Archiv für Oktober 2010

Wutpilger-Streifzüge #1

Die Debut-Sendung enthält die Lesung (es spricht Birgit Holfeld) und Interpretation des Gedichtes „Wutpilger-Streifzüge“ von Paul Celan, ein kurzes Radio-Essay von W. Morgenröthe (Gruppe Surpasser) über Fragmente und Aphroismen (nachzulesen hier), einen Auszug aus einem Interview mit Esther Leslie, in dem diese über Walter Benjamins Beziehung zum Fragment spricht (das Interview ist im Ganzen nachzuhören hier und ihr einführender Text über Walter Benjamin kann hier bzw. auf englisch hier nachgelesen werden) und die Lesung eines Auszugs aus dem Roman „der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil. Musikalisch wird die Sendung von Czesław Niemens Album „vol. 1″ umrahmt.

Download

Das Scheitern der Sprache #7

Karl Kraus

Man frage nicht

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bliebe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, daß die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war′s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Zeit erwachte.

[Angesichts der Machtübernahme der Nationalsozialisten, in der einzigen Ausgabe der Fackel im Jahr 1933]

Das Scheitern der Sprache #6

Franz Kafka

Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich.

(Kafka 1966, 19)
Brief an Oskar Pollak, 8. November 1903

Dexter: Der postmoderne Dandy in Gestalt eines serienmordenden Polizisten

Mit Dexter ist es mir passiert, dass mich seit Twin Peaks zum ersten mal eine Serie (ein Format, mit dem ich sonst eigentlich recht wenig anfangen kann) wieder gefesselt hat. Nachdem ich nun die ersten drei Staffeln durchgesehen habe, wollte ich hier fragmentarisch ein paar Reflexionen zu dieser Serie niederschreiben, die vor Allem auf einen Vergleich hinauslaufen: Die Figur Dexters entspricht in wesentlichen Zügen der das Dandys des Ästhetizismus. Die entscheidenden Unterschiede verweisen hingegen auf einige spezifische Merkmale postmoderner Subjektivität.

Dexter Morgan arbeitet in der Spurensicherung der Polizei von Miami und hat als Bulle etwas zu verbergen: Seitdem er als Kind traumatisiert wurde, da er die blutige Ermordung seiner Mutter mit ansehen musste, verspürt er in sich einen unstillbaren Drang zu töten. Sein Adoptivvater, seinerzeit ebenfalls Polizist, hat die mordlüsterne Neigung seines Ziehsohns jedoch früh erkannt und hat ihm beigebracht seinen Trieb zu kanalisieren: zunächst auf Tiere, später auf Schwerverbrecher, die ungestraft durch Gesetzeslücken entschlüpfen konnten. Dexter lernt wie er seine Opfer töten kann ohne Spuren zu hinterlassen und folgt dabei den strengen Anweisungen seines Vaters: niemals einen unschuldigen Menschen zu töten und niemals irgend einen Menschen von seinem düsteren Inneren erfahren zu lassen. Letzteres ist für Dexter die einzige Möglichkeit zu überleben. So dem Kodex seines Vaters folgend, lebt Dexter ein ganzes Leben als Fassade. Er muss selbst vor seinen nahsten Menschen sein wahres Ich ständig und immer wieder verbergen, ist als das Monster, das in seinem Innersten lauert, immer von allen Menschen um ihn herum entrückt und muss ob seiner inneren Leere, die er nur durch das Morden für eine kurze Zeit füllen kann, alle gesellschaftlichen Konventionen und Bräuche , die er nicht nachvollziehen kann, vortäuschen.

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Damit trägt die Serie zum Teil stockreaktionäre Züge. Die ständig präsente Stimme der Vaterfigur wird als gerechte immer wieder geadelt, es gibt keine Möglichkeit für Dexter sich von seinem Familienschicksal zu emanzipieren, das unentrinnbare Band der Familie erscheint zudem oft als einzig mögliche Rettung, das Mörder-Morden ist als korrigierende Aufrechterhaltung einer bürgerlichen Ordnung letztlich okay, Triebverzicht und absolute Selbstkontrolle werden propagiert. Schließlich manifestiert sich in Dexters Freundin Rita – ein Vergewaltigungsopfer, das ohne Dexters Hilfe kaum zurecht kommt, sich weinerlich-hilflos auf dessen starke Schulter stützt und ohne ihn, ihrem kriminellen Ex-Mann hilflos ausgeliefert ist – eine ziemlich sexistische Projektion.

Dennoch gibt es neben diesen Tendenzen eine Ambivalenz in der Serie, die es zu untersuchen lohnt. Gerade das Verhältnis zu seinem Vater und zu seinen Trieben wird gegen Ende der ersten Staffel nicht mehr zu einer eindeutigen Angelegenheit. Dexter entdeckt, dass sein Vater ihm einige wichtige Details über seine Vergangenheit vorenthalten hat und als sein Bruder, von dem er nichts gewusst hatte, plötzlich auftaucht, beginnt er an der Richtigkeit des Codex von Morgan Senior zu zweifeln. Ist es richtig, ständig von sich selbst absehen zu müssen? Dass sich Dexter schließlich doch für sein gespieltes Ich entscheidet, das sich ständig gegen sein ‚wahres Ich‘ richten muss, ist nicht in erster Linie eine Entscheidung für seinen Vater, sondern dafür überhaupt bestehen – ergo überleben – zu können. Damit gibt der Verlauf der Serie möglicherweise einen Verweis darauf, dass Dexters Qualen nicht lediglich dem Schicksal seiner Kindheit entspringen, sondern etwas mit einer Gesellschaft zu tun haben, die alles andere als in Ordnung ist. Nicht nur dass sich während der ersten zwölf Folgen immer wieder Konstellationen entfalten, die von einem gestörten Miteinander erzählen. Dexter begegnet immer wieder Menschen, die ebenfalls mit einer Kraft zu kämpfen haben, die tief in ihrem Inneren lauert. Es ist eigentlich verdammt witzig, wie so ganz nebenbei, sich die Mordlust auch in anderen Mitmenschen zu erkennen gibt, denen Dexter begegnet. Und auch wenn Dexter am Ende allein seinen aufrechten Gang als Fassade geht – hier wird gegenüber den deutschen Fernsehproduktionen eine spezifische Qualität des amerikanischen Fernsehens sichtbar: Könnte es in Deutschland jemals einen Polizisten als Helden geben, der neben seinem Berufsalltag serienweise Menschen um die Strecke bringt, der aus einem Rachemotiv kein verquirlt moralisches Ding macht, sondern es einfach für sich tut? In Deutschland ist die Welt am Ende meistens so heile wie sie vorher war – Dexter hingegen hinterlässt nichts als Verstörung, die von einer verstörten Welt herkommt. (mehr…)

Das ærgerliche Tierlexikon zum Hören #3

Ist die Mücke gedankenloses Objekt? Denkt sie ihre gedankenlose Objekthaftigkeit? Kann sie überhaupt denken, ist ihr Zustand denkbar, ist uns ihre Erfahrungswelt erschließbar und was ergibt sich aus dieser Biegung des Blicks auf die Natur? Diese Fragen beschäftigen successless und ærgernis bei ihren Forschungsarbeiten für das animalische Audiolexikon. Um der Beantwortung dieser Fragen ein Stück weit näher zu kommen, wollen wir uns in dieser Folge mit einem Verhältnis beschäftigen, welches für die grundlegenden Fragen des Menschen in seiner Natur seit jeher von immenser Bedeutung war: dem Verhältnis von Sein und Nicht-sein, von Leben und Tod. Die Chaoboridae, auch genannt Büschelmücke – ein äußerst friedliebendes Tier; es saugt kein Blut – warnt noch im Augenblick ihres Todes ihre Artgenossen vor der Bedrohung. Hieraus ergibt sich: in der Welt der Mücken siegt noch im Angesicht des Todes das zur höheren Einheit strebende Prinzip des Eros. Die Büschelmücke der Lust:

Das ærgerliche Tierlexikon zum Hören #2

Ærgernis und successless erklären die Natur. Schon Nietzsche hatte geschrieben: „Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, dass auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende Zentrum dieser Welt fühlt.“ (Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn, 1873) Ob dieser Wichtigkeit dieser fliegenden Zentren der Welt wollen wir noch ein wenig im Reich der Mücken verbleiben und ihre Signale zu verstehen suchen. In dieser Folge beschäftigen wir uns mit der Chironomus Atroviridis, auch genannt Zuckmücke:

Das ærgerliche Tierlexikon zum Hören #1

Tiere um uns – was wär‘n wir ohne sie“, so sang es schon Jochen Distelmeyer und da successless und ich Freunde des Projekts „Versöhnung mit der Natur“ sind, haben wir uns gedacht, diese eigene Welt, in der die Tiere leben, der Blogsport-Gemeinde etwas näher zu bringen. Da der gemeine Blogsportler sehr lesefaul ist, sind wir mit unserem Aufnahmegerät in die Natur gegangen, haben die Geräusche der unterschiedlichsten Tiere aufgenommen und naturgetreue Zeichnungen der selbigen angefertigt. Niemand soll nun mehr sagen können, das da draußen sei das Unbekannte, Ungeheuerliche, das gar beherrscht werden müsse.

In der ersten Folge stellen wir euch die Brüllmücke vor:

»Es ist wahrlich ein Prügelmarkt…«

… so der Kommentar eines Freundes, als wir uns gestern beklommen gegenüber saßen, nachdem wir notgedrungen einen kurzen Weg durch die Innenstadt Weimars gehen mussten. Jedes Jahr am ersten [edit: entschuldigt, liebe Leserinnen; am zweiten] Oktoberwochenende, wenn hier der traditionelle ‚Zwiebelmarkt‘ begangen wird und sich die Einwohnerzahl der Stadt mit einem Schlag verdreifacht, schiebt sich der Stumpfsinn in zäher Masse, in Gestalt eines indolent-seligen Grinsens durch die Straßen und es gibt kein Entkommen. Die Gewalt ist hier nicht nur andauernd gegenwärtig, weil der Zwiebelmarkt jedes Jahr Anziehungspunkt für organisierte und nicht-organisierte Nazis ist – wenn sich die provinzielle Kulturstadt an diesem Wochenende in ein Zentrum der Unkultur verwandelt, dann können sich die gemeinen Familienväter in der Masse für kurze Zeit als Zentrum der Welt fühlen und diese Stärke muss gemessen werden. Es wundert mich, dass es auf dem Zwiebelmarkt noch nicht zu Toten kam. Ich verweise im Folgenden auf einen Text, den ich im letzten Jahr über den Zwiebelmarkt geschrieben habe, der deswegen nicht mehr ganz aktuell ist, weil ich inzwischen Zweifel an dem psychoanalytischen Kurzschluss von der individuellen auf eine kollektive Psyche hege, der m.E. aber dennoch einige Punkte dessen ganz gut trifft, was hier jedes Jahr passiert. Besonders ein Punkt ist in diesem Jahr noch einmal besonders widerwärtig hervorgetreten: ich schrieb von dem libidinös besetzten Symbol der Zwiebelkönigin. Dieses Jahr wird ein „Zwiebel-Luder“ gekührt werden, das sich dann auf der Top-40-Bühne entblößen darf.

Ein Wutgesang auf den Zwiebelmarkt

Die Buden sind inzwischen wieder abgebaut und nachdem der Zwiebelmarkt (8.10. – 11.10.2009) nun vorbei ist, bereiten sich die Weimarer Bürger auf den Winter vor und freuen sich schon auf den Weihnachtsmarkt. Solche Events gehören zu dieser Stadt und sie sind hier etwas besonders: Nicht umsonst ist Weimar eine Kulturstadt mit einem Kulturbahnhof.

Wie jedes Jahr wertet die Weimarer Presse das Wochenende des Zwiebelmarktes aus, was bedeutet dass sie sich darüber freut, dass dieses Jahr wieder mehr BesucherInnen aus ganz Deutschland am traditionellen Zwiebelfest teilgenommen haben.
Ereignisse anderer Art finden in der Auswertung jedoch kaum eine Beachtung: Etwa, dass sich am Freitag den 9. Oktober vor der Bühne des „Zwiebel Assault“ (ein Metal-Konzert auf dem Zwiebelmarkt) die gesamten Kameradschaften aus Thüringen versammelt hatten, die dann wohl daran beteiligt waren am Samstag einen 23-Jährigen halb tot zu prügeln. Das Opfer musste im Krankenhaus notoperiert werden, die Diagnose stellte einen Milzriss und innere Blutungen fest.

Einen Hassgesang auf den Zwiebelmarkt zu singen, ließe sich jedoch nicht allein dadurch rechtfertigen, dass der Zwiebelmarkt jedes Jahr zum Nazi-Treffpunkt wird. Die Auswahl des Opfers war in diesem Jahr wohl ebenso willkürlich, wie die Täter nur eine Stimmung zum überlaufen brachten, die sowieso jedes Jahr vorhanden ist.

Um eine genauere Bestimmung dessen vorzunehmen, was sich jedes Jahr am ersten Oktober-Wochenende auf Weimars Straßen abspielt, muss der Zwiebelmarkt zunächst als das betrachtet werden was er in erster Linie ist: Ein Massenevent. Sammeln sich Menschen in einer Masse, geschieht es oft, dass über individuelles Empfinden und einzelne Bedürfnisse hinweg gegangen wird. Massenveranstaltungen wie der Zwiebelmarkt tendieren dazu eine Stimmung zu entwickeln, die eine absolute Gleichförmigkeit der Bedürfnisse der Teilnehmenden geradezu erfordert: weiter lesen

Wutpilger Streifzüge: Peter Bürger im Gespräch

Die nächste Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge naht: Am kommenden Sonntag (10.10.2010) hört ihr ab 22:00 Uhr ein Gespräch mit Peter Bürger über das Verhältnis von Kunstautonomie und Kritischer Theorie, über das Kunstwerk als Subjekt, das Scheitern der Avantgardebewegungen und die Möglichkeit einer radikalen Moderne. Hören könnt ihr die Sendung auf 106.6 MHz oder per Livestream auf der Homepage von Radio Lotte.

Kriegstheaters Podcast online

K’s Kriegstheater eröffnet seinen Podcast mit einem Gespräch über das Verhältnis von Theologie und historischem Materialismus bei Walter Benjamin. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema soll in den nächsten Folgen, die von nun an jeden ersten Freitag im Monat erscheinen, vertieft werden.

Podcast 1 – Anselm Gramspan über Walter Benjamins Verhältnis zur Theologie

Berlin gleicht aus!

Nachdem die Stuttgarter Kollegen durch ihren Einsatz gegen die Auswahl der 9. Klasse der Waldorfschule und den Seniorensportverein im Schlossgarten glorreich in Führung gegangen sind, hat die Berliner Polizei den Ausgleich geschafft. Die Räumung des 1. Obergeschosses der Scharnweberstraße 29 eskalierte kurzzeitig, nachdem eine zierliche Demonstration in einem Anfall von Kreativität eine Bananenschale kunstvoll auf ein zitronengelbes Fahrrad drappierte. Es muss dieser Person natürlich klar sein, dass ein solch bösartiger und hinterhältiger Verstoß gegen das Abfallbeseitigungsgesetz Konsequenzen haben muss. Rund 20 Beamte in Kampfroboteruniform nahmen die Demonstrantin unter Anwendung von Zwang fest, wobei auch störende Umherstehende gelegentlich und wahrscheinlich aus Versehen (Ein Schelm wer dabei Böses denkt.) aus dem Weg geboxt wurden. Die Übeltäterin wurde anschliessend auf den Asphalt geworfen und mit Polizeigriff fixiert, anschließend über den Bürgersteig Richtung Mannschaftswagen geschleift. Da bekannt war, dass die Person zu äußersten Gewalttaten in der Lage war und von ihrer Seite definitiv mit Gefahr zu rechnen sei – man denke nur an die Bananenschale – waren dafür nicht weniger als 5 Beamte notwendig und weitere 15 zur Absicherung. Der restliche Einsatz verlief sehr zufriedenstellend – an rund 30 Personen, die sich im öffentlichen Raum vor dem Eingang des Hauses friedlich und ohne Waffen versammelt hatten, durfte noch wild herumgezogen und geschubst werden. Danach konnte die Räumung vollzogen werden. Mit einem zufriedenen Lächeln verließen die Sieger den Platz.

Siehe auch: BZ – Polizei Räumt Scharni-29-Wohnung

Ersten Stock verteidigen

Unterstützt die Scharni 29, ein sympathisches Wohnprojekt:

„Der erste Stock des Hausprojekts Scharni29 soll am 7. Oktober geräumt werden. Nachdem Hausbesitzer Gijora Padovicz uns über Jahre mit Abmahnungen, Klagen und Schikanen überzog, hat er nun einen ersten Erfolg. Denn plant er nun leidlich auszunutzen.
Seit der jetzige Hausbesitzer Gijora Padovicz mit seiner Firma Siganadia GmbH das Haus in der Scharnweberstaße 29 im Jahr 2001 kaufte, versucht er alles, um uns das Leben schwer zu machen. Erst zwang er uns zu einer Sanierung, die wir nicht wollten um dafür dann massive Fördergelder aus dem Projekt „Soziale Stadt“ zu bekommen. Der damals erzwungene Deal: Die Hausbewohner stimmen einer sozialverträglichen Sanierung zu und der Hausbesitzer aktzeptiert die Hausgemeinschaft der BewohnerInnen. So versicherten uns der Hausbesitzer, der Senat und der Bezirk, dass wir nun über 20 Jahre (solange ist der Bindungszeitraum der Förderung) hier weiter leben könnten.
Dass solchen Versprechungen nicht zu trauen ist, zeigte sich bald. Bereits zwei Monate nachdem die Sanierungs abgeschlossen war und die BewohnerInnen wieder in ihre Wohnungen zurückgezogen waren, flatterten die ersten Kündigungen ins Haus. Gründe: Kontakt zur Hausbesetzerszene, illegale Untervermietung und illegale Einbauten. Auch ein Mietrückstand wurde angeführt.
Der Hausbesitzer wollte uns raushaben und suchte nun Gründe um das vor Gericht zu erzwingen. Zu unserer Freude gelang ihm nicht, vor Gericht damit durchzukommmen. Das Amtsgericht Lichtenberg folgte seinen Argumenten nicht, lehnte die Kündigung ab und sprach uns Mietminderung und die Erlaubnis zur Untervermietung zu. Auch vor dem Landgericht in der Littenstraße wurde die Kündigung im 2.,3., und im 4. Stock abgewiesen. Doch ein Verfahren war bei einer anderen Kammer gelandet. Zu unserem Erstaunen gab die dortige Richterin der Kündigung statt. Trotz nahezu gleichem Sacchverhalt urteilte sie genau gegensätzlich. Da die Revision auch gleich mit abgelehnt wurde, klagten wir vor dem Bundesgerichtshof (BGH) gegen diese Nichtzulassung.
Trotzdem der Bundesgerichtshof noch nicht endgültig entschieden hat, will der Hausbesitzer nun den ersten Stock freiräumen. Am 7. Oktober soll nun der Gerichtsvollzieher uns um acht Uhr morgens aus den Betten holen und auf die Straße setzen.
Vor einigen Wochen hat er nun auch das Erdgeschoß gekündigt. Dort befindet sich unser subkulturelles Wohnzimmer Chaekpoint Scharni, Vereinsräume und ein Schenkladen in dem Menschen günstige Dinge bringen und abholen können.“


Scharni 29

Der Augenblick der Erkennbarkeit

Hier noch einmal der Hinweis auf die Veranstaltung mit Peter Bürger, in der nächsten Woche, am 07.10. um 20:00 Uhr im Jugend- und Kulturzentrum Mon Ami Weimar:

„In Jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“ Benjamins Satz aus seinen Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ gilt auch für die Avantgardebewegungen. Ausgehend von einer Kritik an neuerdings zu beobachtenden Tendenzen, die Unterscheidung zwischen Avantgarde und künstlerischer Moderne einzuebnen, sollen im Anschluß an Benjamins Überlegungen zum „Augenblick der Erkennbarkeit“ eines geschichtlichen Phänomens angestellt und auf die historischen Avantgardebewegungen bezogen werden. Daraus wird sich die Überlegenheit des in der „Theorie der Avantgarde“ entwickelten spezifischen Avantgarde-Begriffs gegenüber einer unspezifischen Begriffsverwendung ergeben, die Avantgarde mit künstlerischer Moderne gleichsetzt. Im Anschluß daran soll der Frage nachgegangen werden, wie heute mit den Avantgarden umzugehen wäre.

Now Playing

Die alten Sachen von Neurosis sind nicht zu verschmähen:

Über das Lachen

- Réa sagte sie, du hast recht. Hab Mitleid jetzt, bring mich zum Lachen!
Réa lehnte sich zu mir herüber. Sie machte mir einen so obszönen Vorschlag, daß ich in dem Gewirr von Reaktionen, die uns alle drei krank machten, nicht mehr an mich halten konnte und in Gelächter ausbrach.
- Sag es mir noch einmal, sagte meine Mutter zu mir.
- Komm, sagte Réa, ich sage es dir ins Ohr.
Meine Mutter beugte sich zu Réa hinüber. Dasselbe kindische Lachen kitzelte uns so heftig, Réas obszöner Vorschlag war von so närrischer Ungereimtheit, daß wir uns krümmten und die Bäuche verrenkten, mitten zwischen den anderen Leuten. Die Gäste begannen zu uns herüberzuschauen, aber da sie selbst schon heiter waren und nichts verstehen konnten, glotzten sie nur.
Einige stutzten. Trotz furchtbarer Anstrengungen waren wir außer Rand und Band, wir waren verrückt, unser Gelächter verstärkte sich noch durch das Stutzen, das wir ringsum spürten: dann fing das ganze Restaurant zu lachen an, ohne zu wissen warum, aber es war ein Lachen, das fast weh tat und in Wut umschlagen konnte. Schließlich verebbte dieses ungehörige Lachen, aber in dem eingetretenen Schweigen brach plötzlich ein Mädchen, das nicht mehr an sich halten konnte, von neuem los: noch einmal bemächtigte sich das Lachen des Saales. Schließlich tauchten die Gäste, die Nase noch in der Serviette, verstohlen aus ihrer Verzauberung, wagten es nicht mehr einander anzusehen.1

Dieser Auszug aus dem Roman „Meine Mutter“ von Georges Bataille zeigt eine der Stärken des Surrealismus (aus dem Bataille ohnehin herausragte, der mehr war als Surrealist): Das tiefsinnige Gespür für mikrosoziale Prozesse und Reaktionen. Als ob mit dem Hinabsteigen zur Obszönität ein Gewässer in Bewegung versetzt wäre, das tiefer ist als die Einzelne, weil die Entladung einer Spannung sich verselbstständigt und am Ende nicht die einzelnen Leute, sondern – wie sonderbar scheint dies: – das Reastaurant, der Saal lachen. Und wer kennt nicht die Ratlosigkeit, wenn nach einem gemeinsamen Lachkrampf die Puste raus ist?

  1. Georges Bataille: Meine Mutter, in Jürgen Manthey (Hrsg.): Georges Bataille. Das obszöne Werk. Reinbek bei Hamburg 1977. [zurück]