Max Klebb & Friends

Am 3. Oktober feierte sich Deutschland in Hamburg als Kulturnation, und läutete damit das Superjubiläumsjahr 2009 ein. Die Feiern zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes (23. Mai) und zum 20. Jahrestag des ‘Mauerfalls’ (9. November) werden flankiert von den Bundestagswahlen am 27. September. Die Kritik der Nation braucht zwar keine feierlichen Anlässe, bekommt sie aber 2009 in Serie. Im Mai wird Deutschland als Friedensmacht, Kulturnation und Freiheitsweltmeister gefeiert. Und am 09. November die Auferstehung als einiges und freies Volk von Brüdern und Schwestern.

TOP Berlin und das UmsGanze!-Bündnis begegnen dieser nationalen Mobilisierung mit einer antinationalen Kampagne unter dem Motto “Staat. Nation. Kapital. Scheiße. Gegen die Herrschaft der falschen Freiheit!”. In einer Reihe von Veranstaltungen über das gesamte Jahr sollen Diskussionen, Podien, ein großes Konzert und andere Aktionen die herrschende Einheit und Freiheit als falsche Freiheit und falsche Einheit denunzieren.

In diesem Jahr wird die Inszenierung Deutschlands als Kulturnation historisch neu verortet: Im bald wieder errichteten Berliner Schloß wird das neue Humboldt-Forum Deutschland als kosmopolitische Nation und Hüterin der Weltkultur präsentieren. Ob in den Ausstellungshallen renommierter Kunsthochschulen oder in der Glotze: In den letzten Jahren hat sich eine neue Form der Nationalisierung in der Kultur durchgesetzt. Das Schlagwort “Kultur” als identitätsbildende, nationale Kraft ist dem “Weltmeister der Herzen” an eben dieses gewachsen. Darum beginnt T.O.P. Berlin den Angriff auf das Jubiläumsjahr mit zwei Veranstaltungen, die sich mit dem Stand der nationalen Kulturschau auseinandersetzen, mit Initiativen gegen sie und der Frage nach einer radikalen Kulturkritik der Gegenwart.

Am 19. Februar 2009 veranstaltet TOP Berlin eine Diskussionsveranstaltung zu den Grundlagen marxistischer Kulturkritik. In einer zweiten Veranstaltung am 23. April 2009 soll es konkreter um die Kritik der aktuellen deutschen Geschichtsmythologien innerhalb der Massenkultur gehen. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen findet ihr hier:

…Hölle Hölle Hölle – Kultur als Ideologie. Diskussionsveranstaltung mit Roger Behrens und Otto Karl Werckmeister
Donnerstag, 19. Februar 2009, 19:30 Uhr, Basso, Köpenicker Straße 187/188 (U-Bhf. Schlesisches Tor)

Die Kultur hat an Standing gewonnen. In ihr machen die Popper ebenso wie die identitätspolitischen und differenzphilosophischen Schöngeister Politik im schlechtesten Sinne: Sie administrieren die nationale Kulturlandschaft und ergänzen sie um einen kritischen Beigeschmack. Kultur als vermeintlich eigenständiger Kosmos wird unverstellt zur staatliche geförderten Kleinkunstbühne. Zurecht. Horkheimers und Adornos Begriff der Kulturindustrie gewinnt im Angesicht dieser Konjunktur neue politische Dringlichkeit. “Die Kritik der Kulturindustrie ist Gesellschaftskritik; Gesellschaftskritik ist Kritik der Produktionsverhältnisse.” (Roger Behrens)
Der Begriff der Kultur selbst bezeichnet die Verdinglichung der allgemeinen Produktionsverhältnisse zu Waren. Die Kunst ist ebenso ihr Teil wie die Sportschau, und es ist nur die Stellung der Einzelnen in Produktion und Konsumption, die darüber entscheidet, wo die kulturelle “Heimat” liegt. Die Hochkultur füttert sich aus der Massenkultur und es ist eben diese Massenkultur, die Adorno und Horkheimer in der 1940ern beschrieben, die heute zwischen Popkultur und Massenkunst neu bestimmt werden muss: Als Stand der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Kultur ist ein Name für das Problem, das sich Kapitalismus nennt.

Roger Behrens ist kritischer Theoretiker, lehrt unter anderem an den Universitäten Lüneburg und Hamburg, ist Mitherausgeber der testcard, Redakteur der Zeitschrift für Kritische Theorie und hat u.a. Bücher zur Kritischen Theorie und Popkultur wie “Verstummen. Über Adorno” (2004) und “Die Diktatur der Angepassten. Texte zur kritischen Theorie der Popkultur” (2003) veröffentlicht.

Otto Karl Werckmeister ist marxistischer Kunsthistoriker und lehrte und forschte unter anderem am Warburg Institute (London), der University of California (Los Angeles) und der Northwestern University (Evanston, III.). Er veröffentlicht seit den 1970ern zu Ästhetik, Kunst und Massenkunst, zuletzt “Der Medusa-Effekt. Politische Bildstrategien seit dem 11. September 2001″ (2005) und “Linke Ikonen. Benjamin und Eisenstein, Picasso und Kafka nach dem Fall des Kommunismus” (1999).

Keine Nation in meinem Namen – Vom Kampf gegen die nationale Repräsentation
23. April 2009, 19:30 Uhr, Basso, Köpenicker Straße 187/188 (U-Bhf. Schlesisches Tor)

Bereits seit dem letzten Jahr etablierte sich die Rede von der Kulturnation in Bundestagsdebatten, staatlichen Ausstellungseröffnungen und Feuilletons wieder als Schlagwort zur nationalen Identitätsbildung Deutschlands. Die scheinbare Ersetzung von politischer Gewalt durch kulturelle Repräsentation hatte in Deutschland stets Konjunktur. Derzeit schlägt aus Massen- wie aus Hochkultur die gesamte und neu bestückte Palette deutscher kultureller Alleinstellungsmerkmale, sei es das Lernen aus Verfehlungen, das Exerzieren von Sekundärtugenden oder das Rückbesinnen auf Genien. In der Gegenwartskunst wurden und werden alle noch so abweisenden Bezüge auf Deutschland als produktive Kritik eingemeindet, in der öffentlichen Museumslandschaft geriert sich die deutsche Kultur als Exportschlager nach Außen und als Rückkehr des Preußentums und verspäteter Kolonialherrlichkeit nach Innen und in Funk und Fern werden deutsche Winter- und Sommermärchen ergänzt von schaurigen Wiederaufführungen wie die der Varusschlacht im Sommer 2009. Da das nationale Motto des Jubiläumsjahres die Feier der deutschen Geschichte als Weg zur Freiheit ist, soll die Veranstaltung deren nationale Gesinnung und politische Wege gegen sie diskutieren. Wie kollektiviert man sich in der Kultur gegen das nationale Kollektiv?

Alexandertechnik ist eine Berliner Gruppe, gegründet von Alice Creischer, Andreas Siekmann und Christian von Borries, bestehend aus KünstlerInnen, KritikerInnen und anderen KulturproduzentInnen, die sich zusammengefunden haben um Aktionen, Veranstaltungen und Produktionen gegen das im Schloß geplante Humboldt-Forum zu starten.

Max Klebb besteht zur antinationalen Kollektivierung im Produktionszweig Kunst. Die Gruppe hat ein erstes Treffen aus 150 ProduzentInnen und KritikerInnen einberufen, in dem neben einer gegenseitigen Vorstellung der Arbeiten eine erste Diskussion um die Möglichkeit gemeinsamer Organisierung gegen die nationale Kulturalisierung geführt werden soll.

Angefragt sind weiterhin AktivistInnen gegen das Varusschlacht-Spektakel im Sommer 2009.

via


1 Antwort auf “Max Klebb & Friends”


  1. 1 staat.nation.kapital.scheisse. « im*moment*vorbei Pingback am 09. Februar 2009 um 17:50 Uhr
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