Sexarbeit in Kunst und Literatur

Als ich in der aktuellen Jungle World einen Artikel über Frieda Kahlo gelesen habe, musste ich an ein liegen gebliebenes Textfragment über Sexarbeit und ein damit verbundenes Frauenbild in der bildenden Kunst und in der Literatur denken, in dem ich Frieda Kahlo in einer Fußnote erwähnt habe. Wenn ich es irgendwann schaffe, würde ich diese bruchstückhafte Skizze gern irgendwann in einen zusammenhängenderen Text über die Subjektivität des Künstlers, als eine spezifisch männliche, einbetten. Untenstehendem Textfragment müssten genaue Nachweise noch hinzugefügt werden.

Was ist eigentlich das Schlimme an Sexarbeit? Der Sex oder die Arbeit? Spricht man über Sexualität und Kapitalismus scheint es auf der Hand zu liegen, auch über Sexarbeit zu reden. Schwierig – denn kaum ein Thema ist so beladen mit Mythen, Skandalen und Vorurteilen wie dieses. In der Kunst schienen uns zwei Tendenzen der Betrachtung dieses Themas hervorzustechen:

1.Expressionismus: Die Expressionisten (frühes 20. Jh.) erfuhren die Großstadt als ein Gebilde der brutalen Entfremdung – alles ist künstlich, feindlich, schnell und laut, die Eindrücke stürmten auf den Künstler1 als etwas brutales, gar giftiges ein – das Produkt einer Verfallsgeschichte der Menschheit. Das verzauberte Licht des Mondes wird ersetzt durch das kalte Scheinen der Gaslaterne. In diesem Gebilde der Großstadt taucht die Prostituierte als eine zentrale Figur auf. In vielen expressionistischen Bildern versuchen Prostituierte, den hilflosen Mann an sich zu reißen, der – noch widerstrebend – in der Gefahr begriffen ist, sich kaum noch loslösen zu können und im falschen Rausch verloren zu gehen. Schminke, Verkleidung und sich Anbieten erscheinen in den expressionistischen Bildern oft als Perversion der absoluten Entfremdung. Dass hier Weiblichkeit und Lüge zusammengehören entspringt einem reaktionären Frauenbild und es ist kein Zufall, dass die Expressionisten der Entfremdung die spirituellen Prinzipien einer höheren kosmischen Ordnung entgegensetzten.2

2.Surrealismus: Auch bei den Surrealisten gehören Großstadt und Prostitution zusammen. Auch hier ist die Erfahrung der Großstadt zwar von Entfremdung geprägt, doch geht der Surrealist nicht lediglich ablehnend und leidend mit dieser Erfahrung um. Entgegen der üblichen Bewegungen innerhalb der Stadt, die von rationalen Gängen, etwa dem zur Arbeit, geprägt ist, eignet sich der Surrealist die Stadt als Areal an, in dem er sich passiv den Eindrücken hingeben kann, die er zulässt und damit einen Zugang zu den tieferliegenden Schichten des menschlichen Bewusstseins erlangt. Der surrealistische Flaneur streift mit einem Bewusstsein für das Zufällige und Seltsame durch die Stadt, erlebt dabei Abenteuer, gibt sich den Assoziationen hin, die die Begegnung mit den Dingen in ihm auslösen. Über die Erfahrung von trivialen und Alltags-gegenständen bekommt er Zugang zu den Mythen der modernen Gesellschaft. Mehr oder weniger zufällig begegnen die Surrealisten bei ihrem Gang durch die Stadt auch den Prostituierten3. Die Erfahrungen die sie dabei machen ist ihnen dabei nicht etwas Feindliches wie bei den Expressionisten, aber dennoch findet auch hier eine Mystifizierung von Weiblichkeit statt: Die Prostituierte ermöglicht ihnen einen Zugang zu den tiefer liegenden Geheimnissen der Liebe und ermöglicht ihnen Erlebnisse, die sie in der bürokratischen und rationalen Gesellschaft nicht finden können. Zusätzlich reizt sie das Anrüchige und Zwielichtige. Auch wenn der Surrealist sich passiv dieser Erfahrung hingibt, er ist derjenige der sie macht – die Prostituierten als Personen spielen nur als Auslöser eine Rolle und erscheinen während des Streifzugs lediglich als eine Zwischenstation; sie bleiben Randfiguren und kommen selbst kaum zu Wort.

An diesen Beispielen – Expressionismus: Ablehnung der Prostitution und Surrealismus: positive Konnotation der Prostitution – bestätigt sich, was die Debatten über Prostitution zutiefst prägt: Ob Prostitution verdammt wird oder ob den Prostituierten geholfen werden soll – stets sind SexarbeiterInnen Projektionsfläche und mal mehr, mal weniger eingestandene Wunschbilder, hinter denen etwa die konkrete Situation oder die Forderungen der Sexarbeiter_innen verschwinden.

Literatur zum Thema:

Christiane Schönfeld: Dialektik und Utopie. Die Prostitutierte im deutschen Expressionismus. Würzberg, 1996.

Xaviere Gauthier: Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit. Berlin, 1980

Uwe M. Schneede (Hrsg): Begierde im Blick. Surrealistische Photographie. Ostfildern-Ruit, 2005

  1. Künstler ist hier explizit in der männlichen Schreibweise geschrieben. Zentral müsste hier in der Beschäftigung mit der Kunst eine Kritik des genialischen Künstlerbildes sein. Es ist kein Zufall, dass Künstler lange Zeit meist Männer waren, ist doch die Fähigkeit etwas neues aus sich selbst heraus zu schaffen eine Fähigkeit, die immer Männern zugesprochen wurde. Bei den wenigen expressionistischen Künstlerinnen, etwa Frida Kahlo, fällt auf, dass sie dem Frauenbildern der Expressionisten oftmals ebenfalls eine Mystifizierung des Weiblichen entgegensetzen. Vgl. Martin Büsser: „Das ewig Weibliche“, in Konkret Heft 08 2006 [zurück]
  2. Ein Beispiel wären die Bilder von Ludwig Kirchner. Als ergänzendes Gegenbild zur Prostituierten gehört bei den Expressionisten natürlich auch die Frau als Muse – umgesetzt im Akt-Bild, meist in harmonischer Natur, oft zusammen mit Tieren. Die naturverbundene Indígena-Frau ist hier eine zentrale Figur. [zurück]
  3. Vgl. hierzu „Pariser Landleben“ von Louis Aragon, oder das Gedicht „Die Nacht wirkt“ von Antonin Artaud. [zurück]

1 Antwort auf “Sexarbeit in Kunst und Literatur”


  1. 1 BaaamDaaam 09. September 2011 um 17:21 Uhr

    Ich muss zugeben ein wirlklich interessanter und von mir ungeachtet gebliebener Aspekt der modernen Literatur. Ich danke für den tollen Hinweis. Das Thema hat noch viel Potential! MfG

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