Häuserkampf

Ich habe gerade geträumt, dass in Erfurt ein neues Haus besetzt werden sollte. Das Vorhaben war noch geheim, nur ein kleiner Kreis wusste Bescheid, aber ich war eingeweiht. Es gab in Erfurt einen riesigen, heruntergekommenen Wohnkomplex. Es war eine Reihe von Hochhäusern, die aber nicht gerade waren, sondern geradezu ineinander verschachtelt, wie als wäre etwas ineinander verwachsen. So waren unter Anderem Flachdächer, als auch Spitzdächer vorhanden. Dieser Wohnkomplex war von unmenschlicher Riesigkeit – Menschen waren hier Material, das untergebracht werden musste. Als man mir erzählte, dass dieser Block, der mich geradezu an Hak Nam City erinnerte, besetzt werden sollte, war ich zunächst ungläubig. Bei einem Rundgang, der auf dem Netzwerk von Dächern begann, erklärte man mir das Konzept. Einige Dächer waren so undicht, dass man von hier aus Wohnungen betreten konnte, von denen zahlreiche leerstanden. Der Plan war, dass man erst in einige dieser Wohnungen einsteigen würde, um sich dann mit den übrigen Bewohner_innen des Komplexes zu vernetzen – es war alles so vorgesehen, dass die Hausverwaltung nichts bemerken sollte. Sofort begannen die anderen Personen mit der Arbeit. Ich war zunächst widerwillig an dem Vorhaben teilzunehmen, ich hatte trotz der außergewöhnlichen Situation ein wenig Angst vor einem üblichen, in der Szene befangenen Projekt. Doch die Lust an einem Abenteuer siegte und so begann auch ich mit den nötigen Vorbereitungsmaßnahmen. Diese waren zum Teil sehr seltsame Tätigkeiten – so nagelte ich auf einem Dach Lumpen an den Rand eines riesigen Loches, unter dem sich eine große Halle befand. Während ich mich mit dieser Tätigkeit beschäftigte, äußerte ich gegenüber den Anderen immer wieder, dass ich Angst hätte durch das Loch zu fallen, was einen ziemlich tiefen Sturz bedeutet hätte. Diese Angst wurde jedoch von den anderen anwesenden Personen nicht ernst genommen, geradezu unwirsch abgetan. Und dann geschah es – ich verlor das Gleichgewicht und konnte mich nur noch im letzten Moment an einem der Lumpen festhalten, die ich soeben befestigt hatte. In dieser Haltung war ich absolut verkrampft und hatte die Augen geschlossen – jede Bewegung, jedes Blinzeln mit den Lidern hätte den Fall bedeuten können. Ich rief verzweifelt um Hilfe, bis jemand kam und mich stützte. Als ich mich wieder in einer sicheren Situation befand und mich traute die Augen wieder zu öffnen, sah ich, dass ich nicht wirklich tief gefallen wäre – ich kam mir tollpatschig und unbeholfen vor.

In einer anderen Situation saß ich mit meinem Bruder auf einem Dach, das ein wenig von dem zukünftigen besetzten Haus entfernt war. Von hier aus konnten wir alles gut überblicken – ein gutes Gefühl. Wir saßen still und beobachteten das Geschehen, bis die Dämmerung einbrach. Im letzten Licht sahen wir dann schließlich Polizei aufziehen – es kamen riesige LKW’s angefahren, in deren halb geöffneten Laderäumen sich unzählige Six-Packs befanden. Das Blaulicht versetzte alles in eine unheimliche Atmosphäre. Uns wurde bewusst: Die Besetzung war aufgeflogen. Ich bekam eine riesige Wut und sagte meinem Bruder, dass wir irgendetwas krasses machen müssen – irgendetwas in die Luft sprengen. Mein Bruder wusste besser Bescheid und gab mir zu verstehen, dass wir bis zur vollständigen Dunkelheit warten müssten. Also blieben wir vorerst in unserem Versteck und beobachteten das Geschehen aus sicherer Entfernung. Mit Erstaunen stellten wir nun fest, dass sich andere Leute auf diese Situation vorbereitet hatten: Mit an Wänden befestigten Geschoss-Anlagen wurden Feuerbälle auf die Six-Packs gefeuert. Von hier oben sahen wir nur die Feuerbälle durch die Nacht fliegen. Zahlreiche Autos gingen in Flammen auf.

In der nächsten Einstellung stand ich mit ein paar anderen Leuten am Eingang des Gebäudekomplexes. Hier stellte sich heraus, dass doch gar nicht so viel Polizei anwesend war – es standen ein paar Streifenpolizisten und leere Polizeiautos herum. Dies gab mir Grund zu voreiligen Handlungen – irgendetwas musste ich tun. Ich ging zu einem Polizisten, der in zivil war, aber eine wichtige Funktion einzunehmen schien und schlug ihm mit meiner Flachen Hand in sein fleischiges Gesicht. Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet: Die Polizisten waren in der Überzahl und hatten mich recht schnell eingekreist. Nur knapp konnte ich entkommen. Nun begann die Flucht. Ich erinnere mich an flüchtige, verschwommene Bilder. Alles rauschte an mir vorbei, ich musste rennen was es koste. Ich kam an Bahnanlagen, Industriebrachen und Geröllhalden vorbei, überall eine triste Mondlandschaft. Ich habe mich zwischenzeitlich in Hauseingängen und Ruinen versteckt, ich erinnere mich auch an eine kurze Zugfahrt, aber immer wieder spürten mich meine Verfolger auf.

Ich kam an einen großräumigen Platz – inzwischen in einer anderen Stadt, alles wirkte wie in dem Luc-Besson-Film „Le Dernier Combat“. Immer noch im Laufen begegnete ich einer seltsamen Figur, die mit Lumpen und Lappen eingewickelt war, aber dennoch sportlich wirkte und einen schwarzen Morgenstern in der Hand hielt. Panisch erklärte ich dieser Figur, dass ich seine Waffe bräuchte, warf ihm einen Geldschein vor die Füße und nahm ihm den Knüppel weg, den er mir nur widerwillig überließ. Genau in diesem Moment holten mich die Polizisten ein, die mich immer noch verfolgten. Rasend ging ich auf sie zu und streckte sie mit meiner neuen Waffe nieder. Doch ich wusste, dass mir dies nur einen kurzen Aufschub gewähren würde – man hatte spezielle Suchtrupps nach mir ausgesandt. Ich nutzte die Zeit um die Gebäude der Stadt zu erkunden – überall leerstehende Hallen, riesige, verfallene Gebäude. Ich betrat ein verfallenes Haus, in dem sich keine Gegenstände befanden. Auf einmal wurde ich von hinten gegriffen – eine Figur, die dem Morgenstern-Besitzer ganz ähnlich war – kein Polizist – griff mich mit einem gebogenen Schwert an. Gleichzeitig kam aus einem anderen Gang eine weitere Gestalt, die mich mit einem Knüppel angriff. Der hinzugekommenen Gestalt konnte ich mich erwehren, doch sofort kam eine neue hinzu – und der Schwertträger in meinem Rücken. Als ich die dritte Gestalt niedergeschlagen hatte, drehte ich mich zu dem Schwertträger um und musste feststellen, dass ich keine Chance hatte. Also drehte ich mich um, um meine Fluchtmöglichkeiten zu überprüfen. Im nächsten Moment stellte ich fest, dass sich der Schwertträger mit seiner eigenen Waffe erlegt hatte. Ich atmete auf und wollte aus dem Gebäude heraustreten. Als ich im Freien stand, stellte ich fest, dass die Umgebung meinem Zimmer entsprach und ich wachte auf.

Edit: Zum Häuserkampf in Erfurt und seinen eigenen Geschichten im Besetzten Haus schreibt gerade aftershow: Vom Hausbesucher zum Hausbesetzer und zurück I | II | III | IV