Das Scheitern der Sprache #1

Das Scheitern der Sprache ist eines derjenigen Motive in Literatur und Film, die ich am intensivsten, aufreibendsten, verstörendsten und auch am interessantesten empfinde. Nicht sprechen können, stottern, vergessen von Wörtern, das nicht zustande kommen von Verständigung, das stecken bleiben von Wörtern. Das Scheitern verbaler und schriftlicher Kommunikation scheint mir ein zentrales Moment in einer Zeit zu sein, in der Form und Inhalt voneinander getrennt sind und das Bild an die oberste Stelle jeder sinnlichen Wahrnehmung getreten ist. Die Verbildlichung und Raffung von Sprache in Form von Signalen, Verkehrsschildern, Smileys und Abkürzungen1 ersetzt immer mehr das Bedürfnis Bilder in Sprache auszudrücken. Um so wichtiger und sinnvoller scheint es mir zu sein sich mit dem Punkt auseinanderzusetzen, an dem Sprache scheitert. Historisch wird dieser Punkt meines Erachtens am intensivsten in der avantgardistischen und experimentellen Literatur reflektiert – hier vor Allem in der Situation des Krieges. An dieser Stelle will ich in nächster Zeit über einige solcher Reflexionen des Scheiterns von Sprache schreiben.

Ernst Jandl

Ernst Jandl wurde 1925 in Wien geboren und als wichtiger Vertreter der deutschsprachigen experimentellen Lyrik bekannt. Zweifelsohne sind seine Gedichte von einer gewissen Komik geprägt, doch sollte Jandl nicht als Spaßmacher2 missverstanden werden. Nicht nur aus seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen, welche unter dem Titel „Das Öffnen und Schließen des Mundes“ erschienen sind, geht hervor, dass es ihm um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Sprache ging. In seinen Gedichten kommen immer wieder andauernde Wiederholungen von einzelnen Wörtern vor, während dieser Wiederholungen verschwinden die Wörter und werden zu einzelnen Silben oder Lauten. Aus dieser lyrischen Form spricht ein Verschleiß der Sprache, eine Unfähigkeit zu sprechen, was in Jandls Gedichten mitunter schmerzhaft und brutal zum Ausdruck kommt. Ein Verschleiß, ein Scheitern der Sprache ist auch in dem Gedicht mit dem Titel „Deutsches Gedicht“ implizit Gegenstand. Jandl thematisiert darin nicht nur die Nichtbegreifbarkeit der Shoa und der Vernichtung, sondern auch seine eigene Schuld. Das Gedicht spricht zudem davon, dass auch die Sprache nicht unbeschadet aus dem Grauen hervergegangen ist. Das Gedicht wurde von Ernst Jandl selbst eingesprochen und es ist 1988 auf der LP „vom vom zum zum“ erschienen. Begleitet wird Jandl von der Sängerin Lauren Newton, Uli Scherer am Klavier und von Wolfgang Pusching an diversen Holzblasinstrumenten.

Auf ubu.com stehen die Alben „bist eulen“ (1984) und „vom vom zum zum“ (1988) zur Verfügung.

  1. Wenn ich hdgdl nicht sagen kann, wozu brauche ich noch die Abkürzung dieser ohnehin schon standardisierten Formel? Die Rede von Soli (-gruppe, -konzert, -beitrag, -spende usw.) erweckt in mir den Eindruck, dass in der routinierten Polit-Macherei überhaupt kaum noch eine Idee davon vorhanden ist, was Solidarität denn meint. [zurück]
  2. Besonders ärgerlich finde ich eine Auseinandersetzung mit Jandl, die ihn geradezu als Sprach-Clown missversteht. [zurück]

1 Antwort auf “Das Scheitern der Sprache #1”


  1. 1 Sprache: Dada? « Meer. Pingback am 22. April 2010 um 18:57 Uhr
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