Du hast geträumt… #3

Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal fielen mir die Augen, wenn kaum die Kerze ausgelöscht war, so schnell zu, dass ich keine Zeit mehr hatte zu denken: ‚Jetzt schlafe ich ein.‘ Und eine halbe Stunde später wachte ich über den Gedanken auf, dass es nun Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in den Händen zu haben glaubte, und mein Licht ausblasen; im Schlafe hatte ich unaufhörlich über das Gelesene weiter nachgedacht, aber meine Überlegungen waren seltsame Wege gegangen; es kam mir so vor, als sei ich selbst, wovon das Buch handelte: eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Franz dem Ersten und Karl dem Fünften. Diese Vorstellung hielt zuweilen noch ein paar Sekunden nach meinem Erwachen an; meine Vernunft nahm kaum Anstoß an ihr, aber lag wie Schuppen auf meinen Augen und hinderte mich daran, Klarheit darüber zu gewinnen, dass das Licht nicht brannte. Dann wurde sie immer weniger greifbar, wie nach der Seelenwanderung die Gedanken einer früheren Existenz; der Gegenstand meiner Lektüre löste sich von mir ab, ich konnte mich damit beschäftigen oder nicht; gleichzeitig kehrte mein Sehvermögen zurück, und ich war erstaunt, rings um mich her eine Finsternis wahrzunehmen, die für meine Augen sanft und ausruhend war, mehr aber vielleicht sogar noch für meinen Geist, dem sie grundlos, unbegreiflich, wahrhaft ‚dunkel‘ erschien…

Danke, an Marcel Proust.

Ps: Ebenso wie Du träumtest, der Konflikt zwischen Franz dem Ersten und Karl dem Fünften zu sein, war es mir nach der entsprechenden Bettlektüre gestern, als sei ich der Streit zwischen Bert Brecht und Georg Lukács gewesen, in dem auch du zuweilen vorkommst…

Marcel Proust: „In Swanns Welt“, Suhrkampverlag, Frankfurt a.M. 1953

Werner Mittenzwei: „Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács“, Reclam, Leipzig 1975