Archiv für Januar 2010

Ich hab geträumt #18

Ich träumte, ich würde im Zimmer meiner Mutter eine sonderbare Bass-Klarinette finden. Wenn man sie in der Hand hielt reichte sie bis zum Boden, sie hatte zahlreiche Löcher und Knöpfe und das Mundstück sah aus wie der Ausgieß-Schnabel einer Schnapsflasche. Ich setzte an und sofort kamen wunder- und sonderbare Töne heraus – für mich spielte sich das Instrument wie von selbst, ich schien es tadellos zu beherrschen. Sofort gab ich an Ort und Stelle mit zwei Freunden, die ebenfalls im Besitz recht ausgefallener Instrumente waren, ein Konzert. Es klang ungefähr so:

Als der Auftritt beendet war ging ich zu meiner Mutter, fragte sie ob sie mir das Instrument überlassen würde und versprach im gleichen Zug Klarinetten-Unterricht zu nehmen. Meine Mutter war der Idee recht zugeneigt, meinte aber, dass das Instrument einer gründlichen Reinigung bedürfe. Und tatsächlich – ich blies probehalber noch einmal hinein – ließ sich das Instrument auf einmal ganz schwer spielen, als wäre es verstopft. Ich drehte die Klarinette um und entdeckte, dass ein Haar aus dem Trichter wuchs…

Du hast geträumt… #3

Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal fielen mir die Augen, wenn kaum die Kerze ausgelöscht war, so schnell zu, dass ich keine Zeit mehr hatte zu denken: ‚Jetzt schlafe ich ein.‘ Und eine halbe Stunde später wachte ich über den Gedanken auf, dass es nun Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in den Händen zu haben glaubte, und mein Licht ausblasen; im Schlafe hatte ich unaufhörlich über das Gelesene weiter nachgedacht, aber meine Überlegungen waren seltsame Wege gegangen; es kam mir so vor, als sei ich selbst, wovon das Buch handelte: eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Franz dem Ersten und Karl dem Fünften. Diese Vorstellung hielt zuweilen noch ein paar Sekunden nach meinem Erwachen an; meine Vernunft nahm kaum Anstoß an ihr, aber lag wie Schuppen auf meinen Augen und hinderte mich daran, Klarheit darüber zu gewinnen, dass das Licht nicht brannte. Dann wurde sie immer weniger greifbar, wie nach der Seelenwanderung die Gedanken einer früheren Existenz; der Gegenstand meiner Lektüre löste sich von mir ab, ich konnte mich damit beschäftigen oder nicht; gleichzeitig kehrte mein Sehvermögen zurück, und ich war erstaunt, rings um mich her eine Finsternis wahrzunehmen, die für meine Augen sanft und ausruhend war, mehr aber vielleicht sogar noch für meinen Geist, dem sie grundlos, unbegreiflich, wahrhaft ‚dunkel‘ erschien…

Danke, an Marcel Proust.

Ps: Ebenso wie Du träumtest, der Konflikt zwischen Franz dem Ersten und Karl dem Fünften zu sein, war es mir nach der entsprechenden Bettlektüre gestern, als sei ich der Streit zwischen Bert Brecht und Georg Lukács gewesen, in dem auch du zuweilen vorkommst…

Marcel Proust: „In Swanns Welt“, Suhrkampverlag, Frankfurt a.M. 1953

Werner Mittenzwei: „Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács“, Reclam, Leipzig 1975

Du hast geträumt… #2

Eine Hochzeit. Ich nähe das Hochzeitskleid. Es besteht aus weißem Rüschenstoff, unter Hüfte glockenförmig geschnitten, oberhalb eng anliegend, nur die Schultern aufgeplustert. Der Unterrock bestickt mit schwarzen Blumen. Dieses soll auch ich zu meiner Hochzeit tragen.
Die Festlichkeit wird unterbrochen. Etwas unsichtbares verfolgt uns (wie ein Gefühl). Wir flüchten in eine weiß-orange gefließte Kanalisation. Ich entdecke das Verschlussrad für für die Wasserzufuhr, drehe es auf und denke im gleichen Moment: mit solch einer Banalität lassen sich so viele Menschen töten. Ich drehe es wieder zu.
Ich liege mit einer Freundin in meinem Garten auf einer Holzbank. Es ist dunkel, nur der Himmel nicht. Wir beobachten die vorbeiziehenden Wolken. Ein grauer Fuchs kommt. Wir schlagen in einem Buch für Fuchsarten nach, welcher er angehört. Es stellt sich raus, es ist ein Hund. Er legt sich auf uns und schläft ein. Sein Atem klingt wie das Erdrosseln kleiner Kinder. Der Vater des Hundes kommt und befiehlt uns, sein Kind zu wecken. Sie laufen weg. Wir schauen in den Himmel. Eine Wolke explodiert und die watte-ähnlichen Fetzen fallen auf uns. Aus dem Himmel wachsen grüne Bäume.

Danke, an a.w.