Das wahre Leben trainieren

An Zynismus und Sinnlosigkeit nicht zu überbieten:

Training für Hartz-IV-Empfänger
Arbeitslose spielen Kaufmannsladen

Aufblasbarer Plastikkäse, kopiertes Spielgeld, gefärbtes Wasser in Weinflaschen: Das Jobcenter Hamburg finanziert einen kompletten Supermarkt. Hartz-IV-Empfänger sollen dort wieder arbeiten lernen. Die simulierte Einkaufstour kostet Millionen – und hat bislang nur eine magere Erfolgsquote.

Hamburg – Eine Flasche Mirabellenbrand hält den Betrieb auf, die Scannerkasse erkennt sie nicht. Die Frau an der Kasse guckt fragend zu ihrem Ausbilder, dem Herrn Rothe. Die F7-Taste soll sie drücken, den Artikel eingeben, nochmal F7, dann den Preis, irgendwann die Taste F2. Und dann soll es weitergehen. „miraabellenbrand“ wird später auf dem Kassenbon stehen, verkauft für 49,90 Euro. Ein Tippfehler beim Namen, nicht so wichtig, Hauptsache, der Preis stimmt.

Die Flasche ist leer.

Der Kunde heißt heute Markus Repschinski. Der 28-Jährige hat die leere Mirabellenbrandflasche gekauft. In seinem Einkaufswagen liegen außerdem eine leere Flasche Ouzo für 29 Euro und volle Packungen Cornflakes, Reis, Toffifee, Pedigree sowie eine Dose weiße Bohnen. Insgesamt sind es Waren für 129,13 Euro. Repschinski wird noch mehrere dieser Wagen zusammenpacken, wahllos, mal ist Katzenfutter dabei, mal Hundefutter, manchmal beides.

Er wird jeden Wagen vorbeischieben an der Kühltheke mit den aufblasbaren Käselaiben aus Plastik, vorbei an den leeren Plastikschalen „Nordseekrabben Natur“, vorbei an den Weinflaschen mit gefärbtem Wasser. Auch vorbei an 6000 echten und gefüllten Kekspackungen, Konservendosen und Chipstüten, die hier in den Regalen liegen.

„Real Life Training“ steht auf seinem Rücken, deswegen ist er hier: Das wahre Leben trainieren, in einem Übungssupermarkt mit angeschlossenem Lager. Es ist die erste Maßnahme dieser Art deutschlandweit. Arbeitslose sollen lernen, wie es ist, im Lager zu arbeiten, an der Supermarktkasse, im Großhandel. Früh aufstehen, pünktlich erscheinen, die Mütze ab, die Hände sauber, Arbeitszeiten ordentlich dokumentiert auf einer Stempelkarte, das ist die Idee; jede Woche knapp 40 Stunden, für sechs bis neun Monate. Betreut von sechs Sozialpädagogen und fünf Übungsleitern. → weiter lesen

Passend zum Thema sei dabei auf das Interview mit den Neptunianer_innen King und Kodos von der „Außerplanetarischen Opposition“ hingewiesen, die im März nach Erfurt gekommen waren und nicht begreifen konnten, dass auf der Erde Häuser (Arbeitsämter) gebaut werden, die dafür erdacht sind sich vollkommen sinnlose Tätigkeiten für Menschen auszudenken, die eigentlich nicht notwendig arbeiten müssten:

(Siehe Artikel Infoladen Sabotnik)

Um eine Kritik der Arbeit wird es auch am 10. April bei einem einführenden Seminar zur wertkritischen Kapitalismuskritik in Weimar gehen:

SEMINAR
EINFÜHRUNG IN DIE WERTKRITISCHE KAPITALISMUSKRITIK

Das zunehmende Unbehagen im Kapitalismus ist leider noch kein Garant für eine angemessene Kritik und nicht jeder Widerstand ist per se emanzipatorisch zu nennen. Die Gefahr, Bestandteil des Problems zu werden, gegen das sich der Unmut richtet, ist groß genug, wie viele (ex-)linke Biographien beweisen. Um den Kapitalismus kritisieren zu können, muss er auch verstanden werden. Wir wollen Euch die grundlegenden Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft näher bringen, wie sie Marx im Kapital entwickelt hat. Entgegen einer traditionsmarxistischen Lesart stehen hier nicht Klassenkampf und Loblieder auf das Proletariat im Vordergrund, sondern die Kritik von Ware, Geld, Kapital und Warenfetischismus.

DATUM: 10. April 2010
BEGINN: 11:00 UHR
ORT: Weimar, Jakobsstraße 22 (Bureau der „Neuen Linken“)
EINTRITT: frei

Das Seminar findet leider parallel zu einer öffentlich angekündigten Hausbesetzung in Erfurt statt (wir vertrösten die Genoss_innen, auf dass die Theorie baldig die Massen ergreift). Diese Aktion wird im Rahmen einer Aktionswoche anlässlich der Jährung der Räumung des Besetzten Hauses in Erfurt ausgerichtet:

EIN JAHR RÄUMUNG – PROGRAMM: 10. – 17. APRIL