Zum 125. Geburtstag von Georg Lukács

Ich habe eben (etwas verspätet) den Text „Transzendental obdachlos“ von Sebastian Bredtmann bei Beatpunk entdeckt – eine gelungene Würdigung und Kritik Georg Lukács‘, anlässlich dessen 125. Geburtstags.

Drei weitere Tips zum Thema:

■ Ein Gespräch mit Zwi über Georg Lukács und die Expressionismusdebatte, via Spektakel:

■ George Lichtheim: Georg Lukács (Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1971, Reihe „moderne theoretiker“) – eine dünne Einführung in das Werk von Lukács mit zahlreichen biographischen Informationen, schön zu lesen. Das Buch ist wahrscheinlich nur noch antiquarisch erhältlich.

■ Peter Bürger: Vermittlung – Rezeption – Funktion (Suhrkamp, FaM 1979) – in diesem sehr empfehlenswerten Buch diskutiert Peter Bürger Lukács‘ ästhetische Theorie der Widerspiegelung gegen andere Theorien der Ästhetik. Leider hat Bürger anscheinend zu diesem Zeitpunkt (wie ich zum jetzigen) noch nicht die „Eigenart des Ästhetischen“ (1972) von Lukács gelesen (zumindest zieht er sie nicht als Quelle heran), die sich von Lukács früheren Schriften zum Realismus doch unterscheiden soll.


7 Antworten auf “Zum 125. Geburtstag von Georg Lukács”


  1. 1 Wendy 09. Juli 2010 um 12:28 Uhr

    Mein Tipp: Georg Lukács‘ Geschichte und Klassenbewusstsein. Lukács zu Wort kommen lassen anstatt sich das Geseier irgendwelcher Möchtegern-Intellektueller über ihn reinzuziehen. Das war übrigens ein revolutionärer Kritiker der Klassengesellschaft und kein Stichwortgeber für Kunst-Studenten.

  2. 2 Administrator 09. Juli 2010 um 13:41 Uhr

    Dein Tip ist wie, als würde man bei Karl Marx „Das Kapital“ empfehlen. Die Auseinandersetzung mit Ästhetik ist im übrigen von Anfang bis Ende ein wichtiger Teil von Lukács‘ Auseinandersetzungen gewesen und eng verbunden mit seiner Kritik der Klassengesellschaft.

  3. 3 jaegerzaun 09. Juli 2010 um 19:12 Uhr

    star wars 5 eva!!!

  4. 4 Administrator 09. Juli 2010 um 21:25 Uhr

    Naja, ich hab mal gehört, dass George Lucas einige marxistische Essays geschrieben haben soll…

  5. 5 korrekturen 11. Juli 2010 um 16:51 Uhr

    Wendy wird wohl (absichtlich oder unabsichtlich) auf folgenden Punkt hinaus wollen:

    „Die gewöhnlichen Intellektuellen, vom Studienrat über den Verlagslektor bis zum Professor, leben unterdessen den Verrücktheiten, die sie im Namen des Geistes an den Stätten ihres beruflichen Wirkens vertreten. Sie pflegen in ihrem Kreis ihr Ich, führen Diskussionen, in denen kein richtiger Satz vorkommt, dafür aber viele Ideen, die ihre Sensibilität für Genüsse der höheren Sorte offenbaren. Gleichgültig gegen alles in Ökonomie und Politik, was den Lauf der Welt einschließlich ihres Gewerbes bestimmt, moralisieren sie in den höhreren Gefilden ihrer Weltanschauungen herum und bringen es dank ihrem universitär geschulten Verstand zum Genuß sämtlicher in ein Kunstwerk verpackten Philosophien von den letzten Gründen und höchsten Tugenden. Ihre Liebhaberei feiern sie lässig als Ausweis ihrer Kennerschaft, worunter sie nie die Erkenntnisse eines Trumms aus der Welt des Geistes meinen, sondern die Kunst, für sich etwas Gewichtiges herauszunehmen, wenn sie Albernes hineindenken.
    Was sie sich da herausnehmen, ist die ihnen konzedierte Freiheit es Geistes, mit der sie sich die berufsmäßig erlerntn und gelehrten Ideologien zum Instrument ihrer als aufregend empfundenen Entdeckungensreisen zunutze machen – denn nur so entstehen bei der Lektüre von Thomas Mann und Freud, Günter Grass und Erich Fromm, Peter Scholl-Latour und Kant jene Genüsse, auf deren Durchleben sich soviel eingebildet wird.“ (aus: Die Psychologie des bürgerlichen Individuums, Gegenstandpunkt-Verlag, 1981/2002, S. 79f.)

    Die Marxistische Gruppe hatte damals in polemischer Absicht versucht, eine Art dialektische Subjekttheorie vorzulegen, die sich insbesondere auf die Lektüre an Hegel und den ökonomiekritischen Texten Marxens orientierte. Witzigerweise erschien dieser Band der Reihe „Resultate“ ein Jahr vor der deutschen Erstübersetzung von Pierre Bourdieus Buch „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“, aus dem du, sofern noch nicht bekannt, etliche gehaltvolle Bausteine für eine wirklich kritische Soziologie der Kunstwahrnehmung filtern könntest.
    Parallen in der Spitze zwischen MG und Bourdieu sind interessanterweise auf jeden Fall gegeben dort, wo beide darauf hinweise, dass Kunst (i.w.S. aber der gesamte Kosmos sozialer Interaktion und Praxis) in fetischisierter Form wahrgenommen, verklärt und naturalisiert werden. Bourdieu kleidet das in sein theoretisches Konzept von Habitus und Feld: die Individuen eigenen sich je nach Klassenlage (er übernimmt hier direkt den Marxschen Klassenbegriff) unterschiedliche Fähigkeiten und Kompetenzen an bzw. werden frühzeitig von entsprechender Bildung ausgeschlossen (wesentlich sind hier auch seine Schriften über Bildungsauslese und Rekrutierung) und damit auf die Berufshierarchie der Gesellschaft verteilt. Kenntnisse und Fähigkeiten aber sind „geronnene Geschichte“ und äußern sich durch den Körper, durch Mimik und Gestik und besonders durch Sprache und Vokabular als spezifischer (Klassen)Habitus, welcher immer den Anschein von Natürlichkeit erzeugt und damit zugleich die sozialen Antagonismen verleugnet und einer Kritik entzieht. Dies entfaltet und reproduziert sich in allen Felder der sozialen Interaktion, also auch in die Berufe und Freizeitverhalten der Individuen, die dann dazu übergehen, sich von einander abzugrenzen (genau so, wie es oben nur skizzenhaft durch die MG illustriert wird). Er schreibt:

    „Die Gebildeten sind die Eingeborenen der oberen Bildungssphäre und neigen daher zu einer Art von Ethnozentrismus, den man Klassenethnozentrismus nennen könnte. Und zwar deshalb, weil eine Wahrnehmungsweise für natürlich (d.h. zugleich selbstverständlich und quasi in der NAtur begründet) gehalten wird, die doch nur eine unter anderen möglichen ist und durch eine mehr oder weniger dem Zufall überlassene oder zielgerichtete, bewußte oder unbewußte, institutionalisierte oder nicht institutionalisierte Erziehung erworben wird.“ (in: Elemente einer Theorie der Kunstwahrnehumg in Zur Soziologie der symbolischen Formen, Frankfurt/M., 1974, S. 163).

    Vielleicht interessiert dich in diesem Kontext auch Arnold Hauser (Kunsttheoretiker und Soziologie), der sich um eine sehr umfassende „Sozialgeschichte der Kunst und Literatur“ gekümmert hat: http://books.google.com/books?id=ApPNI9F7am8C&printsec=frontcover&dq=Sozialgeschichte+der+Kunst+und+Literatur&hl=de&cd=1#v=onepage&q&f=false

    und dem Diskussionskreis um Lukacs entstammte. Adorno und Horkheimer lobten seine Kunstsoziologie als “ ein verbindliches Zeugnis soziologischer Kunstanalyse und deren glückliche Gesamtdarstellung“ (vgl. http://www.claude-lebus.de/t-hauser.htm )

    Ich befasse mich selbst damit aktuell, denn bislang war mir nur Adorno auf dem Feld der Musiksoziologie bekannt, der aber einen sehr bildungsbürgerlichen, hermetischen Kunstbegriff vertritt und zu begründen sucht, dass die Entwicklung der modernen Musik in der Zwölftontechnik kulminieren MUSSTE. Eine solche Auffassung wurde später von Bourdieu heftig kritisiert; er bezichtigte Adorno der stillschweigenden Kollaboration mit jenen Kunstkritikern, die gerade ihre Bildung dazu verwandten, eine bestimmte „hochstehende“ Kunst zu propagieren und sich bspw. zu bequem seien, empirisch zu forschen.

  6. 6 korrekturen 11. Juli 2010 um 17:03 Uhr

    Nachtrag: Bourdieu wandte sich damit auch gegen eine schematische Ableitung der Kunstproduktion als „Überbau“ aus einer irgendwie gearteten ökonomischen „Basis“, weil für ihn dadurch zu sehr die unterschiedlichen Artikulationsweisen in einer Klassengesellschaft verschleiert würden; für ihn waren diese Abgrenzungs- und Herablassungsstrategien der herrschenden Klasse (die einen selbst definierten Idealtypus von Kunst propagiert) Ausdruck einer nahezu unsichtbaren „symbolischen GEwalt“, die immer einhergeht mit dem unmittelbaren Zwang der ökonomischen und politischen Verhältnisse:

    „Mit anderen Worten, die symbolische Gewalt kann, unter bestimmten Bedingungen und um einen gewissen Preis, viel durchschlagender sein als die politisch-polizeiliche Gewalt (Das ist eine der großen Schwächen der marxistischen Tradition, daß sie keinen Platz für diese Formen der sanften Gewalt hat, die sehr wirksam sind, selbst im ökonomischen Bereich).“ [Pierre Bourdieu u. Loic Wacquant (1996): Reflexive Anthropologie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 203]

    und konkret auf die Kunst bezogen:

    „Ansonsten bin ich jedoch durchaus der Meinung, daß ein gewisser Bruch mit den ganz naiven Formen des künstlerischen Glaubens die Bedingung für die Möglichkeit überhaupt ist, Kunst und Kultur zum Gegenstand der Analyse zu machen. Und also wird die Kunstsoziologie für die Naiv-Gläubigen oder für die pharisäerhaften Vertreter der Kultur, die von der freien Ungeniertheit des aristokratischen Kunstliebhabers wie von der provokativen Freiheit des Avantgardekünstlers oft so ziemlich gleich weit entfernt sind, immer ein Schock sein. […] Kurz, ich stelle fest, daß auf der Produzenten- wie auf der Konsumentenebene die künstlerischen Positionen (Vorlieben, Geschmack) denjenigen Positionen entsprechen, die die Produzenten im Feld der Produktion und Konsumenten im sozialen Feld besetzen. Was bedeutet, daß alle Formen der Kunstgläubigkeit, vom Köhlerglauben bis zur Pharisäerpietät oder sogar bis zur Zugehörigkeit zur freien Glaubensgemeinschaft der Kulturrituale […], soziale Bedingungen ihrer Möglichkeit voraussetzen. Für die mystische Vorstellung von der »Begegnung« mit dem Kunstwerk, für den bornierten Kunst- und Künstlerkult mit seinen heiligen Stätten, obligaten Riten, Routine-Andachten ist das ein harter Schlag.“ [ebd., S. 114f.]

    Von dort überträgt er es auf die soziale Ausprägung von „Klassengeschmack“ und „Klassenhabitus“ (ein Umstand, der parallel und mit anderen Mitteln auch durch die MG illustriert wird, wenn sie den beschissenen Arbeiterkonsum und dessen Verklärung mit den Konsumpräferenzen der Herrschenden vergleichen, insbesondere die dummen Redensarten, die sich in noch jeder erdenklichen Situation ihren Raum suchen, also ein dämliches „muss ja“ hier, ebenso wie ein apartes „nach reiflicher Überlegung“ dort, polemisch gefasst):

    „Die Geschmacksvorstellung, eine typisch bürgerliche deshalb, weil sie absolute Freiheit der Wahl unterstellt, ist derart eng mit der Vorstellung der Freiheit verknüpft, daß sich nur schwer die Paradoxa des »Notwendigkeitsgeschmacks« begrifflich fassen lassen. Entweder wird er kurzerhand negiert und entsprechendes Verhalten zu einem unmittelbaren Produkt des ökonomischen Zwangs verkürzt (Arbeiter essen Bohnen, weil sie sich nichts anderes leisten können), womit unterschlagen wird, daß Notwendigkeit und Zwang sich in der Regel nur durchsetzen können, weil die Akteure dazu einen Hang haben, und Geschmack dafür, wozu sie ohnehin verdammt sind. Oder aber er wird zu einem aus freier Wahl geborenen Geschmack stilisiert, womit die Konditionierungen unterschlagen werden, deren Resultat er ist, wird zu einer krankhaften oder morbiden Vorliebe für Lebensnotwendiges, eine Art angeborene Armut, Aufhänger für Klassenrassismus, im Volk mit dick, fett, gemein, grob assoziiert: gemeiner Rotwein, klobige Holzschuhe, grobe Arbeiten, gemeines Lachen, Zoten, gemeiner Menschenverstand, grobe Scherze. […] Das System der Unterschiede läßt sich genauer fassen, wird die Verteilung des Nahrungsmittelkonsums näher in Augenschein genommen: hier differieren Industrielle und Kaufleute grundlegend von den Angehörigen freier Berufe und erst recht von den Lehrern höherer Schulen und Hochschulen, insofern sie großes Gewicht auf Mehlerzeugnisse (speziell Back- und Konditoreiwaren), auf Wein, Fleischkonserven und Wild legen, relativ wenig dagegen auf Frischfleisch, frisches Obst und Gemüse. Die Lehrer höherer Schulen und Hochschulen, deren Ausgaben für Essen und Trinken sich nahezu decken mit denen der Büroangestellten, wenden mehr als die übrigen Gruppen für Brot, Molkereiprodukte, Zucker, Marmelade, nichtalkoholische Getränke auf, weniger für Wein und Alkohol, deutlich weniger als die freien Berufe und die Lehrkräfte und Professoren für teure Produkte wie Frischfleisch – zumal dem teuersten, Hammel und Lamm –, frischem Obst und Gemüse.“ [Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Suhrkamp: Ffm., 1982, S. 300]

    Hier äußert sich auch der Verweis auf den marxschen Fetischbegriff, den dieser ja im sog. „Äquivalententausch“ (also der Ideologie von der Bezahlung des „Werts der Arbeit“ statt nur der Arbeitskraft, reguliert im Vertragsverhältnis) zusammenfasst und von Bourdieu als „Wahlfreiheit“ zurecht denunziert.

  7. 7 korrekturen 11. Juli 2010 um 17:49 Uhr

    Vielleicht noch eine abschließende Bemerkung: Ich stimme nicht mit Wendy überein, die hier scheinbar für den „reinen“ Text Partei ergreift und Sekundärliteratur mit einem Vorbehalt versieht. Sicher gibt es unter der Mehrheit der Sekundärliteratur affirmative und anti-kritische Aufbereitungen, was aber nur der Denkungsart im Fach geschuldet ist, solang sie keiner Reflexion unterworfen wird. Sicher reproduzieren sich dann genau die Stratgien, die oben in den Zitaten kurz durchschimmerten. Das heißt umgekehrt nicht, dass man nicht auch daraus im Wege der negativen Abgrenzung seine Schlüsse ziehen kann. Auch „positivistische“ oder „bürgerliche“ Wissenschaft hat manche Einsicht zu bieten, vermeidet dann aber die entsprechende Rückkoppelung an die Kritik der politischen Ökonomie. Das muss man dann eben selber tun, was aber gelingen sollte, wenn man nicht allzu faul ist und sich mit seinen wenigen Parolen zufrieden geben will.

    Im Gegenteil besteht der positive Effekt der Bourdieuschen Kunstsoziologie darin, einem Instrumente an die Hand zu geben, um das soziale Affentheater präziser fassen und mit eigenen Erfahrungen kontrastieren zu können. Es gibt beinah keinen Lebensbereich, der nicht einer kritischen Soziologie unterworfen werden kann und sollte.

    Übrigens hat Lukacs jat weitaus mehr zu bieten als „Geschichte und Klassenbewußtsein“ (und wer das ernst nimmt, der kann nicht über den Max Weberschen Einschlag in diesem Werk hinweggehen), wie seine gesamte Literatursoziologie aufzeigt. Doch was bei Lukacs zu sehr einer geradlinigen Ableitung folgt (er deutet ja Balzac, Dostojewski und Fontane als mehr oder weniger gelungenen Reflex auf die kapitalistische Modernisierung), wird bei Bourdieu einer Mehrebenanalyse unterworfen, wenn er ausdrücklich die „Produktionsweisen des literarischen Feldes“ anhand Gustave Flauberts untersucht und nachweist, welche Stellung Literaten (in Abgrenzung zu bildenden Künstlern oder auch Musikern!) im Feld der „legitimen“, durch die Bourgeoisie anerkannten Kunst spielt und welche biografisch-soziologischen und ökonomischen Mechanismen wirken, bevor ein Roman überhaupt Erfolg hat bzw. dieser Erfolg konsolidiert werden kann (Bourdieu weist das auch anhand der Museumsgänger oder der Fotografie nach).

    Du verweist bei deinen Links auch auf einige Musiker/Bands, die sich dem „Progressive Rock“ oder „Post-Rock“ zuordnen lassen. Das Interesse an einer „anderen“ Musik war für mich genau der Auftakt danach zu fragen, wie es überhaupt kommt, das Menschen Musik in einer solch (ideologischen) Manier Bedeutung zumessen, wenn sie darüber sprechen und welche Mechanismen bereits zuvor wirksam sind, wenn man sich bspw. von „Rage Against the Machine“ zu „Tool“ und von dort dann zu „King Crimson“ und später „Can“ oder „Ashra“ vorarbeitet, nur um schlussendlich gar beim Free Jazz (Coltrane, Coleman, John Zorn) und der Neuen Musik (Ligeti, Nono, Boulez) zu landen. Die Musikpsychologie und -ästhetik versucht das festzuschreiben anhand von überzeitlichen „Universalien der Musikwahrnehmung“ und Adorno, der ja bekanntlich unterschiedliche Hörtypen ermittelt hatte, schreibt die alte Trenung von „U“– und „E“-Musik in seiner Ästhetischen Theorie und Philosophie der Neuen Musik quasi essentialistisch fest ohne sich auch nur einen Deut um die tatsächlichen Bildungsprozesse zu kümmern, die eben dazu führen, dass:

    „wir sagen können, daß die Avantgarde-Malerei besser ist als die bunten Bilder, die auf dem Wochenmarkt verkauft werden, dann unter anderem deshalb, weil diese ein Produkt einer negativen Geschichte sind (bzw. das Produkt einer negativen Geschichte, der Geschichte der Vulgarisierung der großen Kunst der vorangegangenen Epoche), während man zur Avantgarde-Malerei nur dann Zugang findet, wenn man die relativ kumulative Geschichte der vorangegangenen künstlerischen Produktion beherrscht, das heißt die endlose Reihe des jeweils Überwundenen, die zum gegenwärtigen Stand der Kunst führt – zum Beispiel mit der Dichtung als »Anti-Dichtung« (was natürlich nicht ohne faßbare und meßbare Unterschiede in der Form der Werke selbst geht). In diesem Sinne können wir auch sagen, daß die »große« Kunst die allgemeinere ist. Die Bedingungen der Aneignung dieser allgemeinen Kunst jedoch sind nicht allgemein verteilt. In L‘amour de l‘art habe ich nachgewiesen, daß der Zugang zur »großen« Kunst keine Frage des Charakters oder der individuellen Begabung ist, sondern eine Frage des kulturellen Erbes und der Bildung. Der Zugang der Ästheten zur Allgemeinheit ist das Produkt eines Privilegs: Sie haben das Monopol auf das Allgemeine. Wir können durchaus anerkennen, daß Kants Ästhetik wahr ist, aber eben nur als Phänomenologie der ästhetischen Erfahrung derer, die das Produkt der skholé sind, der Muße, der Distanz zu den ökonomischen Notwendigkeiten und praktischen Zwängen.“ [Pierre Bourdieu, Loïc D. Wacquant: Reflexive Anthropologie, Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1996, S. 117.]

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