Was ist Materialismus?

Folgende Gedanken kamen mir heut bei der Kant-Lektüre. Ich bin mir noch etwas unsicher, vielleicht findet sich ja jemand, der mich herausfordert oder ergänzt…

Im allgemeinen Gebrauch des Begriffs „Materialismus“ wird dieser verstanden als ein Gegensatz zum Idealismus, der darin bestehe, dass der Idealismus davon ausgeht, dass die materielle Wirklichkeit ein Produkt der Ideen sei, während der Materialismus diese Bestimmung umdrehe und dagegen setzt, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Folglich analysiere der Materialist die Produktionsverhältnisse, aus denen die Ideen resultieren. Nun sind letztere Bestimmungen in Hinsicht auf Marx nicht unbedingt verkehrt – in etwa werden diese in der „Deutschen Ideologie“ so formuliert, doch ich meine, dass damit überhaupt nicht gesagt ist, was Materialismus ist. Aufschluss darüber, was Marx mit Materialismus meint, könnte der Idealist Kant in der Kritik der praktischen Vernunft geben. Als Grundsatz der reinen praktischen Vernunft wird dort formuliert, dass ein praktischer Grundsatz nur dann ein praktisches Gesetz sein kann, wenn der Bestimmungsgrund des Willens weder auf Lust/Unlust begründet ist, noch auf eine begehrte Wirkung hinziehlt. Glück als Bestimmungsgrund ist für ein praktisches Gesetz somit ausgeschlossen, weil ein praktisches Gesetz allgemein gelten muss, das Streben nach Glückseligkeit jedoch bei jedem Individuum etwas anderes bedeutet:

Worin nämlich jeder seine Glückseligkeit zu setzen habe, kommt auf jedes sein besonderes Gefühl der Lust und Unlust an, und selbst in einem und demselben Subjekt auf die Verschiedenheit der Bedürnis, nach den Abänderungen dieses Gefühls, und ein subjektiv notwendiges Gesetz (als Naturgesetz) ist also objektiv ein gar sehr zufälliges praktisches Prinzip, das in verschiedenen Subjekten sehr verschieden sein kann und muß, mithin niemals ein Gesetz abgeben kann, weil es, bei der Begierde der Glückseligkeit, nicht auf die Form der Gesetzmäßigkeit, sondern lediglich auf die Materie ankommt ob und wie viel Vergnügen ich in der Befolgung des Gesetzes habe. [I. Kant: Kritik der praktischen Vernunft, in: I. Kant: Die Kritiken, Zweitausendeins, Frankfurt a.M. 2008, S. 726]

Wenn nun Marx eine Gesellschaft fordert, die nach den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist, in der die Entfaltung des Einzelnen Grundlage für die Entfaltung aller ist, dann bedeutet dies, dass er darauf beharrt, dass es durchaus auf die Materie ankommt. Eine Gesellschaft ist dementsprechend daraufhin zu überprüfen, ob es den Einzelnen in der Verschiedenheit ihrer Bedürfnisse gut geht – was mit dem Aufstellen von der Form nach objektiven und verallgemeinerbaren Gesetzen nichts zu tun hat, sehr wohl aber damit ob ich ein Vergnügen daran habe oder nicht wie die Gesellschaft gestaltet ist. Vernunft ist demnach nichts, was vom Materiellen unbeschmutzt bliebe, sondern etwas, das es in der materiellen Welt zu verwirklichen gilt. Wenn das Materialismus ist, dann ist aber der Satz von Marx, dass alle Verhältnisse umzuwerfen seien, in denen der Mensch ein geknechtes, verächtliches (…) Wesen ist, alles andere als ein kategorischer Imperativ, wie Stephan Grigat diesen Satz öfters nennt. Denn ein kategorischer Imperativ ist gerade dadurch bestimmt, dass er unabhängig von Bedürftigkeit sowie Lust/Unlust, der Form nach verallgemeinerbar ist und nicht auf eine begehrte Wirkung ziehlt. Ich bin aber nur für den Kommunismus, wenn ich davon auch etwas habe.


9 Antworten auf “Was ist Materialismus?”


  1. 1 LW 12. Mai 2010 um 18:40 Uhr

    Ergänzung: HDF!

  2. 2 phex 12. Mai 2010 um 20:16 Uhr

    ich kann dem Schluss nicht ganz folgen…
    Aber der kategorische Imperativ von Marx zielt doch auf eine begehrte Wirkung, nämlich das Leid dieser Gesellschaft zu bannen.

  3. 3 Administrator 12. Mai 2010 um 22:05 Uhr

    Naja, deswegen ist es ja gerade kein kategorischer Imperativ…

  4. 4 karl himself 12. Mai 2010 um 22:54 Uhr

    na und?

  5. 5 manfred 18. Mai 2010 um 22:35 Uhr

    du konfundierst den akt des umsturzes mit einer freien bedürfnisbefriedigung im stande ihrer emanzipatorischen entfaltetheit, was eine kommunistische reichtumsproduktion zur voraussetzung hätte. die revolution zu machen ist selbstverständlich auch ein bedürfnis und möglicherweise auch eine bedürfnisentfaltung, aber prinzipiell erst einmal ein mittel zur abschaffung des bestehenden und grundlage für eine neue gesellschaft.

  6. 6 Administrator 19. Mai 2010 um 16:27 Uhr

    aber die gründe dafür, das bestehende abschaffen zu wollen sind doch schon etwas, das nicht aus irgendwelchen reinen formbestimmungen folgen kann. die revolution ist mit kategorischen imperativen nicht zu machen.

  7. 7 manfred 19. Mai 2010 um 18:31 Uhr

    gründe das bestehende abzuschaffen sind unmittelbares leid und die objektiven möglichkeiten von bedürfnisbefriedigung. beides sind individuelle erfahrungen/bedürfnisse, die nicht formalisiert werden können. aber kritik belässt es nicht bei dieser unmittelbarkeit, sondern vermittelt es im denken mit der gesellschaftlichen allgemeinheit. daraus ergibt sich ein entfaltetes urteil über die gesellschaft, das von individuen zu fällen ist, aber allgemeine gültigkeit hat.

  8. 8 Administrator 24. Mai 2010 um 21:45 Uhr

    Ich würde dir da total zustimmen – mir ging es gerade um den Aspekt des Materialismus, dass er vom Leid und den verhinderten Möglichkeiten von Bedürfnisbefriedigung ausgeht. Und natürlich bedeutet das nicht, dass ich nur unmittelbar von meinen individuellen Erfahrungen und Bedürfnissen ausgehen kann, sondern es würde darum gehen eine Gemeinsamkeit in der negativen Einheit des Unterdrücktseins mit den anderen Unterdrückten zu erkennen und das Vorhaben die Verhältnisse umzuwerfen zu verallgemeinern. In der Geschichte des Versuchs dieser Verallgemeinerung kam es allerdings immer wieder zu den oben angedeuteten Formalisierungen, wo etwa mit dem Verweis auf die Zukunft nicht nur von individuellen Bedürfnissen und individuellem Leid abgesehen wurde – sondern dieses Leid noch legitimiert wurde. Gerade mit dieser geschichtlichen Erfahrung ist es meines Erachtens wichtig darauf hinzuweisen, dass es nicht geht wie Kant es vorschlägt, der um die Möglichkeit der praktischen Vernunft zu beweisen noch den Zweifel an einer Wunscherfüllung im Angesicht des Galgens heranzieht, ohne auch irgendwie auf die Idee zu kommen, dass es darauf ankommen würde die Galgen abzuschaffen. Der Unterschied vom Materialismus zum Idealismus besteht natürlich auch darin, dass er nicht Selbstbewegung des Geistes ist, sondern nachträglich auf gesellschaftliche Praxis reflektiert und ist damit auch immer Analyse von (Re)Produktionsverhältnissen. Aber Materialismus bedeutet m.E. eben auch Kant auf den Galgen hinzuweisen, also darauf dass es um das Leiden und die Bedürfnisse der konkreten Menschen geht. Der Satz von Marx die Verhältnisse umzuwerfen in denen der Mensch ein verlassenes etc. Wesen ist kann damit kein kategorischer Imperativ sein, weil die Definition für einen kategorischen Imperativ das Absehen von Bedürfnis und Leiden bedeutet!

  9. 9 Das-Versteh-Ich-Nich-Girl! 14. April 2011 um 16:52 Uhr

    o.O …. Und was bedeutete es jetzt genau: „Materialistisch“ zun Sein ?

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