Das Scheitern der Sprache #5

Das Scheitern am nachsprechen-müssen

Es ist erstickend etwas sagen zu müssen, das man nicht sagen will. Der Zwang etwas sagen zu müssen ist das Ende der Sprache, vollzogen in Worten. Das erzwungene Geständnis geht allzu oft einher mit dem Brechen einer Persönlichkeit. Die Wiederholung eines Schwurs, einer Parole im Chor ist oftmals eine Selbstvergewisserung der Herrschaft. Es kann aber auch schon eine schmerzhafte Erfahrung sein etwas nachsagen zu müssen, wenn man dazu einfach nicht in der Lage ist – sei es durch einen Sprachfehler, sei es weil man der Sprache des Vorsprechers nicht mächtig ist oder weil man das Vorgesagte schlicht nicht versteht.

I. Der Rabe Josef

Während viele Geschichten und Hörspiele von Janosch prägend für meine Kindheit gewesen sind, habe ich die Geschichte vom Raben Josef erst später entdeckt, nachdem zwei Freundinnen von mir immer wieder „RooRääRooRää“ singend durch die Gegend gerannt sind. Der Rabe Josef ist, wie viele von Janoschs Figuren, ein trauriger Außenseiter, der von den anderen gehänselt wird. Da er später als seine Rabenbrüder aus seinem Ei schlüpft, entdecken ihn die Rabeneltern nicht und er bekommt nur die Reste zu essen, die seine Brüder übrig gelassen haben. Erst als zwei seiner Brüder aus dem Nest fliegen, wird Josef von seinen Eltern entdeckt – nun muss auch er das Krächzen lernen. Statt dem harten „Raab Raab“ kann Josef aber nur ein schüchternes, flötendes „RoRää RoRää“ von sich geben. Dafür wird er von seinen Eltern und Brüdern ausgelacht und aufgezogen. Seitdem ist Josef einsam – er spricht eine eigene Sprache, die niemand versteht und wünscht sich sehnsüchtig einen Freund, mit dem er reden könnte. Eines Tages, als er über einen spiegelglatten See fliegt entdeckt er einen Raben, der ihm ganz ähnlich sieht… Hier nur ein Ausschnitt, in dem Josef am nachsprechen-müssen scheitert:

II. 1984

Es ist eine der erniedrigendsten Erfahrungen, von jemandem gezwungen zu werden etwas zu sagen, das man nicht sagen will – sei es, weil das Gesagte gegen einen selbst gerichtet ist, sei es weil es der eigenen Überzeugung zutiefst widerspricht. Ich erinnere mich an ein Ereignis auf dem Schulhof, als ich in der fünften Klasse an der Regelschule war. Einige der Zehnt-Klässler hatten sich einen Jungen aus meiner Klasse ausgesucht, um ihn jeden Tag aufs neue zu malträtieren. Ich beobachtete wie sie ihn eines Tages umstellten und von ihm verlangten von sich selbst zu sagen, dass er schwul wäre. Der Junge war in dieser Situation so wehrlos, dass er alles sagte, was die größeren Jungs von ihm verlangten. Kein Argument hat in einer solchen Situation eine Chance. Um die Schrecklichkeit eines solchen Zwangs wissend, hat George Orwell dieses Motiv in seinem Roman 1984 aufgenommen. Winston Smith, der als Gedankenverbrecher gefangen ist, wird während der Folter dazu aufgefordert zu sagen, wie viele Finger der Folterer ihm zeige. Dabei weist der Folterer Smith auf eine Aussage von ihm hin, Freiheit sei die Freiheit zu sagen, dass 2 und 2 gleich vier1 ist und er verlangt von Winston zu sagen, dass er fünf Finger sehe. Die wahre Folter besteht nun darin, dass es dem Folterer nicht genügt die „fünf“ aus dem Mund Winstons zu hören – er soll davon überzeugt sein. Dieser Überzeugung steht aber die Offensichtlichkeit entgegen, dass der Folterer tatsächlich vier Finger zeigt. Die Brechung der Persönlichkeit Winstons besteht darin, dass ihm die Möglichkeit genommen wird über Sprache Wahrheit verhandeln zu können – wahr ist, was die Partei als Wahrheit festlegt. Gerade weil Sprache nur dann mit Sinn und Wahrheit vermittelt ist, wenn sie in Bewegung bleibt (der Begriff nähert sich seinem Gegenstand immer nur an, Sprache oszilliert um die Dinge die sie meint), ist die Partei dazu gezwungen Sprache im Neusprech zu dezimieren und statisch zu machen. Sprache scheitert, wenn sie zum Code wird – die Durchsetzung des Neusprech ist das Ende jeder Vermittlung.

  1. Sicherlich ist es problematisch, dass hier Mathematik und Logik als unabhängige Wahrheiten gesetzt werden. Hat doch die Entwicklung einer Universalsprache auf einer ausschöpfend logischen Grundlage, wie sie etwa im Wiener Kreis angestrebt wurde, einen ähnlichen Wahn an sich, wie die Entwicklung des Neusprech – als eine unglaubliche Beschränkung der Sprache, die zudem als eine Beschränkung der Welt erscheint. Wittgenstein hat später selbst darauf hingewiesen, dass ein solcher Umgang mit Sprache notwendig fehlläuft. [zurück]