Neutralität ist Scheiße

In Jena wird gerade heftig über Pressefreiheit und die Aufgaben der Medien diskutiert. Ausschlaggebend war ein Interview mit einem Neonazi, welches die Studentenzeitschrift Unique in ihrer letzten Ausgabe abgedruckt hatte. Nachdem die Linkspartei, die Jenaer Antifagruppe und der Referenten gegen Rechts öffentlich Stellung gegen die Publikation des Interviews bezogen haben, diskutiert nun ganz Jena darüber, ob man nun Nazis ein Interview geben oder ob man überhaupt mit Nazis reden darf. Inzwischen hat Unique das Interview und mehrere Stellungsnahmen von ihrer Homepage entfernt: „Wegen rechtlichen Vorwürfen gegen einige Stellungnahmen und Kommentare bleiben die fraglichen Inhalte bis zur vollständigen Überprüfung vorerst gesperrt.

Trotz des gerechtfertigten Protestes gegen Unique, eine Zeitschrift, die auch ohne das Nazi-Interview seltsam genug gewesen wäre, fehlen meines Erachtens in der Jenaer Diskussion wirklich überzeugende Argumente.

Zunächst wäre festzuhalten, dass oft innerhalb von Antifagruppen und Antifa-Recherche-Teams ein wesentlich genaueres Bild der Ideologie von Neonazis, ihren unterschiedlichen Strukturen und ihrem Wirkungskreis vorhanden ist, als in der sich antifaschistisch wähnenden Mitte, beispielsweise in Bürgerbündnissen oder Aktionsnetzwerken. Gegenseitige Beteuerung von Gewaltfreiheit, der Vorwurf an militante antifaschistische Aktionen, sich der gleichen Mittel wie Neonazis zu bedienen oder der positive Bezug auf den lokalen Standort als Begründung für Protest gegen Nazi-Aufmärsche sprechen dafür, dass Neonazis oft nur als negativer Bezugspunkt, als das „ganz Andere“ zur Vergewisserung der eigenen bürgerlichen Identität dienen, eine tiefgehende und differenzierte Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Problem des Nazismus hingegen aber oft ausbleibt. Dahingehend hat Unique meines Erachtens tatsächlich einen Schritt getan – nämlich Beweggründe und Motive von Neonazis darzustellen.

Zweifelsohne hat Unique dies in der verkehrten Form getan – ein Interview mit unkritischen Fragen zu führen und dies unkommentiert stehen zu lassen ist meines Erachtens nichts anderes als Hilfe zur Propaganda. Wenn aber die Reaktionen darauf nicht eine Kritik an Inhalt und Form des Interviews sind, sondern die Warnung vor der Tarnung der Nazis ist, bspw. dass sie sich ein „Biedermeier-Image“ zugelegt1 oder Kreide gefressen haben2, hinter der angeblichen Demagogie der Nazis, wieder nur das gewalttätige „ganz Andere“ steckt, dann spricht dies meines Erachtens für eine Angst davor, in den Positionen der Nazis eigene Motive wiederentdecken zu können – die Gefahr dafür ist mit dem Unique-Interview wesentlich erhöht. Öffentliche Kritik gab es in der aktuellen Diskussion nur an Unique, nicht aber an den Positionen, die der Neonazi in dem Interview bezogen hat.

Unique, im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik, reagiert nun mit einem alten Trick: Die Presse wäre ein neutrales Medium, Aufgabe der Meinungsbildung liegt doch bei den Leser_innen und sowieso gibt es doch die Pressefreiheit. Besonders ärgerlich an dieser postulierten Neutralität ist, dass keiner von den Kritiker_innen der Unique darauf eingeht. Kein Zeitungsartikel, kein Schulbuch, weder Mitte oder Mittelmaß sind irgendwie neutral – jede Äußerung findet doch aus einem gesellschaftlichen Zusammenhang heraus statt, unterschiedliche Vorraussetzungen, Privilegien, Standpunkte bestimmen Form und Wirkungsmacht davon. Von Ideologie oder Ideologiekritik will der Chefredakteur der Unique freilich nichts wissen. Für ihn bestehen gesellschaftliche Prozesse in einem Wettbewerb um die Wahrheit und gemäß der Idee des freien Marktes müssen die Wettbewerbsbedingungen für alle gleich sein, auch für Neonazis3. Einer Beschreibung der Realität, in der Information und Meinungsäußerung Warenförmigkeit angenommen haben, kommt er damit recht nahe.

Eine Reaktion auf diesen ganzen Tumult sollte meines Erachtens die Absage an jede Neutralität sein, eine parteiische Kritik, eine Formulierung des eigenen Interesses und eine angemessene, differenzierte Kritik am Nazismus, welche in einen gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt werden muss. Dabei können freilich auch Nazis interviewt werden – für die vielzitierte Studie der Friedrich Ebert Stiftung wurden schließlich auch Nazis befragt…

Habe passend zum Thema ein altes Lied der (inzwischen leider aufgelösten) Crustband !EXIST! aus Jena rausgekramt, welches sympathischer Weise „Neutralität ist scheiße“ heißt. Durch die Transformation von Tape zu Mp3 ist die Qualität leider etwas vermindert….



Links zur aktuellen Diskussion:

Jenaer Studentenzeitschrift verbreitet Nazipropaganda (jena.antifa.net) | Unique dementiert – und wie! (jena.antifa.net) | Jenaer Studentenzeitung „Unique“ als Plattform der NPD (Pressemitteilung die Linke) | Niemand sagt: “Hallo, ich bin Nazi” (Interview mit dem neuen Referenten gegen rechts Berengar Lehr) | Bloßstellen oder Propaganda – Wie Journalisten mit Nazis umgehen sollten (Ein Kommentar von Jonas Janssen) | Homepage von Unique | Umstrittene Ausgabe der Unique (PDF) | Jenaer Studentenzeitschrift interviewt Nazi (TLZ) | Unizeitung fällt auf biederen Nazi herein (Jusos Thüringen) | Wiglaf Droste – Mit Nazis reden? (Arranca #3)

EDIT: Hier könnt ihr den Mitschnitt der Podiumsdiskussion zum Umgang mit Nazis in den Medien hören (danke für den Hinweis, gaffer), die am 28.01. an der Uni in Jena stattfand. Ich hatte bis jetzt noch nicht die Zeit mir den Mitschnitt anzuhören, werde bei Gelegenheit eventuell noch eine Bemerkung dazu schreiben.

via

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Ps: Da mein Kommentar zum Artikel „Jenas Couchrevolutionäre – zum Phänomen der revolutionären Lethargie“ auf dem Unique-Blog nicht freigeschaltet wird, veröffentliche ich ihn zusätzlich an dieser Stelle:

Der richtige Ansatz dieser Überlegungen, dass sich vermeintlicher Widerstand in der Postmoderne in der Entscheidung für einen besseren Konsum und einem „symbolischen Aufbäumen gegen die unvermeidliche Bourgeoisierung seiner selbst“ erschöpft, verliert sich in einem schrecklichen Anti-Intellektualismus, der Sehnsucht nach konkreten Feinden (Burgeoisie) und nach einer unmittelbaren Praxis. Diese drei Faktoren halte ich nicht nur für Gründe dafür, dass in der Geschichte der Klassenkampf, den fabik gerne zurückhaben will, immer eine Modernisierungsbewegung gewesen ist, sondern auch dafür, dass auch manche Taten und Worte der deutsche Arbeiterbewegung und Teile der deutschen Linken strukturell antisemitisch sind.

Wer etwas an äußeren Umständen verändern möchte, der sollte auch ein Problem mit einem Chefredakteur haben, der das Wesen der Demokratie in einem postmodernen Wettbewerb um Wahrheit verteidigt. Und Neonazis helfen möchte an solch einem Wettbewerb teilzunehmen.

  1. Berengar Lehr im Interview mit Akrüzel: „Wenn man es da nicht schafft, denen irgendwelche Aussagen zu entlocken, die hinter ihr Biedermeier-Image blicken lassen, dann hat man keine Story.“ [zurück]
  2. jena.antifa.net: „Ob Lyrik oder Prosa, was auf zwei Seiten in der aktuellen UNIQUE-Ausgabe verbreitet wird, ist tatsächlich nichts anderes als reine Propaganda, eine Aneinanderreihung der üblichen Phrasen, mit denen Nazis, die Kreide gefressen haben, gewöhnlich ihr Programm und ihre Politik ‚erläutern‘ […]“ [zurück]
  3. Ich kann leider keinen direkten Nachweis seiner Aussagen bringen, da auch seine Stellungnahme derzeit wegen einer rechtlichen Überprüfung vom Unique-Blog entfernt wurde. [zurück]

5 Antworten auf “Neutralität ist Scheiße”


  1. 1 Administrator 30. Januar 2009 um 17:36 Uhr

    Am Mittwoch fand in der Uni in Jena eine Podiumsdiskussion zum Umgang der Presse mit Neonazis statt – falls jemand weiß ob es einen Mittschnitt davon gibt, please get in touch with me.

  2. 2 the gaffer 01. Februar 2009 um 11:56 Uhr

    Auf der Homepage des Campusradios findest du einen Mittschnitt der gesamten Veranstaltung.

  1. 1 Was sind einige kreative Ideen Partei für Erwachsene? | T-Shirts kaufen - T-Shirts selbst gestalten Pingback am 18. Februar 2009 um 8:10 Uhr
  2. 2 « ärgernis Pingback am 12. November 2009 um 1:02 Uhr
  3. 3 Meldungen vom 15.11.09 « flieg Vogel, flieg Pingback am 15. November 2009 um 17:18 Uhr
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