Archiv für Mai 2010

Globale Perspektiven auf Klassenkämpfe

04.06.2010 – GLOBALE PERSPEKTIVEN AUF KLASSENKÄMPFE I: RUSSLAND

Seit dem Ende des real existierenden Sozialismus finden auf dem Gebiet der ehemaligen Sowietunion heftige Kämpfe statt. Während der Klassenkampf von oben in bundesdeutschen Medien hier und da aufscheint, ist über soziale und gewerkschaftliche Kämpfe sehr wenig bekannt. Herbert Mießlitz gibt einen Überblick über betriebliche und außerbetriebliche Kämpfe und stellt zur Diskussion, welche Perspektiven der Befreiung verschiedene Auseinandersetzungen in Russland bieten.

VERANSTALTUNGSORT
Offene Arbeit Erfurt, Allerheiligenstr. 9, Hinterhaus

BEGINN
20:30 Uhr

via (im Rahmen der Veranstaltungsreihe zur Klassenfrage)

Es gibt kein gesundes Leben im Kranken #2

International Day Against Homophobia

Jena:

“Speaking about silence – Homophobie im Sport”

Organisiert vom IDAHO-Jena, So, 16. Mai, 17 Uhr im Kassablanca, Podiumsdiskussion mit

* Tanja Walther-Ahrens (ehem. Bundesligaspielerin bei Turbine Potsdam, heute Projektleiterin bei der European Gay And Lesbian Sport Foundation),
* Karolin Heckemeyer (Soziologin an der Uni Freiburg mit Arbeitsschwerpunkten “Soziologie des Sports und des Körpers” sowie “Geschlechterforschung und feministische Theorie”)
* Marcus Urban (ehem. DDR-Jugendnationalfußballspieler bei FC Rot-Weiß Erfurt)

Vortrag zu Verfolgung Homosexueller um Dritten Reich

Am Mittwoch den 19. Mai, 19Uhr (SR 208, Carl-Zeiß-Str.) findet ein Vortrag über die Verfolgung Homosexueller zu Zeit des Nationalsozialismus statt. Dr. Gottfried Lorenz aus Glinde (Schleswig Holstein) wird zu diesem Thema einen Vortrag und eine anschließende Diskussion anbieten. Organisiert vom “Referat gegen Rechtsextremismus”.

via bubizitrone: this is where iadho begins

Weimar:

Bürgerliche Subjektivität und Homophobie
Montag 17. Mai – 20:00 Uhr – Radio Lotte Weimar

Diskriminierung und Toleranz gegenüber Homo- und Bisexuellen – Warum überhaupt?
Dr. Gerhard Reese
Dienstag 18. Mai - 20:00 Uhr – Radio Lotte Weimar

Queer – eine Idee zur Auflösung der Geschlechterbilder
Mittwoch 19. Mai – 20:00 Uhr – Radio Lotte Weimar

Interessant, dass der Internationale Tag gegen Homophobie doch Anlass für so viele Veranstaltungen ist. Dieser Tag wurde ausgerufen, nachdem die WHO 1990 (!) beschlossen hatte Homosexualität aus der Liste der psychischen Krankheiten zu streichen. Auch wenn am idaho immer wieder darauf hingewiesen wird, dass damit nicht automatisch die Homophobie verschwunden ist, ist die Liste dieser ominösen psychischen Krankheiten selbst eigentlich nie ein Thema. Wie sieht es aber aus mit Krankheitsbildern wie Transsexualismus, Transvestitismus, Störung der Geschlechtsidentität, Fetischismus, Fetischistischer Transvestitismus, Exhibitionismus, Voyeurismus, Pädophilie, Sadomasochismus, Störungen der Sexualpräferenz, Sexuelle Reifungskrise, Ichdystone Sexualorientierung und Sexuelle Beziehungsstörung? Das alles sind nach der deutschen Version der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ der WHO: „Psychische und Verhaltensstörungen“. Und zwar heute. Gestört. Alles nachzulesen hier.

Was ist Materialismus?

Folgende Gedanken kamen mir heut bei der Kant-Lektüre. Ich bin mir noch etwas unsicher, vielleicht findet sich ja jemand, der mich herausfordert oder ergänzt…

Im allgemeinen Gebrauch des Begriffs „Materialismus“ wird dieser verstanden als ein Gegensatz zum Idealismus, der darin bestehe, dass der Idealismus davon ausgeht, dass die materielle Wirklichkeit ein Produkt der Ideen sei, während der Materialismus diese Bestimmung umdrehe und dagegen setzt, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Folglich analysiere der Materialist die Produktionsverhältnisse, aus denen die Ideen resultieren. Nun sind letztere Bestimmungen in Hinsicht auf Marx nicht unbedingt verkehrt – in etwa werden diese in der „Deutschen Ideologie“ so formuliert, doch ich meine, dass damit überhaupt nicht gesagt ist, was Materialismus ist. Aufschluss darüber, was Marx mit Materialismus meint, könnte der Idealist Kant in der Kritik der praktischen Vernunft geben. Als Grundsatz der reinen praktischen Vernunft wird dort formuliert, dass ein praktischer Grundsatz nur dann ein praktisches Gesetz sein kann, wenn der Bestimmungsgrund des Willens weder auf Lust/Unlust begründet ist, noch auf eine begehrte Wirkung hinziehlt. Glück als Bestimmungsgrund ist für ein praktisches Gesetz somit ausgeschlossen, weil ein praktisches Gesetz allgemein gelten muss, das Streben nach Glückseligkeit jedoch bei jedem Individuum etwas anderes bedeutet:

Worin nämlich jeder seine Glückseligkeit zu setzen habe, kommt auf jedes sein besonderes Gefühl der Lust und Unlust an, und selbst in einem und demselben Subjekt auf die Verschiedenheit der Bedürnis, nach den Abänderungen dieses Gefühls, und ein subjektiv notwendiges Gesetz (als Naturgesetz) ist also objektiv ein gar sehr zufälliges praktisches Prinzip, das in verschiedenen Subjekten sehr verschieden sein kann und muß, mithin niemals ein Gesetz abgeben kann, weil es, bei der Begierde der Glückseligkeit, nicht auf die Form der Gesetzmäßigkeit, sondern lediglich auf die Materie ankommt ob und wie viel Vergnügen ich in der Befolgung des Gesetzes habe. [I. Kant: Kritik der praktischen Vernunft, in: I. Kant: Die Kritiken, Zweitausendeins, Frankfurt a.M. 2008, S. 726]

Wenn nun Marx eine Gesellschaft fordert, die nach den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist, in der die Entfaltung des Einzelnen Grundlage für die Entfaltung aller ist, dann bedeutet dies, dass er darauf beharrt, dass es durchaus auf die Materie ankommt. Eine Gesellschaft ist dementsprechend daraufhin zu überprüfen, ob es den Einzelnen in der Verschiedenheit ihrer Bedürfnisse gut geht – was mit dem Aufstellen von der Form nach objektiven und verallgemeinerbaren Gesetzen nichts zu tun hat, sehr wohl aber damit ob ich ein Vergnügen daran habe oder nicht wie die Gesellschaft gestaltet ist. Vernunft ist demnach nichts, was vom Materiellen unbeschmutzt bliebe, sondern etwas, das es in der materiellen Welt zu verwirklichen gilt. Wenn das Materialismus ist, dann ist aber der Satz von Marx, dass alle Verhältnisse umzuwerfen seien, in denen der Mensch ein geknechtes, verächtliches (…) Wesen ist, alles andere als ein kategorischer Imperativ, wie Stephan Grigat diesen Satz öfters nennt. Denn ein kategorischer Imperativ ist gerade dadurch bestimmt, dass er unabhängig von Bedürftigkeit sowie Lust/Unlust, der Form nach verallgemeinerbar ist und nicht auf eine begehrte Wirkung ziehlt. Ich bin aber nur für den Kommunismus, wenn ich davon auch etwas habe.

Das Scheitern der Sprache #5

Das Scheitern am nachsprechen-müssen

Es ist erstickend etwas sagen zu müssen, das man nicht sagen will. Der Zwang etwas sagen zu müssen ist das Ende der Sprache, vollzogen in Worten. Das erzwungene Geständnis geht allzu oft einher mit dem Brechen einer Persönlichkeit. Die Wiederholung eines Schwurs, einer Parole im Chor ist oftmals eine Selbstvergewisserung der Herrschaft. Es kann aber auch schon eine schmerzhafte Erfahrung sein etwas nachsagen zu müssen, wenn man dazu einfach nicht in der Lage ist – sei es durch einen Sprachfehler, sei es weil man der Sprache des Vorsprechers nicht mächtig ist oder weil man das Vorgesagte schlicht nicht versteht.

I. Der Rabe Josef

Während viele Geschichten und Hörspiele von Janosch prägend für meine Kindheit gewesen sind, habe ich die Geschichte vom Raben Josef erst später entdeckt, nachdem zwei Freundinnen von mir immer wieder „RooRääRooRää“ singend durch die Gegend gerannt sind. Der Rabe Josef ist, wie viele von Janoschs Figuren, ein trauriger Außenseiter, der von den anderen gehänselt wird. Da er später als seine Rabenbrüder aus seinem Ei schlüpft, entdecken ihn die Rabeneltern nicht und er bekommt nur die Reste zu essen, die seine Brüder übrig gelassen haben. Erst als zwei seiner Brüder aus dem Nest fliegen, wird Josef von seinen Eltern entdeckt – nun muss auch er das Krächzen lernen. Statt dem harten „Raab Raab“ kann Josef aber nur ein schüchternes, flötendes „RoRää RoRää“ von sich geben. Dafür wird er von seinen Eltern und Brüdern ausgelacht und aufgezogen. Seitdem ist Josef einsam – er spricht eine eigene Sprache, die niemand versteht und wünscht sich sehnsüchtig einen Freund, mit dem er reden könnte. Eines Tages, als er über einen spiegelglatten See fliegt entdeckt er einen Raben, der ihm ganz ähnlich sieht… Hier nur ein Ausschnitt, in dem Josef am nachsprechen-müssen scheitert:

II. 1984

Es ist eine der erniedrigendsten Erfahrungen, von jemandem gezwungen zu werden etwas zu sagen, das man nicht sagen will – sei es, weil das Gesagte gegen einen selbst gerichtet ist, sei es weil es der eigenen Überzeugung zutiefst widerspricht. Ich erinnere mich an ein Ereignis auf dem Schulhof, als ich in der fünften Klasse an der Regelschule war. Einige der Zehnt-Klässler hatten sich einen Jungen aus meiner Klasse ausgesucht, um ihn jeden Tag aufs neue zu malträtieren. Ich beobachtete wie sie ihn eines Tages umstellten und von ihm verlangten von sich selbst zu sagen, dass er schwul wäre. Der Junge war in dieser Situation so wehrlos, dass er alles sagte, was die größeren Jungs von ihm verlangten. Kein Argument hat in einer solchen Situation eine Chance. Um die Schrecklichkeit eines solchen Zwangs wissend, hat George Orwell dieses Motiv in seinem Roman 1984 aufgenommen. Winston Smith, der als Gedankenverbrecher gefangen ist, wird während der Folter dazu aufgefordert zu sagen, wie viele Finger der Folterer ihm zeige. Dabei weist der Folterer Smith auf eine Aussage von ihm hin, Freiheit sei die Freiheit zu sagen, dass 2 und 2 gleich vier1 ist und er verlangt von Winston zu sagen, dass er fünf Finger sehe. Die wahre Folter besteht nun darin, dass es dem Folterer nicht genügt die „fünf“ aus dem Mund Winstons zu hören – er soll davon überzeugt sein. Dieser Überzeugung steht aber die Offensichtlichkeit entgegen, dass der Folterer tatsächlich vier Finger zeigt. Die Brechung der Persönlichkeit Winstons besteht darin, dass ihm die Möglichkeit genommen wird über Sprache Wahrheit verhandeln zu können – wahr ist, was die Partei als Wahrheit festlegt. Gerade weil Sprache nur dann mit Sinn und Wahrheit vermittelt ist, wenn sie in Bewegung bleibt (der Begriff nähert sich seinem Gegenstand immer nur an, Sprache oszilliert um die Dinge die sie meint), ist die Partei dazu gezwungen Sprache im Neusprech zu dezimieren und statisch zu machen. Sprache scheitert, wenn sie zum Code wird – die Durchsetzung des Neusprech ist das Ende jeder Vermittlung.

  1. Sicherlich ist es problematisch, dass hier Mathematik und Logik als unabhängige Wahrheiten gesetzt werden. Hat doch die Entwicklung einer Universalsprache auf einer ausschöpfend logischen Grundlage, wie sie etwa im Wiener Kreis angestrebt wurde, einen ähnlichen Wahn an sich, wie die Entwicklung des Neusprech – als eine unglaubliche Beschränkung der Sprache, die zudem als eine Beschränkung der Welt erscheint. Wittgenstein hat später selbst darauf hingewiesen, dass ein solcher Umgang mit Sprache notwendig fehlläuft. [zurück]

Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes

Um den Internationalen Tag gegen Homophobie am 17. Mai herum organisiert die „Ag Queer“ der Neuen Linken Weimar mehrere Veranstaltungen – ich möchte dabei auf folgenden Vortrag hinweisen:


Bürgerliche Subjektivität und Homophobie

Heterosexualität und Homophobie sind notwendigerweise miteinander verbunden – als Folge einer spezifisch bürgerlichen (und damit männlichen) Subjektivität. Während das männliche Subjekt dazu gezwungen ist sich selbst zu beherrschen, soll die Frau als sein Anderes beherrscht werden. Der Homosexuelle stellt als Drittes diese Ordnung in Frage und muss daher als abweichend markiert werden. Der Vortrag will diesen Theorieansatz erklären und dabei auf Veränderungen in der Postmoderne eingehen.

17. Mai – 20:00 Uhr – Radio Lotte Weimar (Niketempel), Goetheplatz 12

Verwegene Verschwendung

Eine Mischung aus Erweiterte Orgasmus Gruppe [EOG], Animal Collective, Gefahrenzone, Gabriele Stötzer, hilflosem Punk, schüchternem Doom und infantiler Lust am Instrument. Wir haben uns wirklich Mühe gegeben. Genießen Sie:

Zur Expressionismusdebatte

Am Donnerstag werden in der ACC Galerie Weimar Kerstin Stakemeier und Roger Behrens einen Vortrag über die Expressionismusdebatte halten. Im Vorfeld wurde schon zahlreiches Material veröffentlicht: Ein Telefoninterview mit Kerstin Stakemeier und Roger Behrens über die Expressionismusdebatte, sowie ein Gespräch mit Christopher Zwi über Georg Lukács und die Expressionismusdebatte gibt es im KSR-Radio. Im Audioarchiv gibt es die Glossen zum Realismus von Bert Brecht, welche dieser während der Expressionismusdebatte verfasst hatte. Es sei auch nochmal auf den Vortrag von Kerstin Stakemeier zum Konstruktivismus hingewiesen, den sie als Realismus verhandelt – am Ende des Vortrages geht sie auch kurz auf die Expressionismusdebatte ein (bei KSR-Radio 2009).

Hilferuf aus Weimar

Hier wird dringend Hilfe benötigt:

Sieg über den Tod

Ohne die Vorstellung eines fessellosen, vom Tod befreiten Lebens kann der Gedanke der Utopie nicht gedacht werden.

Theodor W. Adorno, Möglichkeiten der Utopie heute

via

Links zum Thema: Beitrag zu Fedorov in einem Kirchenlexikon | Alexandr A. Bogdanow – Der rote Planet (Roman)

The Fall vs. Tocotronic

Ich hab geträumt, ich wäre Pizza Essen mit Marc E. Smith, so hieß ein Lied von Tocotronic und ich glaube immer wieder Stellen bei Tocotronic herauszuhören, bei denen sie sich bei The Fall etwas abgehört haben:

1. Der Zisch-Laut, der gegen Ende eine ausstoßende Steigerung bekommt: Hier ist der Beweissshh | I‘m in a tranccccce | I don‘t want to dancccccce:

The Fall – Frightened

Tocotronic – Hier ist der Beweis

2. Der Beat in diesen beiden Liedern ist ziemlich ähnlich, der Gesang im ruhigen Part von Ketamine Sun klingt zudem wie einige Tocotronic-Passagen:

The Fall – Octo Realm/Ketamine Sun

Tocotronic – Drama

So, Geheimnis aufgedeckt, ruhmreiche Ehrung bitte jetzt.

Die Verwirklichung der Philosophie

Im Gesamtzusammenhang nicht so marxistisch wie es in diesem Ausschnitt erscheint – dennoch ist das Hörspiel „Abendstunde im Spätherbst“ von Friedrich Dürrenmatt eine sympathische Betrachtung der Rolle des Schriftstellers in der Moderne, als eine zynische Verwirklichung der Avantgarde in einem durch Erfahrungsverlust gekennzeichneten Ist-Zustand.

Das Scheitern der Sprache #4

Butch Morris / John Zorn

Das Album „Current Trends in Racism in Modern America“ von Butch Morris, auf dem unter Anderem John Zorn mitgewirkt hat, behandelt – wie der Titel schon sagt – die Erfahrung von Rassismus. Diese Erfahrung wird auf dem Platten-Cover und in der Musik als etwas ausgedrückt, das in einem fragmentierten Alltag stattfindet. Auf dem Cover befinden sich lauter Schnipsel, auf denen Noten, Tapetenmuster, Sinnesorgane, Schriftzeichen, Instrumente, Blumen und Fossilien zu sehen sind. Diese Schnipsel sind wahllos um ein zentrales Bild geordnet, auf dem zwei dunkelhäutige Hände ein Schattenbild werfen – ein weißes Gesicht. Während alles zerstückelt, voneinander getrennt ist, ist hier der Rassismus eine alles verbindende Erfahrung – immer wieder, an jedem Ort als das Andere markiert zu werden. Ähnliche Motive sind in der Musik zu finden: Ein ständiges hin-und-her geworfen werden, gnadenlose Hektik, keine Zeit sich auszuruhen – aber immer wieder ein wehleidiges Klagen, eine Stimme die sich artikulieren will, der es aber nicht gelingt klare Worte hervorzubringen. Diese Stimme wirkt dabei, als würde sie nach bestimmten Lauten suchen, ab und zu scheint sie sich an einem bestimmten Laut festhalten zu wollen, doch auch dieser geht ihr wieder verloren. Die Erfahrung des Rassismus, als ein sprechen wollen das scheitert, weil niemand zuhört, weil es niemand hören will, weil niemand mit Worten antwortet? Oder die Erfahrung, selbst eine Antwort liefern zu müssen, die aber nicht anerkannt wird? Am Ende der ersten Seite hört man John Zorn in der für ihn typischen Weise auf dem Saxophon krächzen – ein Stammeln und Winseln. Plötzlich fährt ganz klar eine exakt, abwärts gespielte Tonleiter dazwischen – nicht sehr laut, aber bestimmend; wie eine Korrektur. Die folgende Antwort des vorherigen Sprechers ist noch rauer und verzweifelter als das Krächzen zuvor – das vorgegebene Schema ist nur noch zu erahnen…

Der Goldene Oktober – Straßenkampf

Gefunden bei agmeer.
Ach leck mich doch am Arsch…

Zum Bild der Frau bei Frida Kahlo

Wie ich im untenstehenden Beitrag schon erwähnte, ist im dschungel-Teil der aktuellen Jungle World ein Artikel von Birgit Schmidt über Frida Kahlo erschienen, was mich zunächst erfreute, da ich eine kritische Auseinandersetzung mit der Lieblings-Künstlerin aller Ethno-Öko-Kunstlehrerinnen sehr begrüße. Allerdings war ich über diesen Artikel dann sehr enttäuscht, der nicht nur inhaltslos ist, sondern an einigen Stellen einfach nur peinlich.

Auch sie hatte ihre unangenehmen Seiten: Auf dem von der Band Cafe Tacuba ins Netz gestellten Musikvideo mit Originalaufnahmen sieht man beispielsweise, wie Frida Kahlo ihren Ehemann Diego Rivera vorführt, ihm, der ganz offensichtlich nicht geküsst werden will, ihre Küsse aufgedrängt und dann triumphierend in die Kamera schaut. Sie war eitel, besitzergreifend, nörglerisch – und was sollte dieses alberne Gebaren, sich als Zugehörige der mexikanischen Oberschicht in indianische Trachten zu hüllen, während das indianische Mädchen unterbezahlt in der Küche schuftete?

Es ist wirklich eine Unverschämtheit wie solch ein Schlag von Frauen ihre Ehemänner vorführt, räusper. Was bei einer Künstlerin als „eitel, besitzergreifend, nörglerisch“ gilt, wird bei Künstlern üblicherweise als elegant, selbstbewusst und immer kritisch anerkannt. Stattdessen wünscht sich die Autorin hier anscheinend eine anständige Frau herbei, die sich zurückhaltend, passiv und einfühlsam verhält und stets lieb zu ihrem Ehemann ist. Weiter:

Die Malerin Frida Kahlo gilt als Symbol Mexikos, als Emblem des Landes, obwohl sie es zu Lebzeiten nur zu einer Einzelausstellung gebracht hat und nicht einmal zu sagen wusste, in welchem Stil sie malte.

Ein toller Anspruch der hier angelegt wird: Gehalt von Kunst ist an Leistung zu erkennen, die sich über die Zahl der Einzelausstellungen messen lässt. Ein Urteil ist überhaupt nur möglich, wenn man einen genauen Stil identifizieren kann. Dass es die Kulturindustrie ist, die Kunstgeschichte als Zerlegung und Konservierung von Kunstobjektivationen in Warensegmente betreibt und dafür Wiedererkennbarkeit über die Einteilung in abgesteckte Stile und Epochen eines der wichtigsten Kriterien ist, scheint der Autorin vollkommen zu entgehen, ebenso dass es zu dieser Zeit als Künstlerin in keiner Weise selbstverständlich gewesen ist überhaupt über eine Einzelausstellung Anerkennung zu erlangen.

So richtig die Kritik an Kahlos Inszenierung ihres Verhältnisses zu den Indigenas ist und hier eine Beschäftigung mit ihrer Biographie notwendig ist, da die Gegenstände ihrer Bilder überwiegend biographische Erfahrungen sind, so unlauter ist es, einfach eine empörende Erzählung zu liefern, ohne am Material zu überprüfen ob sich dies in ihrem Werk überhaupt wiederspiegelt. Während es allgemein anerkannt ist, dass Adornos privater Musikgeschmack nichts an seinen musiktheoretischen Urteilen ändert, hat es die Autorin überhaupt nicht notwendig einzelne Bilder von Kahlo zu analysieren. Einzelne Werke, die gerade in einer Retrospektive im Gropius-Bau in Berlin zu sehen sind, werden zwar aufgezählt und ihnen wird ein morbider und großartiger Reiz zugestanden, in Beziehung zu dem Urteil der Autorin über Kahlo werden sie in keiner Weise gesetzt. Die Frage, warum das Frauenbild Kahlos und ihre Ikonisierung des Leidens eine allgemeine Faszination ausüben versucht die Autorin nicht mal im Ansatz zu beantworten.

Da ich wie gesagt eine Kritik am Frauenbild und an der Weise der Thematisierung indigener Kultur bei Frida Kahlo für notwendig erachte, soll was der Artikel nicht liefert, hier in fragmentarischer Weise anhand von drei Bildern von Frida Kahlo ergänzt werden. Dem sei vorausgeschickt, dass das reaktionäre Frauenbild Kahlos in ihrem Werk zwar obsiegt, dass dies in einigen Bildern jedoch auch durchaus gebrochen wird, etwa in einigen Selbstdarstellungen in denen sie androgyn, stark und selbstbewusst auftritt, ihren Oberlippenbart und ihre Augenbrauen betont oder sich mit Zigarette darstellt, was damals für Frauen sehr unüblich gewesen ist. Dies spiegelt sich in ihren Inszenierungen in der Öffentlichkeit, die die Autorin des Jungle-World-Artikels so empören, durchaus wieder und erklärt vielleicht, wieso Frida Kahlo zeitweise eine wichtige Figur für den Feminismus gewesen ist.

1. Self-Portrait on the Borderline between Mexico and the United States (1932)

Das „Self-Portrait on the Borderline (…)“ zeigt Frida Kahlo vor einer apokalyptischen Landschaft auf einem Sockel stehend. Als Mittelpunkt des Bildes teilt sie dieses in zwei Hälften: Auf der linken Seite sieht man einen Maya-Tempel über dem Mond und Sonne stehen, letztere lässt drei zungenartige Blitze aus ihrem Mund fahren. Auf dem Boden liegen ein Geröllhaufen und vereinzelte Maya-Götzen, aus dem unteren Bildrand wachsen zahlreiche und vielförmige Blumen und andere Pflanzen, deren Wurzeln bis tief in die Erde reichen. Auf der rechten Seite hingegen sieht man kahle Hochhäuser, Industrie, Schornsteine (gekennzeichnet mit dem Schriftzug „Ford“), Maschinen, Turbinen und Lampen. Als Gegenstück zu den Wurzeln verlaufen hier die Kabel der Geräte unter der Erde und statt einer Sonne prangen die Stars and Stripes im versmogten Himmel.

Die Aussage dieses Bildes ist relativ klar: Die kalte, menschenleere Industrie der USA kolonisiert die an sich gute, naturverbundene, bodenwüchsige Kultur der Indigenas. Unter der Grenze verlaufen die Kabel der industriellen Gerätschaften – eine ungleiche Beziehung zwischen zwei Ländern, welche die Religion und die Kultur der indigenen Bevölkerung zerstört. Frida Kahlo, die in der Mitte des Bildes steht bezieht selbst klar Partei: Ihr Blick ist in die linke Hälfte des Bildes gerichtet und sie hält eine Mexiko-Fahne in den Händen. So angebracht eine Kritik an den Folgen der Industrialisierung und der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung wäre, so sehr verfehlt dies Frida Kahlo in ihrem Bild. Es geht nicht um die konkrete Situation von leidenden Menschen, die in diesem Bild nicht zufällig nicht vorkommen, sondern es geht um den drohenden Verlust einer Kultur und eines Mythos, der als naturverbunden einer falschen, naturfremden und künstlichen Kultur entgegen gestellt wird. Eine solche Mystifizierung „altertümlicher Kultur“ hat Menschen noch nie von ihrem Leiden befreit, durch die Subsumierung unter eine Kultur bzw. Ethnie werden diese noch nicht einmal als Individuen anerkannt. Die 2012-Fanatiker hätten sicherlich ihre Freude mit diesem Bild, in dem eine Stimmung der Apokalypse mitschwingt, die niemals irdische Erlösung bedeuten kann.

2. Flower of Life (1943)

Nun zum Frauenbild. Das Bild „Flower of Life“ zeigt in erdigen bis feurigen Rottönen eine organisch gedrungene Pflanze in Form eines Eierstocks. Diese Eierstock-Blume besitzt fleischige Blätter, ist von Adern durchdrungen und aus ihrer Spitze sprießt eine feingliedrige, gold-gelbe Blüte – Staubblätter, bereit zur Befruchtung. Im Hintergrund schwebt symbolträchtig die Venus, aus dem linken oberen Bildrand entfährt ein Blitz.

Weiblichkeit wird hier mystifiziert und fixiert als ein Leben bringendes Prinzip, als Fruchtbarkeit und Erdverbundenheit, eingebettet in eine göttlich-kosmische Ordnung. Kurz und knapp: aus einer kritisch-feministischen Perspektive zurückzuweisen als reaktionärer, esoterischer Scheiß.

3. The Love Embrace of the Universe, the Earth (Mexico), Myself, Diego Und Senor Xolotl (1949)

In diesem Bild kommen schließlich Mystifizierung der indigenen Kultur, Selbstethnisierung Kahlos als Indigena und ein reaktionäres Frauenbild zusammen. Das Bild ist, wie im Titel, in mehreren Schichten aufgebaut: Im Hintergrund befindet sich eine zerfließende, geisterhafte Figur, die nicht eindeutig als weiblich identifizierbar, zumindest aber als androgyn, die Liebesumarmung der Welt darstellen soll. Dabei hat diese Figur eine dunkle und eine helle Seite – Tag und Nacht werden damit symbolisiert. In den Nebeln der Welt schweben schließlich zwei Planeten, von denen zumindest der eine wieder eindeutig als Venus identifiziert werden kann – die Welt als weibliches Prinzip. In der nächsten Ebene ist thronend eine weitere Figur dargestellt – ein indigenes Mädchen mit Dreadlocks, welche die Erde darstellen soll und dem Titel zur Folge mit Mexiko identifiziert wird – anscheinend als ein Ort, an dem Mutter Erde zumindest teilweise noch unbefleckt ist. Eine der vollen Brüste des Mädchens ist entblößt und dieser entrinnt ein Tropfen Milch – die Erde gibt Nahrung und ist sowieso fruchtbar: Überall aus dem Mädchen wachsen Bäume, Blumen und Kakteen, deren Wurzeln bis über die Arme der Welt ragen. Im Schoß der Erde sitzt mit leidendem Blick, in einem Folklore-Kleid Frida Kahlo, welche wiederum ihren Ehemann Diego Rivera im Schoß hält, der in seiner embryonalen Haltung und ganz nackt offensichtlich schutzbedürftig ist. Er blickt ebenfalls leidend und hat ein drittes Auge auf der Stirn (was vermutlich eine religiöse Bedeutung hat, die ich nicht kenne). Obwohl Rivera so schutzbedürftig erscheint, ist er es, als Mann, der in seinen Händen das Feuer hält. Ein weiteres männliches Element im Bild, der Gott Xolotl in Gestalt eines Hundes, symbolisiert (noch friedlich schlafend auf dem Arm der Welt) den Tod.

Um den Gehalt dieses Bildes zusammenzufassen: Die Welt ist ebenso wie die Erde ein weibliches Prinzip aus dem alles wächst und entsteht und das zudem als indigen charakterisiert wird. Dem entgegengesetzt steht der Mann für die Leidenschaft, die Frida Kahlo als schützenswert empfindet, aber auch für das Prinzip des Todes, der sich langsam und zunächst unscheinbar ankündigt. Ihren Mann wie ein Kind zu halten, entspringt vermutlich einem Wunsch, den sie sich im wirklichen Leben nicht erfüllen konnte1. Dieses Bild sollte, wie viele andere Bilder Kahlos, in Martin Büssers Worten wohl „authentische Kunst sein, folkloristische Kunst, radikal subjektiv, schmerzerfüllt, ein Pladoyer für das ‚einfache Leben‘ und ein Apell an Urinstinkte (…)“2. Diese Art der Darstellung von subjektivem Leiden ist eine Verschleierung der Ursachen des Leidens (die etwa in einer patriarchalen Gesellschaft verortet werden könnten), die jede Möglichkeit von Erlösung und Emanzipation verschwinden lässt. Denn das radikal subjektive Leid – Frida Kahlo im Mittelpunkt – ist hier als einer göttlich/kosmischen Ordnung inhärent und von dieser durchdrungen dargestellt.

Dass Weiblichkeit und Leiden tatsächlich real miteinander verbunden sind wird in Kahlos Bildern als weltbestimmendes Prinzip festgesetzt, sie erscheinen weder als gesellschaftlich gemacht, noch als veränderbar. Zum Abschluss noch einmal Martin Büsser:

Frida Kahlos Arbeiten taugen nicht für eine auch nur halbwegs feministische Auseinandersetzung. Der Essentialismus, der zugleich auch den Mangel an künstlerischem Talent legitimierte, ist ihr einziges kulturelles Kapital gewesen: Die Frau als Opfer der Moderne, die sich letztlich nur noch mit Tieren, Pflanzen und den Naturelementen verbünden konnte, pflegte den naiven Stil wie das Privileg einer Auserwählten. Die Anthroposophen dürften an dieser Künstlerin ihre helle Freude haben.3

  1. Ihre Beziehung zu ihrem Mann, die eine schwierige gewesen ist und in der Scheidung endete, sowie eine Todgeburt Kahlos sollen hier vermutlich gleichfalls zur Sprache gebracht werden. [zurück]
  2. Martin Büsser: „Das ewig Weibliche“, in Konkret Heft 08 2006 [zurück]
  3. ebenda [zurück]

Sexarbeit in Kunst und Literatur

Als ich in der aktuellen Jungle World einen Artikel über Frieda Kahlo gelesen habe, musste ich an ein liegen gebliebenes Textfragment über Sexarbeit und ein damit verbundenes Frauenbild in der bildenden Kunst und in der Literatur denken, in dem ich Frieda Kahlo in einer Fußnote erwähnt habe. Wenn ich es irgendwann schaffe, würde ich diese bruchstückhafte Skizze gern irgendwann in einen zusammenhängenderen Text über die Subjektivität des Künstlers, als eine spezifisch männliche, einbetten. Untenstehendem Textfragment müssten genaue Nachweise noch hinzugefügt werden.

Was ist eigentlich das Schlimme an Sexarbeit? Der Sex oder die Arbeit? Spricht man über Sexualität und Kapitalismus scheint es auf der Hand zu liegen, auch über Sexarbeit zu reden. Schwierig – denn kaum ein Thema ist so beladen mit Mythen, Skandalen und Vorurteilen wie dieses. In der Kunst schienen uns zwei Tendenzen der Betrachtung dieses Themas hervorzustechen:

1.Expressionismus: Die Expressionisten (frühes 20. Jh.) erfuhren die Großstadt als ein Gebilde der brutalen Entfremdung – alles ist künstlich, feindlich, schnell und laut, die Eindrücke stürmten auf den Künstler1 als etwas brutales, gar giftiges ein – das Produkt einer Verfallsgeschichte der Menschheit. Das verzauberte Licht des Mondes wird ersetzt durch das kalte Scheinen der Gaslaterne. In diesem Gebilde der Großstadt taucht die Prostituierte als eine zentrale Figur auf. In vielen expressionistischen Bildern versuchen Prostituierte, den hilflosen Mann an sich zu reißen, der – noch widerstrebend – in der Gefahr begriffen ist, sich kaum noch loslösen zu können und im falschen Rausch verloren zu gehen. Schminke, Verkleidung und sich Anbieten erscheinen in den expressionistischen Bildern oft als Perversion der absoluten Entfremdung. Dass hier Weiblichkeit und Lüge zusammengehören entspringt einem reaktionären Frauenbild und es ist kein Zufall, dass die Expressionisten der Entfremdung die spirituellen Prinzipien einer höheren kosmischen Ordnung entgegensetzten.2

2.Surrealismus: Auch bei den Surrealisten gehören Großstadt und Prostitution zusammen. Auch hier ist die Erfahrung der Großstadt zwar von Entfremdung geprägt, doch geht der Surrealist nicht lediglich ablehnend und leidend mit dieser Erfahrung um. Entgegen der üblichen Bewegungen innerhalb der Stadt, die von rationalen Gängen, etwa dem zur Arbeit, geprägt ist, eignet sich der Surrealist die Stadt als Areal an, in dem er sich passiv den Eindrücken hingeben kann, die er zulässt und damit einen Zugang zu den tieferliegenden Schichten des menschlichen Bewusstseins erlangt. Der surrealistische Flaneur streift mit einem Bewusstsein für das Zufällige und Seltsame durch die Stadt, erlebt dabei Abenteuer, gibt sich den Assoziationen hin, die die Begegnung mit den Dingen in ihm auslösen. Über die Erfahrung von trivialen und Alltags-gegenständen bekommt er Zugang zu den Mythen der modernen Gesellschaft. Mehr oder weniger zufällig begegnen die Surrealisten bei ihrem Gang durch die Stadt auch den Prostituierten3. Die Erfahrungen die sie dabei machen ist ihnen dabei nicht etwas Feindliches wie bei den Expressionisten, aber dennoch findet auch hier eine Mystifizierung von Weiblichkeit statt: Die Prostituierte ermöglicht ihnen einen Zugang zu den tiefer liegenden Geheimnissen der Liebe und ermöglicht ihnen Erlebnisse, die sie in der bürokratischen und rationalen Gesellschaft nicht finden können. Zusätzlich reizt sie das Anrüchige und Zwielichtige. Auch wenn der Surrealist sich passiv dieser Erfahrung hingibt, er ist derjenige der sie macht – die Prostituierten als Personen spielen nur als Auslöser eine Rolle und erscheinen während des Streifzugs lediglich als eine Zwischenstation; sie bleiben Randfiguren und kommen selbst kaum zu Wort.

An diesen Beispielen – Expressionismus: Ablehnung der Prostitution und Surrealismus: positive Konnotation der Prostitution – bestätigt sich, was die Debatten über Prostitution zutiefst prägt: Ob Prostitution verdammt wird oder ob den Prostituierten geholfen werden soll – stets sind SexarbeiterInnen Projektionsfläche und mal mehr, mal weniger eingestandene Wunschbilder, hinter denen etwa die konkrete Situation oder die Forderungen der Sexarbeiter_innen verschwinden.

Literatur zum Thema:

Christiane Schönfeld: Dialektik und Utopie. Die Prostitutierte im deutschen Expressionismus. Würzberg, 1996.

Xaviere Gauthier: Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit. Berlin, 1980

Uwe M. Schneede (Hrsg): Begierde im Blick. Surrealistische Photographie. Ostfildern-Ruit, 2005

  1. Künstler ist hier explizit in der männlichen Schreibweise geschrieben. Zentral müsste hier in der Beschäftigung mit der Kunst eine Kritik des genialischen Künstlerbildes sein. Es ist kein Zufall, dass Künstler lange Zeit meist Männer waren, ist doch die Fähigkeit etwas neues aus sich selbst heraus zu schaffen eine Fähigkeit, die immer Männern zugesprochen wurde. Bei den wenigen expressionistischen Künstlerinnen, etwa Frida Kahlo, fällt auf, dass sie dem Frauenbildern der Expressionisten oftmals ebenfalls eine Mystifizierung des Weiblichen entgegensetzen. Vgl. Martin Büsser: „Das ewig Weibliche“, in Konkret Heft 08 2006 [zurück]
  2. Ein Beispiel wären die Bilder von Ludwig Kirchner. Als ergänzendes Gegenbild zur Prostituierten gehört bei den Expressionisten natürlich auch die Frau als Muse – umgesetzt im Akt-Bild, meist in harmonischer Natur, oft zusammen mit Tieren. Die naturverbundene Indígena-Frau ist hier eine zentrale Figur. [zurück]
  3. Vgl. hierzu „Pariser Landleben“ von Louis Aragon, oder das Gedicht „Die Nacht wirkt“ von Antonin Artaud. [zurück]

Vom Dorfe her

Ich habe eben die recht erdrückenden Gedanken von Bubi Zitrone zur Lebenswelt auf dem Dorf gelesen und musste dabei an meine Fotosammlung von Kriegsdenkmälern denken, die sich im Laufe meiner Erkundungen des Weimarer Landes angesammelt hat. Hier einige Impressionen, die denke ich für sich stehen:

Daasdorf

Mattstedt

Nähe Liebstedt

[“Den Gefallenen zum unvergänglichen Ruhme, den Lebenden zur Erhebung, den künftigen Geschlechtern zur Nacheifrung“ (!)]

Kromsdorf:

[“Wir machen die Necher platt“]

Jugendclub (irgendwo in Thüringen):

Beim Zusammenstellen der Fotos ist es mir irgendwie seltsam aufgefallen, dass ich mich doch immer wieder auf mein Fahrrad setze um Erkundungsfahrten durch die umliegenden Dörfer zu machen. Ich bin mir nicht sicher was mich dazu treibt – vielleicht eine Mischung aus Abstoßung und Faszination, die ich sicher nur mit der Gewissheit ertragen kann selbst dem Dorf entkommen zu sein. Eine solcher Erkundungen habe ich vor einigen Jahren zusammen mit drei Freunden bewusst inszeniert und in einem Hörspiel dokumentarisch festgehalten, welches hier angehört werden kann.

Bubi Zitrones Resümee, „dass solche Erfahrungen und Konflikte keine Einzelfälle sind, es den jeweiligen Menschen in entsprechenden Situationen beschissen geht und sie häufig alleine da stehen“ und dass sich dies keinesfalls nur auf bestimmte Gebiete im Erzgebirge beschränkt, kann ich aus meinen Erfahrungen auf dem Dorf bestätigen. […]

Drei Literatur-Hinweise zum Thema:

1. Im ersten Teil von „Das Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch („Bericht – Tagträume“) schreibt dieser über kindliche und jugendiche Wunschträume in der Provinz. Diese Berichte decken sich zum Teil 100%ig mit meinen damaligen Wunschphantasien.

2. In Thomas Bernhards Roman „Verstörung“ erzählt dieser von einem Tag, an dem er seinen Vater, der der zuständige Amtsarzt für einen provinziellen Landstrich gewesen ist, an einem seiner Rundfahrten durch die dörfliche Landschaft begleitet. In diesem Bericht wird das Elend und die Grausamkeit des Dorfes in einer unerträglichen Intensität beschrieben.

3. Ein Aufruf zur Landflucht als Redebeitrag von Ag No Tears for Krauts zur Situation im ostzonalen Köthen. Dabei musste ich an einen geradezu gegenteiligen Aufruf von Heidegger denken, der glaube ich „Wir bleiben in der Provinz“ heißt, was schon im Titel die Unmenschlichkeit seiner Philosophie entlarvt.

Ps: Wenn ich mich recht erinnere ist die Figur des Sexualmörders Moosbrugger im „Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil ein Typ, der in seinem Wahn ständig über die Dörfer streift und selbst von der Erfahrung des Dorfes geprägt ist. Das müsste ich aber nochmal nachlesen…

Grails in Leipzig

Am 6. Mai werden die wunderbaren Grails im UT Connewitz in Leipzig spielen. Ich hoffe, ich schaff’s hinzukommen.