Deutschland und Ich

„Warum faltest du die Hände – ist es Angst oder Dankbarkeit?“
(Bierbeben)

I.

Ereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft verwandeln einen großen Teil der deutschen Bevölkerung regelmäßig in einen Haufen von penetranten Barbaren, der es jenen Menschen, die für Fußball, Massenaufläufe, unmusikalische Chorgesänge, dilettantisches Fachgesimpel und feucht-warmes Wir-Gefühl nichts übrig haben, kaum möglich macht sich dieser Belästigung der Sinne zu entziehen. Das anti-musikalische Tröten mit Fußballtrompeten aus Plastik, das heisere Geschrei von artikulationsunfähigen Deutschlandfans, das orgiastische Aufschreien, das sich nach jedem Tor der Nationalmannschaft über die ganze Stadt erhebt und die penetrante Eindringlichkeit der laut aufgedrehten Sportmoderatorenstimmen macht vor keiner Haustür halt, dringt in jedes Schlafzimmer und in jedes heimliche Versteck ein, als wäre die kollektive Anspannung zu einer all-anwesenden Stimme geworden, die jedem Einzelnen den Imperativ einträufeln will: sei gefälligst unverkrampft und ausgelassen fröhlich mit uns, denn Wir sind Wir und du gehörst dazu. Jegliche Bestimmungen über Lärmbelästigung, Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen, sowie die Straßenverkehrsordnung werden bei Anlässen wie den sogenannten „Public Viewings“ und den anschließenden Auto-Konvois faktisch außer Kraft gesetzt und es scheint niemanden zu geben, der daran Anstoß nimmt. Auffällig ist, dass hier nicht nur ordnungsbehördliche Regelungen kollektiv überschritten werden (die Polizei übernimmt sogar die Koordination und Sicherung der Auto-Konvois), sondern dass auch sonst wirksame soziale Abgrenzungsmechanismen einfach verschwinden. In den Fußball-Kneipen sitzen Bauarbeiter, Universitätsprofessoren, Hartz-Vier-Empfänger und Großunternehmer nebeineinander und unterhalten sich auf einmal in der selben Sprache über das selbe Thema. Was die Möglichkeit dafür wäre, sich endlich einmal über die gesellschaftlichen Trennungen hinweg zu verständigen, ist in dieser Form der „Kommunikation“ jedoch von Anfang an liqudiert. Der Gegenstand des Gesprächs ist auf das Fachgesimpel über die Konkurrenz der Nationalmannschaften beschränkt, die gleichen auf den Sport konzentrierten Banalitäten werden bis zum erbrechen wiedergekäut, Sätze verkommen zu Parolen und Worte verschleißen zum Gestammel. Am Abend der Spiele verwandelt sich ein Teil der Fans in zombie-artige Zusammenrottungen, die sich amöbenhaft durch die Stadt bewegen, sich wahlweise vereinigen oder wieder in kleinere Gruppen zerfließen und von jedem Passanten erwarten, dass er die primitive Begeisterung teilt. Bleibt die erwartete Reaktion aus – üblicherweise das Erwidern der Fangesänge oder einfach nur die Wiederholung des gleichen Gestammels und Gestöhnes – reagieren die berauschten, zu fließenden Einheiten Verschmolzenen mit begriffsstutzigem Unverständnis, das mitunter in Aggressivität und Gewalt umschlägt. Selbst wenn die Übergriffigkeit der beflaggten Deutschen ausbleibt – dann bleibt es eine Frage des guten Geschmacks, diese widerliche Unkultur abzulehnen und die damit verbundenen Zumutungen, denen man sich dieser Tage kaum entziehen kann, zurückzuweisen.

II.

Wenn man seinen Unmut gegenüber diesen Belästigungen äußert, begegnet einem immer wieder Unverständnis – oft selbst von Menschen, die man bisher für intelligentere und einfühlsamere Zeitgenossen gehalten hat. Man bekommt Phrasen zu hören, – „Was ist denn so schlimm daran für seine eigene Nationalmannschaft zu sein?“ – „Man muss doch Nationalismus und gesunden Patriotismus voneinander unterscheiden können.“ – „Was ist denn verkehrt an so ein bisschen Gemeinschaftsgefühl?“ – „Du bist doch selber deutsch.“ – „Es ist doch total verkrampft, bei solchen unverkrampften Anlässen immer wieder mit der deutschen Vergangenheit anzukommen.“ – denen man kaum etwas erwidern kann, weil ihnen jede gemeinsame Diskussionsbasis entbehrt. Was solche Diskussionen stets durchdringt, ist die Überzeugung, dass man – ob freiwillig durch das Bekenntnis, oder zufällig qua Geburt – einem (nationalen) Kollektiv angehört. Diese Angehörigkeit ist stets positiv besetzt, hat man ihr doch eine institutionalisierte Infra- und Kommunikationsstruktur, eine gemeinsame Sprache und Kultur zu verdanken. Es gibt ein Bedürfnis, dieser Gemeinsamkeit mit den auf einem staatlichen Territorium lebenden Menschen, freudig Ausdruck zu verleihen. In diesem Bedürfnis entpuppt sich der politische Charakter von Events, in denen die „eigene Mannschaft“ gegen jene anderer Nationen antritt, Events die doch immer als so unpolitisch gelten, wo es doch angeblich nur um den Sport geht. Nicht nur, dass die am Event beteiligten Sportler nicht einfach als Sportler, sondern stets als Vertreter jenes Staats zum Wettkampf antreten, dessen Pass sie haben; die Verteidigung dieser kulturindustriellen Stumpfsinnigkeit entpuppt sich als ein Bedürfnis, sich selbst als Einzelnen einem übergeordneten – in diesem Fall dem nationalen – Kollektiv unterzuordnen. Es bedarf hier keiner Manipluation, etwa einer nationalen Bourgeoisie, die dem Volk Spiele liefern wöllte, damit das Volk von seinen eigenen Interessen abgelenkt wird, sondern es ist das Bedürfnis der Vereinzelten selbst, die es kaum noch denken können, dass das Allgemeinwohl nichts mit dem Wohl der Individuen zu tun hat. In Verhältnissen, die immer mehr dazu tendieren Individualität oder Besonderheit zu liquidieren und die die Einzelnen in der Konkurrenz stetig mit sozialem Abstieg und Entwertung bedrohen, bemerken die Einzelnen ihre eigene Bedeutungslosigkeit. Aber anstatt gegen diese Verhältnisse aufzubegehren und eigene, individuelle Wünsche und Bedürfnisse gegen die Allgemeinheit geltend zu machen, wirft man sich einer übergeordneten, abstrakten Einheit an den Hals – vielleicht um selbst an etwas teil haben zu können, das im Gegensatz zur eigenen Person offensichtlich Bedeutung hat. So gefolgert, hängen sich die Bewohner des deutschen Territoriums die Nationalfahne an`s Auto, an`s Haus und an den Körper, um das Gefühl der eigenen Nichtigkeit zu kompensieren. Das Partialinteresse war den Deutschen stets etwas Fremdes – hatte Freud den Prozess des Bewusstwerdens mit dem Satz beschrieben „Wo Es war soll Ich werden“, kann der nationale Taumel, der sich nicht nur in Fußballevents immer wieder Bahn bricht, als eine regressive Bewusstlosigkeit beschrieben werden: Wo Ich war, soll Wir werden. Dem gilt es einen Individualismus, individuelle Interessen entgegenzusetzen, ein Misstrauen gegen alles Vereinheitlichende und ein Bewusstsein darüber, dass die real hergestellte Einheit der Nation ein Zwang ist. Meine Nationalmannschaft, wäre nicht national, weil ich keine Lust darauf habe diese Form der Vergesellschaftung zu akzeptieren und mich dieser Form der Repräsentation unterzuordnen und sie wäre keine Mannschaft, weil mir Sportsgeist, körperliche Ertüchtigung und Geschlechtersegregation zuwider sind. Vielleicht würde diese nicht-nationale Nicht-Mann-Schaft sich im Versteckspiel in den Ruinen des Stadtrands ereifern oder im Wettbewerb um das Zubereiten der besten Reisplatte gegen andere solche „Schaften“ antreten, um anschließend diese Zubereitungen gemeinsam zu verzehren.


3 Antworten auf “Deutschland und Ich”


  1. 1 Ernst 08. Juli 2010 um 23:11 Uhr

    Ich fühle mich – dieser Tage über alle Maße – von Deutschland vervolkt.

  1. 1 Schwarz-Rot-Bunt « Im Kopf Lokalisation Pingback am 07. Juli 2010 um 11:41 Uhr
  2. 2 Deutschland – Fußball – Männer – Kotzen « ärgernis Pingback am 08. Juli 2010 um 19:49 Uhr
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