Wutpilger-Streifzüge #2

Die zweite Ausgabe der Sendereihe „Wutpilger-Streifzüge“ ist leider verloren gegangen. Sie enthielt ein Interview mit den Organisator_innen der Veranstaltungsreihe „Körper|Sex|Macht“, sowie ein Essay über das Verhältnis von Poststrukturalismus und Ideologiekritik von Kalle. Die Vorträge, welche im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Körper|Sex|Macht“ in Jena stattgefunden haben, können hier nachgehört werden, das Essay über Poststrukturalismus und Ideologiekritik kann untenstehend nachgelesen werden.

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Ideologiekritik?

Im Alltagsbewusstsein wird Ideologie als politisch motivierte Lüge verstanden. Dabei bedeutet der Begriff übersetzt einfach nur „Ideenlehre“ und war ursprünglich auch nicht unbedingt negativ gemeint.

Für Marx sind Ideologien Anschauungen, die als Reaktion auf gesellschaftliche Verhältnisse entstehen. Sie erklären die Verhältnisse, ebenso wie sie sie vernebeln. Adorno sagt: Ideologie ist falsch, aber doch nicht nur falsch. Auf der einen Seite ist sie Spinnerei, auf der anderen Seite kann sie das spinnerte System auf eine gewisse Weise erklären.

Die Ideologie des Rassismus „erklärt“ z.B., wieso „Weiße“ mehr verdienen. Natürlich funktioniert das nur, weil Rassismus mehr ist als eine Spinnerei in den Hirnen der Rassisten – er strukturiert z.B. den Arbeitsmarkt und zeigt sich dadurch handfest auf dem Lohnzettel. In diesem Sinne ist Ideologie notwendig falsches Bewusstsein. Genau das meint Marx, wenn er immer wieder schreibt „Es scheint, als ob…“ (ideologisch) und später erläutert, wie es wirklich ist.

Das Problem besteht in diesem Sinne darin, daß es der herrschenden Klasse gelingt, der Gesellschaft ihre Ideologie aufzuzwingen. Andersherum gedacht liegt hier auch eine Möglichkeit für Veränderung – wenn es gelingt, die herrschende Ideologie aufzubrechen und dahinter die kalte Fratze der Verhältnisse sichtbar zu machen. Das will Ideologiekritik leisten.

Dabei gibt es nur ein erkenntnistheoretisches Problem. Sagen wir, jede Anschauung ist gesellschaftlich und durch den Standpunkt des Betrachters strukturiert, wie es IdeologietheoretikerInnen meinen.

Nun wollen aber IdeologietheoretikerInnen den geselleschaftlich gemachten Nebel durchdringen und einen Blick auf die „wirklichen Verhältnisse“ werfen. Um das tun zu können, müssen sie sich genau genommen außerhalb der Verhältnisse stellen. Gar nicht so einfach, gerade wenn man als gut bezahlter Wissenschaftler mitten drin im Kreuzfeuer der Interessen steht.

Auch aus diesem Dilemma heraus hat sich in den 1960er-Jahren der Poststrukturalismus entwickelt. Hier redet man nicht mehr von Ideologie.
Überzeugte PoststrukturalistInnen behaupten, daß jede Wahrheit so stark vom Standpunkt der BetrachterInnen abhängt, daß Anspruch der Ideologiekritik, hinter dem Schleier der Verhältnisse eine „wirkliche Wirklichkeit“ zu finden, größenwahnsinnig ist.

An Stelle der Ideologiekritik tritt bei ihnen die Diskurstheorie, die analysiert, wie Sprache, Denken und Sozialstruktur zusammen hängen.
Diskurstheorie will nicht mehr die Wahrheit aufdecken, sondern einen besser systematisierten Blick auf die Verhältnisse werfen. Gerade Diskursanalysen von Rassismus zeigen sehr gut, wie Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt, Rechtsnormen, Alltagspraxis und Sprache ineinander greifen und Diskriminierung zementieren. Das Problem ist aber, daß wenn es keine Wahrheit und keine Lüge mehr gibt, sondern nur noch verschiedene Diskurse, die Vorstellung, daß Rassismus falsch ist, nur noch eine Frage des Standpunktes ist.

Natürlich haben gute DiskurstheoretikerInnen genau wie gute IdeologiekritikerInnen Wege gefunden, mit ihren erkenntnistheoretischen Dilemmata umzugehen. So betont die Ideologiekritik den produktiven Charakter der Ideologie als Grundlage gesellschaftlicher Praxis – genau wie postmarxistische Diskurstheorie.

Stuart Hall, Begründer der Cultural Studies, steht in beiden Theorietraditionen und spricht z.B. von Rassismus als ideologischem Diskurs. Trotzdem werfen sich DiskurstheoretikerInnen und IdeologiekritikerInnen gerne gegenseitig vor, postmoderne Beliebigkeit oder eben positivistische Besserwisserei zu verbreiten.