Das Scheitern der Sprache #2

Dada

Peter Bürger schreibt dem Dadaismus in seinem Buch „Der französische Surrealismus“ zu, nicht bloß unmittelbarer Protest gewesen zu sein, sondern eine aufhebende Bewegung:

Dada begreift sich als totale Negation der bürgerlichen Daseins- und Denkweise; aussprechen kann sich jedoch die totale Negation jedoch nur, indem sie etwas bestimmtes verneint; die bestimmte Negation ist aber immer zugleich Affirmation des Gegenteils des Negierten. Um diesem Dilemma zu entkommen, muß Tzara, wo immer das möglich ist, die eigene Aussage wiederum aufzuheben suchen. Aus derartigen Stellen wird deutlich, daß der Dadaismus keineswegs ein bloß kabarettistischer Protest ist, sondern – aller Theoriefeindlichkeit zum Trotz – eine zumindest im Ansatz durchaus theoretisch fundierte Bewegung. Die Dadaisten begreifen, daß die Negation notwendig dem veraftet bleibt, was sie negiert. Sie verstehen sich daher nicht als Verkünder von etwas Neuem, sondern als Teil dessen, was es zu negieren gilt. […] War bislang jede neue künstlerische Bewegung nicht nur für eine Sache, sondern auch für sich selbst als Vertreterin dieser Sache eingetreten, so wird ebendieses Engagement vom Dadaismus gekündigt. Er ist eine Bewegung, die ihrem Wesen nach zur Selbstaufhebung tendiert. 1

So richtig es ist, die Liebhaber des Dadaismus darauf hinzuweisen, dass Dada etwas anderes gewesen ist als übereifriger Tumult und toll gewordene Sprachspielerei, drängt sich mir der Eindruck auf, dass Peter Bürger an dieser Stelle den Dadaismus des Tristan Tzara als Projektionsfläche für seine eigene Begriffs-Arbeit benutzt. Dass die Dadaisten sich selbst als Verkünder immer wieder zu negieren suchten („Nieder mit Dada!“), liegt in der Konsequenz des radikalen Gestus der Negation – gerade aber das Bewahrende, das in der Aufhebungsbewegung enthalten sein müsste, fehlt bei Dada. Dass es bei einem radikalen Gestus und die Negation eine inkonsequente blieb, wird deutlich wenn die Dadaisten dann doch zu Verkünder von etwas Neuem wurden. Richard Huelsenbeck beschreibt auf die Entstehung von Dada rückblickend 1918 in seiner „Ersten Dadarede in Deutschland“:

Wir waren etwas Neues, wir waren die Dadas, Ball-Dada, Huelsenbeck-Dada, Tzara-Dada. Dada ist ein Wort, das in allen Sprachen existiert – es drückt nichts weiter aus als die Internationalität der Bewegung, mit dem kindlichen Stammeln, auf das man es zurückführen wollte, hat es nichts zu tun. Was ist nun der Dadaismus, für den ich heute abend hier eintreten will? Er will die Fronde der großen internationalen Kunstbewegungen sein. Er ist die Überleitung zu der neuen Freude an den realen Dingen. […] Der Dadaismus ist etwas, was die Elemente des Futurismus oder der kubistischen Theoreme in sich überwunden hat. Er muß etwas Neues sein, denn er steht an der Spitze der Entwicklung, und die Zeit ändert sich mit den Menschen, die fähig sind, verändert zu werden.2

Auch wenn man von sich behauptet Futurismus und Kubismus „in sich überwunden“ zu haben, ist an dieser Stelle von einer Negation von etwas, dessen Teil man ist keine Spur. Es wird etwas Neues verkündet, dessen Teil man ist. Damit bleibt Dada einem verzweifelten Ist-Zustand verhaftet, wie noch zu zeigen sein wird. Einen anderen Deutungsansatz legt Magnus Klaue in seinem Text „Performative Mobilmachung. Über die Verschmelzung von Politik und Kunst im ästhetischen »Ereignis«“ vor, in dem es ebenfalls um ein Scheitern der Sprache geht:

Erkennen lässt sich dies [dass Performance zu einem antizivilisatorischen, irrationalistischen Konzept geworden ist, Anm. AE] an der Verkümmerung des analytischen, destruktiven Elements der dadaistischen Performances. Kurt Schwitters‘ „Ursonate“ etwa, die inzwischen als finaler Schenkelklopfer zum selbstverständlichen Teil des Reportoirprogramms gewesen ist3, hat ihr zeitgenössisches Publikum gerade nicht durch Rückgriff auf Archaismen gegen sich aufgebracht, sondern, indem sie das bürgerliche Theater als das vorführte, was es geworden war: als Ort sinnfreien Geplappers, in dem elaborierte Sprache zum Urlaut, Bildungszitate zum Schrott und Konversation zur unmittelbaren Aggression herabgesunken sind. Im Unterschied zu gewissen Tendenzen im Expressionismus mit seinem „Oh Mensch“ – und Urschrei-Pathos, ging es den Dadaisten nie um eine „Befreiung“ des sinnlichen Urlauts der Sprache, des eigentlich Menschlichen, das von Diskursivität und Logizität geknebelt werde, sondern um die denunziatorische Entlarvung des in Hoch- und Populärkultur, in Politik und Kunst gleichermaßen omnipräsent gewordenen Geschwätzes, des Jargons der grinsenden Inhumanität, der die „Kultur“, die er im Mund führt, längst verraten und die Bürger wieder zu jenen „sprechenden Tieren“ erniedrigt hat, als welche diese die „Naturvölker“ empfanden. Der Dadaismus war polemisch, herätisch und negativ und hat noch in seinen aggressivsten antibürgerlichen Aktionen die Erinnerung an das bewahrt, was in der bürgerlichen Revolution einst versprochen war; in der betont zivilen, bürgerlichen Kleidung seiner Protagonisten ist dieser Doppelcharakter festgehalten. Wenn er die Grenze zwischen Publikum und Bühne „performativ“ durchbrochen hat, dann nicht, um sich endlich mit den Massen eins zu fühlen, sondern um sie besser angreifen zu können. Das Publikum wollte er nicht von seinen bürgerlichen Rollenzwängen erlösen, sondern brüskieren und auf die eigene Inferiorität verweisen. Im Dadaismus haben die letzten Bürger mit höhnischem Ernst vorgeführt, wozu sie geworden sind – jedoch nicht, um sich an solcher Regression zu weiden, sondern um sich gegen sie zu empören. Ihr brutal reduziertes Gestammel verdankt sich nicht dem Hass auf Sprache und Humanität, sondern enttäuschter Liebe.4

Auch hier kann ich mich nicht dem Eindruck erwehren, dass Dada als Gegenstand einer Projektion dient – Zufall, dass Magnus Klaue den bürgerlichen Anzug, der in zahlreichen Texten von ihm immer wieder auftaucht und dessen Doppelcharakter er in Anlehnung an die Mode-Texte von Georg Simmel darin verortet, dass er sowohl Kälte und Distanziertheit hervorruft, auf der anderen Seite aber auch eine Schutzfunktion innehat, gerade bei den Dadaisten wieder findet, wenn er diese gegen die postmoderne Performance verteidigt? Gleichwohl Dada Protest gewesen ist, war er in letzter Konsequenz kein Verteidiger der Humanität. Huelsenbeck gibt in der gleichen Rede in Deutschland zum Zeitpunkt des Krieges bekannt:

Wir waren für den Krieg, und der Dadaismus ist heute noch für den Krieg. Die Dinge müssen sich stoßen: es geht noch lange nicht grausam genug zu.

Diese Aussage zeugt davon, wie sehr Dada dem Futurismus von Marinetti und Russolo verhaftet geblieben ist, denen der Krieg eine wahre Freude im Kampf für das Neue und die Abschüttelung des Alten gewesen war. In den „Negerliedern“ des Tristan Tzara wird deutlich, dass dieser dann durchaus doch eine Faszination am Urlaut, am Archaischen hegte. Ein meines Erachtens zentrales Moment des Dadaismus benennt Magnus Klaue in der Denunziation des Geplappers – es ist die Reflexion eines Scheiterns der Sprache. Gerade im Krieg wird dieses Scheitern am brutalsten offenbar – er ist das Scheitern und die Zerstörung jeglicher Verständigung und Vermittlung durch Sprache. Während Worte zwar verletzen können, wird im Kampf und in der Tötung jegliche Grundlage für eine Übereinkunft, die durch Sprache vermittelt werden könnte, vernichtet. Dada reflektiert wie in der Situation des Krieges auch im Hinterland Sprache zur Farce wird, wie die Sätze, die im Namen der Humanität formuliert wurden, ihres Sinnes entledigt werden, wenn sie zur Rechtfertigung des Krieges herangezogen werden. Raoul Hausmann schreibt in seinem „Pamphlet gegen die Weimarische Lebensauffassung“:

Ich bin nicht nur gegen den Geist des Potsdam – ich bin vor allem gegen Weimar. Noch kläglichere Folgen als der alte Fritz zeitigten Goethe und Schiller – die Regierung Ebert-Scheidemann war ene Selbstverständlichkeit aus der dummen und habgierigen Haltlosigkeit des dichterischen Klassizismus. Dieser Klassizismus ist eine Uniform, die metrische Einkleidungsfähigkeit für Dinge, die nicht das Erleben streifen. Außerhalb aller Strudel des realen Geschehens hüllen ernsthafte Dichter, Mehrheitssozialisten, Demokraten, die Belanglosigkeit in die starren Faltenwürfe würdiger Verordnungen; militärische Versfüße wechseln ab mit Arien der Güte und Menschlichkeit – aus dem sicheren Hinterhalt, den der Besitz einer Anzahl Banknoten oder ein Pfund Butter verleiht, taucht auf das Ideal aller Schwachköpfe: Goethes zweiter Faust. Es ist schlechterdings alles darin enthalten, was nicht in Schillers Räubern vorkommt. Wie die Werke dieser feierlichen Klassiker das einzige Gepäck der deutschen Soldaten und Tag und Nacht ihre einzige Sorge waren, so war es heute der Regierung unmöglich, die Geschäfte anders als im Geiste Schillers und Goethes zu führen.5

Dies ist ohne Zweifel Protest gegen den Krieg, in dem das Scheitern der Sprache offenbar wird – doch Dada hatte nichts zu retten, nichts zu verteidigen, sondern war Teil des Scheiterns – im Stammeln und Stottern der Lautgedichte wird das gestoßen, was ohnehin im Fall begriffen war. Schmerzhaft nimmt Dada teil am Sterben, das auch ein Sterben der Sprache ist, mit dem verzweifelten Bewusstsein selbst Teil des Niedergangs zu sein.

Um zu Peter Bürgers Motiv der Aufhebung zurückzukommen, das er den Dadaisten unterstellt, sei ein kurzer Zeitsprung unternommen. 1967 trat Guy Debord in seiner theoretischen Hauptschrift „Die Gesellschaft des Spektakels“ dazu an, zwei Pole zu einer tatsächlichen Aufhebungsbewegung zusammenzuführen, die sich in der Geschichte getrennt voneinander vollzogen hatten:

Der Dadaismus und der Surrealismus sind zugleich geschichtlich miteinander verknüpft und stehen im Gegensatz zueinander. In diesem Gegensatz, der für jede der beiden Strömungen auch den konsequentesten und radikalsten Teil ihres Beitrags bildet, erscheint die innere Unzulänglichkeit ihrer Kritik, die von der einen wie von der anderen nur einseitig entwickelt wurde. Der Dadaismus wollte die Kunst wegschaffen, ohne sie zu verwirklichen; und der Surrealismus wollte die Kunst verwirklichen, ohne sie wegzuschaffen. Die seitdem von den Situationisten erarbeitete kritische Position hat gezeigt, daß die Wegschaffung und die Verwirklichung der Kunst die unzertrennlichen Aspekte ein und derselben Aufhebung der Kunst sind.6

Es ist zurecht immer wieder darauf hingewiesen worden, dass die Situationisten es versäumt haben, sich mit der antisemitischen Konterrevolution und dem Geschichtsbruch Auschwitz auseinanderzusetzen und dies in der Theorie angemessen zu reflektieren. Im Bezug auf das Scheitern der Sprache, scheint mir hier jedoch ein Schritt in die richtige Richtung getan worden zu sein, wenn es der S.I. um einen Kampf mit den spektakulären Begriffen und um eine Neuerfindung der Sprache ging. Die S.I. blieb dem Dadaismus jedoch dann verfangen, wenn sie eine gnadenlose Beschleunigung der Moderne forderten – dem ist gerade angesichts der Katastrophe des 20. Jahrhunderts das benjaminsche Motiv der Notbremse entgegenzuhalten.

  1. Peter Bürger: Der französische Surrealismus. Studien zur avantgardistischen Literatur, Um neue Studien erweiterte Ausgabe. Frankfurt 1996, S. 44 [zurück]
  2. Karl Riha und Jörgen Schäfer (Hrg.): DADA total. Manifeste Aktionen Texte Bilder. Stuttgart 1994, S. 96 ff [zurück]
  3. Besonders ärgerlich stieß mir diese Tatsache in der Dokumentation „Max Bill – das absolute Augenmaß“ von Erich Schmid auf, in dem Max Bill als glücklicher Greis zu einem runden Geburtstag glückselig die Ursonate vor versammeltem Promi-Freundeskreis aufführt. (Anm. AE) [zurück]
  4. Magnus Klaue: Performative Mobilmachung. Über die Verschmelzung von Politik und Kunst im ästhetischen „Ereignis“, in Bahamas Nr. 58, Herbst 2009 [zurück]
  5. Karl Riha und Jörgen Schäfer (Hrg.): DADA total. Manifeste Aktionen Texte Bilder. Stuttgart 1994, S. 101 ff [zurück]
  6. Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin 1996, S. 164 [zurück]

3 Antworten auf “Das Scheitern der Sprache #2”


  1. 1 Administrator 22. April 2010 um 10:41 Uhr

    Aj, es war mir klar, dass ich mich im ersten Teil des Textes etwas auf Glatteis begeben habe. Eine bestimmte Negation, bedeutet ein genaues Wissen dessen was negiert werden soll – ein Wissen sowohl davon, was produktiv in der Negation genutzt werden kann, als auch dessen was tatsächlich auf der Strecke bleibt. Wenn Peter Bürger den Dadaisten unterstellt gerade keine bestimmte Negation betrieben zu haben, dann ist dies insofern richtig, wenn damit eine Haltung der Dadaisten gemeint ist, welche diese so sympathisch etwa vom ML-Histomat unterscheidet, der genau zu sortieren wusste was in den Kommunismus mit hinüber genommen werden muss und was auf der Strecke zu bleiben hat. Gerade damit konnte der Realsozialismus nicht grundlegend über die bestehenden Verhältnisse hinaus. Wenn ich entgegen Peter Bürger den Dadaisten unterstelle nur im radikalen Gestus verblieben zu sein, dann meine ich nicht, dass sie lieber doch bestimmte Negation hätten betreiben sollen, wie es aus der Passage vermutlich leicht misszuverstehen ist. Die Ahnung etwas ganz Anderen fehlte ihnen jedoch, ebenso ein Wissen darum, dass in den gegebenen Verhältnissen eine solche Möglichkeit angelegt ist, die gerade in der Situation des Krieges vernichtet zu werden droht.
    Soweit erstmal…

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