Archiv für April 2010

Mai, o Mai

Der Infoladen Sabotnik schreibt wissenswertes über den 1. Mai und gibt strategische Tips in negativer Form für den 1. Mai in Erfurt. Die Gruppe AG17 hofft, dass es am 1. Mai in Erfurt knallt und schrammt vor lauter Knallern in ihrem Aufruf knapp am Begriff der abstrakten Arbeit vorbei. Aftershow hat (bis jetzt) erfolglos versucht eine Debatte über Sinn und Unsinn der Aktivitäten am 1. Mai in Erfurt anzuzetteln. Ich kam aus dem Lachen nicht mehr raus, als ich meinen Bericht über den 1. Mai vor zwei Jahren einem Freund für’s Radio vorgelesen habe. Die wirklich sehr unheimliche Gruppe Public Movement erklärt den 1. Mai in Berlin (- wir haben alle darauf gewartet -) zur Performance:

Edit: Es gab eine erfreuliche Reaktion (bis auf die Berufung auf den gesunden Menschenverstand) von Rosa Perutz:

Sehr geehrte Künstler x,

hiermit untersagen wir Ihnen aus Gründen des gesunden politischen Menschenverstandes/grundlos/unter religiös-moralischem Vorbehalt Ihre für den 1. Mai 2010 geplante Micky-Mausierung des öffentlichen Protestes/der universellen Emanzipation … usw..

Wir weisen Sie darauf hin, dass sie sich des Verrats an der Kunst schuldig machen, sofern Sie Ihre Anliegen unter den Primat der performativen Beliebigkeit und des performance-lifestyles stellen (denn alles ist ja irgendwie performativ in den letzten Jahren, von der Politik zur Spielzeugeisenbahn) und somit eine Art politischen Tourismus betreiben, der zur allgemeinen Verblödung beiträgt … usw..

Sie haben bis zum 30. April 2010 die Möglichkeit Beschwerde gegen diese Auflage/dieses Verbot/ästhetische Urteil einzulegen unter: mail@rosaperutz.com

Gez. Allgemeine Deutsche Zensurbehörde (die sich natürlich auch schon selbst verboten hat), aufgegangen in der

Zensurbehörde von Rosa Perutz
Dieses Schreiben wurde automatisch erstellt.

via

More Music

Der auch ansonsten sehr lesenswerte Blog Klangverhältnisse hat gerade über verschiedene ältere und neuere (Post-)Hardcore-Sachen geschrieben und stellt dabei ein paar sehr hörenswerte Songs zur Verfügung: FUGAZI | Imperial China | Double Dagger | Majority Rule | Trash Talk

Glen or Glenda

Ich habe vor Jahren schon mal auf die französische Band „Glen or Glenda“ hingewiesen. Ich muss inzwischen sagen, dass das wohl tatsächlich eine der besten Sachen ist, die ich in meinem Musikschrank habe. „Glen or Glenda“ bescherte mir auch eines der besten Konzerte an die ich mich erinnern kann. Ich hatte die Band damals ins lokale AJZ eingeladen. Als die Vorband gespielt hatte, begannen Glen or Glenda ihre Technik in den Konzertraum zu tragen. Als sie damit fertig waren, war die Bühne voll und kein Platz mehr für die Musiker. Die haben sich dann mit ihren Instrumenten vor die Bühne gestellt und das sehr kleine Publikum hat sich auf den Boden, im Halbkreis um die Band gesetzt. Obwohl so wenige Leute da waren habe ich noch nie zuvor so eine Spannung zwischen Publikum und Band erlebt und vor Allem solch eine Aufmerksamkeit des Publikums.

Das Label der Band „Los Potagers Natures“ hat inzwischen seine Web-Präsenz gewechselt und leider stehen nicht mehr alle Alben von Glen or Glenda frei zur Verfügung. Trotzdem bleiben immer noch empfehlenswert:

Glen Or Glenda – Goulita

Marvin – s/t

Edit: Seltsamerweise funktionieren die Verknüpfungen zu den Songs in meinem alten Beitrag immer noch. Listen.

Veranstaltungsreihe zur Klassenfrage

Alle Jahre wieder wird darüber gestritten ob man sich nicht endlich von der Klasse verabschieden sollte. Schon in historischen Debatten stand auf der Tagesordnung, ob der positive Bezug auf das Proletariat eine realistische Perspektive ist. Analytisch konkurriert die Marxsche Vorstellung von Klassengesellschaft von Beginn an mit eher soziologischen Ansätzen zur Beschreibung sozialer Schichtung. Heute ist der Begriff umstrittener denn ja. Antideutsche und wertkritische Ansätze sehen den Begriff als Erbe des „Arbeiterbewegungsmarxismus“, der wegen des positiven Bezugs auf die Arbeit sowohl analytisch als auch strategisch untauglich ist. Operaist_innen halten Klassenkämpfe für den entscheidenden Motor gesellschaftlicher Veränderung und warten darauf, dass die chinesischen Wanderarbeiter_innen ihre Arbeiterautonomie erkennen und den Karren der Geschichte herumdrehen. Post-operaistische Ansätze sprechen von der Multitude, die werden muss, um dem Empire entgegen zu treten – ähnlich wie im Traditionsmarxismus die ökonomisch bestimmte Klasse an sich ihre Bestimmung erkennen und zur kollektiv handelnden Klasse für sich werden musste. Postmarxist_innen suchen mit Max Weber und Foucault nach der sozialen Reproduktion von Klassen und beschreiben, wie der Klassenunterschied durch moderne Regierungstechniken ins Innere der Subjekte verlegt wird. Als positiver Bezugspunkt bleibt oft die klassenlose Gesellschaft – auch wenn völlig unklar ist, wie sie aussieht und es keine nennenswerte Debatte über Transformationsperspektiven gibt. Die Veranstaltungsreihe nähert sich dem Begriff der Klasse durch die Erschließung der Debatten, die um die Klassenfrage geführt wurden. In der Vertiefung setzen wir uns mit aktuellen Ansätzen von Klassentheorie auseinander und fragen VertreterInnen der verschiedenen Theorien, wie tauglich der Begriff für eine Kritik der Verhältnisse auf der Höhe der Zeit ist. Die Reihe kann als Hinführung zur wissenschaftlichen Tagung „Prekarier, Pauper und Proleten – Zum aktuellen Gebrauchswert des Klassenbegriffs“ der RLS Thüringen am 11./12. Juni 2009 genutzt werden, welche die Diskussion über den politischen Nutzen des Begriffs der Klasse vertiefen wird.

07.05.2010
Klasse an und für sich, Multitude, Schicht, Milieu

Viele Gesellschaftstheorien bieten Brillen an, um soziale Ungleichheit zu beschreiben. Sowohl die Kriterien, nach denen Gruppen unterschieden werden als auch die Frage, wie (und ob überhaupt) aus der Beschreibung irgendwelche Schritte zur Veränderung folgen, unterscheiden sich immens. Um sich im ersten Schritt dem Begriff der Klassengesellschaft zu nähern, wird der Klassenbegriff in der Veranstaltung ins Verhältnis zu anderen Beschreibungen von Ungleichheit gesetzt.

14.05.2010
Thesen zur klassenlosen Klassengesellschaft

Im Juni 2007 veröffentlichten die „Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft“ in einer Zeitschrift mit dem Titel „Kosmoprolet“ ihre „28 Thesen zur klassenlosen Klassengesellschaft“. Sie konstatieren darin, dass die alte proletarische Bewegung zwar restlos in der herrschenden Ordnung aufgegangen ist, halten jedoch an einem Begriff der Klasse fest und konstatieren in ihrer Analyse, dass es auch in dieser historischen Situation noch Klassenkämpfe gibt. Ebenso wie Marx den Klassenkampf nicht erfunden habe, sondern die Klassenkämpfe der Entwicklung seiner Kritik vorangegangen seien, wollen sie an aktuelle Kämpfe anknüpfen und sprechen damit recht optimistisch von einem „Proletariat, das für seine Selbstaufhebung bereits weltweit kämpft.“ In der Veranstaltung werden sie ihre Thesen vorstellen und dabei einen Fokus auf die Begriffe der Klasse und des Klassenkampfes rücken.

04.06.2010
Globale Perspektiven auf Klassenkämpfe

Seit der Wirtschaftskrise der ’70er Jahre und ihrem Aufschub, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und einem erneutem Ausbruch der Krise im vorletzten Jahr kann eine fortschreitende Verschiebung der Klassenverhältnisse auf globaler Ebene konstatiert werden. Der Vortrag soll darlegen was diese Veränderungen für die Proletarisierten bedeutet, welche Perspektiven des Widerstands sich unter diesen neuen Bedingungen ergeben und wo bereits Klassenkämpfe ausgebrochen sind.

VERANSTALTUNGSORT
Radio F.R.E.I., Gotthardtstraße 21, Erfurt

BEGINN
Jeweils um 20:30 Uhr

EINE KOOPERATION ZWISCHEN
Bildungskollektiv, Radio F.R.E.I., Jugendbildungsnetzwerk der RLS

INTERNET
biko.arranca.de

Bei dieser Gelegenheit sei auf einen Vortrag von Zwi zum „Proletariat als Prozess“ hingewiesen.

Sieg über die Sonne

Wie es aussieht machen sich gerade ein paar Leute daran die suprematistische Oper „Sieg über die Sonne“ in Form eines Ausstellungs- und Fanzine-Projektes zu bearbeiten. Neben der Faszination, die ich für den Konstruktivismus habe, kann ich mich nicht des Gefühls erwehren, dass daran etwas höchst problematisch ist. Grund genug, sich damit noch einmal näher zu beschäftigen. [Dabei sei noch einmal auf den Vortrag über Konstruktivismus von Kerstin Stakemeier hingewiesen – KSR Radio]

*Anfang gut, alles gut. Beginning good. All good.*
Actualization of „Pobeda nad solncem“, 1913 (Victory over the Sun) with contributions by Thomas Baldischwyler, Mareike Bernien & Kerstin Schroedinger, Nine Budde, Ruth May, Avigail Moss, Peter Wächtler, Susanne M. Winterling

*Thursday, April 29, 2010, 6.30h pm
Presentation of the first Fanzine with a short introduction and sound recordings
Motto, Skalitzer Str. 68, Hinterhof, 10997 Berlin*

The futurist opera *Victory over the Sun*, which was written and staged in 1913 in Petersburg wanted to “establish a collective work on the basis of word, painting and music”. Those are the words of the opera’s authors, the painter Kasimir Malewitsch, the musician Michail Matjuschin and the poets Alexeij Krutschenych and Welimir Chlebnikov, who wanted to create an ‚antiharmonious’ work – against the spirit of their times.

*Beginning good. All good*, an actualization of „*Pobeda nad solncem*“ (Victory over the Sun), will translate this programmatic on the basis of the historical text and documentation of its stagings and reception into the present. The project brings together about 30 artists, musicians, theoreticians and people from other disciplines in order realise the exhibition project in May 2011.

Participants (until now):
Katrin Bahrs, Thomas Baldischwyler, Roger Behrens, Mareike Bernien, Nine Budde, Robert Burkhardt, Natalie Czech, Damn‘it Janet, Kirsten Forkert, Fox Hysen, Oliver Jelinski, Christiane Ketteler, Nicholas Matranga, Ruth May, Michaela Mélian, Jan Molzberger, Avigail Moss, Ulrike Müller, Orakel, P.O.G., Johannes Paul Raether, David Riff, Kerstin Schroedinger, SchröterundBerger, Jessica Sehrt, Amy Sillman, Tillmann Terbuyken, Peter Thiessen, Dimitry Vilensky, Jeronimo Voss, Peter Wächtler, Patricia Wedler, Susanne M. Winterling

With the project we would like to dismantle the opera’s self-enclose form into those artistic fragments and traces, which seem to correspond with the present, to than reconstruct them as actualized reformulations. To make the pre-production visible, we will produce a series of three subsequent fanzines for may 2010, october 2010 and january 2011.

The project is initiated by Nina Köller and Kerstin Stakemeier.

Reißt das Pflaster auf

Mir wurde dies als einer der besten Straßenschlacht-Soundtracks empfohlen – mit dieser Vorstellung wirklich gut:

Kopfstoss.fm – live aus Mügeln

Der braune Mob hat sich wieder in der sächsischen Pampa von seiner besten Seite gezeigt, wieder mal in Mügeln. Die Fussballsendung Kopfstoss vom freien Radio Halle, Radio Corax war mit dabei. Der Sport ist mir latte, aber die O-Töne sind ziemlich gruselig.

[via besserscheitern]



Edit
: besserscheitern weist noch auf einen Beitrag von tatort branids hin, wo ausführliche Berichte von den Vorfällen in Brandis und Mügeln zu lesen sind.

Das Scheitern der Sprache #3

Lettrismus

An dieser Stelle nur einige fragmenthafte Überlegungen zum frühen Lettrismus – als Material liegt mir ausschließlich das Buch „Phantom der Avantgarde“ von Roberto Ohrt vor, der sich darin allzuoft in kunsthistorischen Anekdoten verliert, aber dennoch zahlreiches, nützliches Material zusammenstellt.

Isodore Isou, mit bürgerlichem Namen Jean Isidore Goldstein, der gerade mal mit 17 Jahren die Grundlagen seiner Theorie entwickelt hatte, ging 1945 nach Paris, mit dem Wunsch seine neuen Methoden der Dichtung bekannt zu machen und als bedeutender Dichter berühmt zu werden. Diesen neuen Methoden, mit denen sich Isou rühmte, lag vor Allem die Annahme zu Grunde, dass die Sprache als kreatives Mittel erschöpft sei. Deshalb sollte die ästhetische Produktion auf ein reineres und tiefgründigeres Element des Poesie-machens gründen: auf den Buchstaben. (Lettrismus; lettre = Buchstabe) Damit nimmt der frühe Lettrismus ein zentrales Motiv der Dadaisten auf – die ohnehin gescheiterte Sprache soll zerstört werden – Isou zerlegte sie in ihre kleinsten Bestandteile und legte damit Silben und Buchstaben frei, in denen er ein revolutionäres Potential zu erblicken glaubte.

Ta ra ta ta + koum bal koum bal + kim piki ta ra ta ta + koum bal koumbal + kim pi ki ta ra bal + koum bal kim pi ki + koum bal kim piki + ta ra ta ta ta ra ta ta + kam kam + kim ra ta …1

Man könnte meinen, dass hier ein klassisches dadaistisches Gedicht vorliegt – nichts neues, eine Wiederholung der Lautgedichte a la Hugo Ball. Nicht nur in ihrem Selbstverständnis grenzten sich die Lettristen jedoch von Dada ab, sondern auch in der Herangehensweise an Sprache lassen sich durchaus Unterschiede ausmachen. Man wollte die Zertrümmerung der Sprache nicht ausschließlich ekstatisch, rauschhaft betreiben, sondern dabei wissenschaftlich und analytisch vorangehen. Ausgehend von der Annahme, dass mit der gesamten abendländischen Kultur, auch die Sprache erschöpft sei, wollten die Lettristen die Sprache analysieren, sie zerlegen um dann daraus etwas neues entstehen lassen. Roberto Ohrt schreibt über das lettristische Experimentieren:

Wir sind bei dem Material der lettristischen Poesie angelangt, bei den „lettres“, außerhalb ihres Dienstes für die Worte. Erneut befindet sich die Poesie an einem Wendepunkt, der mit dem letzten, unvermeidbar zerstörerischen Impuls der zuendegehenden Epoche zum Zerbrechen der Worte und ihrer anekdotischen Lasten geführt habe und hinausweise in ein neues Reich unendlicher Schöpfung und Bereicherung des Ausdrucks, auf der Grundlage des noch nie genutzten Potentials der Buchstaben selbst.2

Es ging den frühen Lettristen nicht um das einzelne Gedicht und um die direkt praktizierte Poesie, sondern viel mehr um die Methode. So meinte Isidore Isou, dass er durch die Erfindung der lettristische Methode nicht nur der Dichter seiner eigenen Gedichte gewesen wäre, sondern „behauptet sich folgerichtig und vorsorglich als der Schöpfer auch von Gedichten, die andere nach seinen Anweisungen anfertigen werden.“4. An dieser Stelle schüttet er meines Erachtens das Kind mit dem Bade aus – ist die Sprache erschöpft, negiert Isou jede schöpferische, dichterische Subjektivität und damit die Grundlage für eine Emanzipation von jenem Zustand, der Subjektivität selbst immer schon tendenziell negiert und innerhalb dessen die Sprache scheitern musste. Dennoch ist gerade dieses Scheitern immer wieder Gegenstand seiner Reflexion – so setzte er sich selbst in eine Linie, die bei Baudelaire beginnt und bei Isodore Isou endet. In dieser Selbstbhistorisierung steckt eine kluge Analyse, wie sich eine Reflexion des Scheiterns der Sprache in der modernen Literatur vollzieht:

[Ch. Baudelaire → Zerstörung der Erzählung für die Form des Gedichts; P. Verlaine → Vernichtung des Gedichts für die Form des Verses; A. Rimbaud → die Zerstörung des Verses für das Wort; St. Mallarme → das Arrangement des Wortes und seine Verfollkommnung; T. Tzara → die Zerstörung des Wortes für das Nichts; I. Isou → das Arrangement für das Nichts – der Buchstabe für die Schöpfung der Erzählung]

Der frühe Lettrismus verleiht der herkömmlichen Kultur der Nachkriegszeit einen Todesstoß, vollzieht die Reflexion dieses Scheiterns in der modernen Dichtung Frankreichs nach und trat mit dem Anspruch auf – und dies ist meines Erachtens ein wesentlicher Unterschied zum Dadaismus – aus ihren Trümmern etwas neues aufzubauen.

Auch hier wird das Scheitern der Sprache als einhergehend mit der Katastrophe des 20. Jahrhunderts reflektiert:

[Klick zur größeren Ansicht]

Roberto Ohrt schreibt, dass hier das Bild „einer tiefen Irritation [entsteht], die verkündet, dass auch die Sprache nicht unbeschädigt aus der Katastrophe zurückgekommen ist.“ …

  1. Zit. nach: Roberto Ohrt: Phantom Avantgarde. Eine Geschichte der Situationistischen Internationale und der modernen Kunst. Hamburg 1990, S. 15 [zurück]
  2. ebenda, S. 19 [zurück]
  3. ebenda, S. 20 [zurück]

Es gibt kein gesundes Leben im Kranken

a: Aber du kannst doch nicht immer an allem zweifeln.
b: Aber warum denn nicht?
a: Das ist doch nicht gesund.

via

Als ich so 14, 15 Jahre alt war begann ich mich langsam für den Anarchismus zu interessieren und hatte von einem Bekannten dann tatsächlich das Buch „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus?1“ von Erich Mühsam bekommen, welches ich mit großem Interesse verschlang. Nachdem ich Blut geleckt hatte besorgte ich mir weitere Bücher von Mühsam – kleine Pamphlete aus den typischen Anarcho-Verlagen, seine Gedichte und die unpolitischen Erinnerungen. Meine Deutschlehrerin, die sehr an meiner Lektüre interessiert war, bemerkte bald, dass ich ein Interesse am Anarchismus hegte. Eines Tages, als sie mich wieder bei meiner Mühsam-Lektüre erwischt hatte, sprach sie mich an und fragte mich, was mich denn ausgerechnet am Anarchismus interessieren würde. Wir begannen eine Diskussion – ich argumentierte gegen den Staat und für die Anarchie, sie mit der Natur des Menschen. Schließlich meinte sie, dass meine Ansichten sicher von edlem Charakter wären, dass eine solche Gegnerschaft zu allen Konventionen aber nur krank machen würde. Ich konterte mit einem Autoritätsargument; auch Schiller sei für das Ende des Staates gewesen und in diesem Sinne wohl als Anarchist zu bezeichnen. „Kein Wunder“ meinte sie, „dass Schiller 1805 an einer Bauchfellentzündung gestorben ist.“

  1. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe eigentlich ein schreckliches Buch – der Staat steckt wie ein Stachel im Fleisch der von sich aus immer schon guten Gesellschaft… [zurück]

Das Scheitern der Sprache #2

Dada

Peter Bürger schreibt dem Dadaismus in seinem Buch „Der französische Surrealismus“ zu, nicht bloß unmittelbarer Protest gewesen zu sein, sondern eine aufhebende Bewegung:

Dada begreift sich als totale Negation der bürgerlichen Daseins- und Denkweise; aussprechen kann sich jedoch die totale Negation jedoch nur, indem sie etwas bestimmtes verneint; die bestimmte Negation ist aber immer zugleich Affirmation des Gegenteils des Negierten. Um diesem Dilemma zu entkommen, muß Tzara, wo immer das möglich ist, die eigene Aussage wiederum aufzuheben suchen. Aus derartigen Stellen wird deutlich, daß der Dadaismus keineswegs ein bloß kabarettistischer Protest ist, sondern – aller Theoriefeindlichkeit zum Trotz – eine zumindest im Ansatz durchaus theoretisch fundierte Bewegung. Die Dadaisten begreifen, daß die Negation notwendig dem veraftet bleibt, was sie negiert. Sie verstehen sich daher nicht als Verkünder von etwas Neuem, sondern als Teil dessen, was es zu negieren gilt. […] War bislang jede neue künstlerische Bewegung nicht nur für eine Sache, sondern auch für sich selbst als Vertreterin dieser Sache eingetreten, so wird ebendieses Engagement vom Dadaismus gekündigt. Er ist eine Bewegung, die ihrem Wesen nach zur Selbstaufhebung tendiert. 1

So richtig es ist, die Liebhaber des Dadaismus darauf hinzuweisen, dass Dada etwas anderes gewesen ist als übereifriger Tumult und toll gewordene Sprachspielerei, drängt sich mir der Eindruck auf, dass Peter Bürger an dieser Stelle den Dadaismus des Tristan Tzara als Projektionsfläche für seine eigene Begriffs-Arbeit benutzt. Dass die Dadaisten sich selbst als Verkünder immer wieder zu negieren suchten („Nieder mit Dada!“), liegt in der Konsequenz des radikalen Gestus der Negation – gerade aber das Bewahrende, das in der Aufhebungsbewegung enthalten sein müsste, fehlt bei Dada. Dass es bei einem radikalen Gestus und die Negation eine inkonsequente blieb, wird deutlich wenn die Dadaisten dann doch zu Verkünder von etwas Neuem wurden. Richard Huelsenbeck beschreibt auf die Entstehung von Dada rückblickend 1918 in seiner „Ersten Dadarede in Deutschland“:

Wir waren etwas Neues, wir waren die Dadas, Ball-Dada, Huelsenbeck-Dada, Tzara-Dada. Dada ist ein Wort, das in allen Sprachen existiert – es drückt nichts weiter aus als die Internationalität der Bewegung, mit dem kindlichen Stammeln, auf das man es zurückführen wollte, hat es nichts zu tun. Was ist nun der Dadaismus, für den ich heute abend hier eintreten will? Er will die Fronde der großen internationalen Kunstbewegungen sein. Er ist die Überleitung zu der neuen Freude an den realen Dingen. […] Der Dadaismus ist etwas, was die Elemente des Futurismus oder der kubistischen Theoreme in sich überwunden hat. Er muß etwas Neues sein, denn er steht an der Spitze der Entwicklung, und die Zeit ändert sich mit den Menschen, die fähig sind, verändert zu werden.2

Auch wenn man von sich behauptet Futurismus und Kubismus „in sich überwunden“ zu haben, ist an dieser Stelle von einer Negation von etwas, dessen Teil man ist keine Spur. Es wird etwas Neues verkündet, dessen Teil man ist. Damit bleibt Dada einem verzweifelten Ist-Zustand verhaftet, wie noch zu zeigen sein wird. Einen anderen Deutungsansatz legt Magnus Klaue in seinem Text „Performative Mobilmachung. Über die Verschmelzung von Politik und Kunst im ästhetischen »Ereignis«“ vor, in dem es ebenfalls um ein Scheitern der Sprache geht:

Erkennen lässt sich dies [dass Performance zu einem antizivilisatorischen, irrationalistischen Konzept geworden ist, Anm. AE] an der Verkümmerung des analytischen, destruktiven Elements der dadaistischen Performances. Kurt Schwitters‘ „Ursonate“ etwa, die inzwischen als finaler Schenkelklopfer zum selbstverständlichen Teil des Reportoirprogramms gewesen ist3, hat ihr zeitgenössisches Publikum gerade nicht durch Rückgriff auf Archaismen gegen sich aufgebracht, sondern, indem sie das bürgerliche Theater als das vorführte, was es geworden war: als Ort sinnfreien Geplappers, in dem elaborierte Sprache zum Urlaut, Bildungszitate zum Schrott und Konversation zur unmittelbaren Aggression herabgesunken sind. Im Unterschied zu gewissen Tendenzen im Expressionismus mit seinem „Oh Mensch“ – und Urschrei-Pathos, ging es den Dadaisten nie um eine „Befreiung“ des sinnlichen Urlauts der Sprache, des eigentlich Menschlichen, das von Diskursivität und Logizität geknebelt werde, sondern um die denunziatorische Entlarvung des in Hoch- und Populärkultur, in Politik und Kunst gleichermaßen omnipräsent gewordenen Geschwätzes, des Jargons der grinsenden Inhumanität, der die „Kultur“, die er im Mund führt, längst verraten und die Bürger wieder zu jenen „sprechenden Tieren“ erniedrigt hat, als welche diese die „Naturvölker“ empfanden. Der Dadaismus war polemisch, herätisch und negativ und hat noch in seinen aggressivsten antibürgerlichen Aktionen die Erinnerung an das bewahrt, was in der bürgerlichen Revolution einst versprochen war; in der betont zivilen, bürgerlichen Kleidung seiner Protagonisten ist dieser Doppelcharakter festgehalten. Wenn er die Grenze zwischen Publikum und Bühne „performativ“ durchbrochen hat, dann nicht, um sich endlich mit den Massen eins zu fühlen, sondern um sie besser angreifen zu können. Das Publikum wollte er nicht von seinen bürgerlichen Rollenzwängen erlösen, sondern brüskieren und auf die eigene Inferiorität verweisen. Im Dadaismus haben die letzten Bürger mit höhnischem Ernst vorgeführt, wozu sie geworden sind – jedoch nicht, um sich an solcher Regression zu weiden, sondern um sich gegen sie zu empören. Ihr brutal reduziertes Gestammel verdankt sich nicht dem Hass auf Sprache und Humanität, sondern enttäuschter Liebe.4

Auch hier kann ich mich nicht dem Eindruck erwehren, dass Dada als Gegenstand einer Projektion dient – Zufall, dass Magnus Klaue den bürgerlichen Anzug, der in zahlreichen Texten von ihm immer wieder auftaucht und dessen Doppelcharakter er in Anlehnung an die Mode-Texte von Georg Simmel darin verortet, dass er sowohl Kälte und Distanziertheit hervorruft, auf der anderen Seite aber auch eine Schutzfunktion innehat, gerade bei den Dadaisten wieder findet, wenn er diese gegen die postmoderne Performance verteidigt? Gleichwohl Dada Protest gewesen ist, war er in letzter Konsequenz kein Verteidiger der Humanität. Huelsenbeck gibt in der gleichen Rede in Deutschland zum Zeitpunkt des Krieges bekannt:

Wir waren für den Krieg, und der Dadaismus ist heute noch für den Krieg. Die Dinge müssen sich stoßen: es geht noch lange nicht grausam genug zu.

Diese Aussage zeugt davon, wie sehr Dada dem Futurismus von Marinetti und Russolo verhaftet geblieben ist, denen der Krieg eine wahre Freude im Kampf für das Neue und die Abschüttelung des Alten gewesen war. In den „Negerliedern“ des Tristan Tzara wird deutlich, dass dieser dann durchaus doch eine Faszination am Urlaut, am Archaischen hegte. Ein meines Erachtens zentrales Moment des Dadaismus benennt Magnus Klaue in der Denunziation des Geplappers – es ist die Reflexion eines Scheiterns der Sprache. Gerade im Krieg wird dieses Scheitern am brutalsten offenbar – er ist das Scheitern und die Zerstörung jeglicher Verständigung und Vermittlung durch Sprache. Während Worte zwar verletzen können, wird im Kampf und in der Tötung jegliche Grundlage für eine Übereinkunft, die durch Sprache vermittelt werden könnte, vernichtet. Dada reflektiert wie in der Situation des Krieges auch im Hinterland Sprache zur Farce wird, wie die Sätze, die im Namen der Humanität formuliert wurden, ihres Sinnes entledigt werden, wenn sie zur Rechtfertigung des Krieges herangezogen werden. Raoul Hausmann schreibt in seinem „Pamphlet gegen die Weimarische Lebensauffassung“:

Ich bin nicht nur gegen den Geist des Potsdam – ich bin vor allem gegen Weimar. Noch kläglichere Folgen als der alte Fritz zeitigten Goethe und Schiller – die Regierung Ebert-Scheidemann war ene Selbstverständlichkeit aus der dummen und habgierigen Haltlosigkeit des dichterischen Klassizismus. Dieser Klassizismus ist eine Uniform, die metrische Einkleidungsfähigkeit für Dinge, die nicht das Erleben streifen. Außerhalb aller Strudel des realen Geschehens hüllen ernsthafte Dichter, Mehrheitssozialisten, Demokraten, die Belanglosigkeit in die starren Faltenwürfe würdiger Verordnungen; militärische Versfüße wechseln ab mit Arien der Güte und Menschlichkeit – aus dem sicheren Hinterhalt, den der Besitz einer Anzahl Banknoten oder ein Pfund Butter verleiht, taucht auf das Ideal aller Schwachköpfe: Goethes zweiter Faust. Es ist schlechterdings alles darin enthalten, was nicht in Schillers Räubern vorkommt. Wie die Werke dieser feierlichen Klassiker das einzige Gepäck der deutschen Soldaten und Tag und Nacht ihre einzige Sorge waren, so war es heute der Regierung unmöglich, die Geschäfte anders als im Geiste Schillers und Goethes zu führen.5

Dies ist ohne Zweifel Protest gegen den Krieg, in dem das Scheitern der Sprache offenbar wird – doch Dada hatte nichts zu retten, nichts zu verteidigen, sondern war Teil des Scheiterns – im Stammeln und Stottern der Lautgedichte wird das gestoßen, was ohnehin im Fall begriffen war. Schmerzhaft nimmt Dada teil am Sterben, das auch ein Sterben der Sprache ist, mit dem verzweifelten Bewusstsein selbst Teil des Niedergangs zu sein.

Um zu Peter Bürgers Motiv der Aufhebung zurückzukommen, das er den Dadaisten unterstellt, sei ein kurzer Zeitsprung unternommen. 1967 trat Guy Debord in seiner theoretischen Hauptschrift „Die Gesellschaft des Spektakels“ dazu an, zwei Pole zu einer tatsächlichen Aufhebungsbewegung zusammenzuführen, die sich in der Geschichte getrennt voneinander vollzogen hatten:

Der Dadaismus und der Surrealismus sind zugleich geschichtlich miteinander verknüpft und stehen im Gegensatz zueinander. In diesem Gegensatz, der für jede der beiden Strömungen auch den konsequentesten und radikalsten Teil ihres Beitrags bildet, erscheint die innere Unzulänglichkeit ihrer Kritik, die von der einen wie von der anderen nur einseitig entwickelt wurde. Der Dadaismus wollte die Kunst wegschaffen, ohne sie zu verwirklichen; und der Surrealismus wollte die Kunst verwirklichen, ohne sie wegzuschaffen. Die seitdem von den Situationisten erarbeitete kritische Position hat gezeigt, daß die Wegschaffung und die Verwirklichung der Kunst die unzertrennlichen Aspekte ein und derselben Aufhebung der Kunst sind.6

Es ist zurecht immer wieder darauf hingewiesen worden, dass die Situationisten es versäumt haben, sich mit der antisemitischen Konterrevolution und dem Geschichtsbruch Auschwitz auseinanderzusetzen und dies in der Theorie angemessen zu reflektieren. Im Bezug auf das Scheitern der Sprache, scheint mir hier jedoch ein Schritt in die richtige Richtung getan worden zu sein, wenn es der S.I. um einen Kampf mit den spektakulären Begriffen und um eine Neuerfindung der Sprache ging. Die S.I. blieb dem Dadaismus jedoch dann verfangen, wenn sie eine gnadenlose Beschleunigung der Moderne forderten – dem ist gerade angesichts der Katastrophe des 20. Jahrhunderts das benjaminsche Motiv der Notbremse entgegenzuhalten.

  1. Peter Bürger: Der französische Surrealismus. Studien zur avantgardistischen Literatur, Um neue Studien erweiterte Ausgabe. Frankfurt 1996, S. 44 [zurück]
  2. Karl Riha und Jörgen Schäfer (Hrg.): DADA total. Manifeste Aktionen Texte Bilder. Stuttgart 1994, S. 96 ff [zurück]
  3. Besonders ärgerlich stieß mir diese Tatsache in der Dokumentation „Max Bill – das absolute Augenmaß“ von Erich Schmid auf, in dem Max Bill als glücklicher Greis zu einem runden Geburtstag glückselig die Ursonate vor versammeltem Promi-Freundeskreis aufführt. (Anm. AE) [zurück]
  4. Magnus Klaue: Performative Mobilmachung. Über die Verschmelzung von Politik und Kunst im ästhetischen „Ereignis“, in Bahamas Nr. 58, Herbst 2009 [zurück]
  5. Karl Riha und Jörgen Schäfer (Hrg.): DADA total. Manifeste Aktionen Texte Bilder. Stuttgart 1994, S. 101 ff [zurück]
  6. Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin 1996, S. 164 [zurück]

Thesen zum Begriff der Geschichte

Die Falken Erfurt haben vor Kurzem eine Broschüre mit dem Titel „»Die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen…« – Versuche einer materialistischen Geschichtsschreibung – Erfurt in der Frühen Neuzeit“ herausgegeben, in der einige Stationen der Erfurter Stadtgeschichte durchgegangen werden. Im Anhang befindet sich eine sehr lesenswerte Zusammenfassung der materialistischen Geschichtsschreibung von Marx, Benjamin, Agnoli …

Siehe auch

Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte | Esther Leslie über Walter Benjamin | Audiomaterial zu Walter Benjamin | Marcus Hawel: Walter Benjamins Geschichtsphilosophie | Christoph Hering: Rekonstruktion der Revolution. Walter Benjamins messianischer Materialismus in den Thesen „Über den Begriff der Geschichte“

Ken Vandermark im Wagner

Heute Abend wird im Café Wagner in Jena einer der aktuellsten Avantgarde-Jazz-Musiker aus den USA spielen: Ken Vandermark. Begleitet wird er von Paal Nilssen Love, der in der norwegischen Free-Jazz-Szene bekannt geworden ist. Beide verbindet unter Anderem, dass sie schon mit Peter Brötzmann zusammengespielt haben.

Hier eine Kostprobe (eine andere Besetzung als heute Abend – es handelt sich um irgend eine der Tausend Bands von Ken Vandermark):

Außerplanetarische Opposition

Das:

wird hier zitiert:

wird hier zitiert.

Danke an esowatch für die immer wieder guten Musikhinweise!

Schöner reisen

Am Wochenende hat das Trampen wunderbar funktioniert:

Nun bin ich wie eine kleine Spinne mit sehr kleinen Beinen. Müsste sie auf ihren Beinen laufen, würde sie nur langsam vorwärts kommen. Darum spinnt sie einen Faden so lang, dass er sie hochhalten kann, lässt den Faden los und springt aus in freien Fall. Der Wind greift den Faden und trägt die Spinne los. So bin ich nun, ich weiss nicht wo ich landen werde, ich weiss bloss dass meine Beine klein sind, und dass es schneller geht wenn ich trämpe.

(XN28, 2003)

Dabei musste ich an ein Erlebnis denken, das ich neulich in einer Kneipe hatte. Ich wollte nur kurz noch ein Bier trinken und dann schnell nach Hause gehen, doch dann kam ein Typ auf uns zu, der uns einfach die Hand gab und sich vorstellte. Um uns einen Eindruck von sich zu vermitteln erzählte er uns von einer imaginären Situation, die er interessant fand: Es ging um einen Philosophen auf LSD, der auf einer Brücke steht und irgendetwas verzwicktes passiert – ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern. Obwohl das Zeug was er erzählte ziemlich irre war, fand ich es sehr angenehm ihm zuzuhören – er hatte eine sehr angenehme Sprache (einen leicht schwäbischen Dialekt – nur leicht), eine wohlklingende Stimme und seine Mimik war munter und sympathisch. Normalerweise kann ich es nicht ausstehen von Besoffenen zugelabert zu werden – aber dieser Mann redete trotz offensichtlichem Einfluss von Drogen auf eine Weise, die mich irgendwie ansprach. Ich konnte ihm nicht die ganze Zeit folgen – wir diskutierten über Variation als Aufhebung von Dogma und Beliebigkeit, über das Verhältnis in einer Kneipensituation als Beobachter oder als jemand der darin vollkommen aufgeht, über die Schwierigkeit die in der Kommunikation bei einer solchen Situation besteht. Was jetzt wie typisches, langweiliges Kneipen-Philosophentum klingt, war hier doch irgendwie anders, vielleicht war es aber auch wirklich nur die angenehme Art wie dieser Typ redete. Zwischendurch versuchte er uns über seltsame Bewegungen, geradezu ein Schauspiel, begreiflich zu machen was er uns zu sagen hatte. Und dann erzählte er uns das, was mir am besten im Gedächtnis geblieben ist: Er beschrieb uns ein seltsames Zell-Wesen – halb pflanzlich, halb organisch, nierenförmig, in der Größe eines Sitzkissenes, oder eines kleinen Sofas. Ein Wesen, das sich auf rätselhafte Weise in Schwingung befindet und einige Zentimeter über dem Boden schwebt. Dies sei seine Vorstellung von zukünftigem Reisen – du begegnest einem solchen Wesen und es bietet dir an, dich mitzunehmen. Wohin du willst.

Bubizitrone hat gerade ein neues Wort erfunden: Eintagsflucht. Zu bezeichnend für eine Situation, die nicht aufhören will.

Now Playing

Bevor ich zur Autobahn gehe:

Das Scheitern der Sprache #1

Das Scheitern der Sprache ist eines derjenigen Motive in Literatur und Film, die ich am intensivsten, aufreibendsten, verstörendsten und auch am interessantesten empfinde. Nicht sprechen können, stottern, vergessen von Wörtern, das nicht zustande kommen von Verständigung, das stecken bleiben von Wörtern. Das Scheitern verbaler und schriftlicher Kommunikation scheint mir ein zentrales Moment in einer Zeit zu sein, in der Form und Inhalt voneinander getrennt sind und das Bild an die oberste Stelle jeder sinnlichen Wahrnehmung getreten ist. Die Verbildlichung und Raffung von Sprache in Form von Signalen, Verkehrsschildern, Smileys und Abkürzungen1 ersetzt immer mehr das Bedürfnis Bilder in Sprache auszudrücken. Um so wichtiger und sinnvoller scheint es mir zu sein sich mit dem Punkt auseinanderzusetzen, an dem Sprache scheitert. Historisch wird dieser Punkt meines Erachtens am intensivsten in der avantgardistischen und experimentellen Literatur reflektiert – hier vor Allem in der Situation des Krieges. An dieser Stelle will ich in nächster Zeit über einige solcher Reflexionen des Scheiterns von Sprache schreiben.

Ernst Jandl

Ernst Jandl wurde 1925 in Wien geboren und als wichtiger Vertreter der deutschsprachigen experimentellen Lyrik bekannt. Zweifelsohne sind seine Gedichte von einer gewissen Komik geprägt, doch sollte Jandl nicht als Spaßmacher2 missverstanden werden. Nicht nur aus seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen, welche unter dem Titel „Das Öffnen und Schließen des Mundes“ erschienen sind, geht hervor, dass es ihm um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Sprache ging. In seinen Gedichten kommen immer wieder andauernde Wiederholungen von einzelnen Wörtern vor, während dieser Wiederholungen verschwinden die Wörter und werden zu einzelnen Silben oder Lauten. Aus dieser lyrischen Form spricht ein Verschleiß der Sprache, eine Unfähigkeit zu sprechen, was in Jandls Gedichten mitunter schmerzhaft und brutal zum Ausdruck kommt. Ein Verschleiß, ein Scheitern der Sprache ist auch in dem Gedicht mit dem Titel „Deutsches Gedicht“ implizit Gegenstand. Jandl thematisiert darin nicht nur die Nichtbegreifbarkeit der Shoa und der Vernichtung, sondern auch seine eigene Schuld. Das Gedicht spricht zudem davon, dass auch die Sprache nicht unbeschadet aus dem Grauen hervergegangen ist. Das Gedicht wurde von Ernst Jandl selbst eingesprochen und es ist 1988 auf der LP „vom vom zum zum“ erschienen. Begleitet wird Jandl von der Sängerin Lauren Newton, Uli Scherer am Klavier und von Wolfgang Pusching an diversen Holzblasinstrumenten.

Auf ubu.com stehen die Alben „bist eulen“ (1984) und „vom vom zum zum“ (1988) zur Verfügung.

  1. Wenn ich hdgdl nicht sagen kann, wozu brauche ich noch die Abkürzung dieser ohnehin schon standardisierten Formel? Die Rede von Soli (-gruppe, -konzert, -beitrag, -spende usw.) erweckt in mir den Eindruck, dass in der routinierten Polit-Macherei überhaupt kaum noch eine Idee davon vorhanden ist, was Solidarität denn meint. [zurück]
  2. Besonders ärgerlich finde ich eine Auseinandersetzung mit Jandl, die ihn geradezu als Sprach-Clown missversteht. [zurück]

Häuserkampf

Ich habe gerade geträumt, dass in Erfurt ein neues Haus besetzt werden sollte. Das Vorhaben war noch geheim, nur ein kleiner Kreis wusste Bescheid, aber ich war eingeweiht. Es gab in Erfurt einen riesigen, heruntergekommenen Wohnkomplex. Es war eine Reihe von Hochhäusern, die aber nicht gerade waren, sondern geradezu ineinander verschachtelt, wie als wäre etwas ineinander verwachsen. So waren unter Anderem Flachdächer, als auch Spitzdächer vorhanden. Dieser Wohnkomplex war von unmenschlicher Riesigkeit – Menschen waren hier Material, das untergebracht werden musste. Als man mir erzählte, dass dieser Block, der mich geradezu an Hak Nam City erinnerte, besetzt werden sollte, war ich zunächst ungläubig. Bei einem Rundgang, der auf dem Netzwerk von Dächern begann, erklärte man mir das Konzept. Einige Dächer waren so undicht, dass man von hier aus Wohnungen betreten konnte, von denen zahlreiche leerstanden. Der Plan war, dass man erst in einige dieser Wohnungen einsteigen würde, um sich dann mit den übrigen Bewohner_innen des Komplexes zu vernetzen – es war alles so vorgesehen, dass die Hausverwaltung nichts bemerken sollte. Sofort begannen die anderen Personen mit der Arbeit. Ich war zunächst widerwillig an dem Vorhaben teilzunehmen, ich hatte trotz der außergewöhnlichen Situation ein wenig Angst vor einem üblichen, in der Szene befangenen Projekt. Doch die Lust an einem Abenteuer siegte und so begann auch ich mit den nötigen Vorbereitungsmaßnahmen. Diese waren zum Teil sehr seltsame Tätigkeiten – so nagelte ich auf einem Dach Lumpen an den Rand eines riesigen Loches, unter dem sich eine große Halle befand. Während ich mich mit dieser Tätigkeit beschäftigte, äußerte ich gegenüber den Anderen immer wieder, dass ich Angst hätte durch das Loch zu fallen, was einen ziemlich tiefen Sturz bedeutet hätte. Diese Angst wurde jedoch von den anderen anwesenden Personen nicht ernst genommen, geradezu unwirsch abgetan. Und dann geschah es – ich verlor das Gleichgewicht und konnte mich nur noch im letzten Moment an einem der Lumpen festhalten, die ich soeben befestigt hatte. In dieser Haltung war ich absolut verkrampft und hatte die Augen geschlossen – jede Bewegung, jedes Blinzeln mit den Lidern hätte den Fall bedeuten können. Ich rief verzweifelt um Hilfe, bis jemand kam und mich stützte. Als ich mich wieder in einer sicheren Situation befand und mich traute die Augen wieder zu öffnen, sah ich, dass ich nicht wirklich tief gefallen wäre – ich kam mir tollpatschig und unbeholfen vor.

In einer anderen Situation saß ich mit meinem Bruder auf einem Dach, das ein wenig von dem zukünftigen besetzten Haus entfernt war. Von hier aus konnten wir alles gut überblicken – ein gutes Gefühl. Wir saßen still und beobachteten das Geschehen, bis die Dämmerung einbrach. Im letzten Licht sahen wir dann schließlich Polizei aufziehen – es kamen riesige LKW’s angefahren, in deren halb geöffneten Laderäumen sich unzählige Six-Packs befanden. Das Blaulicht versetzte alles in eine unheimliche Atmosphäre. Uns wurde bewusst: Die Besetzung war aufgeflogen. Ich bekam eine riesige Wut und sagte meinem Bruder, dass wir irgendetwas krasses machen müssen – irgendetwas in die Luft sprengen. Mein Bruder wusste besser Bescheid und gab mir zu verstehen, dass wir bis zur vollständigen Dunkelheit warten müssten. Also blieben wir vorerst in unserem Versteck und beobachteten das Geschehen aus sicherer Entfernung. Mit Erstaunen stellten wir nun fest, dass sich andere Leute auf diese Situation vorbereitet hatten: Mit an Wänden befestigten Geschoss-Anlagen wurden Feuerbälle auf die Six-Packs gefeuert. Von hier oben sahen wir nur die Feuerbälle durch die Nacht fliegen. Zahlreiche Autos gingen in Flammen auf.

In der nächsten Einstellung stand ich mit ein paar anderen Leuten am Eingang des Gebäudekomplexes. Hier stellte sich heraus, dass doch gar nicht so viel Polizei anwesend war – es standen ein paar Streifenpolizisten und leere Polizeiautos herum. Dies gab mir Grund zu voreiligen Handlungen – irgendetwas musste ich tun. Ich ging zu einem Polizisten, der in zivil war, aber eine wichtige Funktion einzunehmen schien und schlug ihm mit meiner Flachen Hand in sein fleischiges Gesicht. Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet: Die Polizisten waren in der Überzahl und hatten mich recht schnell eingekreist. Nur knapp konnte ich entkommen. Nun begann die Flucht. Ich erinnere mich an flüchtige, verschwommene Bilder. Alles rauschte an mir vorbei, ich musste rennen was es koste. Ich kam an Bahnanlagen, Industriebrachen und Geröllhalden vorbei, überall eine triste Mondlandschaft. Ich habe mich zwischenzeitlich in Hauseingängen und Ruinen versteckt, ich erinnere mich auch an eine kurze Zugfahrt, aber immer wieder spürten mich meine Verfolger auf.

Ich kam an einen großräumigen Platz – inzwischen in einer anderen Stadt, alles wirkte wie in dem Luc-Besson-Film „Le Dernier Combat“. Immer noch im Laufen begegnete ich einer seltsamen Figur, die mit Lumpen und Lappen eingewickelt war, aber dennoch sportlich wirkte und einen schwarzen Morgenstern in der Hand hielt. Panisch erklärte ich dieser Figur, dass ich seine Waffe bräuchte, warf ihm einen Geldschein vor die Füße und nahm ihm den Knüppel weg, den er mir nur widerwillig überließ. Genau in diesem Moment holten mich die Polizisten ein, die mich immer noch verfolgten. Rasend ging ich auf sie zu und streckte sie mit meiner neuen Waffe nieder. Doch ich wusste, dass mir dies nur einen kurzen Aufschub gewähren würde – man hatte spezielle Suchtrupps nach mir ausgesandt. Ich nutzte die Zeit um die Gebäude der Stadt zu erkunden – überall leerstehende Hallen, riesige, verfallene Gebäude. Ich betrat ein verfallenes Haus, in dem sich keine Gegenstände befanden. Auf einmal wurde ich von hinten gegriffen – eine Figur, die dem Morgenstern-Besitzer ganz ähnlich war – kein Polizist – griff mich mit einem gebogenen Schwert an. Gleichzeitig kam aus einem anderen Gang eine weitere Gestalt, die mich mit einem Knüppel angriff. Der hinzugekommenen Gestalt konnte ich mich erwehren, doch sofort kam eine neue hinzu – und der Schwertträger in meinem Rücken. Als ich die dritte Gestalt niedergeschlagen hatte, drehte ich mich zu dem Schwertträger um und musste feststellen, dass ich keine Chance hatte. Also drehte ich mich um, um meine Fluchtmöglichkeiten zu überprüfen. Im nächsten Moment stellte ich fest, dass sich der Schwertträger mit seiner eigenen Waffe erlegt hatte. Ich atmete auf und wollte aus dem Gebäude heraustreten. Als ich im Freien stand, stellte ich fest, dass die Umgebung meinem Zimmer entsprach und ich wachte auf.

Edit: Zum Häuserkampf in Erfurt und seinen eigenen Geschichten im Besetzten Haus schreibt gerade aftershow: Vom Hausbesucher zum Hausbesetzer und zurück I | II | III | IV

Brimboria Kongress

Werde am Samstag dort anwesend sein:

Siehe auch das Interview mit Max vom Brimboria-Institut mit durchaus kritischen Fragen zum Konzept des Fake.

Extrablatt No 6

Soeben erschienen, wieder mit sehr lesenswerten Texten, u.a. Sonja Witte „Über die Kunst der Ware keine sein zu wollen“ und die Künstler Santiago Sierra und Donald Jodd.

Das wahre Leben trainieren

An Zynismus und Sinnlosigkeit nicht zu überbieten:

Training für Hartz-IV-Empfänger
Arbeitslose spielen Kaufmannsladen

Aufblasbarer Plastikkäse, kopiertes Spielgeld, gefärbtes Wasser in Weinflaschen: Das Jobcenter Hamburg finanziert einen kompletten Supermarkt. Hartz-IV-Empfänger sollen dort wieder arbeiten lernen. Die simulierte Einkaufstour kostet Millionen – und hat bislang nur eine magere Erfolgsquote.

Hamburg – Eine Flasche Mirabellenbrand hält den Betrieb auf, die Scannerkasse erkennt sie nicht. Die Frau an der Kasse guckt fragend zu ihrem Ausbilder, dem Herrn Rothe. Die F7-Taste soll sie drücken, den Artikel eingeben, nochmal F7, dann den Preis, irgendwann die Taste F2. Und dann soll es weitergehen. „miraabellenbrand“ wird später auf dem Kassenbon stehen, verkauft für 49,90 Euro. Ein Tippfehler beim Namen, nicht so wichtig, Hauptsache, der Preis stimmt.

Die Flasche ist leer.

Der Kunde heißt heute Markus Repschinski. Der 28-Jährige hat die leere Mirabellenbrandflasche gekauft. In seinem Einkaufswagen liegen außerdem eine leere Flasche Ouzo für 29 Euro und volle Packungen Cornflakes, Reis, Toffifee, Pedigree sowie eine Dose weiße Bohnen. Insgesamt sind es Waren für 129,13 Euro. Repschinski wird noch mehrere dieser Wagen zusammenpacken, wahllos, mal ist Katzenfutter dabei, mal Hundefutter, manchmal beides.

Er wird jeden Wagen vorbeischieben an der Kühltheke mit den aufblasbaren Käselaiben aus Plastik, vorbei an den leeren Plastikschalen „Nordseekrabben Natur“, vorbei an den Weinflaschen mit gefärbtem Wasser. Auch vorbei an 6000 echten und gefüllten Kekspackungen, Konservendosen und Chipstüten, die hier in den Regalen liegen.

„Real Life Training“ steht auf seinem Rücken, deswegen ist er hier: Das wahre Leben trainieren, in einem Übungssupermarkt mit angeschlossenem Lager. Es ist die erste Maßnahme dieser Art deutschlandweit. Arbeitslose sollen lernen, wie es ist, im Lager zu arbeiten, an der Supermarktkasse, im Großhandel. Früh aufstehen, pünktlich erscheinen, die Mütze ab, die Hände sauber, Arbeitszeiten ordentlich dokumentiert auf einer Stempelkarte, das ist die Idee; jede Woche knapp 40 Stunden, für sechs bis neun Monate. Betreut von sechs Sozialpädagogen und fünf Übungsleitern. → weiter lesen

Passend zum Thema sei dabei auf das Interview mit den Neptunianer_innen King und Kodos von der „Außerplanetarischen Opposition“ hingewiesen, die im März nach Erfurt gekommen waren und nicht begreifen konnten, dass auf der Erde Häuser (Arbeitsämter) gebaut werden, die dafür erdacht sind sich vollkommen sinnlose Tätigkeiten für Menschen auszudenken, die eigentlich nicht notwendig arbeiten müssten:

(Siehe Artikel Infoladen Sabotnik)

Um eine Kritik der Arbeit wird es auch am 10. April bei einem einführenden Seminar zur wertkritischen Kapitalismuskritik in Weimar gehen:

SEMINAR
EINFÜHRUNG IN DIE WERTKRITISCHE KAPITALISMUSKRITIK

Das zunehmende Unbehagen im Kapitalismus ist leider noch kein Garant für eine angemessene Kritik und nicht jeder Widerstand ist per se emanzipatorisch zu nennen. Die Gefahr, Bestandteil des Problems zu werden, gegen das sich der Unmut richtet, ist groß genug, wie viele (ex-)linke Biographien beweisen. Um den Kapitalismus kritisieren zu können, muss er auch verstanden werden. Wir wollen Euch die grundlegenden Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft näher bringen, wie sie Marx im Kapital entwickelt hat. Entgegen einer traditionsmarxistischen Lesart stehen hier nicht Klassenkampf und Loblieder auf das Proletariat im Vordergrund, sondern die Kritik von Ware, Geld, Kapital und Warenfetischismus.

DATUM: 10. April 2010
BEGINN: 11:00 UHR
ORT: Weimar, Jakobsstraße 22 (Bureau der „Neuen Linken“)
EINTRITT: frei

Das Seminar findet leider parallel zu einer öffentlich angekündigten Hausbesetzung in Erfurt statt (wir vertrösten die Genoss_innen, auf dass die Theorie baldig die Massen ergreift). Diese Aktion wird im Rahmen einer Aktionswoche anlässlich der Jährung der Räumung des Besetzten Hauses in Erfurt ausgerichtet:

EIN JAHR RÄUMUNG – PROGRAMM: 10. – 17. APRIL