Archiv für November 2009

Indeterminate Revolution

Hier hin zieht’s mich am Wochenende:

Zwei kleine Gedanken

1. Über den Grusel des absoluten Konsens

Würden alle Menschen auf der ganzen Welt sich absolut einig sein, würde also ein einziger Konsens herrschen, dann würde, so stelle ich es mir vor, ein einziger, unbeschreiblich heftiger und betäubender Ruck durch die ganze Welt gehen. Es würde wie in einem Traum sein, den ich oft bekomme, wenn ich Fieber habe: Mein Körper ist mit einem mal so groß, wie das größte was meine Vorstellungskraft erlaubt. Als Kind war dies die Sonne – hatte ich eben noch um einen klitzekleinen Kieselstein gewettet. Diese Größe ist so betäubend, dass ich jedesmal panisch und schweißgebadet aufwachte. Diese Größe walzt alles nieder, was einmal klein und filigran war. Wir sollten wissen, dass Konsens niemals zum Zwang werden darf.

2. Über Regenwetter

Wenn es draußen regnet, so wie heute, sammelt sich manchmal Wasser in den Zwischenräumen lockerer Gehwegplatten (meistens sind es Baumwurzeln, welche den Weg verformen und die einzelnen Platten voneinander lösen). Tritt man dann auf eine solche Platte wird das Wasser herausgedrückt und spritzt willkürlich in den Schuh. Ein Aergernis.

Gedanken zum Bildungsstreik

In Jena ist der Bildungsstreik nun an dem Punkt angekommen, an dem die Forderungen konkret werden sollen, was eigentlich bedeutet, dass der Protest sich in den Institutionen verliert und man sich von der Spontaneität und den Potentialen des Anfangs verabschiedet. Beginnt das Problem nicht schon an dem Punkt, wo man sich rechtfertigen und unbedingt integrierbare Gründe dafür vorweisen muss, dass man einen Hörsaal besetzt? Ich hingegen finde es schon ohne weiteres legitim einfach nur einen Raum zu haben, in dem man chillen kann, sich auch mal am Tag hinlegen kann ohne dass man sich schämen muss, einen Raum um gemütlich zu plaudern, nette Leute zu treffen und Musik zu hören. Dafür lohnt es sich auch weiterhin zu besetzen: Pflegt den Genuss und das Langschläfertum, die Schönheit und den Müßiggang! Universitäten zu Stätten der praktischen Genussforschung!

Autumn

Entsprechend der Jahreszeit habe ich mal meinen Header umgestaltet. Allerdings ist das neue Design noch nicht vollständig: Alle lieben Grafiker von Blogsport seien dazu aufgerufen, sich daran zu versuchen einen Schriftzug „Aergernis“ in passender Machart zu entwerfen, der zwischen dem Waldgewächs und dem Verzweifelten platziert werden soll. Einige Vorlagen gibt es untenstehend.

Shame on them

Der Zionismus erweist sich als rassistisches Projekt, künstlich soll der jüdische Charakter gewahrt werden, damit soll die heutige Kolonialkultur aufrechterhalten werden. [Hervorhebung ae!]

Wir sind keine Antisemiten

Zu den Ereignissen in Hamburg:
Reaktionen auf die Verhinderung des Films „Warum Israel“ (Kritikmaximierung)

Vom Bildungsstreik zum Generalstreik…

…lautete die Aufschrift eines Transparents, welches auf der heutigen Bildungsstreik-Demo in Jena zu sehen war. Solche Parolen lassen zumindest darauf hoffen, dass die vorsichtigen bis hilflosen Gesten dieser Tage irgendwie über das System Uni hinaus gehen. Das Aufbegehren der Student_innen müsste sich zuerst vor allem auch gegen die Studentenvertretung als Prinzip und die Polit-Spezialist_innen und Wortführer_innen aus den eigenen Reihen richten. Im Moment halten recht wenige Student_innen Hörsaal 4 und 5 der Uni Jena besetzt. In welche Richtung sich die Besetzung entwickelt bleibt abzuwarten…

Der Student steht im Kreuzfeuer öffentlicher Bewunderung und öffentlicher Kritik. Er verdient jede Verachtung. Allerdings wird er häufig aus Gründen verachtet, die in dem falschen Bewusstsein der herrschenden Ideologien verankert sind. Erst die revolutionäre Kritik trifft seine Verachtung wirklich.

S.I.: Über das Elend im Studentenmilieu

Links zu den Bildungsstreiks:

Bundesweiter Bildungsstreik | Jena Brennt (Blog zur Uni-Besetzung) | Studentenproteste erreicht Thüringen (MZ) | Bundesweiter Bildungsstreik: Polizei benutzt Pfefferspray (taz) | Der Staat forscht mit (Magnus Klaue zum Bildungsstreik)

Jodel Prog

Danke an Kalle für den Tip. Grüße an Luxemburger Anarchist (In defense of prog rock 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7) und Entdinglichung (Musik zum Sonntag).

Sternstunden des studentischen Elends

Gestern fand in der Uni Jena, wie ich schon berichtet hatte, eine studentische Vollversammlung zur Diskussion über die weitere Förderung der Zeitschrift Unique durch den Stura statt. Nach 3 1/2 Stunden Diskussion kam es zu folgendem Ergebnis: Wenn bis zum nächsten Dienstag ausreichend Unterschriften gesammelt werden können, wird es eine Urabstimmung zu dieser Frage geben. Während der Vollversammlung wurde lediglich ein richtungsweisendes Meinungsbild erstellt, bei dem 297 Student_innen gegen und 274 Student_innen für eine weitere Förderung stimmten. Während der Diskussion empfand ich drei Punkte als besonders kennzeichnend für die ganze Debatte:

1. Als ein Jenaer Neonazi im Hörsaal erkannt und hinausbefördert wurde, wurde von mehreren Stimmen laut, dass es sich dabei um einen schrecklich intoleranten Akt gehandelt habe. Dass niemand mit den Nazis diskutieren würde, wäre ein erheblicher Grund für ihren Erfolg. Sie würden sich dadurch bestärkt fühlen, da sie den Eindruck bekommen könnten, dass niemand ihren Argumenten entgegnen könne. Überhaupt gelte doch Meinungsfreiheit – am Ende wurde in der Diskussion die Herausbeförderung zu nichts anderem als einer Menschenrechtsverletzung. Für die nächste Vollversammlung werde ich eine Beobachtung durch Amnesty International anfordern.

2. Sobald in der Diskussion in einem Hörsaal mit über 500 Student_innen Antisemitismus als etwas angeführt wird, das sich nicht nur im direkten Hass gegen Juden äußert, kommt es bei einem großen Teil der Anwesenden zu Buh-Rufen. Die Erinnerung daran, dass dieses Thema in Deutschland eine besondere Brisanz hat, wird unter anderem mit „Halt dein Maul!“ kommentiert.

3. Der größte Teil der Gegner_innen von Unique ist nicht in der Lage eine Zeitschrift und ihren Chefredakteur zu kritisieren, ohne auf dessen zeitweiligen Kontakt mit einem Neonazi zu verweisen. Auf die Idee, dass man Texten und Äußerungen mit Argumenten entgegnen kann, ohne auf private Kontakte zu verweisen (die meines Erachtens niemanden etwas angehen, egal um wen es sich handelt), kommt in diesen Tagen kaum jemand. Nach der Auffassung mancher aufrechten studentischen Linken, hat ein Chefredakteur einer studentischen Zeitschrift überhaupt kein Recht auf ein Privatleben. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich die Lust am Schnüffeln um so mehr steigert, wie die Linke eine Ahnung ihrer eigenen Argument- und Bedeutungslosigkeit bekommt. Meines Erachtens gäbe es wirklich wichtigere Dinge zu tun, als Email-Accounts zu hacken. Eine Diskussion, die sich an solchen Skandalen entfacht, wird kaum über moralisches Gezeter hinauskommen.

Aber – das wurde gestern immer wieder gesagt – das wichtigste ist doch der Diskurs!

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Edit: Die oben angegebenen Zahlen der Abstimmung stimmen nicht ganz, nach dem Stura haben 51% (283 Stimmen) für eine Mittelkürzung und 49% (275 Stimmen) dagegen gestimmt. Aber wat solls: „Nichtsdestotrotz wurde eine sehr konstruktive Debatte geführt (…).“ (Harrg). Via

Rasend

Zum Schreien könnte man stets auf einen Bahnsteig gehen: Wenn ein Güterzug vorbeikommt, ist das Getöse so laut, dass niemand die lauthalse Tobsucht bemerkt.

Worum es Unique geht

Obiges Bild schmückt einen Artikel der aktuellen Ausgabe der Unique, in der Chefredakteur Fabik über „die Antideutschen“ zetert. Man braucht nur die Aufschrift des Transparentes zu lesen, welche „die Antideutschen“ bloßstellen soll, um zu wissen worum es dem Interkulturalismus der Unique geht: Deutsche und Muslime sind eine bedrohte Rasse, pardon Kultur, die man schützen muss.

Links zur aktuellen Debatte um die Unique:
Stura kritisiert Unique (Jenapolis) | Interkulturelle Gruppen kritisieren Umgang mit Unique (Jenapolis) | UNIQUE Jena wehrt sich gegen Kritik wegen strittiger Artikel (Artikel Jenapolis) | Antrag auf Vollversammlung zur Mittelkürzung der Unique (Stura Uni Jena) | Aufruf zur selbigen Vollversammlung (Stura Jena) | Nico packt aus | Fabik packt aus

Unique Peng

Ich hatte mich schon Anfang des Jahres zu den Debatten um die Jenaer Studenten-Zeitschrift Unique geäußert. Schon damals hatte ich die Vermutung angestellt, dass der Skandal nicht die Inhalte von Unique sind, die einem schon seit längerer Zeit unangenehm hätten aufstoßen müssen. Auslöser des Gezeters war ein Interview des Chef-Redakteurs mit einem Jenaer Neonazi. Dem Interview folgte keine Kritik am Gesagten, die wohl bedeutet hätte eigene linksradikale bis linksliberale Gewissheiten anzukratzen, sondern der keiner weiteren Worte mehr bedürftige Fingerzeig: Nazi!!! Und weil man eigene Positionen aus Nazis Mund gelesen hatte schrie man noch hinterher: Demagogen!!!

Die Debatte um Unique ist seit einigen Tagen wieder voll im Gange. Auslöser der erneuten Entrüstung ist eine Homepage, auf der ein Teil des Emailverkehrs des Jenaer Neonazis Nico Schneider öffentlich gemacht wird. Der Hack des Postfachs offenbarte das, was die Hüter der Moral von Anfang an gewusst hatten: Nico Schneider (der interviewte Nazi) hatte im Zeitraum des Skandal-Interviews persönlichen Emailkontakt zu Fabian Köhler, dem Chefredakteur der Unique. Natürlich bleibt nur eine Schlussfolgerung: Fabian Köhler selbst ist ein Neonazi.

Damit hat die Antifa der Zivilgesellschaft Jenas nun endlich den entscheidenden Grund geliefert, die Unique richtig scheiße zu finden. Wie es aussieht, könnte dies nun zur Folge haben, dass der Unique die Fördergelder gestrichen werden. Nicht, dass es schade um die Unique wäre, nur: Eine Kritik an dem was Fabian Köhler von sich gegeben hat geht im kleinstädtischen Gezeter völlig unter. Närrisch ist, wer glaubt dass eine Mehrheit für die Streichung der Mittel stimmen wird, weil sie ein Problem mit den unter den Stichworten Interkulturalismus und Antirassismus in der Unique verbreiteten Widerlichkeiten hat – Widerlichkeiten, bei denen es des Nazi-Beweises nicht bedarf, Widerlichkeiten die sich eines breiten Konsens‘ erfreuen.