600 Seiten wohl eine der bisher umfassendsten Untersuchungen der S.I. im deutschsprachigen Raum darstellt. In seiner Dissertation, der er eine nützliche Zusammenfassung des bisherigen internationalen Stands der Forschung zur S.I., eine ausführliche Darlegung seiner methodischen Herangehensweise und eine brauchbare Einführung in die Begriffe der S.I. voranstellt, widmet er sich in mehreren Schritten vor allem der organisatorischen und zugleich personellen Gruppenstruktur der S.I. im Spannungsfeld von Theorie und Praxis. Einzigartig dürfte bisher der Versuch sein, die Wechselbedingtheit dieser Theoriebildung einerseits und der Dynamik der Gruppenstruktur andererseits mit solcher Akribie zu rekonstruieren. Ein Gesamtbild dessen, wer die SituationistInnen tatsächlich waren, wie sie miteinander umgingen und wie sie ihre Theorien ausfochten und eine ihr entsprechende Praxis suchten, lag bisher derart mikrologisch-übersichtlich in einer kompakten Buchdarstellung nicht vor.

In seiner theoretisch-methodischen Ausrichtung ist der Ausgangspunkt dieser Untersuchung jedoch von Anfang an problematisch: anstatt materialistisch zu rekonstruieren, wie in einer bestimmten Entwicklungsphase des modernen Kapitalismus und unter konkreten gesellschaftlichen Bedingungen bestimmte Probleme in einer umfassenden Kritik dieser Verhältnisse zentral wurden und warum sie sich auf solche Weise – vor allem: als Kritik der Kunst – äußerten, somit auch die Organisationsfrage auf spezifische Weise gestellt wurde, legt Orlich einen strikt mikrosoziologischen Filter auf seine Betrachtung dieser Gruppe. Das Verhältnis von Theorie und Praxis ist für ihn dementsprechend vor allem ein Verhältnis von Organisationsanspruch und dessen tatsächlicher Umsetzung in der Gruppenpraxis, die er in ein Netz interpersoneller Beziehungen auflöst. Damit gelingt es ihm zwar, ein sehr genaues Bild des Verhältnisses der einzelnen Personen untereinander und zur Gesamtstruktur der Gruppe im Zeitraum ihres Bestehens nachzuzeichnen; ein tiefergehendes Verständnis für das vorliegende Verhältnis von Theorie und Praxis kann er damit jedoch kaum entwickeln – eine Rückbeziehung der tatsächlichen Handlungs- und Kritikoptionen zu makrosozialen Strukturen der Gesellschaft als Ganzer und der Verwobenheit der »Akteure« in diese nimmt er sich explizit nicht vor [S. 18]. Somit kann aber ein Verständnis materialistisch-geschichtstheoretischer Kritik im Allgemeinen und ihres situationistischen Modus im Besonderen dem fachsoziologischen Blick nur äußerlich bleiben. Ob es ihm tatsächlich um ein solches Verständnis geht, aus dem ja möglicherweise eine aktualisierte Perspektive der Aufhebung – gerade auch von persönlichen, gruppenstrukturellen sowie theoriebildenden Klassenprägungen und Determinierungen – entspringen könnte, ist dabei jedoch auch selbst fraglich. An keiner Stelle seines 60-seitigen Kapitels zum »theoretisch-begrifflichen Rahmen« äußert er das Interesse an einer solchen Perspektive – übrig bleibt die S.I. als eine außergewöhnliche künstlerische und/oder politische Gruppe, die sich um die Entwicklung einer »Idee« herum konstituierte und somit aus spezifisch gruppensoziologischem und höchstens noch ideengeschichtlich-kulturgeschichtlichem Forschungsmotiv ein interessanter Gegenstand zu sein scheint, dem sich Orlich offensichtlich interesselos nähert. Sein Desinteresse für den gesellschaftshistorischen Weg, den die S.I. erschloss, und der sozialen Entwicklung, die tatsächlich in dem sozialen Aufstand der proletarischen »Bewegung der Besetzungen« der Fabriken usw. ganz Frankreichs im Mai 1968 resultierte, ist eklatant: Orlich interessiert einfach nur die S.I., aber nicht »die S.I. in ihrer Zeit«.

Dass in dieser Blickverengung ein Verständnis und eine Darstellung der S.I. nur äußerlich bleiben kann, zeigt sich schon am Untertitel des Buches, der ein hartnäckiges Missverständnis reproduziert, das die S.I. als eine »ästhetisch-politische Avantgarde« verorten, ja fixieren will. Dass die S.I. selbst das Konzept der Avantgarde ablehnte, dass sie sich selbst nicht als Vorreiter verstand, sondern als gegenwärtiger Ausdruck eben jener Bewegung, die den jetzigen Zustand aufheben will, und es dementsprechend einer ihrer Hauptansprüche war, die bisherige gesellschaftliche Bornierung der Kunst-, Polit- oder gar Partei-Avantgarden aufzuheben, muss Orlich zwar zur Kenntnis genommen haben, da er ausdrücklich betont, dass die S.I. ihrem avantgardistischen »Umfeld« selbst immer kritisch gegenüberstand. Doch versucht er sie geradezu gewaltsam dennoch unter diese Kategorie zu subsumieren – dies gelingt ihm nur, indem er ihre revolutionäre Perspektive durchstreicht. Folgendermaßen geht er dabei vor: Nachdem er einige anregende, jedoch mehr oder weniger starre gruppensoziologische Konzepte (u.a. von Petra Jacoby, Hans Peter Thurn, Georg Simmel und Siegfried Kracauer, insgesamt aber das Modell seines Mentors/Doktorvaters Wolfgang Eßbach, der als Erster die winzige Gruppe der Junghegelianer dermaßen akribisch gruppensoziologisch untersucht hatte) und verschiedene weitere Gruppenmodelle (Künstlergruppe, politische Gruppe, Intellektuellengruppe) an der S.I. abarbeitet, dann aber feststellt, dass diese alle nicht auf die S.I. zutreffen, und sie schließlich dennoch für seine Untersuchung ergiebig findet, widmet er sich ausführlich der Frage, inwiefern die S.I. überhaupt noch als Avantgarde zu verstehen ist. Hierzu kritisiert er zunächst Peter Bürgers »Theorie der Avantgarde« und eine ihrer zentralen Thesen; dass die historischen Avantgarden ihrem eigenen Anspruch nach gescheitert sind. Während Bürger die Postavantgarden als Stagnation und Aufgabe dieses Anspruchs begreift, da diese die Gesten der historischen Avantgarden nur hilflos wiederholen könnten, weil deren sprengender Charakter historisch einmalig gewesen sei und fruchtlos würde, nachdem die Avantgarden selbst in die Institution der Kunst reintegriert worden sind anstatt diese aufzuheben [Peter Bürger: Theorie der Avantgarde, Frankfurt a.M. 1974], verkauft Orlich das Scheitern der Avantgarden als deren eigentliches Konzept: »Vielmehr sollte es das Ziel einer Untersuchung der Avantgarde sein, ›ihren […] für die Kunst unseres Jahrhunderts grundsätzlich innovativen, auch in ihrem Scheitern noch anregenden Charakter zu erfassen.‹ In diesem Zusammenhang ist zudem zu überlegen, inwiefern das Scheitern bzw. das Verschwinden eine produktive Funktion für die Fortsetzung des Projekts Avantgarde besitzt und daher eher verbindet als trennt […].« [S.100f] Damit setzt er auf das Nullsummenspiel der ewig sich ablösenden und darin stagnierenden Neo-Avantgarden, bringt den Bruch zwischen Avantgarden und Neo-Avantgarden zum Verschwinden und möchte so die S.I. in üblicher kunstgeschichtlicher Periodisierung problemlos als Neo-Avantgarde verorten. Dies kann ihm jedoch nur gelingen, indem er den revolutionären Anspruch der historischen Avantgarden unterschlägt – denn Peter Bürger muss das Projekt der Avantgarden als gescheitert erklären, weil er deren Anspruch, dass die Aufhebung der Kunst nur mit einer Revolutionierung der gesamten Lebenswelt gelingen kann, ernst nimmt, während der Situationist Debord dieses Scheitern gründlich-grausam ins Bewusstsein ruft und an der revolutionären Perspektive der Avantgarden festhält, indem er das Konzept Avantgarde selbst überwinden will: d.h. aufheben im Hegelschen Sinne. Wenn man, wie Orlich, jedoch blauäugig das Scheitern der Avantgarden im Grunde nicht als Scheitern, sondern als gefälligen Bestandteil eines kulturellen Erbes, interessant und produktiv für unsere heutige Kulturlandschaft erachtet, geht genau diese gedoppelte Perspektive der Aufhebung verloren. Die situationistischen Begriffe und Methoden der Situationskonstruktion, von dérive, détournement und récupération etc,. verkümmern somit zur bloßen avantgardistischen Spielerei, zu einem ewigen musealen Wechselspiel, und sind der Ernsthaftigkeit des mit ihnen verbundenen Anspruchs auf allgemeine soziale Emanzipation beraubt. Dies ist in Orlichs Buch jedesmal um so peinlicher, wenn er diese Begriffe mikrosoziologisch zu wenden versucht und dabei schließlich herauskommt; das Theorie-dérive, der Austritt aus der Gruppe als détournement auf Gruppenebene, die récupération von Personen und das Ideen-potlatch (wer ein wirkliches Interesse an diesen Begriffen in ihrem gesellschaftshistorischen und ideologiekritischen Zusammenhang hat, sollte die zwei Einführungsbändchen zur situationistischen Revolutionstheorie von Biene Baumeister Zwi Negator zur Hand nehmen, die 2006 im Schmetterlingverlag erschienen sind).

Die Geschichte, die Orlich dann erzählt, ist relativ schnell zusammengefasst: Während die S.I. sich in ihrem Anfangsstadium, seit sie sich 1957 als Fusion verschiedener europäischer Künstlergruppen mit Elementen aus der Lettristischen Internationale (1954-57) gegründet hatte, noch dynamisch war und im Prozess der Theoriebildung noch Widersprüche innerhalb der Gruppe zulassen konnte, erstarrt die Gruppenstruktur zunehmend ab dem Zeitpunkt (um 1963), als die inhaltlichen Punkte geklärt zu sein scheinen. Die rigide Ausschlusspolitik der S.I. verkommt damit gegen Ende – nach 1968 – zu einem Ritual, und es gelingt ihr nicht mehr, den eigenen Anspruch der Hierarchielosigkeit umzusetzen, bis schließlich als fast einzig verbleibendes Mitglied jener Guy Debord übrig bleibt, der die Gruppe Anfang 1972 auflöst.

So interessant, ja ereignisgeschichtlich oder anekdotisch streckenweise spannend Orlichs Ausführungen auch im Detail sein mögen und so lohnenswert es zweifellos ist, sich hier exemplarisch mit dem Verhältnis von kritischem Anspruch und individueller Privatsphäre sowie dem Anspruch einer ausstrahlungskräftigen »avantgardistischen« Gruppe an ihre Mitglieder auseinanderzusetzen (gerade, weil m.E. hier eine generell typische Dynamik linker Gruppenbildung zum Vorschein kommt, der offensichtlich auch die S.I. anheim fiel) – zum Verhältnis von Theorie und Praxis und den damit verbundenen Fragen nach dem Verhältnis von Individuum und Allgemeinem, einzelner Handlung und gesellschaftlicher Struktur, Freiheit und Notwendigkeit, sowie »Geist und Materie« (also die für Handlungsperspektiven tatsächlich wichtigen Fragen) arbeitet Orlich nicht wirklich etwas begrifflich Aktualisierendes heraus. Dies könnte er vermutlich auch nur, wenn er u.a. die Geschichte marxistischer Theoriebildung und der Emanzipationsbewegung reflektieren würde; was er aber an keiner Stelle tut (vielmehr an mehreren Stellen ohne Begründung abwehrt). Das Lesen des Buches ist zudem zusätzlich anstrengend und wirkt bei aller Detailfülle vielfach redundant, da er seine Referenz auf die mikrosoziologischen Kategorien ständig wiederholt, ohne dabei jeweils etwas wirklich Neues herauszuarbeiten – die Grundthesen seines Buches stellt er schon am Anfang relativ klar dar. Wenn er dann am Schluss zu dem Ergebnis kommt, dass die S.I. mit ihrer Auflösung zu einem Ende findet, »[e]inem Ende, das der Ausgangspunkt weiterer Fragen ist« [S. 579], ihm aber selber keine einzige Frage einfällt, die zu stellen wäre, fragt man sich, wozu sich Orlich überhaupt die Mühe gemacht hat, über 600 Seiten mikrosoziologische Studien zu produzieren, und gelangt zu dem Schluss: diese Arbeit benennt zwar akademisch-scherzend „die w-I.S.-senschaftliche récupération“ der S.I., kritisiert sie jedoch keineswegs sondern ergänzt sie nur. Und bestenfalls in diesem Sinne ist sie wohl auch zu gebrauchen, das heißt erneut zu entwenden. So kann man sie empfehlen als maßstäbesetzendes Nachschlagewerk für Zwecke einer jeweils reichhaltig und genau dokumentierten faktizistischen Entmythologisierung aller prosituationistischen, gruppenfixiert-fraktionistischen Legendenbildung im Sinne positiver Rekonstruktion dessen, »wie es wirklich gewesen ist«. Besonders brauchbar dürfte hier der bisher einzigartige, ernüchternde Gesamtüberblick über die Rolle der wenigen Frauen in dieser Internationale der Männerfreundschaften sein.

Wer sich selbst ein direktes Bild von der Ausschlusspolitik, der Beziehung zu anderen politischen Gruppen, dem Prozess der Selbstverständigung der S.I. und insbesondere von der Rolle des wohl bekanntesten und umstrittensten Situationisten, Guy Debords in der S.I. machen möchte, sei auf die ausgewählten Briefe Debords verwiesen, die kürzlich im Tiamat-Verlag erschienen sind. Besonders interessant sind hierbei die Briefe an den radikalen Flügel der Gruppe Socialisme ou barbarie und an die Anarchistische Internationale; teilweise erstmals auf deutsch ungekürzt vorliegende Quellentexte, in denen Debord die Beziehung der S.I. zu diesen Gruppen sowohl in theoretischer als auch organisatorischer Perspektive klärt. Debord selbst erscheint in den Briefen als eine Person, die sowohl gegenüber anderen Gruppen als auch gegenüber anderen Mitgliedern der S.I. stets auf einer gewissen organisatorischen und theoretischen Disziplin beharrt, im Fall von Differenzen kein Blatt vor den Mund nimmt und seine Ablehnung gegenüber Kompromissen auch konsequent durch Abgrenzungen umsetzt. Der Eindruck, den die Härte seines Tonfalls, die sich oftmals in knappen, gebieterischen Anweisungen zeigt, erzeugt, und die das Bild Debords als »Chef« der S.I. zunächst zu bestätigen scheint, wird jedoch dadurch ein Stück weit korrigiert, dass er stets und bis zum Kontaktabbruch fair bleibt, auch unvermutete Geduld, Höflichkeit und Frustrationstoleranz an den Tag legt; immer argumentiert; und dass gerade die Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen und der Ausschluss einzelner Mitglieder der eigenen Gruppe davon zeugen, dass diese als selbständig Denkende und autonom Handelnde anerkannt werden. Leider ist eine Reflexion auf Debords Rolle in der S.I. dahingehend erschwert, dass seine Briefe, die bisher vollständig nur auf französisch und in Auszügen auf englisch veröffentlicht wurden, keinen Briefwechsel darstellen: zugänglich sind nur die Briefe, die Debord an seine Briefpartner geschrieben hat, die der Briefpartner werden aus unergründlichen Gründen nicht zugänglich gemacht. Bei Orlich kann man erfahren: es ist darauf zurückführbar, dass Debords Witwe diese Briefe zurückhält, um ein Bild Debords in ihrem Sinne zu konstruieren. Dem weiteren Personenkult um Debord wäre damit Tür und Tor geöffnet. Für eine Rekonstruktion der Geschichte der S.I., in der eine revolutionäre Perspektive nicht verloren ginge und der damit an einer Aufhebung der S.I. selbst gelegen sein muss, bleibt noch allerhand zu tun. Wenn die S.I., die immer noch als Bild umhergeistert, jedoch ihrer eigenen Forderung entsprechend endlich »aufgehoben werden« soll, müsste sie vielschichtig, d.h. auf allen Ebenen (ästhetisch, politisch, sozial) aktualisiert werden, und dann kann es nicht bei einer weiteren anekdotischen »Rekonstruktion der S.I.« bleiben; vielmehr gälte dann, was Walter Benjamin für »die Konstruktion eines historischen Sachverhalts« festhält: »Die ›Rekonstruktion‹ in der Einfühlung ist einschichtig. Die ›Konstruktion‹ setzt die ›Destruktion‹ voraus.«

Max Jakob Orlich, Situationistische Internationale – Eintritt, Austritt, Ausschluss. Zur Dialektik interpersoneller Beziehungen und Theorieproduktion einer ästhetisch-politischen Avantgarde (1957-1972), Bielefeld 2011

Guy Debord, Ausgewählte Briefe 1957-1994, Berlin 2011.