Kunst und Geschmack – Leipzig

Kunst und Geschmack.
Über subjektive Emanzipation und ästhetische Autonomie

Veranstaltung mit Vortrag und Diskussion

Montag, 30. August 2010, 19 Uhr – Raum 2.41, Hochschule für Grafik u. Buchkunst, Wächterstr. 11, 04107 Leipzig

Der Begriff des Geschmacks scheint eine für die Ästhetik mittlerweile unbrauchbare Kategorie zu sein. Ihm haftet der Makel einer unhinterfragbaren, ins Diskursive schwierig aufzulösenden Einstellung an, die sich aus subjektiven Quellen speist. Allenfalls spielt dieser Begriff im erweiterten Feld der Ästhetik als Aisthesis eine Rolle, so beim Design, bei Gebrauchsgegenständen, in der Mode und in der populären Musik.
Nun wandelt sich aber das diskursive Gerüst der Ästhetik beständig. Neue Kategorien und Rahmen tauchen darin auf und verschwinden wieder. Auch der Begriff des Geschmacks ist ein solcher zuweilen wiederkehrender Kandidat. Ihm wohnt eine eigentümliche Zwischenstellung inne. Ganz ohne ihn geht es nicht, doch als Instanz der Begründung, warum ein Kunstwerk mit Gründen als ästhetisch gelungen bezeichnet werden kann, taugt er nicht recht.
Bei allem Vorbehalt, den man gegenüber diesem Begriff vorbringen mag, wird jedoch häufig übersehen, daß es sich dabei nicht bloß um eine zufällige Einstellung handelt, über die ein Streit sinnlos ist, sondern der ausgebildete Geschmack erfordert vielmehr ein hohes Maß an Reflexion: mithin Wissen um den (ästhetischen) Gegenstand. Und auch im historischen Rückgriff zeigt sich die Bedeutung des Begriffs: Die Geschmacksbildung des 17., 18. Jahr- hunderts geschieht unabhängig von den vorherrschenden religiösen und staatlichen Regel- werken dieser Zeit und vermochte es, ein eigenes Feld von Geltung auszudifferenzieren.
So konnte sich – insbesondere im deutschsprachigen Raum – die Ästhetik erst im 18. Jahrhundert, unter anderem über den Begriff des Geschmacks, als eigenständige Disziplin herausbilden. Diese Entwicklung, die mit der Entstehung des bürgerlichen Kunstgeschmacks einherging, trug schließlich dazu bei, daß ein – zunächst – freies (modernes) politisches Subjekt sich überhaupt ausbilden konnte. Frei auch von den Zwängen einer antiken und mittelalterlichen Regelpoetik, frei vom Fürstenzwang; den Gesetzen eigener Produktion unterworfen, das alte Gesetz brechend. Und insofern hat nicht nur in der Ästhetik des 18. und frühen 19. Jahrhunderts auch die zunächst aufs äußerste subjektiv erscheinende Kategorie des Geschmacks ihren berechtigten Platz.
Ausgehend von Christoph Menkes Aufsatz „Ein anderer Geschmack. Weder Autonomie noch Massenkonsum“ (Texte zur Kunst, September 2009, Heft 75) soll in der Veranstaltung dieser ästhetisch-politischen Geschichte des Geschmacksbegriffs nachgegangen werden. Anschließend an Kants Analyse des Geschmacksurteils, die eine der umfassendsten Bestimmungen dieses Begriffs darstellt, sollen auch die Positionen moderner Ästhetik zur Sprache kommen – insbesondere die Adornos, bei dem die Kategorie des Geschmacks eine durchaus ambivalente Rolle spielt:

„Autonom ist künstlerische Erfahrung einzig, wo sie den genießenden Geschmack abwirft. Die Bahn zu ihr führt durch Interesselosigkeit hindurch; die Emanzipation der Kunst von den Erzeugnissen der Küche oder der Pornographie ist irrevokabel. (…) Wer Kunstwerke konkretistisch genießt, ist ein Banause; Worte wie Ohrenschmaus überführen ihn. Wäre aber die letzte Spur von Genuß exstirpiert, so bereitete die Frage, wozu überhaupt Kunstwerke da sind, Verlegenheit.“ (Ästhetische Theorie, S. 26 f.)

Wieweit sich die Kategorie des Geschmacks für eine (post-)moderne Ästhetik, die unter den Bedingungen gesellschaftlicher Zerfaserung und Atomisierung stattfindet, überhaupt noch fruchtbar machen läßt, bleibt im Anschluß an den Vortrag zu diskutieren.

Es referiert der Berliner Blogger Bersarin, der das Internet-Blog Aisthesis betreibt.

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1 Antwort auf “Kunst und Geschmack – Leipzig”


  1. 1 tee 19. August 2010 um 2:53 Uhr

    In einem solchem (Lehr)Raum über „subjektive Emanzipation und ästhetische Autonomie“ zu diskutieren entbehrt nicht eines gewissen (unfreiwilligen?) Zynismus ;)

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