Das Scheitern der Sprache #3

Lettrismus

An dieser Stelle nur einige fragmenthafte Überlegungen zum frühen Lettrismus – als Material liegt mir ausschließlich das Buch „Phantom der Avantgarde“ von Roberto Ohrt vor, der sich darin allzuoft in kunsthistorischen Anekdoten verliert, aber dennoch zahlreiches, nützliches Material zusammenstellt.

Isodore Isou, mit bürgerlichem Namen Jean Isidore Goldstein, der gerade mal mit 17 Jahren die Grundlagen seiner Theorie entwickelt hatte, ging 1945 nach Paris, mit dem Wunsch seine neuen Methoden der Dichtung bekannt zu machen und als bedeutender Dichter berühmt zu werden. Diesen neuen Methoden, mit denen sich Isou rühmte, lag vor Allem die Annahme zu Grunde, dass die Sprache als kreatives Mittel erschöpft sei. Deshalb sollte die ästhetische Produktion auf ein reineres und tiefgründigeres Element des Poesie-machens gründen: auf den Buchstaben. (Lettrismus; lettre = Buchstabe) Damit nimmt der frühe Lettrismus ein zentrales Motiv der Dadaisten auf – die ohnehin gescheiterte Sprache soll zerstört werden – Isou zerlegte sie in ihre kleinsten Bestandteile und legte damit Silben und Buchstaben frei, in denen er ein revolutionäres Potential zu erblicken glaubte.

Ta ra ta ta + koum bal koum bal + kim piki ta ra ta ta + koum bal koumbal + kim pi ki ta ra bal + koum bal kim pi ki + koum bal kim piki + ta ra ta ta ta ra ta ta + kam kam + kim ra ta …1

Man könnte meinen, dass hier ein klassisches dadaistisches Gedicht vorliegt – nichts neues, eine Wiederholung der Lautgedichte a la Hugo Ball. Nicht nur in ihrem Selbstverständnis grenzten sich die Lettristen jedoch von Dada ab, sondern auch in der Herangehensweise an Sprache lassen sich durchaus Unterschiede ausmachen. Man wollte die Zertrümmerung der Sprache nicht ausschließlich ekstatisch, rauschhaft betreiben, sondern dabei wissenschaftlich und analytisch vorangehen. Ausgehend von der Annahme, dass mit der gesamten abendländischen Kultur, auch die Sprache erschöpft sei, wollten die Lettristen die Sprache analysieren, sie zerlegen um dann daraus etwas neues entstehen lassen. Roberto Ohrt schreibt über das lettristische Experimentieren:

Wir sind bei dem Material der lettristischen Poesie angelangt, bei den „lettres“, außerhalb ihres Dienstes für die Worte. Erneut befindet sich die Poesie an einem Wendepunkt, der mit dem letzten, unvermeidbar zerstörerischen Impuls der zuendegehenden Epoche zum Zerbrechen der Worte und ihrer anekdotischen Lasten geführt habe und hinausweise in ein neues Reich unendlicher Schöpfung und Bereicherung des Ausdrucks, auf der Grundlage des noch nie genutzten Potentials der Buchstaben selbst.2

Es ging den frühen Lettristen nicht um das einzelne Gedicht und um die direkt praktizierte Poesie, sondern viel mehr um die Methode. So meinte Isidore Isou, dass er durch die Erfindung der lettristische Methode nicht nur der Dichter seiner eigenen Gedichte gewesen wäre, sondern „behauptet sich folgerichtig und vorsorglich als der Schöpfer auch von Gedichten, die andere nach seinen Anweisungen anfertigen werden.“4. An dieser Stelle schüttet er meines Erachtens das Kind mit dem Bade aus – ist die Sprache erschöpft, negiert Isou jede schöpferische, dichterische Subjektivität und damit die Grundlage für eine Emanzipation von jenem Zustand, der Subjektivität selbst immer schon tendenziell negiert und innerhalb dessen die Sprache scheitern musste. Dennoch ist gerade dieses Scheitern immer wieder Gegenstand seiner Reflexion – so setzte er sich selbst in eine Linie, die bei Baudelaire beginnt und bei Isodore Isou endet. In dieser Selbstbhistorisierung steckt eine kluge Analyse, wie sich eine Reflexion des Scheiterns der Sprache in der modernen Literatur vollzieht:

[Ch. Baudelaire → Zerstörung der Erzählung für die Form des Gedichts; P. Verlaine → Vernichtung des Gedichts für die Form des Verses; A. Rimbaud → die Zerstörung des Verses für das Wort; St. Mallarme → das Arrangement des Wortes und seine Verfollkommnung; T. Tzara → die Zerstörung des Wortes für das Nichts; I. Isou → das Arrangement für das Nichts – der Buchstabe für die Schöpfung der Erzählung]

Der frühe Lettrismus verleiht der herkömmlichen Kultur der Nachkriegszeit einen Todesstoß, vollzieht die Reflexion dieses Scheiterns in der modernen Dichtung Frankreichs nach und trat mit dem Anspruch auf – und dies ist meines Erachtens ein wesentlicher Unterschied zum Dadaismus – aus ihren Trümmern etwas neues aufzubauen.

Auch hier wird das Scheitern der Sprache als einhergehend mit der Katastrophe des 20. Jahrhunderts reflektiert:

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Roberto Ohrt schreibt, dass hier das Bild „einer tiefen Irritation [entsteht], die verkündet, dass auch die Sprache nicht unbeschädigt aus der Katastrophe zurückgekommen ist.“ …

  1. Zit. nach: Roberto Ohrt: Phantom Avantgarde. Eine Geschichte der Situationistischen Internationale und der modernen Kunst. Hamburg 1990, S. 15 [zurück]
  2. ebenda, S. 19 [zurück]
  3. ebenda, S. 20 [zurück]