»Es ist wahrlich ein Prügelmarkt…«

… so der Kommentar eines Freundes, als wir uns gestern beklommen gegenüber saßen, nachdem wir notgedrungen einen kurzen Weg durch die Innenstadt Weimars gehen mussten. Jedes Jahr am ersten [edit: entschuldigt, liebe Leserinnen; am zweiten] Oktoberwochenende, wenn hier der traditionelle ‚Zwiebelmarkt‘ begangen wird und sich die Einwohnerzahl der Stadt mit einem Schlag verdreifacht, schiebt sich der Stumpfsinn in zäher Masse, in Gestalt eines indolent-seligen Grinsens durch die Straßen und es gibt kein Entkommen. Die Gewalt ist hier nicht nur andauernd gegenwärtig, weil der Zwiebelmarkt jedes Jahr Anziehungspunkt für organisierte und nicht-organisierte Nazis ist – wenn sich die provinzielle Kulturstadt an diesem Wochenende in ein Zentrum der Unkultur verwandelt, dann können sich die gemeinen Familienväter in der Masse für kurze Zeit als Zentrum der Welt fühlen und diese Stärke muss gemessen werden. Es wundert mich, dass es auf dem Zwiebelmarkt noch nicht zu Toten kam. Ich verweise im Folgenden auf einen Text, den ich im letzten Jahr über den Zwiebelmarkt geschrieben habe, der deswegen nicht mehr ganz aktuell ist, weil ich inzwischen Zweifel an dem psychoanalytischen Kurzschluss von der individuellen auf eine kollektive Psyche hege, der m.E. aber dennoch einige Punkte dessen ganz gut trifft, was hier jedes Jahr passiert. Besonders ein Punkt ist in diesem Jahr noch einmal besonders widerwärtig hervorgetreten: ich schrieb von dem libidinös besetzten Symbol der Zwiebelkönigin. Dieses Jahr wird ein „Zwiebel-Luder“ gekührt werden, das sich dann auf der Top-40-Bühne entblößen darf.

Ein Wutgesang auf den Zwiebelmarkt

Die Buden sind inzwischen wieder abgebaut und nachdem der Zwiebelmarkt (8.10. – 11.10.2009) nun vorbei ist, bereiten sich die Weimarer Bürger auf den Winter vor und freuen sich schon auf den Weihnachtsmarkt. Solche Events gehören zu dieser Stadt und sie sind hier etwas besonders: Nicht umsonst ist Weimar eine Kulturstadt mit einem Kulturbahnhof.

Wie jedes Jahr wertet die Weimarer Presse das Wochenende des Zwiebelmarktes aus, was bedeutet dass sie sich darüber freut, dass dieses Jahr wieder mehr BesucherInnen aus ganz Deutschland am traditionellen Zwiebelfest teilgenommen haben.
Ereignisse anderer Art finden in der Auswertung jedoch kaum eine Beachtung: Etwa, dass sich am Freitag den 9. Oktober vor der Bühne des „Zwiebel Assault“ (ein Metal-Konzert auf dem Zwiebelmarkt) die gesamten Kameradschaften aus Thüringen versammelt hatten, die dann wohl daran beteiligt waren am Samstag einen 23-Jährigen halb tot zu prügeln. Das Opfer musste im Krankenhaus notoperiert werden, die Diagnose stellte einen Milzriss und innere Blutungen fest.

Einen Hassgesang auf den Zwiebelmarkt zu singen, ließe sich jedoch nicht allein dadurch rechtfertigen, dass der Zwiebelmarkt jedes Jahr zum Nazi-Treffpunkt wird. Die Auswahl des Opfers war in diesem Jahr wohl ebenso willkürlich, wie die Täter nur eine Stimmung zum überlaufen brachten, die sowieso jedes Jahr vorhanden ist.

Um eine genauere Bestimmung dessen vorzunehmen, was sich jedes Jahr am ersten Oktober-Wochenende auf Weimars Straßen abspielt, muss der Zwiebelmarkt zunächst als das betrachtet werden was er in erster Linie ist: Ein Massenevent. Sammeln sich Menschen in einer Masse, geschieht es oft, dass über individuelles Empfinden und einzelne Bedürfnisse hinweg gegangen wird. Massenveranstaltungen wie der Zwiebelmarkt tendieren dazu eine Stimmung zu entwickeln, die eine absolute Gleichförmigkeit der Bedürfnisse der Teilnehmenden geradezu erfordert: weiter lesen


30 Antworten auf “»Es ist wahrlich ein Prügelmarkt…«”


  1. 1 Robert 09. Oktober 2010 um 20:03 Uhr

    Ich glaube, dass solche Massenphänomene der bürgerlichen Gesellschaft zutiefst entsprechen. Wie Canetti in seinem grandiosen Meisterwerk „Masse und Macht“ ausführt entspringt das Bedürfnis der Bürger zu einer Masse zu werden der normalerweisen Angst vor dem anderen in der konkurentischen Normalsituation.

    Ich persönlich mag solche Rummel. Ich bewege mich auch gerne in Massen. Ich finde auch Regression ab und zu gar nicht so schlecht. Aber natürlich sollte trotzdem man sich darauf einlässt nicht aufhören zu reflektieren, welchen Zweck die Masse hat. Sie kann zum Lynchmob werden, … Ich empfehle dir die Lektüre von Canettis Buch. Besonders seine Theorie des „Massenkristals“ ist finde ich brauchbar. IMO müssten die Revolutionäre so ein Massenkristall sein. Die alten Situationisten haben sich auch so bewegt, siehe Rene Vienets Mai 68 Buch.

  2. 2 Ralf 10. Oktober 2010 um 7:50 Uhr

    Immer wieder höre ich über die ärgerliche Zeit des Zwiebelmarktes, gerade für die die Innenstadt bewohnenden Mitmenschen scheint es ein Qual zu sein. Dagegen gibt es Abhilfe: zieht aus der Innenstadt weg, verlasst Weimar, zieht auf die Scholle, geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid. Es fehlen geraduzu solche Veranstaltung hier in Weimar. Der Stadtlaufsollte ein eigenens Ereignis werden, damit es noch eine große Veranstaltung in WE gibt.
    Außerdem sollten ernst zu nehmende Artikel gut recherchiert werden, um auch Ernst genommen zu werden. Wenn das einfache schon falsch recherchiert ist, wer soll dann das kritische auch glauben. Der Zwiebelmarkt findet immer am 2. Oktoberwochenende statt und nicht am 01. Wochenende-und wenn er drei Tage dauert, kann er im letzten Jahr nicht vom (8.10. – 11.10.2009)gedauert haben.
    Das , wenn es stimmt, mit den Nazis ist schlimm. Das Weggucken der Regierenden auch und bekannt. Die Presse macht dabei mit, auch das ist nicht neu.
    Und an den Blogger einen persönlichen Tipp: Die Welt ist nicht Schwarz-Weiß. Irgendwie trägt der Zwiebelmarkt 2010 auch dazubei, dass die Menschen glücklicher sind, wenn auch nur für drei Tage am zweiten Wochenende im Oktober.

  3. 3 Administrator 10. Oktober 2010 um 12:59 Uhr

    @Robert: Das Bewegen in der Masse ist auch nicht etwas, das ich grundsätzlich verteufeln würde. Das Flanieren ist eine Tätigkeit, die ich zu schätzen weiß. Allerdings verlangt die Möglichkeit hier irgend etwas zu entdecken oder lesen zu wollen auch eine gewisse Distanz (eine Distanz zur Masse im Bad der Masse ist im Übrigen bei allen guten Texten zu Großstadt und Masse – Baudelaire, Poe, etc. – immer vorhanden), die auf dem Zwiebelmarkt verunmöglicht wird. Nicht nur, dass man kaum noch laufen kann, weil man an die anderen Körper gequetscht wird – das fröhlich Sein und Mitmachen ist hier geradezu ein Imperativ; und würde man als teilnehmender Beobachter erkannt, hätte man mit Aggression und Gewalt zu rechnen. Alle sollen hier eins sein, wehe dem, der sich abseits stellt.

    @Ralf: „geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid“ klingt schon mal sehr gruselig. Und wozu braucht es eigentlich solche Veranstaltungen? Deine Einwände bezüglich des Datums und der Dauer dieses Events treffen die Essenz des Textes im Übrigen in keinster Weise. Was für eine Rolle spielt das? Kritik ist zudem keine Glaubenssache und mir ist ehrlich gesagt scheißegal ob du daran g l a u b s t. Ach ja, und die Menschen werden durch so was glücklicher? Ich sehe in erster Linie, dass Menschen durch diese Scheiße geschädigt werden – an keinem Wochenende sonst im Jahr sind in Weimar so viele Krankenwagen und Bullen unterwegs. Schon das Beispiel aus dem letzten Jahr, dass ein Junge halb totgeprügelt ins Krankenhaus gebracht wurde, sollte einen skeptisch stimmen. Weil ich denke, dass solche Sachen zu solchen Events untrennbar dazugehören, bleibt nichts anderes als den Zwiebelmarkt abzuschaffen. Diese Welt ist ebenso wie der Zwiebelmarkt nicht schwarz weiß (es ist gerade der grelle Licht- und Farbenterror, der mich unter Anderem am Zwiebelmarkt nervt) – dieser Blog ist es schon. Ich fordere die Schönheit der Reduktion!

  4. 4 Ralf 10. Oktober 2010 um 14:45 Uhr

    @Admin

    Gruselig soll es nicht sein-aber wie ich hörte, hatten vor allem Zugezogene Probleme mit den lauten Nächten. Aber wer in die Stadt zieht, sollte nicht nur die eigenen Vorteile sehen.
    (Ich bin ein Landei)

    Danke für Deinen letzten Satz. Die Welt ist bunt und gerade dass ist wohl, was auch den Zwiebelmarkt ausmacht. Mir gefällt das bunte Treiben-und da gebe ich Dir zu 100 % Recht: Das Gedrängel ist zu groß-oder es findet auf zu kleinem Raume statt.
    Du siehst die Krankenwagen, ich sehe die Arbeit, die hinter dem Markt steckt, Du siehst die Polizei (Bullen), ich sehe die damit verbundene Sicherheit.
    Wenn ich Arbeit meine-so hoffe ich, dass auch der eine oder andere Verzweifelte Arbeit bekommt. (Ob durch Zwiebelmarkt oder anderes) Dies sind für mich die Glücklichen-und wenn ich wieder Dreyfuß vor dem Schwarzbierhaus höre und sehe-auch dann bin ich glücklich- wie viele andere auch.
    Verbietet das Verbieten! kein Fußball mehr, keine Autofahrt, nicht durch München mit der S-Bahn-weil das was passieren kann.
    Nein, lieber Admin-so einfach ist die Welt nicht.

    Woran ich glaube und wie Du das meinst-verstehen tue ich das nicht. Wenn jeder den anderen achtet und das eigene EGO zurücknimmt, Naja-genau so ein frommer Wunsch…..

  5. 5 Administrator 10. Oktober 2010 um 15:55 Uhr

    Unabhängig davon, dass ich schon viel zu lange in dieser Stadt wohne (und schon hier gewohnt habe, als der Zwiebelmarkt längst noch nicht so war wie heute), ist es mit dem Zu-Ziehen und Weg-Ziehen so eine Sache: Wer kann heute schon nach seinem Bedürfnis entscheiden wo er hin zieht oder nicht? Und so befangen ist man dann an einem bestimmten Ort bestimmten Dingen ausgeliefert, die man doch dann kritisieren sollte.

    Es geht mir auch in keiner Weise darum, dass ich dir deine Freude am Zwiebelmarkt verbieten möchte. Der Satz „Will die Stadt Weimar noch in irgendeiner Weise einem Schiller gerecht werden, der in Weimar sonst die ganze Zeit hochgehalten und als spektakuläres Bild ausverkauft wird, dann sollte die Stadt den Zwiebelmarkt und ähnliche solcher Schäußlichkeiten verbieten“ ist ein ironischer: die Stadt wäre ziemlich blöd, wenn sie den Zwiebelmarkt verbieten würde, weil sie damit gegen ihre ureigenen Interessen (ökonomischer Natur) handeln würde. Nur weil diese Forderung so unrealistisch ist, habe ich sie mit einem Augenzwinkern gestellt.

    Auch wenn ich dir deine Freude am Zwiebelmarkt lassen möchte – meine Einwände gegen dieses Event sind nicht auf eine individuelle Aversion und die Feststellung beschränkt, dass das Gedrängel zu groß ist. Hier wird doch ein Bedürfnis bedient, das einer schlechten Gesellschaftlichkeit entspringt: Die Leute werden die ganze Zeit um Glück und Lust betrogen, dann brauchen sie wenigstens mal an drei Tagen ein bisschen Feierlaune. Weil das Glücksversprechen aber auch dort nicht eingelöst wird, endet die Raserei oftmals im Übergriff und es trifft dann meistens die falschen.

    Im Übrigen stört mich an der Präsenz der Polizei auf dem Zwiebelmarkt nicht der Anblick der Bullen – im Gegenteil: in der Zeit, in der ich an diesem Wochenende notgedrungen einige der mit Stumpfsinn überfüllten Plätze überqueren musste, war ich froh zu wissen, dass ich im Notfall auf deren Schutz hätte zurückgreifen können. Das Problem ist aber doch, dass sowas überhaupt notwendig ist: Krankenwagen und Bullen sind hier notwendig, weil die Gewalt die ganze Zeit vorhanden ist. Und das ist bei solchen Volksfesten doch kein Zufall, es sind keine einzelnen Bösewichte die mal ausrasten, sondern es ist der grundeigene Charakter solcher Veranstaltungen.

    Also ich finde, dass du doch eine sehr traurige Vorstellung von Glück hast. Das soll Glück sein – dass man notgedrungen eine Arbeit findet? Ich finde Glück wäre zum Beispiel, nicht die ganze Zeit von dieser Form der Verdingung abhängig sein zu müssen, dass man nicht die ganze Zeit Angst haben muss aus der Gesellschaft rauszufallen, weil die einen nicht mehr vernutzen kann. Und mich Tätigkeiten widmen zu können, die nicht nur unmittelbar etwas mit meinem Überleben zu tun haben.

    Ich meinte nur, dass Kritik nichts mit Glauben zu tun hat. Kritik hat einen Wahrheitsanspruch, drängt auf eine praktische Veränderung und dann kann man sich genau darüber streiten. Und ich finde, dass die Leute ihr Ego endlich mal nicht immer zurück nehmen, sondern damit anfangen sollten sich selbst in Widerspruch zur Allgemeinheit zu denken. Die ist nämlich verkehrt und schadet den meisten Einzelnen. Mich hat sie am Wochenende äußerst unangenehm bedrängt.

  6. 6 bolle 10. Oktober 2010 um 16:51 Uhr

    wo gehobelt wird …

  7. 7 Administrator 10. Oktober 2010 um 16:54 Uhr

    hä??

  8. 8 bolle 10. Oktober 2010 um 16:55 Uhr

    „Ach ja, und die Menschen werden durch so was glücklicher? Ich sehe in erster Linie, dass Menschen durch diese Scheiße geschädigt werden – an keinem Wochenende sonst im Jahr sind in Weimar so viele Krankenwagen und Bullen unterwegs.“

    tja, das siehst du so. andere sehen das anders.

  9. 9 successless 10. Oktober 2010 um 16:58 Uhr

    wer hier den „zugezogenen“ als „landei“ abspricht, kritik zu äußern und forderungen zu stellen – gerade dann, wenn es sich darum dreht, sich in der stadt in der man wohnt nicht in einer drückenden, gröhlenden, schlagenden masse aufgehen zu wollen, wer also zutiefst im denken von fremd- und eigengruppe verhaftet ist, der sollte meiner meinung nach als das bezeichnet werden, was er ist, nämlich als ein rassist und als solcher in einer ernsthaften diskussion gar nicht erst bedacht werden.
    wer glück darin sieht, in einer durch die straßen wabernden einheit, fern von individualität, lärm, gestank und stress mit musik, geruch und lust zu verwechseln, wie sie die weimarer klassiker wohl erlebt haben, der ist nun wirklich nur noch zu bemitleiden, aber ebenfalls in einer solchen diskussion nicht ernst zu nehmen.

  10. 10 Administrator 10. Oktober 2010 um 17:14 Uhr

    @bolle: Ja, ich sehe das so, weil ich selbst auf diesem Volksfest um mein leibliches Wohl fürchten muss. Dann sollte man vielleicht noch diejenigen fragen, die in den bereitstehenden Krankenwägen weggefahren werden mussten. Hinzu kommt noch das Phänomen, dass sich die Leute hin und wieder mit ihrer eigenen Schädigung identifizieren.

    @successless: Ich würde mich an deiner Stelle mit solchen Rassismus-Vorwürfen etwas zurückhalten – ich glaube dass Ralf zunächst einmal von sich ausgegangen ist und nicht von einem „wir“ und „ihr“. Und einen Einwand (darüber haben wir ja auch schon diskutiert): Das „Glück“ der Weimarer Klassiker war nicht ohne den Ausschluss Anderer zu haben. Und dann stellt sich die Frage, ob diese Ausgeschlossenen, die das Glück der Klassiker als ihr Unglück empfinden mussten, tatsächlich nichts anderes im Sinn hatten, als genau dieselbe Tätigkeit als Glück anzustreben oder ob vielleicht dieses spezifische Glück in Form und Inhalt mit jenem Unglück fest verbunden und nicht anders denkbar ist. Zudem sind auch die Werke der Klassiker von einer Entfremdungserfahrung geprägt.

  11. 11 Robert 10. Oktober 2010 um 17:17 Uhr

    @admin: Das wollte ich vorhin als 4ten Beitrag schreiben, hab aber vergessen, es abzuschicken: „“Distanz“ genau, das Wort hatte mir gefehlt. Kann gut sein, dass das beim Zwiebelmarkt unmöglich ist, ich kenne ihn ja nicht. Kann auch gut sein, dass er einfach nur schrecklich ist. Aber in dem älteren Artikel meinst Du ja Massen an sich seien schon etwas verwerfliches, deutsches. Das wollte ich nur relativieren. Übrigens ist das Bedürfnis zu wachsen laut Canetti allen Massen eigentümlich, also sie wollen Leute, die am Rand stehen einbinden.“

    Ich zitiere noch ein berühmtes Leipziger Grafitti: „Bereue nichts, wenn Du in dem Moment glücklich warst!“

  12. 12 Administrator 10. Oktober 2010 um 17:28 Uhr

    Ja, das stimmt. Masse ist erstmal nichts genuin deutsches, dort nimmt sie bloß eine besonders gruselige Dynamik an. Ich finde dass Simmel in seinen Texten über die Großstadt die Ambivalenz der Masse ganz gut herausarbeitet. Dass hier das Individuum gleichwohl an Relevanz verliert eröffnet ihm gleichzeitig Freiräume und Schutz; es kann sich zurücknehmen.

    An dieser Stelle nochmal der Hinweis auf die vorletzte Wutpilger-Ausgabe, in der es um Masse und Massenkultur ging und in der u.a. „Der Mann der Masse“ von Poe und „Die Menge“ von Baudelaire verlesen werden und allerlei großstadt-theoretisches vorkommt:

    http://www.mediafire.com/?61ljwxgf6z91mwp | oder hören im KSR-Radio (ganz unten)

  13. 13 Ralf 10. Oktober 2010 um 17:58 Uhr

    @Admin
    Die Reale Welt erwartet leider den permanenten Einsatz im Arbeitsleben-und ich bedaure dies auch, kann es mir real auch nicht anders vorstellen. Ich verstehe sogar die, die in dieser Gesellschaft leben und doch nicht Teil dieser (Leistungs)gesellschaft sein wollen. Würde das viel proklamierte Grundeinkommen Gerechtigkeit bringen?

    Glück: Es kommt auf den eigenen Standpunkt und die eigene Erfahrung an. Ja, es kann für den einzelnen ein großes Glück sein, eine Arbeit zu haben, dass werde ich niemanden absprechen. Ich kenne sehr viele Menschen, die sehr sehr glücklich waren, wieder Arbeit zu haben. Aber Arbeitslosigkeit vor allem bei jungen Menschen (und nun bin ich bei Deinem Eingangsartikel) und Nazis bilden schon eine Einheit. Arbeit und Geschäfte sind nun einmal in unserer realen Welt auch mit Glück und Zufriedenheit verbunden.
    Und eines stimmt immer: Ausnahmen gibts immer.

    Ein Zwiebelmarkt rettet dabei selbstverständlich nichts, da bin ich mit Dir sogar einig. Aber trotzdem finde ich es dieses Jahr sehr gut, dass man mehr in Thüringen ist als sonst.

    Wenn der Erfolglose (successless) mich als R.. bezeichnet kann ich in diesem Zusammenhang gut damit leben. Ich selbst erlebe nun seit 20 Jahren, dass einige der Zugezogenen von den Hiergebliebenen geradezu erwarten, sich den Neuen anzupassen. Was macht aber Weimar aus? Was macht es so anziehend?
    (Der Prenzlauer Berg, als Beispiel, ist so attraktiv geworden, dass die Angestammten wegziehen (müssen), die Zugezogenen finden das neue Ambiente plötzlich zu laut etc. pp und machen den Prenzelberg kaputt)
    Dies will für Weimar niemand hoffen. Es ist das einzigartige, was Weimar ausmacht. Ich schmunzele oft, wo Goethe alles war, in meinem Haus war Goethe(leider) nicht.

    Das mit dem EGO kann man natürlich so und so sehen. Da gibt es die vier Seiten einer Botschaft (Vier-Seiten-Modell (auch Kommunikationsquadrat oder Vier-Ohren-Modell). Ich meinte das reale Verhalten auf dem Zwiebelmarkt, die Glasscherbe in die ich laufe, weil ein anderer die Flasche nicht aufhebt….

    Nachsatz:
    Ich selbst kenne nur Zugezogene, die schwer begeistert sind von Weimar. Den anderen zum Gruße….

  14. 14 successless 10. Oktober 2010 um 18:01 Uhr

    @aergernis: rolf hat mit aussagen wie „geht dahin zurück, wo ihr hergekommen seid“ oder „wie ich hörte, hatten vor allem Zugezogene Probleme mit den lauten Nächten“ (als spiele es eine rolle, ob ein weimarer oder ein zugezogener um den schlaf gebracht wird) doch sein eigenes denken entlarvt.

    das beispiel der weimarer klassik soltle nicht affirmativ sein, viel mehr sollte es den gegensatz zwischen dem, was weimar ist und dem, was es ständig postuliert zu seien, nochmal aufzeigen. doch trotzdem muss man sagen, dass auf den lyrikveranstaltungen von goethe & co dass individuum eine weitaus größere rolle gespielt hat als beim zwiebelmarkt und genuss hier wirklich noch möglich war.

  15. 15 Ralf 10. Oktober 2010 um 18:02 Uhr

    @Robert
    Mach Dir doch ein Bild und komm nächstes Jahr nach Weimar.

  16. 16 bolle 10. Oktober 2010 um 18:14 Uhr

    „Hinzu kommt noch das Phänomen, dass sich die Leute hin und wieder mit ihrer eigenen Schädigung identifizieren.“

    du meinst die leute, die dort beim feiern, musik hören und tanzen fotografiert sind? ganz schlimme schädigungen, ja.

    bei grossen festen gibt es immer leute, die mit dem krankenwagen abtransportiert werden, bei jedem scheiss festival und jeder uni-party, mein gott. das meinte ich mit dem hobeln. die nazis sind wiedrum etwas anderes und sehr wohl kritikabel. aber du schiesst eben etwas über’s ziel hinaus und projizierst deine bedürfnisse nach ruhe und gelassenheit auf eine masse, die ein fest mit solchen risiken wie einem krankentransport eben mag. (frag doch mal nach, weswegen die meisten abtransportiert werden. das ist meist zuviel alkohol und (andere) kreislaufschwächen)

    da sag ich nur – lass sie einfach! und geh nicht hin.

  17. 17 Administrator 10. Oktober 2010 um 18:32 Uhr

    @ralf: Also wenn es dir nicht mal was ausmacht, wenn man dich einen Rassisten nennt, kann ich dir auch nicht helfen. Ich finde das Schreckliche an Weimar im Übrigen, dass hier alles im eigenen Saft schmort und Impulse von außen oftmals in stockreaktionärer Manier abgewehrt werden. Das was du als Glück bezeichnest, würde ich höchstens als Glück im Unglück beschreiben. Die Wahl zwischen Arbeit und dadurch überleben können und Nicht-Arbeit und damit als Dreck behandelt zu werden halte ich für einen Zwang, der beseitigt gehört. Selbst wenn es die Leute geschafft haben und einen Job bekommen haben, sind sie meistens nicht glücklich, wie ich zu beobachten glaube. Das Ganze hat m.E. auch nichts mit Gerechtigkeit zu tun und lässt sich nicht auf irgendwelche Scherben reduzieren, die man wegräumt oder nicht. Ich als Nicht-Hinzugezogener bin von Weimar ziemlich genervt, aber das hat weniger mit den Hinzugezogenen zu tun.

  18. 18 Administrator 10. Oktober 2010 um 18:35 Uhr

    @successless: Wenn du Rassismus auf eine „wir“–“ihr“-Konstruktion reduzierst, dann ist dieser Begriff so abstrakt, dass du damit nichts kritisieren kannst. Ja, in der Verwaltung seiner Vergangenheit ist Weimar wohl eine Schande. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass ich mich bei den Zusammenkünften von Goethe und Konsorten nicht unbedingt sehr wohlgefühlt hätte. Da musste man beim Essen bestimmt grade sitzen… Wenn es um die unabgegoltenen Potentiale der Vergangenheit geht, dann sollte man keine Angst davor haben mit ihr auch grausam-gründlich abzurechenen.

  19. 19 Administrator 10. Oktober 2010 um 18:38 Uhr

    @robert: tu dir das nicht an…

  20. 20 Administrator 10. Oktober 2010 um 18:47 Uhr

    @bolle: Auf dem Zwiebelmarkt werden sie mitunter abtransportiert, weil sie verprügelt wurden. Weil sie hier als offene Schwule teilnehmen wollten, weil sie eine andere Hautfarbe haben, weil sie linke Szene-Typen oder Hippies sind oder einfach willkürlich, weil sich die Aggression gegen irgend jemanden richten muss. Sagst du denen auch, dass sie einfach nicht hingehen sollen? Geh‘ doch mal dazu über meinen verlinkten Text zu kritisieren – in dem habe ich versucht auszuführen, warum es kein Zufall ist, dass hier Gewalt herrscht und dass es hier weder bloß um Nazis geht (im Übrigen: Zufall dass die sich auf dem Zwiebelmarkt wohlfühlen?), noch darum, dass hier jemand ein paar zu viel über den Durst gekippt hat. Es ging mir nicht darum den Leuten vorzuschreiben, was sie für eine Vorstellung von guter Laune haben sollen.

  21. 21 Administrator 10. Oktober 2010 um 18:55 Uhr

    @bolle: Du stellst es echt so dar, als ob man einfach wählen könnte: hingehen oder nicht. Das Problem ist aber, dass man sich der ganzen Chose kaum entziehen kann. Diese Veranstaltung ist einfach aufdringlich.

  22. 22 Ralf 10. Oktober 2010 um 19:30 Uhr

    @Admin
    Lass doch Robert selbst entscheiden.

    Rassist:
    Ist einfach nur dumm. Also was soll es. Ich habe selbst mit dazu beigetragen, dass ein Schwarzafrikaner und ein Türke nach Weimar kamen um hier zu arbeiten. Und in meinem Betrieb ist Rassismus ein Entlassungsgrund!

    Ich habe mir die Lotte-Sendung angehört. Schwere Kost.

    Zu der Frage Arbeitslosigkeit mag ich Dir in keiner Weise widersprechen. Ich sehe dies ganz genauso.
    Obwohl ich selbst in Weimar arbeite spüre ich nicht so intensiv den Mief wie Du. Trotzdem glaube ich zu wissen was Du meinst.

    Aber vielleicht bist Du einfach 20 Jahre jünger als ich.

    Als vor Jahren im Atrium die Fotoausstellung über „Weimar im dritten Reich war“, war ich wirklich ernst erschrocken. Ich hatte schon viel gehört, gehöre auch zu denen, welche als Jugendlicher nach Buchenwald gefahren wurden (was ich immer noch finde, dass es so gut war). Aber Nazis so intensiv in Bildern zu sehen und eine weimarer Bevölkerung.

    Wenn dann die Nazis den Weimarer Zwiebelmarkt gut finden, um sich organisieren zu können und scheinbar unter den Augen der Justizia-dann echt Schande über Weimar-aber ist dies allein ein Weimar-Problem. Ich glaube Nein.

    Da Du ja scheinbar in der Innenstadt wohnst : es ist bald vorbei!

  23. 23 Ralf 10. Oktober 2010 um 19:38 Uhr

    @Erfolgloser
    Wer nach Weimar zieht, und dann noch in die Innenstadt, hat sich definitiv informiert-und nur deshalb sollten sich diese Typen nicht beschweren.

    Peace Pace Frieden Mir

    Gute Nacht und noch nen schönen ZM 357

  24. 24 Robert 10. Oktober 2010 um 22:36 Uhr

    @Ralf: Also die Zwiebelgirls / -luder würde ich mir schon gerne mal anschauen, aber natürlich nein, ich werde ganz bestimmt nicht zum Zwiebelmarkt fahren, da kenne ich durchaus interessantere Reiseziele.

  25. 25 Ralf 11. Oktober 2010 um 0:39 Uhr

    @Robert
    Ja klar, fahr dahin, wohin es Dich trägt.

  26. 26 Ralf 11. Oktober 2010 um 6:27 Uhr

    @Robert
    Das ist schade-aber so hat Admin also schon mal einen persönlichen Erfolg

  27. 27 Administrator 11. Oktober 2010 um 10:57 Uhr

    Ins Handgemenge gerieten Polizeibeamte am späten Freitagabend im Bereich Graben-/Jakobstraße. Wegen einer Körperverletzung gerufen, wurden die Polizisten gleich vom 24-jährigen Unruhestifter persönlich angegriffen. Der mit 1,8 Promille Alkoholisierte verbrachte musste die Nacht in der Gewahrsamszelle verbringen und handelte sich eine Anzeige ein.

    Am selben Abend kam es kurz vor Mitternacht in einer Gaststätte am Herderplatz zu einer ge-fährlichen Körperverletzung. Ein 35-jähriger Weimarer schlug einem Gastwirt ein Bierglas auf den Kopf. Im Zuge der Ermittlungen wurde bekannt, dass der 35-jährige zuvor eine weitere Körperverletzung und eine Sachbeschädigung begangen hatte.

    Einen verbalen Fehltritt erlaubten sich am frühen Samstagmorgen zwei 22-Jährige aus dem Weimarer Land, als sie sich an die Schlossmauer zum Urinieren begaben: Sie riefen den Hitler-Gruß. Zufällig hörten dies zwei anwesende Polizeibeamte. Beide erhielten eine Anzeige wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

    Ein Bierglas als Wurfgeschoss benutzte am Sonntagmorgen gegen 2 Uhr ein 26-jähriger Weimarer auf dem Burgplatz. Er warf das Glas nach Passanten. Als die alarmierten Polizisten deswegen Anzeige, leistete er erheblich Widerstand.

    via

    [wenn das mal alles gewesen ist]

  28. 28 Robert 11. Oktober 2010 um 12:36 Uhr

    @Ralf: Admin hat das Fest sicher ganz gut beschrieben, aber unabhängig davon wenn ich mir bei meiner ständigen Geldknappheit mal eine Reise erspart habe, werde ich bestimmt nicht zu so einem bescheuerten deutschen Volksfest pilgern. Das kann ich genauso gut überall haben.

  29. 29 Ralf 12. Oktober 2010 um 6:29 Uhr

    @Admin
    schade, dass der ZM und damit Dein Blog vorbei sind.

    Alles Gute

  30. 30 Administrator 12. Oktober 2010 um 8:55 Uhr

    Mein Blog ist doch nicht vorbei (ich komm nur nicht jeden Tag dazu was zu schreiben). Als nächstes erwartet euch: ein kleiner Text zur amerikanischen Fernseh-Serie ‚Dexter‘.

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