Fukushima und das Mittel zum Zweck

Hannah Arendt beschreibt im ersten Kapitel ihres Essays „Macht und Gewalt“, wie nach dem zweiten Weltkrieg eine ganze Generation mit der Erfahrung aufwächst, dass der Fortschritt – also ein Fortschritt der Wissenschaft, der Technik und der Produktion – nicht in erster Linie einen Reichtum an individuellen oder kollektiven Handlungsmöglichkeiten schafft, sondern dass dieser Fortschritt „in mancherlei Hinsicht das Leben auf der Erde katastrophal bedroht (…)1“. Sie demonstriert dieses Gefühl einer Generation, in dem sie auf die Fragen „Wie soll die Welt in fünfzig Jahren aussehen?“ oder „Wie möchtest Du, daß Dein Leben in fünfzig Jahren aussieht?“ die fiktiven Antworten gibt: „Voraußgesetzt, daß es dann noch eine Welt gibt“ oder „Vorausgesetzt, daß ich dann noch lebe2“. Dieses katastrophische und perspektivlose Lebensgefühl manifestierte sich in unterschiedlicher Form in allen gesellschaftlichen Bereichen: die Philosophie musste sich mit der Möglichkeit der Vernichtung alles menschlichen Lebens auf der Erde auseinandersetzen, der dystopische Roman etablierte sich als literarische Form der Auseinandersetzung mit der Möglichkeit einer katastrophischen Zukunft und die Perspektivlosigkeit angesichts des drohenden Gefahrenpotentials schlug sich in einer Reihe von Subkulturen nieder, allem voran im Punk mit seiner Parole „There is no future“. Dieses Katastrophengefühl einer ganzen Generation hatte vor allem einen Anlass: die militärische und zivile Nutzung der Kernenergie. Konkret waren dies die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, die atomare Aufrüstung und Atomwaffentest im Zuge des kalten Krieges und schließlich die Reaktorunfälle in Harrisburg 1979 und in Tschernobyl 1986.

Ich selbst habe dieses Katastrophengefühl nur vermittelt erlebt – über Erzählungen, sowie über kulturelle Manifestationen, etwa den Punk der 80′er Jahre. Doch dieses Gefühl war für mich selbst nie real – auch wenn ich mir bald über die Gefahren der Nutzung von Kernenergie bewusst wurde und selbstverständlich den Einsatz von Atomwaffen ablehnte, waren die Möglichkeiten des Supergaus oder eines die Menschheit gefährdenden Militärschlags nie zentraler Bestandteil meines Lebensgefühls und ich glaube, dass dies ebenso wenig bei einem Großteil meiner Generationsgenossen der Fall gewesen ist. Man könnte meinen, dass die Menschen gelernt haben mit der Möglichkeit der absoluten Vernichtung zu leben. Die Katastrophe ist aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden. Die Möglichkeit der Katastrophe selbst ist hingegen objektiv in keinem Augenblick verschwunden: nach wie vor spielen Atomwaffen international eine entscheidende Rolle im Machtgefälle, nach wie vor sind weltweit über 200 Atomkraftwerke in Betrieb, nach wie vor kann niemand die Folgen im Falle eines Unfalls abschätzen.

Man könnte meinen, dass nun, nach den Unfällen in den Kernkraftwerken in Fukushima schlagartig ein neues Katastrophenbewusstsein einsetzen müsste und tatsächlich hatte man in den ersten Tagen nach den Meldungen aus Japan diesen Eindruck. Doch nachdem man verkündet hatte, dass man nun nicht einfach zur Tagesordnung übergehen dürfe, wurde der Ernstfall selbst in die Tagesordnung integriert: die Erklärungsversuche und Einschätzungen der Spezialisten, die Versprechungen der Politik in einer Wahlkampfperiode, die Berichterstattungen am Fließband wirken wie Versuche der Rationalisierung von etwas, das man nicht einschätzen kann, dessen Folgen nicht absehbar sind. Mit der Sicherheit, dass „wir hier in Deutschland“ höchstwahrscheinlich nicht betroffen sind, bedeutet ein Lernen aus den Unfällen in Japan nicht ein Innehalten, nicht einen Griff zur Notbremse oder ein radikales Umdenken, sondern es bedeutet zu fragen, wie man mit den besten moralischen Trostpflastern am besten weiter machen kann. Die Katastrophe ist dabei eigentlich nicht real.

Vielleicht liegt dies daran, dass die Nutzung der Kernenergie einem bestimmten Prinzip von Vergesellschaftung absolut entspricht: wirtschaftlicher Fortschritt, Standortvorteil, das Wohl der Nation, der Verweis auf die Zukunft (Verweise mit denen die „zivile“ Nutzung gerechtfertigt wird) – all dies hatte noch nie etwas mit der Ermöglichung individuellen Glücks oder einem guten Leben für möglichst alle zu tun. Und es dürfte nicht erst seit kurzem bekannt sein, dass Kapitalismus eine Verkehrung von Zweck und Mittel bedeutet: die Menschen sind nicht Subjekte, die sich gemeinsam überlegen, wie sie die Produktion für alle so gut wie möglich organisieren können, sondern sie sind zu Objekten degradierte Anhängsel einer Maschinerie, die sich unabhängig vom Willen und vom Bedürfnis der Einzelnen hinter ihrem Rücken vollzieht und die den meisten Menschen schadet. Wenn das Mittel, die Produktion, zum eigentlichen Zweck wird und der mögliche Zweck, dass alle gut und als mündige Wesen leben könnten, gar nicht mehr in Frage steht, dann ist es vielleicht nur noch ein kleiner Schritt dahin, dass das Diktat der Produktion über die Menschen die Möglichkeit ihrer Vernichtung kalkulatorisch und taktisch integriert. Die Möglichkeiten der Produktivkraftentwicklung, die ein gutes Leben für alle Menschen weltweit selbst möglich macht, wird in dieser Verkehrung nicht nur zum Gegenteil, sondern sie beinhaltet die Gefahr, dass sich vielleicht bald niemand hierüber den Kopf zerbrechen könnte.

Und dahingehend ist die Nutzung der Kernenergie, die dem kapitalistischen Kalkül absolut entspricht, gleichzeitig ein Bruch mit diesem Kalkül: ist der Kapitalismus eine Verkehrung von Zweck und Mittel, so sprengt die zivile oder militärische Nutzung von Atomkraft überhaupt jegliche denkmögliche Zweck-Mittel-Konstellation. Sowohl Hannah Arendt, als auch der Philosoph Günter Anders beschreiben, was dies bedeutet: Der Effekt dessen, was hier Mittel ist (also die Atomkraft), übersteigt in seinem Risiko (der Super-Gau) jeden Zweck. Der Zweck der Sache gerät hier nicht mehr nur aus dem Blick, sondern das Mittel birgt die Gefahr mit der gesamten Menschheit überhaupt jeden Zweck zu vernichten.

  1. Arendt: Macht und Gewalt, München 1970, S.20. [zurück]
  2. ebenda, S.21. [zurück]

3 Antworten auf “Fukushima und das Mittel zum Zweck”


  1. 1 Der Korrektor 25. März 2011 um 19:18 Uhr

    Am Ende des ersten Absatzes wird versehentlich vom Autor der Reaktorunfall in Tschernobyl mit „Hiroshima“ bezeichnet. Die Angabe der Jahreszahl 1986 verweist auf das richtig Gemeinte.
    (Das zu Hiroshima korrekt zugeordnete Datum wäre der 6. August 1945.)

  2. 2 Administrator 25. März 2011 um 22:10 Uhr

    Danke für den Hinweis – ich wahr wohl beim abtippen des Redebeitrags (Weimar, 21.03.) etwas unaufmerksam.

  1. 1 “Der Zweck der Sache gerät hier nicht mehr nur aus dem Blick, sondern das Mittel birgt die Gefahr mit der gesamten Menschheit überhaupt jeden Zweck zu vernichten.” « in defense of lost causes Pingback am 07. April 2011 um 14:23 Uhr
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