Deutschland – Fußball – Männer – Kotzen

Zum Glück ist die Gefahr, dass die deutsche Nationalmannschaft Fußballweltmeister werden könnte, seit gestern gebannt und das ganze Spektakel nun zumindest etwas gedämpft. Ich habe mal von einem Judas-Priest-Konzert in den 80′ern gehört, das riesengroß angekündigt wurde, aber dann kurz vorher abgesagt wurde. Aus Wut haben die angereisten Fans vor der Konzerthalle dann ihre Judas-Priest T-Shirts verbrannt. Es wäre lustig, wenn es bei der WM mal einen ähnlichen Effekt geben würde – alle vormals enthusiastischen Deutschland-Fans zu sehen, wie sie aus Wut über die Niederlage ihrer Mannschaft und laut über die Deutschen schimpfend auf einmal ihre Trikots und Deutschlandfahnen verbrennen würden…

Noch ein paar abschließende Notizen zum WM-Kram:

■ In meinem Hassgesang auf das WM-Spektakel habe ich einen Aspekt nicht in die Betrachtung einbezogen, der in dieses Phänomen doch ganz spezifisch mit hereinspielt: Das Geschlechterverhältnis. Meine Formulierungen zur Einleitung meines Vortrages „Das Bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ über den Männertag (ebenso Kalles Überlegungen auf dem wdn-blog), dürften auf die Fußballereignisse übertragbar sein, wenn es sich hier auch nochmal etwas anders äußert:

Ich würde gern mit einer Überlegung zum Männertag einsteigen, den wir vor wenigen Tagen wieder erlebt haben und ich würde mich gern fragen – was passiert eigentlich am Männertag? Ich denke, dass man grundsätzlich sagen kann, dass es dabei irgendwie darum geht, dass sich an einem solchen Tag Männer gegenseitig darin bestätigen, Mann zu sein. Man schließt an so einem Tag bewusst das andere Geschlecht aus und widmet sich zusammen mit anderen Männern explizit männlichen Tätigkeiten. Ich meine, dass der Männertag für ganz viele Männer tatsächlich sehr wichtig ist – gerade weil wir zur Zeit eine Entwicklung erleben, in der das Geschlechterverhältnis überhaupt nicht mehr starr zu bleiben scheint. Es gibt in einem gewissen Sinne ein Verschwimmen der Geschlechtergrenzen – die Homo-Ehe ist anerkannt, viele vormals geschlechtsspezifische Tätigkeiten können inzwischen von beiden Geschlechtern getätigt werden, ohne dass das zu irgend einem Skandal führen würde. Ich denke, dass gerade diese Entwicklung (auf die ich später noch einmal eingehen werde) für viele Männer eine enorme Verunsicherung bedeutet und dass nun solche Anlässe wie der Männertag für viele Männer die Funktion haben, sich in dieser Zeit der Verunsicherung doch ihres Männlichseins zu vergewissern. Sieht man sich solche Sachen wie den Männertag genauer an, dann kann man feststellen, dass da sehr einfache Dinge passieren: Männer rotten sich zu Horden zusammen, gehen Wandern, grölen dabei rum und besaufen sich. Ich würde sagen, dass dieses Rauschhafte, das in den kollektiven Alkoholexszessen liegt, etwas ganz wichtiges für die männlichen Subjekte ist – nämlich aus einem ganz bestimmten Grund; weil dieser Rausch es den männlichen Subjekten erlaubt, sich auf eine körperliche Nähe zu den anderen männlichen Subjekten einzulassen. Es lässt sich immer wieder beobachten – nicht nur beim Männertag, sondern auch bei Fußballspielen, beim Junggesellenabschied, bei Kneipentouren oder bei Rockkonzerten –, dass bei solchen Anlässen ein Rahmen dafür geschaffen wird, dass sich Männer gegenseitig berühren können. Es handelt sich zum Teil um innige, kameradschaftliche Umarmungen oder dass man sich gegenseitig im Arm liegt – auf jeden Fall scheint es bei solchen Anlässen wichtig zu sein, sich gegenseitig zu spüren. Leider ist es so, dass das männliche Subjekt in solchen Momenten eine gewisse Ahnung davon hat, dass es hier um eine verdrängte homosexuelle Neigung geht und das ist eine Ahnung, die das männliche Subjekt nicht zulassen darf. Deshalb gibt es verschiedene Riten, die es verhindern, dass sich die männlichen Subjekte ihrer Homosexualität bewusst werden und diese Riten enden immer wieder in einem Ausbruch von Gewalt. Die Körperlichkeit darf also nur dann zugelassen werden, wenn es sich um eine harte Körperlichkeit handelt. Die Umarmung endet oftmals in einer Kopfnuss, Körperlichkeit auf dem Rockkonzert besteht oftmals im Pogo, der bald vielmehr einer massenhaften Prügelei gleicht. Im letzten Jahr gab es zum Männertag Schlagzeilen, als sich in mehreren Städten aus den Männertagsumzügen Straßenschlachten entwickelt hatten. Letztendlich entlädt sich die nichteingestandene Homosexualität in Übergriffen gegenüber Frauen. Die Gewalt, die sich Männer täglich antun müssen, weil sie nicht passiv, sinnlich und zärtlich sein dürfen und die ganz offenbar wird, wenn tatsächlich eine Nähe zwischen Männern entsteht, wird am Ende den Anderen angetan.

Die Transkription des vollständigen Vortrages erscheint in Kürze bei Wider Die Natur.

■ Auf die Körperlichleit zwischen Männern hat Johannes Paul Raether in seiner sehr gelungen Fotoreihe von der Fanmeile der WM 2006 in Berlin einen Fokus gelegt:

Sehr zu empfehlen hier auch das Kotz-Video über Deutschland, das Land der Ideen …, es lohnt sich auf der Seite zu stöbern.

■ Bubizitrone weist auf den besonderen Service eines Cafés in Jena hin und ist ebenfalls von zwecklosen Diskussionen frustriert.

■ Anselm Gramschnabels (Gruppe Surpasser) Überlegungen zum Charakter von Massenevents anlässlich des Weimarer Zwiebelmarkts (der uns in Bälde leider wieder auf die Pelle rücken wird) könnten ebenso Aufschluss über den Charakter des Fußballspektakels geben.

■ Der Blog „Im Kopf Lokalisationweist auf ein Buch zur Kritik des Fußballsports hin, das mir nach dem Lesen der Einleitung zumindest als lesenswert erscheint, auch wenn hier mit der klassischen Manipulationsthese aufgewartet wird (Fußball ist Droge fürs Volk, damit das seine Interessen nicht erkennt). Lesen.

■ Im Audioarchiv befindet sich ein Vortrag von Freek Huisken über Fußball und Deutschlandwahn, der unter anderem auch die Manipulationsthese zurückweist:

Die neu­es­te Sen­dung Sach­zwang FM be­inhal­tet einen am 08.​06.​2010 in Ber­lin ge­hal­te­nen Vor­trag von Freek Huis­ken (GSP) über den ak­tu­el­len Deutsch­land­wahn und die Funk­tio­nen der Welt­meis­ter­schaft des Män­n­er­fuß­balls und ähn­li­cher Ver­an­stal­tun­gen für die Staa­ten­kon­kur­ren­zen.

In dem Vortrag sind einige gute Gedanken formuliert, das hören macht trotzdem keinen Spaß – „Das war der erste Punkt, jetzt komme ich zum zweiten Punkt.“ – „Wieso das ganze?“ – „Wozu die ganze Veranstaltung?“ – „Was haben die jetzt davon?“ – „Zu welchem Zweck machen die das jetzt?“ usw. – anstatt mal eine Argumentationsfolge stringent auszuführen, scheint der Referent die Höhrer_innen hier an die Hand des gesunden Menschenverstands nehmen zu wollen, was extrem nervt.

■ Und abschließend ein Zitat von einem Freund: „Wer ein Problem damit hat, wenn ich ‚Scheißdeutsche‘ sage, soll gefälligst wo anders hinziehen.“


6 Antworten auf “Deutschland – Fußball – Männer – Kotzen”


  1. 1 kalle 09. Juli 2010 um 12:43 Uhr

    http://www.infranken.de/nc/nachrichten/lokales/artikelansicht/article/kopfschuesse-im-hannoveraner-rotlichtviertel-59217.html

    Ein Streit um die uralte Fußballrivalität der Deutschen und Italiener hat in Hannover mit einem tödlichen Schuss geendet. Erst diskutierten zwei Italiener und ein Deutscher in einer Kneipe im Rotlichtviertel über die Anzahl der Fußball-WM-Titel beider Länder. Wenig später streckte der Deutsche seine Kontrahenten mit Kopfschüssen nieder. Ein 47-Jähriger Italiener erlag wenig später seinen Verletzungen, sein 49-jähriger Landsmann schwebte am Montag in akuter Lebensgefahr.

  2. 2 mthemba 10. Juli 2010 um 11:23 Uhr

    kann bei akademievorträgen nie lange zuhoren --- aber ich sehe – wie schon bei 2006, einen haufen junger frauen die mit körperbetonten trikots und viel schwarz-rot-gelber schminke wie frühere bdm mädels in jede kamera kreischen ---
    vielleicht seid ihr männer ja auch gar nicht mehr so wichtig, wobei mir die mädels mehr auf die eierstöcke gehen …

  3. 3 korrekturen 10. Juli 2010 um 15:02 Uhr

    „Es wäre lustig, wenn es bei der WM mal einen ähnlichen Effekt geben würde – alle vormals enthusiastischen Deutschland-Fans zu sehen, wie sie aus Wut über die Niederlage ihrer Mannschaft und laut über die Deutschen schimpfend auf einmal ihre Trikots und Deutschlandfahnen verbrennen würden…“

    Eine Art Umwertung…nur dass man auf den Nationalismus nichts kommen lässt. Der Unterschied zwischen ‚Judas Priest‘ und Deutschland (als abstrakter Idee) liegt wohl im identitätsstiftenden Symbolismus: die deutschen Kicker „bekommen“ vom „Fan“ nur die Konzession, das Land mal ordentlich nach außen zu vertreten. Schlimm genug, findet der ordentliche Deutsche, dass es sich dabei um eine „bunte“ Mannschaft (es heißt ja tatsächlich auch Fußballnationalmannschaft der Frauen!) handelt, kann man darüber generös hinwegsehen solang sich der Erfolg einstellt („Wir halt!“),. Bleibt er aus, wird wohl eher der Teambus gekapert oder das Spielfeld gestürmt und „die Jungens“ verdroschen.

    ‚Judas Priest‘ hingegen ist einem ja nur angetragen worden, die kann man problemlos auswechseln („sind ausgebrannt“), ohne dass deswegen meine Staatsbürgernatur auf dem Spiel stehen würde. Man verpackt das aktuell in eine vermeintlich elaborierte, tatsächlich jedoch stockreaktionäre „neodeutsche Fankultur“: http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/eine-multikulturelle-farbkonstruktion/
    Und sorgt sich um die adäquate Begrüßung der Nationalhelden: http://www.taz.de/1/sport/wm-2010/artikel/1/soll-sich-die-dfb-auswahl-feiern-lassen/

  4. 4 dodo 29. Juli 2010 um 14:57 Uhr

    „Es wäre lustig, wenn es bei der WM mal einen ähnlichen Effekt geben würde – alle vormals enthusiastischen Deutschland-Fans zu sehen, wie sie aus Wut über die Niederlage ihrer Mannschaft und laut über die Deutschen schimpfend auf einmal ihre Trikots und Deutschlandfahnen verbrennen würden…“

    ich wäre darüber nicht entzückt… der untertan weiß nur darum bescheid zu ermahnen, da selbst der bessere kaiser wäre…

  5. 5 Administrator 01. August 2010 um 12:31 Uhr

    @ mthemba: ich verstehe deinen einwand nicht ganz. ich habe nirgends geschrieben, dass frauen aufgrund ihrer geschlechterrolle automatisch weniger aufrechte und begeisterte deutschland-fans sein müssen. trotzdem ist das fußsballspektakel nach wie vor eine angelegenheit, von der die rauschhaften männlichkeitsrituale nicht wegzudenken sind. dass sich hier das geschlechterverhältnis in einer besonderen weise niederschlägt zeigen u.a. das beispiel von bubizitrone und die fotoreihe von jpr.

    @ korrekturen: der unterschied zwischen judastpriest- und deutschland-fantum ist mir natürlich klar. gerade weil die identifikation mit der nation keine sache ist die die leute von heut auf morgen beliebig auswechseln ist die vorstellung dass die enttäuschten deutschland-fans sich bei einer niederlage auf einmal gegen die nation richten würden so komisch.

    @ dodo: und so wäre es zwar vorstellbar, dass sich die wut der untertanen bei einer niederlage bspw. gegen einzelne spieler, eine falsche taktik, den trainer o.ä richtet – das motiv wäre dann aber die überzeugung, dass deutschland hier falsch repräsentiert wurde. gegen deutschland selbst würde sich der hass kaum richten.

  1. 1 Zärtlichkeit und Gewalt: der Männertag « rhizom Pingback am 09. Juli 2010 um 12:50 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.