Dass es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe.

Im Mai-Programmheft von Radio Corax ist die schriftliche Version eines Gesprächs über Fukushima und das Atomzeitalter erschienen, das ich im März mit Roger Behrens geführt habe (und das inzwischen im Audioarchiv dokumentiert ist). Das Gespräch kann hier online oder als PDF gelesen werden oder untenstehend im html-Modus.

Dass es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe

Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock ’n’ Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht macht weiter, (…) Bauzäune und Verbote machen weiter, die Fahrstühle machen weiter, die Häuserwände machen weiter, die Innenstadt macht weiter, die Vorstädte machen weiter… (Rolf Dieter Brinkmann, 1975)

LH: In Deutschland sind derzeit widersprüchliche Reaktionen auszumachen. Auf der einen Seite der Wille, zur Tagesordnung zurückzukehren, auf der anderen Seite gab es Berichte, die von einer zunehmenden Zahl von Menschen sprachen, die Lebensmittel bunkern. Roger, du verweist in deinen Analysen auf Günther Anders, der beschreibt, dass das so genannte Atomzeitalter durch ein fehlendes Katastrophenbewusstsein gekennzeichnet sei. Wie stellt sich heute, angesichts der Japan-Ereignisse, das Verhältnis zwischen dem Gefahrenpotential durch Nutzung der Atomkraft und dem Bewusstsein von diesem Gefahrenpotential dar?

RB: In den ersten Tagen nach dem Erdbeben und den Reaktorunfällen wurde man hierzulande konfrontiert mit einer Unmenge an Informationen, die aber gar nicht informativ sind, eine Bilderflut, bei der man bereits nach zehn Minuten merkt, dass es eigentlich eine vollständige Bilderarmut gibt. Die Bilder und Schlagworte wiederholen sich. Eben gerade mit der unablässigen Wiederholung von Bildern und zudem bestimmten Phra­sen – Katastrophe, Angst, Panik, Sorge etc. – werden durch diese Art der Berichterstattung Emotionen, mit denen wohl jeder Mensch unweigerlich auf die schreckl­ichen Ereignisse reagiert, entschärft. Günther Anders formuliert schon 1956 in Die Antiquiertheit des Menschen die These, dass wir nicht in einem Zeitalter der Angst leben, sondern in einem Zeitalter der Unfähigkeit, Angst zu haben: Eine Phobie vor der Phobie, eine Angst, Angst zu haben. Und das kann auch derzeit beobachtet werden: Zwar werden permanent Vokabeln wie Angst und Katastrophe benutzt, aber sie bestätigen eher eine Katastrophen­amnesie. Anders nennt das Apokalypse-Blindheit. Zum Begriff der Katastrophe: Bei Walter Benjamin, der ja das so genannte Atomzeitalter nicht miterlebt hat, findet sich in der Einbahnstraße von 1928 die interessante Beobachtung, dass gerade im kleinbürgerlichen Umfeld davon ausgegangen wird, dass das Schlimmste noch bevorstünde. Tatsächlich ist die Katastrophe längst da, oder, in Benjamins Worten: Dass es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe. Auch was Fukushima angeht, wird medial suggeriert, dass trotz Explosionen, Kernschmelzen, verstrahltem Trinkwasser und Toten das dicke Ende erst noch kommt, aber aufschiebbar ist, wenn man sich um entsprechende Reparaturen bemüht. Das ist schon sehr zynisch. Noch zynischer ist aber, dass bereits nach einer Woche die Berichte über die Ereig­nisse in Japan von anderen Meldungen – und das waren nicht nur Berichte aus Libyen, sondern auch irgend­welche Fußballnachrichten – verdrängt wurden. Dass jetzt vor einigen Tagen der Fukushima-Unfall wie Tschernobyl zum Stufe-7-Ereignis erklärt wurde, rangiert unter den üblichen Tagesmeldungen und wird als bloße symbolische Geste der in Japan Verantwort­lichen abgetan.

LH: Du sprichst von einer Unfähigkeit zur Angst. Möglicherweise war das Bewusstsein vor zwanzig oder dreißig Jahren auch ein anderes. Es gab Raum für eine intellektuelle Auseinandersetzung und sei es auch in dystopischen Romanen, wo die Möglichkeit einer solchen Katastrophe verarbeitet wurde. Selbst in Sub­kulturen hat sich das niedergeschlagen – man denke an den Punk, vielleicht sogar in einem Lebensgefühl. Damals wurde diese Auseinandersetzung vor allem vor dem Hintergrund einer atomaren Aufrüstung geführt. Du argumentierst in einem Artikel über die Anti- AKW-Proteste, dass die Trennung von ziviler und militäri­scher Nutzung verkehrt sei. Was ist daran verkehrt?

RB: Philosophen wie Günther Anders, aber auch Hanna Arendt oder Karl Jaspers schrieben über die Bombe, also über die militärische Nutzung der Atomenergie. Was sich allerdings heute zeigt, so meine ich, ist, dass es überhaupt keine Philosophie des Atomzeitalters gibt. Damit meine ich, dass das, was passiert, sich unserer bisher zur Verfügung stehenden philosophischen Begrifflichkeit vollkommen entzieht. Atom kommt aus dem griechischen atomos und bedeutet das Unzer­trennbare. Die abendländische, wenn nicht die gesamte Philosophie baut auf dieser Atom-Idee auf, nach der es von der Natur her unzertrennbare Teilchen gibt, die eine naturgegebene Einheit der Dingwelt darstellen. Die allerdings ist durch die Möglichkeit des Spaltens der Atome außer Kraft gesetzt; für ein Atomkraftwerk hat das genau dieselben Konsequenzen wie für eine H-Bombe: Wir haben überhaupt keine Vorstellung – und wir können auch gar keine Vorstellung haben – von dem,was da geschieht. Wir haben es mit einer freigesetzten Kraft zu tun, die nicht abschaltbar ist. Das ist das Entscheidende: Der radioaktive Zerfall kann nicht einfach abgestellt werden, wenn sich herausstellt, dass er eben das Leben bedroht, sondern er läuft immer weiter. Gleichzeitig werden Kräfte freigesetzt, die im Kontrast zur Unsicht­barkeit der Atomspaltung stehen – man denke an die Opfer der Strahlenkrankheit. Nun war philosophisch immer der Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung relevant. Doch das Wesen der Kernspaltung ist Zer­störung und die Erscheinung ist eine Unsichtbarkeit, die nichts weiter bringt als den Tod. Auch in dieser Hinsicht sehe ich keinen Unterschied zwischen einer zivilen und einer militärischen Nutzung der Kernenergie. Es zeigt sich ja, dass die Kräfte, die das Bedrohungspotential militärischer Nutzung haben, die gleichen sind wie die einer zivilen Nutzung: beide sind unbeherrschbar. Wenn man so will, hat die Kritik an der Atomkraft auch ein Moment von Herrschaftskritik. Hinzu kommt ein ideologisches Motiv: Ähnlich wie die Strategie der Abschreckung bei der Atombombe funktioniert die Argumentation mit dem so genannten Restrisiko bei der Kernenergie. Das Lebensbedrohliche und Tödliche wird in beiden Fällen einer Logik unterworfen, die zur verwalteten Welt (Adorno) gehört: Ein verdinglichtes System, in dem Gefahrenpotentiale des technischen Fortschritts nach einer kalkulierbaren Wahrscheinlichkeit berechnet werden.

LH: Nun haben wir es in Japan mit einer Naturkata­strophe als Auslöser zu tun, die ja ohnehin schon tausende Menschenleben gekostet hat. Vielleicht sagt der Glaube daran, dass man Atomenergie beherrschen könnte, schon einiges über ein gesellschaftliches Natur­verhältnis aus. Mit was für einem Verhältnis zwischen Mensch und Natur haben wir es im Atomzeitalter zu tun?

RB: Technikkritik, maßgeblich die von Heidegger entworfene, neigt dazu, das Gesellschaftliche vollkommen auszusparen. Doch auch für das so genannte Atom­zeitalter gilt: Wenn wir von sozialen Verhältnissen reden, reden wir von Verhältnissen des modernen Kapitalismus. Wir reden darüber, dass diese Verhältnisse sowieso nicht stimmen, dass der Mensch in Strukturen lebt, die keine freie Entfaltung ermöglichen. Gleichwohl hat der Kapitalismus sehr gut überleben können, gerade durch einen technischen Fortschritt. Jegliche Umwälzung macht sich in den letzten Jahrzehnten an technischen Veränderungen fest. Atomkraft ist dafür ein Beispiel, weist aber auch tatsächlich darüber hinaus. Sie gehört nämlich zu den Techniken, die sich immer weiter entfernen von etwas, das man gesellschaftliches Verhältnis nennen könnte. Dadurch entstehen Probleme, die natürlich nicht durch Technikkritik gelöst werden müssen, sondern sozial. Das heißt eben nicht, nur die zerstöre­rische Technik abzuschaffen, sondern auch den Kapitalis­mus. Eine soziale Veränderung der Verhältnisse im Sinne eines realen Humanismus wird aber gar nicht in Betracht gezogen. Konkret: Dass das, was in Fukushima passiert, zweifellos seine gesellschaftlichen Bedingun­gen hat, spielt überhaupt keine Rolle.

LH: In Deutschland steht nun scheinbar der Atomausstieg auf der Tagesordnung. Kraftwerke sollen vom Netz genommen werden, gleichzeitig wird von Seiten der Regierung klargemacht, dass ein sofortiger Atomausstieg keine Option ist. Wie schätzt du diese Debatte ein?

RB: Es geht um Realpolitik und Sachzwänge. Einmal mehr wird der Status quo des Gesamtsystems nicht angetastet. Gerade jetzt, wo soziale Phantasie von Nöten wäre, wird jeder utopische Gedanke abqualifiziert; ohn­mächtig beschränkt man sich auf die angeblich schnelle Hilfe. Auch die Anti-Atombewegung lässt sich meines Erachtens viel zu schnell darauf ein, dass diese Technik quasi entkoppelt vom Gesellschaftlichen ihre eigene Logik hat. Zum Thema Ausstieg und Abschalten fallen mir jedenfalls nicht nur Atomkraftwerke ein …

Roger Behrens ist Autor zahlreicher Bücher und Beiträge zur kritischen Theorie der Massenkultur, Popmusik und Sozialphilosophie. Einmal im Monat ist seine Sendung »Freibaduniversität« (im Winter »Hallenbaduniversität«) auf RADIO CORAX zu hören. Das Gespräch führte Lukas Holfeld, der bei der Gruppe »Surpasser« aus Weimar und als Sendungsmacher (»Wut­pilger Streifzüge«) bei RADIO CORAX aktiv ist.

Zum Weiterlesen: Roger Behrens – Steinzeit Nein Danke; Apokalypseblindheit, Atomstaat und Ökologiebewegung – ein Rückblick auf die Geschichte der Atomkraft und ihrer Gegner.


3 Antworten auf “Dass es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe.”


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